Stresstest

Es gibt nicht wirklich viele Menschen auf dieser Welt, die genügend Erfahrung besitzen um das gesamte geschnürte Paket meiner Projektvorbereitung objektiv überprüfen zu können – auch wenn einige das natürlich immer wieder gern von sich behaupteten. Dieses Unternehmen birgt Risiken, natürlich, und bei Nachlässigkeit auch schnell sehr große Risiken. Viele davon sind aber in einem so kleinen Ruderboot, bei derart ungewöhnlichen Belastungen nur schwer mit „ähnlichen“ Erfahrungswerten abzuschätzen, und es ist unter Umständen auch gefährlich partielle Quervergleiche aus gänzlich anderen Projekten zur Bewertung heranzuziehen. Und obgleich ich um meine Fähigkeiten weiß und seit Jahren dieses Projekt vorbereite, wäre es fahrlässig meine Arbeit nicht prüfen zu lassen. Die Schwierigkeit besteht immer darin, wirklich umfassend erfahrende Berater zu finden und nicht Gefahr zu laufen zu viele Spezialistenmeinungen einfach nur aufzuaddieren. Natürlich habe ich Experten die einzelne Installationen und Konstruktionen gegengeprüft, die mich getestet und gefordert haben, tausche mich intensiv mit Speziallisten für Schiffsbau, Leistungssportlern, Coaches, Medizinern aus … die Tatsache aber ist nunmal, keiner von Ihnen ist je über ein Ozean gerudert und kennt alle zu erwartenden Störgrößen. Zwei Monate noch, und so wäre es also an der Zeit einem Experten das Feld zu überlassen, der die gesamte Gleichung zerlegen, aber eben auch am Ende wieder zusammensetzen kann. Einem Experten, der wirklich weiß wie dieses Boot gebaut ist, seine Stärken, seine Schwächen kennt. Der weiß welcher Fuss mir am meisten schmerzen wird und welcher Stress mich nachts am Schlafen hindert. Der schwere Fallschirm-Sturmaker im Schlaf zusammensetzt, abschätzt wie viele Karbonruder im Schnitt brechen werden, und der die Einflüsse von Wind und Wasser auf ein 7,30m langes Ruderboot kennt.

Einer der ganz wenigen Experten, einer der wirklich erfahren genug ist um als Sicherheitskoordinator am Ende auch die Verantwortung dafür zu übernehmen, ist Tony Humphreys aus England, der wie kein anderer die exakten Anforderungen, Probleme und Risiken dieses hochspeziellen Projektes, in dieser kritischen Umgebung kennt. Und am Dienstag morgen war es soweit, und ich habe Tony vom Flughafen abgeholt und ans Boot gefahren. Der finale Stresstest stand an. Für das Boot und für das Equipment – die gesamte Planung, klar, aber vor allem eine Person saß auf dem Schleudersatz: ICH. Drei Tage lang.

Bekomme ich grünes Licht? Ist er am Ende auch bereit für bis zu 5 Monate die Verantwortung für die Sicherheit und das Krisenmanagement zu übernehmen?

Ich weiß das ich es schaffen werde, sehr gut vorbereitet bin und das beste Equipment und Boot dieser Welt dafür zur Verfügung habe. Ich weiß das ein großes Team im Rücken daran glaubt. Ich besitze in Unmengen weiße Zertifikate, weiße Lizenzen und weiß sogar die Seitenzahl und Einzelgewichte. Was ich aber auch weiß ist, dass dies nun drei Tage lang alles nichts zählt. Es spielt keine Rolle was ich zu wissen und vollbringen zu können meine, es zählt jetzt einzig mein Wille Platz zu nehmen, Rechenschaft ablegen und ich überlasse unbefangenen Augen das Boot.

Heute ist Samstag, und Tony ist wieder zurück in England… also?

Ja, es war anstrengend. Auf 120 Quadratmetern wurden meine Pläne und das Equipment ausgebreitet und jeder Quadratzentimeter hinterfragt. Es wurde lückenlos getestet, gelistet, knallhart gerechnet, wenig geschlafen … viel gelacht, aber auch gerechtfertigt und argumentiert. Und unter dem Strich blieb ein zerlegtes Boot und eine Wohnung, in der man kaum mehr einen Schritt wagen konnte ohne Gefahr zu laufen auf eine Schraube oder eine Rettungsveste zu treten. Es blieb aber auch eine abschliessende Bewertung und ein Knopf am Schleudersitz, den er nun drücken konnte, oder eben nicht.

Aber ich sitze hier und bloge, schaue mich an und finde zwar viele, viele blaue Flecke, doch all diese stammen von der Arbeit am Boot, nicht von einem besonders hohen Flug durch die Luft. Ich schaue auf den Boden, und finde keine Spuren mehr vom Vortag – das Equipment ist zurück in den wasserdichten Taschen. Nicht einfach nur entsorgt, sondern einsortiert und in Listen abgehakt. Wohl an, ich habe wohl bestanden.

Das Boot ist auch seiner Meinung nach wieder in sehr gutem Zustand, meine Installationen sind solide. Und auch wenn ich nicht überrascht bin -was wohl eher ein Grund zur Sorge wäre- so bin ich auch ein wenig stolz das gerade von ihm zu hören. Das Equipment ist nahezu! vollständig, wurde geprüft. Nun ja, aber das ist nur die halbe Wahrheit, und ich möchte natürlich auch ehrlich bleiben. Es gab auch am Ende den Vorschlag zur Nachbesserung in wenigen Punkten.

  • Das Startgewicht des Bootes. Es geht ganz sicher nicht unter und ich komme gut über den Atlantik, aber wir haben noch mal deutlich reduziert. Das war nicht einfach, nicht für mich jedenfalls.
  • Ich muss ein weiteres Satellitentelefon kaufen, und zwar jetzt gleich. Ich hoffte lange drauf noch eines irgendwo besorgen zu können, muss jetzt aber handeln und es kaufen. 1500€ für das neue Iridium und ca. 2000 Minuten Gesprächs und Onlinezeit sind zu erwarten – weitere 2000€. Naja … welch‘ andere Wahl habe ich auch.
  • Ansonsten bin ich nahezu komplett ausgerüstet (bis auf die Lebensmittel die frisch angeliefert werden), muss mich eher von Equipment trennen, als neues zu besorgen. Das Startgewicht ist nach wie vor ein Thema. Ich muss noch mehr auf meine Fähigkeiten vertrauen mich einfach mit schwierigen Situationen abzufinden, als darauf zu planen alles reparieren zu können. Nicht so einfach, auch wenn es sich so anhört. Man tendiert schnell dazu noch für Ersatzteile eigene Ersatzteile einzupacken. „Es könnte ja sein, dass … „. Nur habe ich weder die Zeit für große Reparaturen, noch ist es besonders effizient wo ich mich einfach damit abfinden könnte, und weiter rudere und mich arrangiere. Ich weiß ich komme auch weiter wo alle Batterien überflutet würden. Ohne Kartenplotter, ohne elektronischen Kompass, ohne festinstallierte Beleuchtung, ohne elektrischen Entsalzer – sogar ohne einen iPod 🙂

Das war es dann wohl nahezu mit der Planung. Jetzt wird gepackt und ich werde in den wenigen Wochen die noch verbleiben, das Unmögliche verbringen und das Equipment in die kleinen Luken stopfen. Alle Behörden sind informiert und zufrieden, die Startgenehmigung im Hafen wurde erteilt. Ja … schon komisch. Es bleibt der Tunnelblick, die Ungeduld, aber auch die innere Aufgewühltheit im Magen. Wohl an, Portugal, ich packe schon mal die Koffer. In 61 Tagen umspült Atlantikwasser den Kiel im Hafen, noch noch ein paar Tests vor Ort, dann bringen wir’s hinter uns. Die Trackingseite ist nun auch online. Also, wir sehen uns dann in der Karibik wieder, Tony!

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