Genug gerudert!

Wieder erst in den Morgenstunden ins Bett gefallen. Nicht erschöpft – fast täglich nur zwei Stunden Schlaf pro Nacht, da ist keine Schwere, keine Müdigkeit. Da ist Bewegung, Begegnung, Bewusstsein, da ist Leben und Fluss.

Gefühle im Bauch, im Herzen, die mich ins Feinstoffliche überführen. Als wäre ich nichts als Energie, die da pulsiert – ein Feld das bebt – Elektrizität die schwingt. Unbeschreiblich. Und dann kommt der Verstand, will diese Energie aus dem Augenblick umleiten – in irgendetwas, ins Irgendwo, ins Dann, ins Dort, ins Ich, das so beschränkt sein soll, wie ich „will“, obgleich ich längst viel mehr bin.

Und ich lächle, wie ich da wieder spüre, wie das Gefühl und die Energie damit eben doch nur zerstreut werden im Diffusen des Menschseins. Das dieses unermesslich reine Gefühl einfach nur ist, wie es ist, wenn es einfach nur so sein darf. Dann ist da kein Begehren – nur pures Sein. Nichts das eskaliert oder umgeleitet, das verortet oder verkörpert oder verstanden werden muss. Stille und Friede im ganzen Wesen, im Innen, im Außen.

Ich habe begriffen. Damit kommt das Loslassen. Nein – eben nicht. Es gibt kein Loslassen. Hier ist nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen. Es wartet nur das Hineinfallenlassen in diese Tiefe, in diesen Sog – und dann gibt es eine Gegenkraft, die uns herauszieht und etwas damit anstellen will, die etwas erschaffen möchte, das in die Höhe wachsen, so hoch wie tief sein soll. So sollte es sein, ab und zu, im Wechsel, in Balance.

Alles um mich herum gerät plötzlich tiefer und tiefer und ich werde größer und größer, nein: voller und voller. Unfassbar schön, rein, reich, echt, SANFT! Ich sitze vor Kleeblättern, dreiblättrig, und allein das lässt mich sprachlos auf der Wiese zurück. Die innere Einsamkeit verschwindet. Ich fülle mich auf, mit dem, was ich jenseits des Kopfes bin, der allein und nur einsam Kopf sein will. Ganz eins in Gedanken nur. Und erst darin bin ich plötzlich frei für Nähe und Veränderung in der Teilung. Nur wer den Willen zur Veränderung loslässt, kann die Veränderung sein. Einsamkeit rudert an mir vorbei, im Strom der Menschen, im Gegenstrom des Lebens – getrieben von Angst und Perspektivlosigkeit, gelockt von einem vermeintlichen Ufer und Ziel. Immer und immer wieder. Als wären sie einsam in der Suche nach einem Inselparadies zum Anlegen, aber erstmal jedenfalls nicht allein, im großen Meer voller hungriger Haie ihresgleichen. Die da zappeln, sich reiben, beißen – anstatt sich zu umarmen und zu vereinen, in dem, das nichts als stetiger Fluss und Transformation ist, in dem nur Gedanken an Persistenz, an einem Ziel, einem Ding, an wertosen Konzepten, Namen – an erdachten Illusionen also – verhaften können. „Das Leben“, „Der Tod“, „Das Glück“, „Die Freiheit“. „Wert“. Auf gehts! Jagen wir das oder fliehen wir vor dem, was wir uns selbst zur Begierde oder Angst schnitzen und uns vor die eigene Nase hängen .. anstatt einfach ganz zu sein, in dem, das eigentlich nicht sein kann!

Und dann, herrje, stehe ich plötzlich vor einem Menschen, dann zwei, bald drei. Schaue ihnen in die Augen, und erblicke überall das Gleiche. Ich kümmere mich nicht mehr um ihr „Aus(en)sehen“ , nicht um das, was sie sagen, worüber sie urteilen und was sie ver-urteilen. Ich sehe nur, bin still. Und dann … dann ist nichts tiefer in diesem Universum, als der Blick in die Augen eines anderen Menschen. Ein Blick in die bodenlose Tiefe des Ganzen, aus dem heraus wir leuchten und nach dem Licht trachten. Darin sind wir alle gleich: Du, Ich, die Welt. Pures Sein.

Und diese Tiefe verschwindet, wo der Verstand mit hineintauchen will, der doch nur selbst aus ihr erwächst. Der hinab will, um die Tiefe als Untiefe zu ergründen, wo der Mund sich öffnet, um sie zu beschreiben, um dieses Gefühl des Eins-Seins zu spalten, um in die Tiefe hineinzuwachsen, anstatt aus ihr heraus. Das ist gut, aber es sollte ein harmonischer Zug und Sog sein, mal hinein, mal hinaus in die Tiefe. Einatmen – ausatmen.

Es gibt den großen spirituellen Weg und den kleinen. Der große schlängelt sich im Kopf durch ein Labyrint aus Gedanken, soll uns zu seinem vermeintlich „Göttlichen“ führen, in ein Konzept der Freiheit, das uns wieder nur in der Untiefe der Gedanken einsperrt – uns in eine Untiefe führt, in der wir nur ertrinken – in eine Stille, die uns nur einsam macht – in eine Ewigkeit und Endlosigkeit, in der wir uns doch nur verlieren. Hinein in Gedanken, die nur weitere Gedanken über Stille, Glück und Frieden erstreben. Tosende Stille, im Kopf. Der kleine unbequeme Weg führt ins Menschsein, in die Höhe unserer Luftschlösser, die wir da versuchen zu bauen und die oft auch zusammenbrechen und hinab in die Tiefe stürzen – dieser Weg führt hinein ins kleine Ich, in Emotionen, Konflikte und derweil ins große Begehren, doch lieber nur den anderen, den großen Weg zu gehen: Hinaus in das große Selbst. Hin zur Erlösung, zu Gott, zum Ende. Wohin auch immer. Nur weg hier.

Am Ende ist das alles ein Weg: Ein Mittlerer Weg, der, der uns in Harmonie dorthin führt, wo Aufbruch und Ziel zusammenfließen. Er führt uns an Kopf und Kontrolle vorbei – nicht wir führen ihn. Eigentlich ist er Kreis, der nur als Umweg ist, im Gehen entsteht. Das „Ziel“ ist in allen Umwegen das Gleiche, die „Quelle“, in Naturwissenschaft, Religion, Esotherik, Spiritualität: Zurück ins reine Sein, Erlösung und Heilung erfahren, entdecken der Unvergänglichkeit – all das nur Probleme, die erst im Umweg durch die Abspaltung entstehen. Egal welchen Weg wir da auch zu gehen meinen. Wir finden nicht, solange wir suchen. Wie und Wo auch immer. Wir sind nicht, solange wir nur wieder sein wollen. Am Ende, eine Kraft …. sie erschafft jedes Konzept – um es dann zu verstehen, kreiert jeden Konflikt – um ihn zu lösen, Angst – um wegzulaufen. Begierde – um hinzulaufen. Und Diese Erkenntnis, erst ein Drama, dann Komödie, erst weinen, dann lachen. Ein Spiel, Maya, Lila, Hide & Seek. Und nicht mal das.

Wir alle haben ein Päckchen zu tragen, wir wollen darin im Menschsein von A nach B, aus dem großen Lebenskonflikt in die Erlösung. Ein Päckchen das wir in Konditionierung auch geerbt haben. Nehmen wir diese Prüfung an, erreichen in ganzer Hingabe doch das Ziel, schließt sich auch auf dem kleinen Weg der Kreis. Und da wir alle Konflikte vererbt bekommen, schließen wir damit auch den Kreis ganzer Generationen, womöglich der ganzen Welt. Als würden wir den Konflikt aller auf uns laden. Schon verrückt. Irgendwie. Aber ich spinne ja gern mal, ihr kennt mich ja.

Es gibt für den Menschen kein spirituelles Erwachen, keinen Himmel, kein Nirvana, wenn wir vor dem Menschsein flüchten. Wir sollen beide Wege annehmen, auch den emotionalen, den schweren – die Prüfung Mensch – die Aufarbeitung von Konflikten, Traumen, was auch immer. Es ist jetzt wie es ist, nicht bald! Und jetzt sind wir eben wie wir sind: Menschen. Jetzt ist das Erwachen, bald ist nur die Begierde. Wir sind nicht frei von Angst, wenn wir Angst davor haben, zu hinterfragen, ob wir nicht doch nur unfrei sein könnten. So eine Angstfreiheit ist nur ein weiteres Konzept des Kopfes. Ist spiritelle Verblendung, Erleuchtung im Keller und Illusion, genau wie das eigene Ego, das nur darin den Dampf seiner eigenen „Wahrheit“ und in Gedanken atmet. Der Große Weg ist der Weg des Wissens, dieser aber führt nicht in die Freiheit, er führt ins Nichts, in den Widerspruch, ins Wissen, das sich selbst verschlingen, aber doch nicht herunterschlucken kann. Im Besten Fall endet man kurz vorm Abgrund des Lebens auf einem Thron und belehrt die Menschen. Weisheit jedoch, ist durch Liebe transformiertes Wissen im Herz eines Schülers, das auf dem kleinen Weg ins Ganze mit ihm selbst führt. Ans Ziel kommt kein Schüler ohne Lehrer, kein Lehrer ohne Schüler. Wahrlich weise, im Ganzen mit sich selbst, ist nur ein strebsamer Meister des Wissens, der gleichsam ein demütiger Schüler der Liebe bleibt, solange er hier wandelt. Je mehr er wissen will, umso demütger müsste er werden. Bis er irgendwann nichts als Liebe ist und garnichts mehr für sich wissen muss.

Es ist genug. Tiefer kann ich nicht eintauchen, in die Un-Tiefe dieses Ozeans und die Tiefe nur von Gedanken. Ich habe mir das Wellenschlagen abgewöhnt, das war schwer, sehr schwer. Da sind keine Verwirbelungen mehr im Wasser, in den Gedanken, in den Wogen des Bewusstseins. Da ist klare Sicht. Ich sehe den Grund und Boden – den einzigen Grund und Sinn allen Seins der in uns selbst liegt …. und ich kann den Sinn nicht teilen, weil er in Dir und mir nicht mehr ein bedingungsloses, grundloses, zielloses, ungeteiltes Ganzes sein kann! Wir sind aller Sinn, hier, jetzt jedenfalls. Alles andere – verliert den Sinn in der Unteilbarkeit und ist schon im Nicht-sein so viel mehr, als ein Mensch je verstehen kann. Er kann es nur sein, wenn er es ist – Eins! Wir können so viel Wissen, auch über diese Welt und ihren Kern, aber nichts davon ist zu begreifen, zu sein, denn das Wissen ist tot, ohne ein Herz und Liebe, groß genug, um es (er)leben zu können. Weisheit ist das Er-leben, ist Begreifen, ist das Licht der Welt sein, Strahlen, ist Erleuchtung – und damit Verstehen ohne Glaube und Zweifel, das geteilt werden soll. Auf das keiner mehr in Dunkeltheit wandeln muss. In der Dunkelheit unter der Schädeldecke, wo eine Welt der Finsterniss in Gedanken erstrahlen will. Die Hölle des Gleichen, aber doch nicht des Eins-Sein, nur der Einsamkeit. So verschieden ihr Inhalt, doch sind es immer nur Gedanken, die in Kontrolle nach Transparenz streben, alles durchdringen, jeden Sinn zerstören, wo sie nichts finden als nur weitere Gedanken.

Mein Kampf ist Zuende. „Jakait“, das kommt von Jakob – das war der, der mit Gott rang und ihn als einziger berührte und bezwang, heißt es. Beileibe, das habe ich versucht, ein Irsinn. Jakob fand Demut. Siegte, als er die Waffen streckte und aufhörte, sich selbst zu verletzten. Nur eine Geschichte die ich daraus mache. Man warf mir immer Schwarz-Weiß-Denken vor. Das stimmte. Aber jetzt sehe ich, nein, ich begreife, dass diese Welt in der wir leben wollen, die Hölle des Gleichen ist, eine Welt der Illusionen, die wir aus dem Verstand heraus nicht erkennen wollen. Wir werfen das weg, was wir sind, um zu sein, was wir nie sein können. Weil wir lieber den Sinn suchen, als er zu sein. Nicht alle, aber viel zu viele die wie ich sind. Und ich war schockiert, als ich begriff, was ich hier gelebt habe, 37 Jahre lang … und dass ich es nicht früher begreifen konnte. Ich, die doch früher immer alles zu wissen meinte und doch nichts als Glaube und Zweifel kennen kann – und geworden ist!

„Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen“ (Nietzsche).

Ich war blind! Es ist Zeit zum Auftauchen! Ich bin dann mal weg … und ich sehe, ich bin nicht ganz allein auf dem Weg aus den konditionierten Untiefen heraus, hinauf in die Tiefen und Höhen des Seins, das einfach so ist, wie es ist. Genug gerudert, ich ziehe die Ruder ein, und lasse mich treiben. In einer Welt, in der ein zartes Karussell im Bauch genauso intensiv ist, wie eine himmelhohe Achterbahnfahrt im spirituellen oder erkenntnissorientierten Ausnahme“zustand“. Auch das ist Eins.