Begegnung

„Willst du dem Leben in aller Fülle begegnen, musst du dich auch dem Tod stellen.“

… nur Gedanken am Morgen im Bus zum Palliativkurs und zur Zeit im Hospiz.

Dazu passend:  „Ein Mann, dem Sterben nah, spürt die streichelnde Hand seiner Frau am Körper und meint liebevoll, er kenne die Hand schon seit vielen Jahren, so weich und schön habe er sie noch nie erlebt. Ein Gedicht, ein Liedvers dringt in die Seele ein, man will es immer bei sich haben, es ist so bewegend wie noch nie.“ (Quelle dhvp.de / Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e.V. / „Spiritualität in der Hospizarbeit“ / Seite 10)

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Bring dich zur Welt

Verweile in der Stille;
alles ruht dort,
du ruhst dort!
Das Vorstellbare
kommt im Unvorstellbaren zur Welt;
und dann spielt es darin,
wie ein unwissendes Kind
das sich über den Dingen wähnt
und sich große Burgen aus Sand
am Ufer des Weltenmeeres errichtet. 
Die nächste Flut kommt gewiss
und reißt bald alles wieder hinfort.
Kehre um, tauche ein …
komm zurück nach Hause.

Dazu passend: Die Ashtavakra Gita
(gelesen von der Theravada-Nonne Jayasara aus dem Santi Forest Kloster)

„In silcence God ceases to be an object and becomes an experience“ – Thomas Merton

Das tiefste Gebet

Das tiefste Gebet drängt sich nicht über unsere Lippen; es erklingt nicht aus dem Verstand heraus; es bittet und bettelt um nichts, noch dankt es mit viel zu vielen Worten; nein, es steigt bedingungslos aus unserem Herzen empor. Und so ist unser tiefstes Gebet ein Gebet der Stille, der Sprachlosigkeit – ein Gebet des Daseins; allein darin drücken sich wahrhaftige Demut und auch Dankbarkeit aus. Im Sosein. Dieses Gebet erklingt dann auch im Wind, der durch unsere Haare fährt, und es erscheint in den Stahlen der Sonne, die unsere Wangen küssen. Dann sind wir mit unserem Gebet ganz bei Gott; dann hören wir, dann werden wir erhört. Jedes Wort an Gott ist ein Wort zuviel; in jedem Wort ist die Fülle und Wahrhaftigkeit des Augenblicks verdorben. Wie schwer es doch ist, wahrhaftig zu sein. – jj.

Dazu passend: „On the Road mit Thomas Merton“:

https://www.youtube.com/watch?v=GL6eNmGxnbQ

Über den Irrtum

Der menschliche Geist
ist gefangen im Vorstellbaren;
und darin stellt er sich vor,
dass er tatsächlich
etwas wüsste.

Gedanken zu:
„Das Unbegriffene verbirgt das Unbegreifliche, und deshalb soll es beseitigt werden.“
– Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, 1952

Religion besteht in nichts anderem als in einem Hinblicken. […] Man muss nur wissen, dass die Liebe eine Richtung und nicht ein Zustand der Seele ist.“
– S.W., Das Unglück und die Gottesliebe, 1950

Über das Vertrauen

Was bringt die Liebe
zwischen den Menschen allein?
„Romeo, Julia“, beide tot.
Was bringt der Erfolg?
Shakespeare, ebenfalls tot.
Was bringt der Fortschritt,
der sich selbst noch überholt;
was bringt all des Wissen?
Selbst Einstein, mausetot.
Was bringt einem
auch die rosigste Zukunft?
Krankheit und Tod!
Am Ende jedem.

Sie sagen, es ginge
nur um den Augenblick,
aber ist jeder Moment
nicht unendlich groß genug,
als dass er auch noch
die Märchen der
Menschen braucht?

Ohne Gott
ist alles umsonst.

Baue nicht zu hoch auf die irdischen Dinge;
bald schon kannst du nicht einmal
deinen eigenen Beinen mehr trauen
und benötigst einen Stock.

Alles vergeht;
du vergehst!
Aber worin?!

Hast du dich wirklich
jemals gefragt, Worin?!

„Verlasst euch nicht auf Mächtige, nicht auf irgendeinen Menschen, bei dem doch keine Hilfe zu finden ist! Wenn er den letzten Atem aushaucht, so wird er wieder zu Erde, und am selben Tag ist es vorbei mit all seinen Plänen.“ (Psalm 146,3)

„So sprach der HERR: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen von Gott.“ (Jeremia 17,5)


„Da sind zwei Arten der Wahrnehmung; aber Fleisch sieht nur Fleisch.“ – John Butler, Wonders of Spiritual Unfoldment, 2008

„Ein wirklich kontemplativer Mensch teilt seine Liebe nicht zwischen Gott und einem Geschöpf. Er schuldet sie Gott ganz. Die Übung der Liebe zu Gott gibt auch Kraft zur Nächstenliebe. Will dieser Nächste aber nicht gerade als er selbst geliebt werden? Liebte nicht Jesus Christus so? Er liebte ja auch nicht aus den Kräften des Blutes [s. Markus 3, 33 ff], sondern mit der vollkommenen Liebe, die erkennt und verwandelt.“Die Wolke des Nichtwissens, 14 Jh.

Solange die Füße tragen

Und als sie sich da begegneten,
und geneinsam davon kosteten,
von dem, das sie Liebe nannten,
da bemerkten sie überhaupt nicht,
dass es nur ein kurzes Erwachen war,
aus einem von seelenlosen Träumen
verschleierten Lebensschlaf.
Und wie sie sich da umschlangen,
und in der Dämmerung davor fürchteten,
sich wieder aus den Armen zu verlieren,
und einander leider nicht zu genügen,
da graute es ihnen doch nur davor,
wieder ganz und gar einzuschlafen;
einsam, gefangen in sich selbst.
Und so ketteten sie sich aneinander,
und ketteten sich an tausend Dinge.
Sie hoben das, was sie da Liebe nannten,
auf den allerhöchsten Thron empor;
und im Staube besangen sie es,
und sie tanzten zügellos darum,
bis kein Wort mehr aus der Brust drang,
bis die Füße nicht mehr trugen;
da fielen ihnen die Augen wieder zu. – jj.

Licht und Schatten

Der Sinn des Lebens,
die einzige Aufgabe des Menschen,
hier, jetzt,
kann nur lauten:
Sich selbst zu begegnen!
Seinem Schein, wohlan!,
doch vor allem seinen Schatten;
denn die entscheidende Erkenntnis
ist doch letztlich die,
dass der, der seine Schatten nicht,
bis dunkelste Dunkel hinein,
ergründet und beleuchtet hat,
sein wahres Licht
niemals erblickt wird. – jj.