Die Reise vom Kopf ins Herz #Fragmente

Mut ...Mein größtes Abenteuer war es nach meine Ozeanquerung wieder hier im Leben und im Miteinander anzukommen, nicht mehr weglaufen müssen um frei und glücklich zu sein. Weglaufen ist einfacher als leben – kämpfen ist einfacher, als sich hinzugeben! Wir leben im Alltag oft, als wäre unsere Zeit auf diesem Planeten bloß eine Fingerübung, das Vorspiel, und das eigentliche, richtige Leben käme irgendwann später. So viele Möglichkeiten stehen uns offen, so vieles will erreicht werden, doch für Geduld und Hingabe bleibt nur noch selten Zeit. Unsere Gedanken kreisen so oft nur um die Vergangenheit und Zukunft, dass wir dabei völlig das Wunder und Privileg aus dem Auge verlieren, dass wir jetzt hier sind! Wir sind überall, aber nur noch selten dort, wo das Leben tatsächlich stattfindet: im Augenblick und in der Wirklichkeit.“

Wo es mir früher einfach nicht gelang, »anzukommen«, wollte ich vor mir selbst und vor meiner Verzweiflung davonlaufen, flüchtete um die halbe Welt, ruderte über meinen Ozean, hoffte, in der Ferne Frieden zu finden, doch ich begriff zunehmend, dass jede weitere Bemühung darum mich nur in weiteren Unfrieden stürzte. Das Problem waren meine alten Überzeugungen, und die hatte ich immer im Gepäck.

Erst in der totalen Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit offenbarte sich mir ein wirklich anderer Weg – ein Weg in ein anderes, ein zweites Leben mit neuen Überzeugungen. Ein Weg zurück zu mir selbst – heraus aus dem Kopf und zurück in die Wirklichkeit des Seins. Der Ozean öffnete mir die Tür in ein anderes, ein zweites Lebens.

Mut ...Ich hatte mich zu lange von anderen Menschen davon überzeugen lassen, wer ich sein sollte und was ich zu tun hatte, um Erfüllung zu finden. Ich lebte das Leben der anderen, die jedoch auch nicht ihr eigenes Leben lebten. Dabei hatte ich nur mein eigenes Leben. Und was für eines! Das zweite Leben beginnt, wenn man begreift, dass man nur eines hat. Wenn man den Mut findet, sich seiner eigenen Freiheit zu bedienen, und es wagt, dieses Leben endlich auch zu leben!

Inzwischen war ich seit Jahrzehnten unterwegs auf diesem zweiten Lebensweg zurück zu mir – auf dieser Reise vom Kopf zurück ins Herz. Und ich gehe den Weg zusammen mit wundervollen Menschen. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Weg uns nicht an ein Ziel führen wird, sondern dass er selbst das Ziel ist. Es ist der bewusste Weg in die unermessliche Tiefe der Schöpfung, zurück in die Wirklichkeit, die erlebt und erfahren werden will. Grenzen setzen uns nur unsere beschränkten Vorstellungen.

Das zweite Leben ist ein Leben der Selbstermächtigung, in dem man die Verantwortung für das eigene Denken und Handeln wieder übernimmt und zu seinen wahren Bedürfnissen und den Bedürfnissen anderer Menschen zurückfindet. Man erkennt, dass Zufriedenheit und Erfüllung eine Frage der Einstellung und nicht der Umstände ist.

Mut ...Fast vier Jahre dauerte die dritte Etappe, die ich damit zubrachte, die Erfahrungen vom Ozean in ein normales Leben zu transzendieren. Ein weitaus größeres Abenteuer als drei Monate Ozean, aber wer versteht das schon. Jahre der Einsamkeit, der Wanderung durch philosophische und spirituelle Strömungen und Religionen … für mich ganz persönlich eine Suche nach mir selbst und auch nach einem höheren Selbst – einem höheren „Sinn“ dieser Lebensreise, dieser Schöpfung. Vier Jahre, die auch ein spirituelles Hamsterrad waren – gefangen in der „Erleuchtungsfalle“, wie es manchmal heißt – gefangen in jahrenlangen Ringkämpfen mit den eigenen Gedanken und Wahrheiten. Tiefste Erkenntnisse und Erfahungen, mal mehr im Himmel, mal eher in der Hölle des Seins – und irgendwo dazwischen schlug einfach mein Herz mutig weiter.

Mein Reise hätte an dieser Stelle auch Enden können, ich hätte weggehen können, die Stille in der Einsamkeit der Ferne suchen – mein Rucksack war immer gepackt, es wäre die einfachste Lösung gewesen. Aber ich bin glücklich geblieben zu sein. Denn, wer nicht hier und jetzt still wird, der wird es nie und nirgends. Das Hier wartet nicht in der Ferne, das Jetzt nicht in der Zukunft – es ist immer jetzt, es ist immer hier. Die Wirklichkeit und Freiheit wartet im Augenblick.

Zudem bin ich heute davon überzeugt, dass ein Weg der nicht auch (zurück) ins Miteinander / zu anderen Menschen führt, auch kein Weg zu unserem wahren Selbst ist, sondern ein verwinkelter Irrweg bestenfalls, der nur noch tiefer in den Kopf und ins leere Ego führt. Auf dieser Etappe habe ich zahlreiche Gedankenfragmente notiert, ich glaube diese geben einen ganz guten Einblick in meine Gedankenwelt damals. Ein paar davon können hier nachgelesen werden.


 
Nach einer fast 40 Jahre langen Lebensreise in drei Etappen, die letztlich immer weiter vom Kopf zurück ins Herz führte, ist mein aktueller Weg die wohl wahrlich abenteuerlichste Reise vom Herzen ins Herz der anderen. Der Weg der Liebe und Vergebung – des Teilens & Anteilnehmens, des Vertrauens und der Berührung.

Mut ...Wenn unser Herz sich öffnet, findet uns der Sinn und die Leidenschaft, wie eine Hummel zur Blüte findet … wenn sich deren Blütenblätter nur erst einmal geöffnet haben und sie ihre strahlend schönen Farben der Welt offenbart. Das ganze Geheimnis, wie der Mensch erblüht und wie er andere Menschen und das Glück anzieht, ohne an ihnen zu zerren, ist vielleicht gar keines: Fühlen, bevor man denkt, spricht und handelt. Geben, bevor man etwas fordert. Lieben, bevor man Liebe erwartet. Erfahren, bevor man bewertet. Vergeben, bevor man verurteilt. Verantwortung übernehmen, statt Schuldige zu suchen. Teilen, was einem zuteilwurde. Sinn stiften, statt Sinn zu suchen. Sein und sein lassen.

Glück ist nur echt, wenn es geteilt wird – diesen Satz kritzelte also Chris McCandless als letztes in sein Buch, dann starb er. Der profundeste aber berührendste Satz den ich jemals gelesen habe. Und so möchte ich meine Erfahrung weiter teilen und weiter suchen nach dem Unergründlichen, nach der Liebe … in einem dritten Buch, vielleicht auch in einem Roman oder in einem Kinderbuch – und natürlich hier, auf diesen Seiten. Ich reise dann mal weiter, mit offenen Augen und mit Stift und Papier in der Hand …
 

„Ich habe immer gedacht, dass ich die seltsamste Person auf dieser Welt bin, aber später dachte ich, dass es viele solcher Leute auf der Welt gibt, es muss also jemanden wie mich geben, der sich auf gleiche Weise bizarr und beschädigt fühlt, so wie ich mich fühle. Ich stelle mir die Frau vor, und stelle mir vor, dass sie dort drüben auch an mich denkt. Also gut, ich hoffe, wenn du dort bist und dies liest, dass du weißt, dass es wahr ist, dass ich da bin und genauso seltsam bin wie du.“ – Frida Kahlo