Freut euch nicht zu spät …

Der britische Abenteurer John Fairfax brachte meine Überzeugung einmal ganz trefflich auf den Punkt, er sagte: „Ich glaube das Leben ist wertlos, solange wir damit nicht machen können, was wir wollen oder meinen tun zu müssen.“

Janice / 2017 / in HeidelbergIch heiße Janice Jakait, bin 39 Jahre alt, lebe auf dem Heiligenberg in Heidelberg, bin Autorin, Abenteurerin, Umweltaktivistin, Referentin und freie Journalistin – aber auch eine Philosophin, sinnsuchende Närrin und ein weiblicher Faust, meinen andere¹.
Seit meiner Kindheit begleiteten mich vier Träume: Ich wollte Schriftstellerin werden, auf die Bühne, einen Bestseller schreiben und in einen eigenen Leuchtturm ziehen. Als ich den Kinderschuhen entwuchs, wuchsen mir aber auch diese Träume über den Kopf – sie schienen immer unerfüllbarer. Ich flog von der Schule, konnte so weder Astrophysik noch Archäologie studieren, und als Zirkusclown bekam ich einfach keine Stelle – also landete ich in der IT, erst angestellt, später selbstständig. Das Hamsterrad aus Unzufriedenheit, Existenzängsten, Verpflichtungen und Ausreden setzte sich in Gang. Ich lief von einem erhofften Ziel der Erfüllung zum nächsten, kam aber nirgends wirklich an. Ich lebte immer am Puls der Zeit, aber mich und meinen eigenen Puls spürte ich kaum noch – am Ende Erschöpfung, Angst, Sinnkrisen, Burnout und Depressionen. Ich hoffte lange noch, mein Hamsterrad würde zum Karussell werden, wenn ich nur noch schneller darin rennen würde. Vergeblich.

Zufriedenheit ist aber eben eine Frage der Einstellung, nicht der Umstände. Je mehr ich die Umstände zu ändern versuchte, je mehr Glück und Erfüllung ich durch äußere Dinge erreichen wollte, umso hungriger und unzufriedener wurde ich mit dem, was ich schon alles erreicht hatte. So unzufrieden, dass ich 2011 alles hinter mir abbrach und in Portugal allein in ein Ruderboot stieg, um auf die andere Seite des Atlantiks zu rudern. Ich wollte weg von allem. Aber man kann eben nicht weg von sich selbst …

Mein Ruderboot Bifröst in mittlerem Seegang / 2012Dieses Abenteuer war die bis dahin größte Unvernunft in meinem Leben, aber da draußen begann ich auch daran zu zweifeln, dass Vernunft allein glücklich machen kann. Nach drei Monaten und 6500 Kilometern in Begleitung von einer Sturmschwalbe und einem Minkwal, und mit etwa einer Million Ruderschlägen erreichte ich die Karibik. Diese Erfahrung öffnete mir eine Tür, durch die ich die Reise vom Kopf zurück ins Herz antrat, zurück zu meinem Kern, zu meinen wirklichen Bedürfnissen, zu meinen Gefühlen und damit auch zurück in die berührende Wirklichkeit, die niemals in engen Gedanken platz finden, die endlos nur im Kopf ihre Runden drehen.

Auf dieser zweiten Reise bin ich nun seit etwa fünf Jahren, hier, jetzt, und ich glaube, sie wird nie zu Ende sein, wo doch die Route zurück ins unermessliche Wunder des Seins führt. Und das Abenteuer, sich hier und jetzt selbst und der Wirklichkeit zu begegnen, ist ein weitaus größeres Abenteuer, als allein über das Meer zu rudern. Und es ruft jeden von uns – eingespannte Karrieremenschen ebenso, wie verantwortungsbewusste Mütter und Väter. Weglaufen ist einfacher, als stehenzubleiben und die Augen wirklich zu öffnen. Wir haben nur dieses eine Leben, und gelebt werden kann es nur in der Gegenwart, im Augenblick. Das zweite Leben beginnt, wenn man begreift, dass man nur eines hat, und das passiert jetzt!

Interview nach einem Vortrag auf der Buchmesse Frankfurt 2015Nach diesem Abenteuer begann mein zweites Leben. Und endlich hatte mal ein Ziel erreicht, über das es sich lohnte ein Buch bis zu Ende zu schreiben. Mein ganzes Leben geriet in den Fluss der Möglichkeiten – die richtigen Türen öffneten sich jetzt von selbst oft, wo ich endlich damit aufhörte, wie eine Verrückte mit meinem Dickschädel gegen verschlossene Türen zu rennen, die einfach nicht meine Türen waren. Tosende Stille wurde mein erster SPIEGEL-Bestseller. Auch erreichten mich immer häufiger Anfragen, ob ich nicht auch Lesungen oder kleinere Bühnenvorträge halten würde? Und natürlich wollte ich! Bald las ich vor hunderten Menschen aus meinen Büchern vor oder redete frei sogar vor Tausenden auf Veranstaltungsbühnen². Darüber hinaus erschienen hunderte Artikel und Interviews über meine Tour³ – drei meiner vier Lebensträume erfüllten sich im Lawinentempo, nur weil ich einmal aus Verzweiflung mutig war, anstatt nur auf die anderen und auf meine Vernunft zu hören.

Genau in dem Augenblick dann, als mich nach einem Abendvortrag in Fulda 2015 eine ältere Dame vor der Bühne erwartete, mich in den Arm nahm und sagte: „Frau Jakait, sie brauchen keinen Leuchtturm mehr, sie sind selber einer geworden!“ … in dem Augenblick verbanden sich alle vier Lebensträume mit der Wirklichkeit. Alles eine Frage der Perspektive. Und in diesem Moment begriff ich ganz besonders wieder, welches unermesslich große Privileg mir gewährt wird, Menschen mit meiner Arbeit berühren zu dürfen.

„Glück ist nur echt, wenn es geteilt wird.“, so lautete der letzte Satz, den der Aussteiger Chris McCandless in sein Buch kritzelte, als er einsam in der Wildnis Alaskas starb. Kaum ein anderer Satz hat mich so bewegt wie dieser. Ich bin glücklich, meine Erfahrungen und Erkenntnisse heute mit denen teilen zu dürfen, die daran Anteil nehmen möchten. Und das erfüllt mich zutiefst.

Janice Jakait / 2012 auf hoher See zwischen Europa und AmerikaDas zweite Leben beginnt, wenn man begreift, dass man nur eines hat – genau dieses zweite Leben lebe ich heute so gut es mir gelingt. Ich habe mich dafür entschieden, eine bewusste Wahl im Leben zu haben, anstatt weiter ein Opfer des Unbewussten zu sein. Alles was ich hier besitze, ist Zeit! Alles andere ist nur auf Lebenszeit geborgt. Wenn mir also etwas viel bedeuten soll, gebe ich diesen Dingen bewusste Zeit und Aufmerksamkeit – und wenn ich mir viel bedeuten will, lasse ich mir Zeit und habe Geduld mit mir selbst. Und so bin ich auch nachsichtiger mit mir, wo es doch eben ab und zu nicht gleich auf Anhieb gelingen will. Ich bin auch nur ein Mensch … aber das ist doch schon Wunder genug. Am Ende ist das eigene Leben nur die Summe selbst-bewusster Entscheidungen, trotz aller Ängste und Zweifel – es ist die Erfahrung des eigenen Mutes, und damit: die Erfahrung seiner wahren Größe. Was kümmern den Ozean die Wellen. ༄