Solange die Füße tragen

Und als sie sich da begegneten,
und geneinsam davon kosteten,
von dem, das sie Liebe nannten,
da bemerkten sie überhaupt nicht,
dass es nur ein kurzes Erwachen war,
aus einem von seelenlosen Träumen
verschleierten Lebensschlaf.
Und wie sie sich da umschlangen,
und in der Dämmerung davor fürchteten,
sich wieder aus den Armen zu verlieren,
und einander leider nicht zu genügen,
da graute es ihnen doch nur davor,
wieder ganz und gar einzuschlafen;
einsam, gefangen in sich selbst.
Und so ketteten sie sich aneinander,
und ketteten sich an tausend Dinge.
Sie hoben das, was sie da Liebe nannten,
auf den allerhöchsten Thron empor;
und im Staube besangen sie es,
und sie tanzten zügellos darum,
bis kein Wort mehr aus der Brust drang,
bis die Füße nicht mehr trugen;
da fielen ihnen die Augen wieder zu. – jj.

Licht und Schatten

Der Sinn des Lebens,
die einzige Aufgabe des Menschen,
hier, jetzt,
kann nur lauten:
Sich selbst zu begegnen!
Seinem Schein, wohlan!,
doch vor allem seinen Schatten;
denn die entscheidende Erkenntnis
ist doch letztlich die,
dass der, der seine Schatten nicht,
bis dunkelste Dunkel hinein,
ergründet und beleuchtet hat,
sein wahres Licht
niemals erblickt wird. – jj.

Die Innere Burg …

Zitate der heiligen Teresa von Ávila. Auszüge aus „Die Innere Burg“:

„Eine vollkommene Seele kann überall losgelöst und demütig sein“ … „Und doch ist es sehr wichtig, um in die nächste Burg der innern Seele eintreten zu können, sich zu bemühen, von unnötigen Dingen und Geschäften abzulassen, jeder so, wie es seinem Lebensstand entspricht“ …

“Ich weiß nicht, ob es klar geworden ist, denn uns selbst zu erkennen, ist so wichtig, dass ich nicht möchte, dass es diesbezüglich jemals ein Nachlassen gibt, so hoch ihr auch in den Himmeln sein mögt; während wir jedoch auf dieser Erde sind, gibt es für uns nichts Wichtigeres als die Demut. …“

“Beim Anblick Gottes Größe mag uns unsere Unzulänglichkeit aufgehen, und beim Anblick Gottes Reinheit werden wir unseren Schmutz sehen; bei der Betrachtung seiner Demut sehen wir, wie viel uns fehlt, um demütig zu sein…“

“Wenn wir immer im Elend unserer Erde stecken bleiben, wird die Strömung nie aus dem Schlamm der Ängste, des Kleinmuts und der Feigheit herauskommen, aus dem Schauen, ob man auf mich schaut oder nicht auf mich schaut; ob es, wenn ich diesen Weg einschlage, daneben gehen wird; …“

“Furchtbar sind aber die Listen und Kunstgriffe des Bösen, um zu verhindern, dass die Seelen sich selbst erkennen und ihren Weg verstehen …“

“Doch hier, wo sie noch voll der Welt und in ihren Vergnügungen versunken und ihren Prestigevorstellungen und Ansprüchen gegenüber ohnmächtig sind, haben die Vasallen der Seele – also die Sinne und die Seelenvermögen – nicht die Kraft, die Gott ihnen von Natur aus gegeben hat …“

“Aber, du Herr, mein Gott, sobald man sich an diese nichtigen Dinge gewöhnt und erlebt, dass alle Welt sich damit abgibt, wird das Ganze verdorben, denn der Glaube ist so tot, dass wir uns lieber an das halten, was wir sehen, als an das, was er uns sagt …“

“Ach, mein Herr, hier braucht es deine Hilfe, denn ohne sie kann man nichts tun! Lass es bei deiner Barmherzigkeit nicht zu, dass diese Seele sich überlisten lässt, um das Begonnene aufzugeben. Gib ihr Licht, damit sie sieht, wie ihr ganzes Wohl darin liegt, und sie sich von schlechter Gesellschaft fernhält; denn mit Menschen umzugehen, die sich damit abgeben, ist etwas ganz Großes; …“

“Der gesamte Anspruch eines Menschen, der mit dem inneren Beten anfängt (und das dürft ihr nicht vergessen, da es sehr wichtig ist), soll darin bestehen, darauf hin zu arbeiten und sich zu entschließen und sich mit allem ihm möglichen Eifer darauf einzulassen, seinen Willen auf den Willen Gottes einzustimmen; wie ich später noch sagen werde, dürft ihr dann ganz sicher sein, dass darin die höchste Vollkommenheit besteht, die man auf dem geistlichen Weg erlangen kann. Je vollkommener einer das besitzt, um so mehr wird er von Gott geschenkt bekommen, …“

“Nun also, zu meinen, wir würden in den Himmel kommen, ohne in uns einzutreten, indem wir uns kennen lernen und unsere Armseligkeit betrachten, und was wir Gott verdanken, und ihn oftmals um sein Erbarmen zu bitten, das wäre Unsinn.“

“So muss meines Erachtens eine Seele dran sein, die zwar nicht in einem üblen Zustand, aber doch so tief in weltliche Dinge verstrickt und, wie ich gesagt habe, von Besitzstreben, Prestigesucht und Geschäften durchdrungen ist, dass diese sie ihre Schönheit weder sehen noch genießen lassen, ….“

 

Alle Auszüge via: http://www.rudihaberstroh.de/zit/zitavilaburg.pdf

 

Eine wunderbare Anmerkung der Ausgabe:

„Wer sich auf das innere Beten, also auf die Freundschaft mit Gott einlässt und so den Weg nach Innen zu gehen versucht, der kommt nicht umhin, immer mehr „in der eigenen Wahrheit leben“ zu lernen Teresa spricht von der „Selbsterkenntnis“, die ihres Erachtens das absolut Wesentliche des geistlichen Fortschritts ist.

Einsicht in die eigene verworrene Lage ist bereits eine wichtige Voraussetzung, um sich überhaupt auf den Weg zu machen: „Die Selbsterkenntnis ist ja schon etwas, ebenso die Einsicht, nicht auf dem rechten Weg zu sein, um das Tor zu erreichen. Gerade wenn Gott einen Menschen mit tiefen inneren Erfahrungen beschenken will, gibt er ihm „zuvor eine tiefe Selbsterkenntnis, die diese Gnaden verursacht“Selbsterkenntnis hat für sie allerdings nichts mit ungesunder Selbstabwertung zu tun, sondern mit einer ehrlichen und möglichst realistischen Selbsteinschätzung, die sich über die eigenen Gaben freuen und die eigenen Grenzen annehmen kann, im Bewusstsein, mit diesen Gaben und Grenzen von Gott geliebt zu sein.

Selbsterkenntnis und „wahre Demut“ hat daher für Teresa immer auch mit gesunder Selbstannahme zu tun, weil wir uns von Gott so angenommen wissen, wie wir sind. Sie ist überzeugt, dass es „uns sehr schadet, wenn wir das mit der Demut und der Selbsterkenntnis nicht richtig verstehen“ und uns aufgrund unserer Minderwertigkeitsgefühle kein intensives geistliches Leben zutrauen.“

 

Und hier noch der Link zum ganzen Buch. [Thalia]

Neunzehn alte Gedichte (14)

Die Toten scheinen uns jeden Morgen ferner,
去者日以疏,
die Lebenden rücken uns allabendlich näher.
生者日已亲。
Ich schreite durchs Stadttor, den Blick zum Horizont,
出郭门直视,
doch ich wandere nur an Hügelgräbern vorbei.
但见丘与坟。
Die alten Totenacker wurden zu Feldern gepflügt,
古墓犁为田,
ihre Kiefern und Zypressen schlug man zu Feuerholz.
松柏摧为薪。
Die Pappeln wiegen sich schwermütig im Wind,
白杨多悲风,
ihr Ächzen, ihr Knarren ist kaum zu ertragen!
萧萧愁杀人!
Mein Fernweh wich längst der Sehnsucht nach Heimkehr,
思还故里闾,
ich will zurück nach Hause, doch da ist kein Weg mehr.
欲归道无因。

Gedicht No. 14 (之十四) aus:
Neunzehn alte Gedichte“ (古诗十九首; Gǔshī shíjiǔ shǒu)
– Neuübersetzung J. Jakait –


Mehr bei Barbara Maag

Mitternachtslyrik

Es ist leicht dahergesagt,
dass man sein Ego „töten“ soll;
oder dass es nichtmal existiert.
Und manchmal schlittert
man dann auch hinein,
oder meditiert sich hinein,
in einen Moment und Zustand
in dem das Ego, der Geist,
plötzlich abwesend scheint.
Tief. Klar. Unvorstellbar.

Doch das wahre Selbst
ist kein Objekt
das entsteht oder vergeht;
und die Erleuchtung ist
kein Zustand, der einen Anfang
oder ein Ende wüsste.
Auch ist das Ego kein Gedanke,
den es über die Jahre
zu stellen und zu widerlegen gilt, –
nein, das Ego bist du selbst,
in allem was du vermeintlich
weißt, tust und bist;
der Denker und Betrachter
all deiner Gedanken;
der Geist, der über den Geist sinnt
und der das Ersonnene
irrtümlicherweise für den Geist hält;
ein Funke im kosmischen Feuer;
gleichsam Jäger und Gejagter.
Ein Funke, der sich immer
wieder selbst entzünden muss.

Auch ist es klug geschrieben,
wenn da etwa steht,
dass der weise Mann schon
vor seinem Tode sterben muss;
Wohlan!
Doch es ist nicht das Ende
seines vorgestellten Egos;
auch ist es nicht
das Ende all dessen,
was er glaubte, was er sei;
nein, es ist das Ende
all dessen, was er ist,
das jetzt, das hier!
Es ist das Ende alles Endlichen;
das Vergehen alles Vergänglichen;
das Erlöschen des Weltenfeuers,
das alles Irdische verbrennt;
dann erst offenbart sich,
was immer wahrhaftig ist,
Das Licht, in dem jedes Licht scheint:
DAS, dem alles entspringt,
DAS, in das alles wieder mündet.

Es ist weise, wenn da steht,
dass die Erleuchtung
die größte Enttäuschung
für das Ego sei;
doch da ist nichts zu tun,
um dahin zu gelangen.
Keine Macht der Welt
führt in die Machtlosigkeit
und Demut der Liebe,
zu Brahman, zum Dao, zu Gott;
in den Himmel, ins Nirvana.
Wer soll da etwas tun?
Wer soll sich da am Ende
einen Orden an die Brust heften?
Etwa die Liebe selbst?
Wer sollte da schon sagen:
Ich wars!, ich habs vollbracht!
Wie soll etwas erwachen
das nichts als ein Traum ist?
Ein Traum von Liebe und Leben,
die weder Liebe, noch Leben sind.

Jeder will etwas wissen;
irgendwas!
Jeder will etwas tun;
irgendwas!
Jeder will etwas sein;
irgendwas!
Und so weiß er dann,
und tut er dann …
und ist er dann,
obgleich er nichts weiß,
nichts vollbringt.
nichts ist.
Gar nichts.

Es ist nur ein dummes Spiel;
bei dem am Ende alles,
das gewonnen ist,
doch verloren wird.
Und noch viel mehr,

Die Wand

Zwischen dem Menschen
und dem Wunder der Schöpfung
steht eine Wand aus Gedanken.
Wie eine Scheibe aus Milchglas
trennt das wenige Vorstellbare
die Seele vom Unvorstellbaren;
und das Glas wird immer dicker.
Gleichsam den beiden Augen,
sieht auch die Menschenseele
im Alter immer schlechter.

Was Grauer Star für die Pupille,
ist Graue Substanz fürs weise Herz. – jj.

Nur ein Lied

Mühe dich nicht länger damit ab,
dass dich alle verstehen und mögen.
Am Ende sprichst du nur ihre Sprache,
und verlernst die deine;
und dann verstehst du sie zwar,
aber dich selbst nicht mehr.
Was kümmert es die Nachtigall,
was die Spatzen pfeifen.
Flieg einfach zum Horizont;
ab und an setz dich nieder,
auf einen Ast, stimmt ein Lied an;
dann lausche, wer mit einstimmt. -jj.

Die ersten freien Frauen (1)

„Berauscht von meiner Ausstrahlung,
meiner Schönheit, meinem Körper und Ruhm;
eingebildet ob meiner ewigen Jugend,
verachtete ich alle anderen Frauen.
Ich schmückte diesen Körper,
damit ihn die Dummköpfe nur nicht
mehr aus ihren Köpfen bekommen.
Wie eine Hure vorm Bordell,
wie ein Jäger, der seine Schlingen auslegt.
Ich zierte mich mit Reif und Ringen,
um das Verborgene zum Klingen zu bringen.
Ich erschuf ein Trugbild für die Menschen,
während ich sie alle verspottete.


Heute habe ich mir den Kopf rasiert,
und in meiner Schale Almosen gesammelt.
In meiner selbstgenähten Robe
sitze ich unter der Krone eines Baumes
und verweile in der Gedankenstille.
Was ich mit dem Herzen erschaue, sind keine
äußeren Formen und Erscheinungen mehr.
Alle Schnüre habe ich durchtrennt,
– die irdischen, die göttlichen -,
ich habe alles verworfen
was das Herz betrübt und beschwert.
Nun bin ich klar wie das kühle Wasser
eines Gebirgsbaches am Morgen;
ich bin erloschen und bin endlich frei!“

Verfasst von der buddhistischen Nonne Vimala
(ca. 500 v. Chr.; Quelle: Therigatha 72ff., Sutta Pitaka, Pali Kanon)
„Die ersten freien Frauen“

Übertragen ins Deutsche: Janice Jakait

(“Mattā vaṇṇena rūpena, sobhaggena yasena ca; Yobbanena cupatthaddhā, aññāsamatimaññihaṃ. Vibhūsetvā imaṃ kāyaṃ, sucittaṃ bālalāpanaṃ; Aṭṭhāsiṃ vesidvāramhi, luddo pāsamivoḍḍiya. Pilandhanaṃ vidaṃsentī, guyhaṃ pakāsikaṃ bahuṃ; Akāsiṃ vividhaṃ māyaṃ, ujjagghantī bahuṃ janaṃ. Sājja piṇḍaṃ caritvāna, muṇḍā saṅghāṭipārutā; Nisinnā rukkhamūlamhi, avitakkassa lābhinī. Sabbe yogā samucchinnā, ye dibbā ye ca mānusā; Khepetvā āsave sabbe, sītibhūtāmhi nibbutā“ – Vimalā purāṇagaṇikā therī))

Die ersten freien Frauen (4)

„Ich wanderte umher,
um Almosen zu sammeln;
hungrig, schwächlich,
auf einen Stock gestützt.
Meine Glieder begannen
zu zittern und schlottern;
da fiel ich zu Boden!
Ganz erschrocken
über meine Gebrechlichkeit,
und die Gefahr in einem Leib,
war der Geist endlich befreit.“

– Die Verse der buddhistischen Nonne Dhammā
(ca. 500 v. Chr.; Therigatha 17ff., Sutta Pitaka, Pali Kanon)

Übertragen ins Deutsche: Janice Jakait

(Piṇḍapātaṃ caritvāna, daṇḍamolubbha dubbalā; Vedhamānehi gattehi, tattheva nipatiṃ chamā; Disvā ādīnavaṃ kāye, atha cittaṃ vimucci me. ti. … Dhammā therī)

Die ersten freien Frauen (3)

„Hast du deinen Leib und dein Antlitz
nun mit genug anderen Körpern
und Gesichtern verglichen?
Dann erkenne den Körper als das,
was er tatsächlich nur ist:
Vergänglichkeit bis zum Verfaulen;
nur ein Fahrzeug für deine Reise.
Reinige stattdessen deinen Geist,
verweile im Formlosen und Zeitlosen.
Hast du alle Formen, Erscheinungen
und deinen falschen Stolz
erst einmal durchdrungen,
dann erreichst du das Ziel
und wirst deinen Frieden finden.“


– Verse der buddhistischen Nonne Abhirūpanandā
„Über die Schönheit“

(ca. 500 v. Chr.; Therigatha 19ff., Sutta Pitaka, Pali Kanon)

Übertragen ins Deutsche: Janice Jakait

“Āturaṃ asuciṃ pūtiṃ, passa nande samussayaṃ; Asubhāya cittaṃ bhāvehi, ekaggaṃ susamāhitaṃ. Animittañca bhāvehi, mānānusayamujjaha; Tato mānābhisamayā, upasantā carissasī. Itthaṃ sudaṃ bhagavā abhirūpanandaṃ sikkhamānaṃ imāhi gāthāhi abhiṇhaṃ ovadatīti.“