Unterwegs im Hamsterrad

„Angeblich begann das ganze Theater schon in einem Kreißsaal an einem Donnerstagmorgen im Juli 1977 – ich wollte einfach nicht raus in diese Welt. Ich drehte mich lieber noch einmal auf die Seite, denn ich kam ohnehin schon viel zu spät zum geplanten Geburtstermin. Und daran, dass ich morgens zu spät komme, würde sich auch in den nächsten dreißig Jahren nicht mehr viel ändern.

Mut ...Den ersten Moment, an ich mich selbst erinnern kann, erlebte ich fünf Jahre später auf der Treppe vor der Schulsporthalle, neben der wir wohnten. In meiner Vorstellung öffnet sich der Vorhang, die Sonne scheint, eine Brise Abenteuerluft weht mir durch die blonden Haare, und ich sitze auf den massiven Steinstufen neben meinem besten Freund. Wir beide blicken in den blauen Sommerhimmel und erinnern uns gegenseitig daran, dass wir bloß nicht zu lange in den gefährlichen Feuerball da oben starren dürfen. Weil die Augen dann ganz bestimmt platzen, meint er. »Nein, weil sie dann natürlich verkohlen!«, verbessere ich ihn. Und da bin ich auch schon, die Heldin meines Theaterstücks: ein kleiner, blonder Neunmalklug, immer zu spät, immer das letzte Wort – und dann auch noch ein Lehrerkind.

Einig sind mein Freund und ich uns aber wenigstens darin, dass jeder, der zu lange in die Sonne schaut, qualvoll sterben würde. Und da sage ich zu ihm: »Du, ich glaube, uns gibt es überhaupt nicht. Das ist alles nur ein Traum, den ich träume. Und irgendwann wache ich auf, wirst sehn!, dann war ich auch du, und dann war ich die Sonne, und dann werde ich wieder unsterblich sein!«

In den Jahren danach allerdings muss ich wohl wieder vergessen haben, dass ich nur träume, denn das Wunder der Wirklichkeit zog mich nun doch zunehmend in seinen Bann. Jetzt wollte ich einfach unbedingt wissen und verstehen, mit Logik und Lupe herausfinden, wie diese wirkliche Welt begann, welche Kräfte sie im Innersten zusammenhalten und wann sie wieder auseinanderfliegen wird. Und am meisten faszinierte mich das Ende aller Dinge – die Vergänglichkeit, das Unergründliche hinter dem Schein und Sein von Normalität und Selbstverständlichkeit.
 

 
Diese unsichtbaren Kräfte, die alles zusammenhalten, ich wollte sie schon immer durchdringen, so lange ich denken kann. Noch bevor ich überhaupt lesen konnte, stöberte ich in einem Buch über die Geheimnisse des Universums und baute mir nach einer bebilderten Anleitung darin aus Nägeln und Kupferdraht meinen ersten funktionstüchtigen Elektromagneten. Dass für meine Nagelspule Papas Kofferradio herhalten musste, ist eine andere Geschichte. Ich schraubte wirklich alles auseinander – ob es da nun Schrauben hatte oder nicht! –, und nur äußerst selten schraubte ich davon auch wieder etwas zusammen. Und so verschwanden nach und nach Papas Uhren, Radios und alle seine Schraubendreher. Nichts reichte mir so, wie es war – da musste doch einfach mehr sein! Ein tieferer Sinn, ein Grund, ein großes Geheimnis, irgendwas!

Mut ...Ich machte alles kaputt, um zu verstehen, wie es überhaupt vorher funktionieren konnte. Und die Schöpfung bewies reichlich Humor und ließ mich mit diesen recht zweifelhaften »Tugenden« und mit meinem Zerstörungswahn nun auch noch auf die Gesellschaft los. Mit sieben Jahren wurde ich eingeschult. Mit siebeneinhalb konnte ich wenigstens schon einmal die Unterschrift meiner Mutter fälschen und die ganzen Tadel auch gleich selbst unterschreiben. Mit acht saß sie dann neben mir auf der Bettkante, nachdem ich zum ersten Mal dabei erwischt wurde, und fragte ausgerechnet mich, was sie nur falsch gemacht habe mit ihrer Erziehung. Ich wollte eigentlich nie wie die anderen sein, und doch war ich ein Klassenclown und Störenfried, der über alle Maßen die Anerkennung und Bestätigung seiner Mitschüler suchte. Ein Widerspruch zwischen Sein, Seinwollen und Seinsollen, der mich noch mein ganzes Leben zerreißen sollte und mich letztlich fast selbst »kaputt« gemacht hätte.

Ich konnte noch nicht einmal richtig rechnen, aber um mir Teleskope aus dem Optik-Baukasten meiner großen Schwester zu bauen und damit in den Nachthimmel zu schauen, dafür reichte es. Ich träumte von Abenteuern auf anderen Planeten, von anderen Welten und natürlich von Zeitreisen in die Zukunft, wo man mir die Welt und das Wunder des Lebens endlich erklären würde. Mein Freund und ich arbeiteten bereits an einem Fluchtplan, um diesen Planeten mit einer aufblasbaren Rakete zu verlassen, ganz so, wie in »Adolars phantastischen Abenteuern«, die damals regelmäßig als Zeichentrickserie im ostdeutschen Fernsehen ausgestrahlt wurden. Natürlich durften unsere Geschwister und unsere Eltern nichts von unseren Plänen erfahren, hätten sie doch darauf bestanden, dass wir unsere Reise zu den Sternen jeden Sonntag unterbrechen, umkehren und zurückfliegen, damit wir Punkt zwölf wieder am Mittagstisch sitzen und den widerlichen Rosenkohl aufessen. Wir wollten wirklich weg, und zwar ganz weit und für ganz lange – und wir würden nicht eher heimkehren, bis wir dieses Universum vollständig ausgekundschaftet und verstanden hätten … bis wir allwissende Helden wären.

Zwischen meinem Zimmer und dem Kinderzimmer meines Freundes in der Nachbarwohnung gab es sogar eine geheime Standleitung, über die wir uns zum Aufbruch zu den Sternen verabreden wollten, wenn ich nur endlich die letzten technischen Schwierigkeiten mit unserer Rakete aus der Welt geschafft hätte. Irgendwann allerdings verfing sich Mama im Hausflur mit dem Kehrbesen in den gut versteckten Kupferdrähten und sabotierte unsere Sprechverbindung – und damit ein für alle Mal unser Himmelfahrtsprojekt. Unser Fluchtplan war gescheitert, wir mussten hierbleiben und weiterhin beim Geschirrspülen helfen, Altpapier sammeln und in dieser langweiligen Schule sitzen.

Mut ...Den einzigen Weg in den Kosmos fand ich fortan in Büchern und Geschichten, mit denen ich mich in schwarze Löcher und fernste Galaxien davonträumen konnte. Als ich älter wurde, bereicherten wenigstens die recht praktischen naturwissenschaftlichen Fächer meinen Schulalltag – Biologie, Chemie und vor allem Astronomie und Physik, die mir doch ziemlich Spaß machten. Aber je länger ich in der Schule saß, je mehr Wissen ich in meinem Kopf ansammelte, umso weniger Lust hatte ich noch auf das Universum in meinem Teleskop. Je mehr ich es verstand, umso weniger wollte ich es erleben und erfahren. 1990 hatte ich mir zudem meinen ersten eigenen Computer zusammengespart, und mein Herz schlug ab dem Zeitpunkt nur noch mit mindestens sechzehn Megahertz. Diese Maschine eröffnete mir eine weitere virtuelle Parallelwelt, faszinierend wie die in meinem Kopf. Und so war es auch kein Wunder, dass ich 1995 beruflich in der Informations- und Kommunikationstechnik landete. Irgendetwas musste ich ja beruflich machen, und meinen Plan, ein Zirkusclown zu werden, fanden meine Eltern nicht wirklich lustig. Auf alles Neue, auf verrückte Abenteuer hatte ich immer Lust – doch viel zu schnell entzauberte sich alles und ödete mich an. Wie ein heißer Strom aus Lava floss ich auf das Meer der Möglichkeiten zu, nichts konnte mich auf dem Weg dahin aufhalten. Angekommen in diesem Meer, kühlte ich jedoch schlagartig ab und erstarrte, denn auch das, was möglich ist, bedeutet irgendwann Normalität und Routine. Und so machte mir der berufliche Umgang mit Menschen und Technik zu Beginn großen Spaß, doch ich verlor erwartungsgemäß auch hier nach einigen Monaten komplett die Motivation. Aus Leidenschaft wurde Pflicht, bald erschien mir jeder Tag gleich stumpfsinnig. Es erging mir schon nach achtzig Arbeitstagen wie achtzig Prozent der Bevölkerung, die nach einer aktuellen Studie an einer Art »Montagmorgen-Melancholie« leiden. Es gelang mir nicht, mich damit abzufinden.

Mut ...Meine Realität sah in etwa so aus: Morgens wälzte ich mich für gewöhnlich wie ein Klumpen warmes Blei von der Matratze und hoffte, dass die Beine mich wenigstens bis unter die kalte Dusche tragen würden. Meine Kollegen waren derweil längst auf dem Weg zur Arbeit. Die Verkehrsschlagader auf der anderen Seite meiner Fensterscheibe im Bad pulsierte, draußen war alles im Fluss. Aber ich funktionierte einfach nicht wie die anderen, bei mir floss gar nichts.

Tief in mir spürte ich, dass hier etwas ganz grundsätzlich nicht stimmte, und noch hoffte und rebellierte etwas in mir, also kam ich lieber gleich überall und immer zu spät. Nur die Hoffnung auf einen überraschenden Endspurt – endlich mit einem klaren, beständigen Ziel vor Augen – feuerte mich weiter an in diesem Marathon der ständigen Verspätung. Ich sehnte mich nach Veränderung, nach Leichtfüßigkeit, nach einem Lebenssinn, dem ich mich hingeben wollte.

Wenn sich alles immer schneller um einen dreht und man nicht mehr mitkommt, erklärt man sich irgendwann zum neuen Mittelpunkt der Welt, setzt sich vor einen Computerbildschirm oder Fernsehapparat und lenkt sich mit fesselnden Beiträgen über das Wunder und die Leistungsfähigkeit des Menschen ab. Bald weiß man alles, sogar wie man Tsunamis überlebt und Haiangriffe abwehrt, schafft es aber im realen Leben nicht mal ans Meer. Man sammelt immer mehr unnützes Wissen für ein Leben, in dem man in Sicherheiten fast ersäuft, und macht sich bald dreimal so viele Gedanken wie ein Raketeningenieur, der zum Mond fliegen will. Dann denkt man noch darüber nach, warum man eigentlich immer so viel denken muss, bis man auch noch darüber nachdenkt, warum man darüber nachdenkt, dass man so viel nachdenkt. Es führt nirgendwohin, und schon gar nicht mehr zurück den Sternen oder wenigstens mal ans Meer. Da hockte ich also damals und machte Inventur im Kopf. Meine Gedanken drehten sich im Cockpit meiner ganz eigenen Rakete aus Fleisch und Blut … die auf der Startrampe des Lebens vor sich hin rostete.“ – aus der Leseprobe zu „Freut euch nicht zu spät / Europa Verlag Berlin / 2016“

Zur nächsten Etappe der Heldenreise…