Freut euch nicht zu spät …

Der britische Abenteurer John Fairfax brachte meine Überzeugung einmal ganz trefflich auf den Punkt, er sagte: „Ich glaube das Leben ist wertlos, solange wir damit nicht machen können, was wir wollen oder meinen tun zu müssen.“

letztes Foto / Janice Jakait Buchmesse 2017 / weitere Bilder unter -Medien-Ich heiße Janice Jakait, kam schon zu meiner eigenen Geburt 1977 zu spät, lebe auf dem Heiligenberg in Heidelberg und verdiene mir meine Zigaretten als Schriftstellerin, Referentin und freie Journalistin. Bei Auftritten oder Interviews werde ich aber durchaus häufiger auch als Philosophin, Mystikerin, Extremsportlerin, Atlantik-Ruderin, Walflüsterin, Stillesuchende oder sogar als weiblicher Faust angekündigt¹.

Seit meiner Kindheit begleiteten mich vier Träume: Ich wollte aus meiner kleinen Welt ausbrechen, indem ich Schriftstellerin werde, mich auf die Bühne stelle, Bestseller verfasse und in einen einsamen Leuchtturm ziehe, um eben in Ruhe schreiben und dabei die Sterne beobachten zu können. Doch flog ich von der Schule und konnte so weder Literatur, noch Astrophysik studieren. Da ich auch als Zirkusclown keine Anstellung fand, landete ich in der IT und gründete bald ein kleines Unternehmen. Das Hamsterrad aus Unzufriedenheit, Existenzängsten, Abhängigkeiten, Beziehungsproblemen und Ausreden setzte sich erwartungsgemäß auch bei mir in Gang. Ich stürzte von einem erhofften Ziel der Erfüllung zum nächsten, kam aber nirgends wirklich an. Ich lebte immer am Puls der Zeit, aber mich und meinen eigenen Puls spürte ich kaum noch – am Ende war da nur mehr Erschöpfung, Angst, Sinnkrisen und Depressionen. Ich hoffte lange noch, mein Hamsterrad würde zum Karussell werden, wenn ich nur noch schneller darin rennen würde. Vergeblich. Alles was blieb war eine unerträgliche Sehnsucht … wonach nur?

Mein Ruderboot Bifröst in mittlerem Seegang / 2012Ich war so orientierungslos, dass ich 2011 alles hinter mir abbrach und in Portugal in ein Ruderboot stieg, um ganz allein auf die andere Seite des Atlantiks zu rudern. Ich wollte weg von allem. Aber man kann eben nicht weg von sich selbst!

Diese Unternehmung war nun wirklich reichlich unvernünftig, aber da draußen begann ich mich auch wieder daran zu erinnern, dass Vernunft allein selten glücklich gemacht hatte im Leben. Nach drei Monaten und 6500 Kilometern, nun begleitet von einer Seeschwalbe und einem Wal, und mit etwa einer Million Ruderschlägen erreichte ich die Karibik. Diese Erfahrung öffnete mir eine Tür in ein anderes Leben, – die Reise vom Kopf zurück ins Herz begann! – zurück zu meinem Kern, zu meinen wirklichen Bedürfnissen, zu meinen Gefühlen.  

Interview nach einem Vortrag auf der Buchmesse Frankfurt 2015Nach diesem nächsten Knick in meinem Lebenslauf begann ein zweites, ein bewussteres Leben… mein eigenes Leben! Und nun hatte ich auch ein Ziel erreicht, über das es sich auch lohnte ein Buch zu schreiben. Je mehr ich bei mir selbst ankam, desto mehr Türen öffneten sich von selbst plötzlich. Tosende Stille wurde mein erster SPIEGEL-Bestseller, Freut euch nicht zu spät landete als zweites Buch auf dieser Liste. Bald las ich vor hunderten Menschen aus meinen Werken vor oder redete frei sogar vor Tausenden auf Veranstaltungsbühnen². Hunderte Artikel und Interviews erschienen über meine Rudertour, meine Bücher und meine Gedanken über die Welt, über uns Menschen und die Schöpfung.³ – Drei meiner vier Lebensträume erfüllten sich im Lawinentempo, nur weil ich wieder einmal aus Verzweiflung mutig war, anstatt nur auf die anderen und auf meine Vernunft zu hören.

Genau in dem Augenblick dann, als mich nach einem Abendvortrag in Fulda 2015 eine ältere Dame vor der Bühne erwartete, mich in den Arm nahm und sagte: „Frau Jakait, sie brauchen keinen Leuchtturm mehr, sie sind selber einer geworden!“ … in dem Augenblick erfüllten sich alle meine vier großen Lebensträume. Alles eine Frage der Perspektive! Und in diesem Moment begriff ich ganz besonders wieder, welches unermesslich große Privileg mir gewährt wird, Menschen berühren zu dürfen und wie stark ich an meinem Weg geworden bin. Ein Grund mehr, noch mutiger zu sein und mich in meinen Büchern und auf der Bühne noch weiter zu öffnen, und auch über meine innere Ozeanüberquerung vor dem Atlantik zu sprechen … als Junge geboren, als Frau gerudert, und heute einfach nur ICH. Nun verbindet sich alles ganz wunderbar, in mir, im Wir, im Jetzt, im Hier. [Link zur ganzen Geschichte]

„Glück ist nur echt, wenn es geteilt wird.“, so lautete der letzte Satz, den der Aussteiger Chris McCandless in sein Buch kritzelte, als er einsam in der Wildnis Alaskas starb. Kaum ein anderer Satz hat mich so bewegt wie dieser. Ich bin glücklich, meine Erfahrungen und Erkenntnisse heute mit denen teilen zu dürfen, die daran Anteil nehmen möchten, und damit zum Umfühlen und nicht nur zum Umdenken inspirieren zu können. Das erfüllt mich zutiefst.

Janice Jakait / 2012 auf hoher See zwischen Europa und AmerikaDas zweite Leben beginnt, wenn man begreift, dass man nur eines hat – genau dieses zweite Leben lebe ich heute so gut es mir gelingt. Ich habe mich dafür entschieden, eine bewusste Wahl im Leben zu haben. Alles was ich hier besitze, ist Zeit! Alles andere ist nur auf Lebenszeit geborgt oder gedacht. Wenn mir also etwas viel bedeuten soll, gebe ich mich diesen Dingen ganz bewusst und aufmerksam hin. Auch bin ich liebevoller und nachsichtiger mir und anderen Menschen gegenüber geworden und habe gelernt, mich und meine Gefühle von allen destruktiven Gedanken und ungesunden Menschen abzugrenzen.

Am Ende ist das eigene Leben nur die Summe selbst-bewusster Entscheidungen, trotz aller Ängste und Zweifel – es ist die Erfahrung des eigenen Mutes, und damit: die Erfahrung seiner wahren Größe. Ich bin größer geworden – viel mutiger, endlich mein eigenes Leben zu leben. Ich fühle wieder, vertraue, liebe und staune – bin wieder dankbar und demütig. Und ich spreche ganz offen über meinen langen Weg zurück in die Wirklichkeit und zurück in mein weites Herz. Und das ist alles! Ich lebe das Leben intensiv und surfe alle Fluten auf und ab. Denn, was kümmern den Ozean die Wellen. ༄