Wehret dem Unsinn!

Ist das aktuelle Infektionsschutzgesetz tatsächlich mit Hitlers Ermächtigungsgesetz von 1933 vergleichbar, wie es nun vielfach auf Facebook tönt? „Wehret den Anfängen!“, das scheint jedenfalls der gemeine Konsens unter derartigen Postings. Nun, wehret vielmehr dem Unsinn, will ich meinen.

Began es nicht erst damit, dass auch Hitler die Regierung für komplett inkompetent und gefährlich hielt, und er dem Volksgeist mit Angst einheizte? Wie definiert man denn „den Anfang“ im Kontext der Machtergreifung 1923 fortfolgend; was ist dieser Keim des Totalitarismus respektive des Faschismus genau? Welchem Anfang soll man da wehren?

Waren es denn die Tendenzen und Gesinnungen der Regierung (Stichwort: KRISE!, Versailler Vertrag, C̶O̶V̶I̶D̶-1919) oder war es doch eher der auflodernde Fanatismus gegen die Politik, von Hitler entfacht? Verläßt nicht gerade dieser Fanatismus schnell jeden freiheitlich demokratischem Boden, wo man sich nicht besinnt, und den Boden der Vernunft? Wie erwuchsen andere Diktaturen oft; keimten sie aus gelähmter Politik oder aus dem Geist zur Revolte oder gar Revolution? Huhn oder Ei? Sollten wir also nicht äußerst achtsam sein, wo wir da mit allzu eiliger Zustimmung düngen! Womöglich erkennt man den wahren Faschismus viel zu spät, weil er eher schnörkelose Kostüme aufträgt, wir uns derweil jedoch an schillernden Clowns abarbeiten.

Ich weiss es nicht, werfe nur ein paar Gedanken ein. Was ich aber weiss, ist, die Geschichte ist weder eine Einbahnstraße, noch ein Kreisverkehr; sie ist vielmehr eine Spirale. Nichts wiederholt sich wirklich. Vor den Nazis gab es keine Nazis, mit denen man die Nazis hätte exakt vergleichen können; dann wäre es den Menschen leichter gefallen, die wahre Gefahr zu erkennen, „dem Anfang zu wehren“, schon die Glut zu ersticken. Seien wir da bloss nicht überheblich und wähnen uns heute klüger! Auch über uns wird die Zukunft mit dem Kopf schütteln müssen.

Mir jedenfalls bereiten Faschismuswarner wie Ken Jebsen aka KenFM mehr Sorge als Angela Merkel. Zumindest stand da eine besorgte Frau an der Regierungsspitze als die Flüchtlingswelle losbrach, und kein panischer Meinungsroboter. Und zumindest verfügen wir jetzt, auch dank Frau Merkel, über eine Impfoption und das Privileg, überhaupt darüber streiten zu können, ob, wann, wie und für wen. Bei Kanzler Jebsen gäbe es außer neuen Thesen überhaupt nichts einzuimpfen. Es gäbe einfach keinen Impfstoff; klar, gäbe dann auch keine Kritik und Aufregung darum. Auch die Auseinandersetzungen nun sind ein Privileg, das wir Gott sei Dank haben; sie auch hart zu führen, genau das bedeutet, die Freiheit zu verfechten. Man muss sie nämlich erstmal haben!

„Bedenkt, dass Fanatiker gefährlicher sind als Schurken. Einen Besessenen kann man niemals zur Vernunft bringen, einen Schurken wohl.“, merkte Voltaire an.

Und uns stünden genug demokratische Werkzeuge zur Verfügung, um unsere Regierung zur Vernunft zu bringen, wäre es denn nötig. Facebook und Youtube zählen übrigens eher nicht dazu. Der Rest ist doch Kasperletheather um sich aufzugeilen. Aufregung eben, wie bei Staffel Eins vom „Super-Talent“. Da fühlt man doch wieder mal was!

Hitler verkündete im Übrigen dereinst ebenfalls: „Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen auf die Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll…

Na, ein Vergleich des Infektionsschutzgesetzes aus dem Jahr 2021 mit dem „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ von 1933, das kapiert doch nun aber wirklich jeder, oder? Und das Beste, der Volkskörper fühlt sich auch noch blitzgescheit dabei. So wird Propaganda gemacht! Eben nicht nur von Regierungen oder Parteien. Heute darf sich jeder als Internet-Hitler versuchen, wehe uns, wo es einem gelingt.

In diesem Sinne: „Wer noch sagt: ,Wehret den Anfängen’, begreift nichts“, so Michel Friedman.

Aber, aber, wir müssen doch jetzt harten Widerstand gegen harte Maßnahmen leisten, nein?

Die Medaille im Jahr 1933 hatte eben zwei Seiten. Die rote Seite entpuppte sich auch nur als schlechte Kopie der braunen. Kommunisten, Nazis, es sprachen überall die Bilder und Vergleiche auf den Plakaten. Erst verglich man Dinge, dann Sachverhalte, später Menschen. Oft mit Schweinen oder Geiern. Und immer war das vor allem ein Herumfischen an den seichten Rändern des Gesellschaftsspektrums. Hetze, Demagogie, Propaganda; das Augenmaß verloren … am Ende fand sich die Gesellschaft polarisiert und gespalten. Dann blieb nur ein Sieger, nämlich der „lauteste und stärkste“, so ohne jeden Konsens mehr, ohne jede ruhige, vermittelnde Gewalt. Die Masse ordnete sich dann unter, wie immer.

Die Mehrheit der Menschen steht zwischen den Fronten und hofft einfach nur, dass alle gesund und in Arbeit bleiben, und dass es ihren Kindern gut geht. Aber ihre Ängste zur Panik zu schüren, und dazu mal wieder das dritte Reich als radikalmöglichstes Argument zu bedienen, nun, das hilft denen keinem. Wie wäre es stattdessen mit Lösungen?! – das wären die besten Argumente, wenn sie nur funktionieren würden.

Es gibt keine Lösungen, die wirklich absolut sind? Wie so oft in der Geschichte, dann ist Führung und Verantwortung gefragt, dann braucht es trotzdem Entscheidungen. Und genau hier sehe ich das Versagen des Staates. Wozu brauchen wir ihn sonst? Wie viele Meinungen brauchen wir denn noch? Sogar meine Friseurin wähnt sich inwischen als Virologin, ohne wirklich etwas davon zu verstehen. Nehmt die Experten vom Sender und lasst sie arbeiten, und dann schafft Fakten und kommunziert das Wesentliche. Da können wir sogar von Russland lernen. Sonst passiert exakt gar nichts, außer es gelänge uns noch, auch alle Viren der Welt totzuquatschen. Steffen Seibert übernehmen Sie! Und je länger wir uns die Covid- und Impfapokalypse einreden, umso wahrscheinlicher wird sie. Angst lähmt und bewegt dennoch Berge, nämlich im Körper.

Neulich ging auf Facebook ein Video viral, ein Mann trägt sein Gedicht: „Aber es ist doch nur zu deinem Bestem…“ vor, in welchem er die aktuellen Maßnahmen zum Infektionsschutz der Regierung anklagt. Und so könnte man nun meinen, es sei auch nur ein harmloser Vergleich mit diesen Gesetzen, dies nun sei wirklich zu deinem Bestem. Aber dem ist nicht so!

Doch mit dieser Meinung stehe ich scheinbar allein hier; den meisten scheinen solche objektiv unsinnigen Vergleiche wie zwischen dem Infektionsschutzgesetz und dem Ermächtigungsgesetz inzwischen selbstverständlich geworden zu sein; dabei wäre es so einfach, die beiden Gesetze überhaupt erst einmal wirklich VOLLSTÄNDIG zu lesen und zu vergleichen, anstatt sie nur in mundgerechten Stücken geifernd zu verschlingen, und dann zu bellen. Auch das ist eine nicht selbstverständliche Freiheit. Vielleicht sollte man sich ihrer überhaupt erstmal bedienen, bevor man ihren Verlust fürchtet. Doch genau so funktionierte Propaganda eben schon immer, wenn sie erfolgreich war – man hinterfragt nichts mehr, sondern ist getrieben von Gefühlen und Standpunkten; immer schön anheizen! Das Eldorado der Unfreiheit. Und im Kanon der Massen tönt dann die eigene Meinung so schön laut, da ist man wieder wer. Wie Samstags in der Fankurve. Habe Mut dich deiner niedersten Instinkte zu bedienen! Auswärtssieg gegen Kant, zwei zu null. Wenn solch gefährlicher Unsinn erstmal normal scheint und nicht mehr hinterfragt wird, dann ist sowas wie „damals“ überhaupt erst wieder möglich. Egal wer dann oben sitzt, ob Faschisten, Kommunisten oder die neue Demokratiepolizei …

Heil Schwachsinn, nieder mit den Chemtrails und Reptiloiden!“. Bleibt gesund!

»Bei all dem Dafür oder Dagegen, im ewigen Ringen zwischen richtig und falsch, da verloren sie zuerst den Frieden im Herzen, und am Ende auch den Verstand.«

(Dieser Artikel entstand aus zwei spontanen Facebook-Kommentaren von mir. Doch wo es nun mal geschrieben ist, will ichs auch hier teilen. —eure J.J., Virologin und Historikerin, gelernte Gärtnerin, via Facebook)

Die Hütte des Shiwu

» das Unkraut ist inzwischen verdorrt
auf den Gräbern dieser einst eifrigen Menschen 
das Scheitern flüstert immer das letzte Wort
wohin führen leidenschaftliche Ambitionen schon
wo die Zurückhaltung nicht längst schon weilt
geködert von trügerischen Lichtspielen
landen am Ende auch die goldenen Fische im Topf
nur die Flügel der Mäßigung und des Entsagens
vermögen einen über den Horizont zu tragen
so fängt den Weisen nichts Weltliches mehr ein
er webt sich seine Robe aus dem Hanf
den er vor seiner entlegenen Hütte wässert «

 – Shiwu („Stonehouse“, Shih-Wu, 1272–1352,  chinesischer Einsiedler und Zen Mönch; ins Deutsche J. Jakait)

Begegnung

„Willst du dem Leben in aller Fülle begegnen, musst du dich auch dem Tod stellen.“

… nur Gedanken am Morgen im Bus zum Palliativkurs und zur Zeit im Hospiz.

Dazu passend:  „Ein Mann, dem Sterben nah, spürt die streichelnde Hand seiner Frau am Körper und meint liebevoll, er kenne die Hand schon seit vielen Jahren, so weich und schön habe er sie noch nie erlebt. Ein Gedicht, ein Liedvers dringt in die Seele ein, man will es immer bei sich haben, es ist so bewegend wie noch nie.“ (Quelle dhvp.de / Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e.V. / „Spiritualität in der Hospizarbeit“ / Seite 10)

Hinweis: Die Seite „Aktuelles“ wurde aktualisiert.

Im Nebel

Mein ganzes Leben lang trennte mich etwas vom wahrhaftigen Wunder des Seins. Ein Nebel, ein Schleier, ein Vorhang des Verdrängens und Vergessens, der mir und meiner Welt, seit meiner Kindheit schon, mehr und mehr „die Farben“ raubte. Ich nannte das, was übrigblieb, dann den Alltag, die Realität, – doch es war nur ein trügerischer Schein. Und ich ward mir dessen nur gewahr, wenn er bisweilen mal aufzog, der Vorhang; wenn er abzog, der Nebel. Dann stand ich im Licht und bekam den Mund nicht mehr zu. ‚Wir alle sind taub und blind!‘, meinte ich dann, aber kaum einer verstand mich. Wie auch. 

Die Jahre zogen ins Land, ich begann zu begreifen, wovon die Weisen dereinst in ihren Werken sprachen; und es ist wahr!, wir sind Gefangene des Geistes; in ihm gibt es kein echtes Wunder, kein wahrhaftiges Sein mehr; nichts Unvorstellbares. 

Der Weg aus dem Geist zurück in die Gedankenstille ist mühsam, – der Weg vom Kopf zurück ins Herz, zurück zu uns selbst, zu anderen und in die Wirklichkeit. Aber es ist der einzige Weg den wir gehen sollten; es ist der Weg der Liebe und der Weisheit – nicht der Macht und des Wissens!

Der Nebel zieht ab … ich staune, ich bin sprachlos, ich begreife. Nichts ist wie es scheint! Der Mensch gewöhnt sich an alles, und irgendwann nennt er es dann seine Wahrheit … die einzige. Leider.

Bring dich zur Welt

Verweile in der Stille;
alles ruht dort,
du ruhst dort!
Das Vorstellbare
kommt im Unvorstellbaren zur Welt;
und dann spielt es darin,
wie ein unwissendes Kind
das sich über den Dingen wähnt
und sich große Burgen aus Sand
am Ufer des Weltenmeeres errichtet. 
Die nächste Flut kommt gewiss
und reißt bald alles wieder hinfort.
Kehre um, tauche ein …
komm zurück nach Hause.

Dazu passend: Die Ashtavakra Gita
(gelesen von der Theravada-Nonne Jayasara aus dem Santi Forest Kloster)

„In silcence God ceases to be an object and becomes an experience“ – Thomas Merton

Das tiefste Gebet

Das tiefste Gebet drängt sich nicht über unsere Lippen; es erklingt nicht aus dem Verstand heraus; es bittet und bettelt um nichts, noch dankt es mit viel zu vielen Worten; nein, es steigt bedingungslos aus unserem Herzen empor. Und so ist unser tiefstes Gebet ein Gebet der Stille, der Sprachlosigkeit – ein Gebet des Daseins; allein darin drücken sich wahrhaftige Demut und auch Dankbarkeit aus. Im Sosein. Dieses Gebet erklingt dann auch im Wind, der durch unsere Haare fährt, und es erscheint in den Stahlen der Sonne, die unsere Wangen küssen. Dann sind wir mit unserem Gebet ganz bei Gott; dann hören wir, dann werden wir erhört. Jedes Wort an Gott ist ein Wort zuviel; in jedem Wort ist die Fülle und Wahrhaftigkeit des Augenblicks verdorben. Wie schwer es doch ist, wahrhaftig zu sein. – jj.

Dazu passend: „On the Road mit Thomas Merton“:

https://www.youtube.com/watch?v=GL6eNmGxnbQ

Über den Irrtum

Der menschliche Geist
ist gefangen im Vorstellbaren;
und darin stellt er sich vor,
dass er tatsächlich
etwas wüsste.

Gedanken zu:
„Das Unbegriffene verbirgt das Unbegreifliche, und deshalb soll es beseitigt werden.“
– Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, 1952

Religion besteht in nichts anderem als in einem Hinblicken. […] Man muss nur wissen, dass die Liebe eine Richtung und nicht ein Zustand der Seele ist.“
– S.W., Das Unglück und die Gottesliebe, 1950