Land ahoi!

Land in Sicht! Ich sehe wirklich Land! Was eine Überraschung! Hoffen wir, dass es nicht Indien ist, oder so eine ganz moderne Kannibalen Insel. Vielleicht ist es ja wie im Kino: Ich bin die letzte Überlebende auf Erden – oder ein Virus hat alle in Zombies verwandelt. Tzzzz. Nach drei Monaten (89 Tage) erblicke ich erstmals wieder etwas anderes als Wolken und Wellen am Horizont … und, gesegnet sei die Zivilisation: ich entdeckte ein schwaches Signal auf meinem Mobiltelefon. Noch kann ich mich nicht richtig einloggen, noch könnten Zombies im Spiel sein! Noch 25 Seemeilen, 46 Kilometer. Alles steht auf Go! Morgen früh, am 90sten Tag nehme ich die Landung in Angriff. Alles ziemlich hektisch jetzt, sehr emotional und die Nerven sind längst durchgedreht und über Bord gesprungen. Hoffentlich hält der Wind jetzt für weitere 24 Stunden. Bin heute Morgen kurz eingenickt und wurde böse von einem Squall bestrafft – fast drei Seemeilen weiter im Norden bin ich aufgewacht. Was ein Schock. DAS DARF NICHT WIEDER PASSIEREN! Noch so einen Fehler kann ich mir nicht erlauben. Aber es wird schwierig mit so wenig Schlaf nicht der Versuchung zu verfallen, nur mal ganzzzzz kurz die Augen zu schliessen. Sei’s drum. Jetzt koche ich Instant-Kaffee, hole das schwere Chemiearsenal aus der Luke für den Notfall und wappne mich für eine letzte Nacht, die schlimmste Nacht aller Nächte fürchte ich. Sollte ich es schaffen, werde ich dann natürlich gleich als nächstes ein Zombie-Gegenmittel entwickeln und die Welt retten … aber erst mal Eins nach dem Anderen. Und jetzt muss ich wieder raus. Denkt an die gedrückten Daumen, die kann ich vielleicht auf der Kannibalen Insel gegen mein Leben eintauschen! Also drücken, drücken, drücken!

Nur 48 Stunden

Also gut, einer noch! Ein allerletzter Eintrag, bevor ich mich endgültig unter Myriarden von Sandkörnern am Strand von Barbados vergrabe – oder noch wenigstens meine Füße in einer gigantischen Sandburg festzementiere, auf dass sie vorerst keine weiteren Abenteuerwege beschreiten können. Auf dass sie vorerst erst eimal zur Ruhe und Erholung verdammt werden. Ein letzter Blogeintrag vom Boot – für Euch, für das Meer, für meine Begleiter. Ein letztes Mal lass‘ ich hier den Sand der Zeit durch meine Finger rinnen, setze kleine Sandhäufchen auf meine Tastatur und beginne mit der Arbeit: Modelliere daraus kleine Luftschlösser für alle Abenteurer und Träumer dieser Welt. Und obgleich erst gestern ein mürrischer Zeitgenosse per Email mahnte und schrieb: mein letzter Eintrag wäre nur ganz knapp an „der Irrenanstalt vorbeigegangen“ – ich tue es wieder, kümmere mich nicht die Bohne um meine Metaphern und nehme, wenn’s denn sein muss, sogar am Ende noch die Schaufel und schlage alle Skulpturen wieder kaputt… auf das sich Neues daraus bauen lässt am folgenden Tag. Also… wer ist dabei?!

Es scheint fast, als hätt‘ ich so aus Versehen und/oder in voller Absicht den Treibanker ausgeworfen, als würde ich mit meinen Popeye-Ruder-Waden voll aufs Bremspedal latschen. Das ist keine optische Täuschung in der singenden, sengenden Hitze des Atlantiks, nein, ich verzögere den Höhepunkt! Und das auch gleich mal um ganze 24 Stunden! Geschätze Ankunft auf der Ziellinie jetzt erst nach genau 90 Tagen, also am Dienstag Morgen. Nichts mehr mit Montag!

Tatsache ist: Der Wind mag mich nicht gehen lassen. Er klammert. „Bleib, bleib, bleib Janice!“, ruft er. „Es kümmert mich nicht mehr, was ich dem Wetterbericht versprochen und gelobt habe zu tun.“, „DU BLEIBST HIER!“ Naja, so ganz grob und in etwa hört es sich jedenfalls an 🙂 Und um die Eindringlichkeit der Ausweglosigkeit der Abhängigkeit zu untermauern, wirft er tatsächlich alle Wetterprognosen über den Sandhaufen und drückt mich gegen die Schiffbruch-Küste der Insel. Auf das ich daran zerschelle wenn ich nicht augenblicklich mit dem (weg)rudern aufhöre. Auf ewig wären wir vereint, ich als Welle den Erdball umkreisend … das ist sein Plan dünkt mir. ABER NICHT MIT MIR! Ich rudere, ich stemme mich dagegen, Meter um Meter gewinne ich wieder an Distanz in den Norden. Dieser Kampf verschlingt allerdings die meisten meiner Ressourcen, und somit komme ich nicht mehr so schnell voran wie geplant. Würde ich weiterrudern wie bisher, immer damit beschäftigt nicht zu schnell von Wind und Strömung nach Süden getrieben zu werden, würde ich nun inmitten einer mondlosen Nacht auf der Zielgeraden (13°20.700N, 59°36.900W) ankommen. Wenige Meter bis zum nächsten Riff – unmöglich es zu erkennen in der Dunkelheit. Sicher könnte ich die schweren Brecher hören, was wenig helfen würde. Nein, das Risiko ist mir hoch. Viel zu hoch. Also dann doch lieber ein wenig bummeln und etwas länger zappeln. Muss ich wenigstens auch Nachts nicht ununterbrochen draußen bleiben wenn der Kurs mal steht. Fast 40 Fliegende Fische schlagen im Moment in den Stunden der Nacht ein, bombadieren mich und mein Boot. Ihr kennt mein Trauma…

Könnte aber schlimmer kommen. Das Wetter ist, abgesehen von den Windrichtungen und Windstärken, eigentlich traumhaft. Ich befinde mich am Nabel das Lebens, wohin ich auch schaue: schwarze Vögel, silberfarbene Fischeschwärme, pinke Seeblasen, gelbe Algen … blaue See und weißer Schaum – der Ozean hat die bunten Prachtkleider ausgepackt. Ich würde gern an meinem Hai-Trauma arbeiten -ihr wisst ja noch, der Wal der mich geküsst hat, und ich dachte nur noch ein Hai frisst mich- würde gern wieder baden gehen, aber der Ozean lässt mich nicht. Seit Tagen treiben Portugisische Galeeren mit ihren meterlangen Tentakeln im Wasser, und wo sie mal für ein Stündchen nicht zu sehen sind, nehmen große Barrakudas ihren Platz ein. Es lässt sich aushalten … gieße mir alle 30 Minuten einen Eimer Wasser über den Kopf und einen weiteren übers Deck, damit ich mir die Füße nicht verbrenne. Ich genieße die Unterhaltungsdichte, merke aber doch, dass ich innerlich ziemlich angespannt bin. Sehr wenig
Schlaf, dauernd erwische ich mich am großen Simrad Karten-Plotter, rechne und zeichne und hoffe dass der Kurs steht. Ich denke zwei Tage halte ich noch durch, aber um ehrlich zu sein: die Nähe zur Küste ist in so einem Boot ein Garant für reichlich Stress. Vorsichtig ausgedrückt.

Nun denn, noch 48 Stunden. Habt ihr noch genügend Daumen übrig?

Das wird noch blutig!

Je näher ich mich an die Insel heran rudere, um so mehr werde ich von den absurden Problemen meiner Logistik wieder eingeholt. Ich bin noch nicht einmal richtig im Vorgarten des Palmen-Paradises angekommen, da muss ich mich auch schon langsam wieder um den Rücktransport des Bootes kümmern. Wow, für 6800,00 US$ geht es per 40ft Container nach Hamburg. Nochmal: Wow!!! Das war eigentlich anderes geplant. Folglich müssen wir jetzt eine Alternative finden, vielleicht nach Antwerpen oder Rotterdam .. oder -und ich tendiere langsam stark dazu!- halt zurückrudern über den Golfstrom. Und überhaupt: Warum will ich das Boot eigentlich wieder nach Deutschland holen? Setzen wir es doch auf Grund!- Hat doch seine Schuld getan! O-D-E-R?

Ich habe total verrückte Pläne im Kopf. Das hier hört NIE mehr auf, so fürchte ich. Ich bin ein Vampir der Sinne geworden, und habe Blut geleckt. Viel Blut! Vielleicht rudere ich nicht sofort für ein halbes Jahr über den Pazifik, oder quere gleich nächste Woche nach dem Frühstück die Drake-Passage im Ruderboot … nein, aber ich habe spannende -und vor allem überraschende!- Gruselgeschichten für Vampirskinder im Kopf – das hier ist nie mehr vorbei! Es wird jetzt einiges an anstrenger Zeit an den Stränden der Insel benötigen, einige eiskalte Drinks für den heißen Kopf und schmerzhafte Massagen auf den Strandliegen, bevor ich endgültige Entscheidungen treffe und meinem Boot hinterher reise. Egal wohin und in welche Zukunft.

Ihr merkt es … ich drängle ein wenig, fürchte auch, es wird der letzte (Blog)Eintrag von See sein, den ich absetzten kann. Gesetzt dem Fall, dass nichts Ungewöhnliches mehr passiert und ich am Ende vielleicht doch nach Florida rudern muss … oder so. Nein, Es wird jetzt knifflig und so langsam packe ich im Boot alles um. Ich werde in den letzten Tagen und Stunden höchstwahrscheinlich sehr im Stress sein. Jetzt kommt es drauf an, jetzt muss alles passen. In diesem Sinne: Drückt mir eure drei Daumen, dass ich es standesgemäß zu Ende bringen und mein Boot in Kürze und eigenhändig im Hafen vertäuen kann. Danach bin ich wieder für euch da. Doch jetzt versuche ich einmal mehr mein Bestes zu geben und die letzten Atemzüge ganz bewusst und bewusst allein, ganz im Stillen, zu inhalieren.

Der genaue Ankunftstermin ist natürlich nach wie vor ein wenig spekulativ! Zuviele Faktoren sind noch unbekannt. Auch sollte ich nicht unbedingt im Sternenlicht den Riffen ausweichen. Ich rechne jedoch fest damit, dass ich am Montag Morgen, dem 20.2. die offizielle Ziellinie auf 59°36N, nördlich von Barbados überquere, und es dann bis zum Einbruch der Dämmerung bis in den Hafen schaffe. Dort existiert im Übrigen eine Webcam auf der ihr mir Sektkorkenknallend, Zigarrenrauchend und Raktenabfeuernd zuwinken könnt! Gehen wir’s an!

Ein Punkt am Ende der Karte

Erschreckend nüchtern tickt die Uhr, erschreckend nüchtern sehe ich nur: die Position auf meiner Karte, vor der ich sitz‘ und warte. Was passiert mit den Sekunden hinter dem Uhrglas nachdem sie abgelaufen sind? Ist da ein Zeitsack drin, hinten im Uhrwerk? Fallen sie da einfach hinein? Sekunde für Sekunde, abgeheftet mit einem Post-It auf dem eine kleine Erinnnerungsnotiz steht? 11:35:13 „Janice hat sich auf Barbados gefreut, hat gelacht!“ 11:36:26 „Janice mag den Anker auswerfen, mag nicht an Land, heult gleich wie ein Kind.“ 11:37:53 „Janice zurück an den Rudern, mit doppeltem Einsatz“ … so in etwa. Es müsste in der Uhr ein zweites Display geben, einen Ambivalenzmesser, der einfach nur in rot oder grün anzeigen und abstempeln würde, ob das benutze Post-It nur der Entwurf eines Gefühls war, oder endlich eine finale Version des Erlebens, ein Schlusspunkt hinter dem Akt.

Ich will nicht weg hier! Und doch, es ist so schrecklich wie ich das Land vermisse. Das Land mit seinen Menschen, denen ich auch immer so gern rote oder grüne Post-Its auf die Stirn geklebt habe. Hier und da, ganz sparsam, sogar rosafarbene. Alles mit grün und rosa mag ich unbedingt wieder in meine Arme nehmen. Möglichst bald.

Der Ozean ist noch nicht fertig mit mir. In den letzten Tagen spült mir der Wind mit bis zu 30 Knoten (Windstärke 7) wieder reichlich Wasser aus sechs Metern Höhe ins Boot. Muss dauernd pumpen an Bord meiner sich drehenden Waschmaschine. Und gestern Nacht ist mir auch wieder reichlich Wasser durch die hinter Luke in die Kabine eingeschlagen. Wollte nur kurz lüften, es war extrem heiß. Der Schwall ergoss sich über mein Gesicht, direkt auf Schlafsack, Matte, Decke und Kissen – alles triefnass. Danach, wie immer: verteilte es sich in der kompletten Kabine und allen Taschen und Aquapacs (Gott sei dank!). Habe irgendwie notdürftig wieder alles aufgemoppt und eine tolle Nacht im Nass verbracht. Wenigstens nicht mehr so warm. Jetzt kann ich schauen, wie ich bei aktuell 25kn den Kram halbwegs trocken bekomme. Werde mir jetzt aber erstmal einen halben Liter Trinkwasser über dem Kocher ausbalancieren und eine kräftige Erbsensuppe machen. Da kommen dann noch reichlich frisch Sprossen rein – im Moment mein Highlight hier: Essen!

Die alte Frau und das Meer

Ok, jetzt schlagen wir mal einen klitzekleinen Bogen von Elephant Island in die Karibik. Weg von Shackleton, hin zu Hemingway. Ganz im Ern(e)st: Ich habe meinen Blauen Marlin erwischt! Na ja, zumindest mit der Kamera, und wenngleich auch nicht sonderlich gut getroffen. Aber ich habe ihn! Ein vier bis fünf Meter langer, gigantischer Blauer Marlin, Trophäe meines monatelangen Kampfes im Ruderboot gegen die Elemente. Nun muss ich ihn nur noch auf einer Film-Speicherkarte nach Hause bringen. Und wenngleich keiner von euch an ihm am Ende wirklich satt werden wird, er wird die Träume meiner (eurer?) Welt nähren.

Weiss nicht, symbolisch für mich wieder ganz großes Kino. Nachdem ich nun schon Freundschaft mit meinem weißen schwarz-weißen Wal geschlossen habe… Nun denn: Noch 500 Seemeilen. Noch können die Haie meine Speicherkarten, mein Fotos, Videos und sogar mein Logbuch fressen. Können sich an meinem Marlin weiden. Es bliebe nur ein gigantisches Skelett, das hinter meinen Augen funkeln würde, wenn ich die Erlebnisse dieser Reise später mit der Welt teile. Aber vielleicht reicht das ja?!

Und trotzdem, vorsorglich lade ich den Fisch lieber mal doch schnell also Foto ins Internet hoch. Wie Hemingway’s Geschichte wohl ausgegangen wäre, wo der alte Mann, Santiago, nur ein Satellitentelefon dabei gehabt hätte? Hmmmm… aber womöglich hätte er gar nicht um Hilfe gebeten, nein, bestimmt nicht. Wird sich noch bis ans Ende seiner Tage am Skelett gelabt haben. Könnte ich was lernen von!

Noch längst nicht vorbei!

Das hier ist noch nicht vorbei! Wie konnte ich nur so naiv sein und anfangen die Tage zu zählen. Da verliere ich ein paar Meilen in den letzten Etappen, und plötzlich muss ich meine Rechnung neu aufmachen – muss ein, zwei, vielleicht sogar: drei Tage drauf rechnen. Das ist mental hardcore. Versteht keiner – aber es war wirklich blöd. Zog mich jetzt extrem runter am „Wochenende“. ALSO: Nichts ist vorbei! Das hier geht noch Wochen – nicht Tage, nicht Stunden. Jetzt folgt der wirklich herausfordernde Teil: Die Annäherung an die Insel. Nach tausenden Kilometern auf offenem Ozean, muss ich nun einen winzigen Zielpunkt auf der offiziellen Ziellinie nördlich von Barbados treffen. Der Hafen liegt dann auf der Westseite der Insel, der Osten ist absolutes Schiffsbruchgebiet. Ich muss also die Insel umrunden, darf auf keinem Fall an der Ostküste landen, darf aber auch nicht zu weit nördlich passieren, sonst treibe ich wieder aufs offene Meer heraus und kann die Insel nicht erneut gegen den Wind ansteuern und muss weiter in den Westen nach weiteren Inseln schauen. Die Küste ist zudem gesäumt von gefährlichen Korallenriffen – nein, diese Reise ist wirklich noch lang nicht vorbei! Ich steuere bestimmt auf den Punkt zu, rechne die Wetterszenarien durch und weiß genau, dass nun -nach der extrem anstrengenden Abfahrt in Portugal- der zweite hochkritische Abschnitt bevorsteht. Das Ruderboot ist für mehr also 12 Meter hohe Wellen gebaut wurden, kann schwere Stürme ab … aber Land und Korallenriffe, nein, nicht so dolle.

Ich ziehe also die Reißleine, höre mit dem Tagezählen auf und versuche mich wieder in meiner Welt hier einzuklinken. Wäre schade jetzt nur noch abzuwarten und die Zeit herunter zu rudern. Führt auch zu Unachtsamkeit. Es passiert doch noch soviel hier! Heute Morgen zum Beispiel! Irgend etwas kracht lautstark draußen in meine Niro-Funk-Antenne. Ich denke mir noch, es wird ein Fliegender Fisch sein, aber öffne die Luke und schaue in den Sonnenaufgang. Oh nein! Einer dieser großen, zauberhaften Tropikvogel ist gegen die Aufbauten gekracht. Es ist aber nicht Jack, mein alter Tropenvogelbegleiter, nein, der hier ist neu. Schaut dürr aus, scheint müde. Ich trete aus der Luke, darüber hält sich der Vogel direkt vor den Antennen in der Schwebe. Und dann passiert das Aberwitzige: Er versucht auf MEINEM KOPF zu landen! Kein Scherz! Er geht vor den Antennen runter, kann nirgends sonst landen mit seiner Flügelweite, und ich hebe nur noch meinen Arm und mache ihm GANZ GANZ GANZZZZ deutlich, dass ich das nicht mag! Ich gestikuliere ihm, dass ich versuchen werde die Antennen abzuklappen, dass er versuchen kann auf den Solar-Panels zu landen. Es sei angemerkt, dass etwa 15 bis 20 Knoten Wind herrschten. Ich drehe mich also um, will die Halterung öffnen, als ich direkt hinter mir am Bug ein Segel über dem Wellenkamm erblicke.

Keine Zeit mehr für den Vogel – ich brauche die Antenne doch noch! Ich stürme in die Kabine und rufe das Boot auf Notrufkanal. Es antwortet! Glück gehabt. Es dreht sofort ab. Wir hatten beide keine Kenntnis von einander. Weder AIS-, noch Radaralarm. Bei dem Wellengang konnten wir auch die Lichter nicht eher sehen. Ein französischer Einhandsegler, soweit ich ihn verstehe. Will nach Martinique. Wir unterhalten uns in seinem gebrochenen Englisch, tauschen Webseiten, schießen Fotos (sind online!) und verabschieden uns mit ein paar Scherzen, die er auf Kosten meines winzigen Bootes macht, und dem langen Zeitraum, den ich bereits darin verbringe.

Ich suche den Vogel – Fehlanzeige. Nur Murphy, meine treue Sturmschwalbe, dreht inzwischen ihre drei Runden im Sonnenaufgang ums Boot, und wir werfen uns wie immer die Küsschen zu. Seit Portugal, seit Portimão, seit 75 Tagen folgt er mir! Aber der Tropikvogel ist verschwunden. Klar mach ich mir einen Moment lang Vorwürfe. Aber was soll ich denn machen. Jack, sein Tropikvogel-Schwippschager, versuchte auch schon ein paarmal zu landen, hat es auch nicht geschafft und es geht im nach wie vor bestens. Also. Diese Vögel leben in der Luft, ich glaube nicht dass sie auf Boote angewiesen sind, um mal zu verschnaufen. Und trotzdem, das war mir etwas zu hastig heute, hoffe er war nicht entkräftet.

Ich rufe nochmals den Franzosen über Funk. Frage ob er meinen Vogel mitgenommen hat. Er lacht, aber verneint. Na ja. Auf der anderen Seite denke ich kurz daran, dass ich ohne den Vogel das Segelboot vielleicht erst viel zu spät bemerkt hätte und wir womöglich, entgegen aller Wahrscheinlichkeiten, am Ende noch zusammengerauscht wären. Das war wirklich knapp, wie ihr ja auf den Bildern sehen könnt. Bevor er abdrehte, folgte er meinem Kurs. Als ob der Vogel nur kam um … ach … es ist wieder so weit, diese seltsamen Gedanken, die sich hier draußen soooo oft aufdrängen bei all den Zufälligkeiten.

CUT. Auch wenn es ziemlich rau ist, ich komme jetzt wieder etwas besser im hohen Schwell voran. Genieße bis zu 6m Wellen, und nutze die Chance und mache endlich mal ein Foto von Fliegenden Fischen. Lebend! IN DER NÄHE! In der Luft! Das war eine schwere Geburt! Sind sie weiter weg als 5 Meter, sieht man nix auf dem Film. Kommen sie zu nahe, krachen sie aufs Boot. Also: Nach tausenden Fischen die ich fliegen gesehen habe, und nach mehr als zweihundert die ich inzwischen MEIST tot oder halbtot im Cockpit fand: Endlich ein Video mit gesunden fliegenden Fischen!

Damit habe ich eigentlich meinen Foto/Videokatalog voll. Na ja … eine Sache fehlt noch … eine kleine. Und nein! – es ist kein Foto von mir selbst. Habe nach eurer Kritik endlich eines hochgeladen heute! Nein, es ist eine andere Sache die ich mir insgeheim noch auf Video wünsche. Eine Wasserhose, ein Tornado auf dem offenen Meer. Jaaaa …. ich weiß! Aber das wäre ein tolles Finish. Na ja, noch genug Zeit!

Es wird Zeit

Ich habe ein wenig den Faden verloren, weiß nicht mehr so recht, was ich zuletzt im Blog geschrieben habe. Klammere jetzt im Boot, tippe mich auf meiner Tastatur gegen drei oder vielleicht vier Meter hohe Wellen voran, versuche mich trotz des Windgesäusels zu konzentrieren. Soviel ist wieder passiert inzwischen – ganz bestimmt. Und so oft wollte ich auch darüber bloggen – ganz gewiss. Nun ja. Man erwartet vielleicht, dass Menschen auf See, in völliger Einsamkeit, schrecklich kreativ werden, ganze Blogbibeln im Schlaf verfassen. Sofern sie überhaupt schlafen können in ihrer Furcht, nicht doch noch eine Gegebenheit nicht mit den Lesern auf Facebook geteilt zu haben, ETWAS VERGESSEN ZU HABEN.

Dem ist nicht so. Nicht mehr. Der Kopf wird ständig von Silberkugeln durchlöchert, nein, kreativ sein ist anders, nicht blau. Hier passiert etwas anderes mit mir. Also, bevor ich lange herum eiere: Ich verliere den Bezug zur Tastatur, zu einem Publikum, dass ich nicht sehen kann. Oh je … wie kann man nur so was sagen! Ich möchte euch gern vor mir haben, in eure Augen schauen, euch anschreien mit meinen Gefühlen und euch berauschen mit Bildern und Filmen in Leinwandgröße. Oder besser noch! Würde euch gern ergreifen, euch aus euren Betten herauszerren heute Nacht und in dieses Boot stopfen. Euch alle! Alle fünf Leser dieses Blogs! Na ja, vier, einer kann nicht schwimmen weiß ich. Aber dieses Tippen auf einer Tastatur… xyz. Sogar die Regentropfen, die jetzt auf mein Boot herab segeln, erzählen mehr von dieser Reise als jedwede Kombination von Buchstaben jedweden Alphabetes. Und wenn in Nerudas Büchern der Regen eben in zauberhaften Bindfäden fällt, er würde trotzdem jede Tinte aus dem Papier seiner Seiten waschen, in einer einzigen Nacht.

Es ist …. ja, es ist, als ob man versucht die Unglaublichkeit des Erlebens mit einem Skalpell zu sezieren, nur um sie in kleinen Portionen dann besser in den Ofen werfen zu können. Der Ofen ist die Virtualität, die ich hier gerade zu befeuern versucht bin. Mit einem Ofenrohr, das so schmal ist, dass ich dann auch noch die wenigen bunten Bilder mit der Axt kaputt-komprimieren muss, um sie da hindurch zu bekommen. Am Ende hustet der Schornstein verrußte Pixelbilder in den Twitter-Himmel, und hier und da ne 140-Zeichen Sprechbase dran mit meinem Senf drin. So auch heute … Walpixel. Ich verabschiede mich von zwei Minkewalen, mit denen ich Stunden verbracht habe, die ich sogar wieder berühren konnte. Ich winke ihnen nach, meinen Winke-Minkewalen, doch halte mich dann gut fest, wo sie ein letztes mal ganze Wellenberge ausfüllen und mit einen Affenzahn ÜBER MIR nur einen Meter seitlich am Boot vorbei rauschen. Dann abbremsen, sich umdrehen, das Rostrum aus den Wellen schieben und mich kurz anschauen. Also würden sie mich fragen, wie ich’s denn fand … und der kleine Wal wollte dann sicher auch wissen, ob ich denn wenigstens ein wenig gezittert habe ob seiner Größe, die immer noch der meines Bootes entspricht. Ich würde es bejahen. Mutterwal würde lachen.

Ich verabschiede mich, schalte die Kameras aus und werde erst gar nicht versuchen diesen Moment ausführlich über dieses Blog-Medium zu transportieren. Diesmal nicht. Es wird nicht gelingen! Ihr würdet stauen, vielleicht, den Kopf schütteln, euch Bilder hinter die Stirn malen von einer Walmutter und ihrem Kind, die von einem Ruderboot fasziniert sind … aber ich interveniere und bestreike die Gefühlsautobahn! Es geht nicht mehr, ich kann aus Superlativen keine weiteren Superlative herauspressen. Ich bin auf beiden Seiten an meinen Grenzen der Unfassbarkeiten angekommen, im Schönen wie im Hässlichen, und ich denke es ist nun an Zeit, dieses Boot wieder in einen Hafen zu rudern. Ich kann nicht mehr. Werde sonst den Rest meines Lebens im Rauschzustand dahindämmern, alle Sicherungen im Kopf durchgeblasen.

Der Regen wird stärker, die Tropfen hämmern nun auf meine Kabine, Neruda ist wohl angesäuert jetzt und schickt Nägel statt Bindfäden. Die Wellen schieben heftiger, bestimmter. Ich muss hoch. Ein weiteres Unwetter dass das Salz des Tages vom Boot waschen will. Der Wind ermahnt mich, erinnert mich ständig daran dass ich wachsam bleiben muss. Noch ein wenig. Vielleicht noch 19 Tage, könnte reichen, dann setze ich nach Monaten wieder einen Fuss auf die Erde. Verlasse diesen unfassbar großen Ozean für eine Weile, bin dann selbst ein Regentropfen der über den Himmel erstmal wieder auf die Erde fallen will, um im Grundwasser, zwischen den Wurzeln alter Bäume, sich wieder zu sammeln. Dann regne ich wieder auf euch hinab … mit Blitz und Donner!

Noch knapp 800 Seemeilen. Ernest Shackleton hat diese Distanz auf einer Arschbacke abgessen, als er von Elephant-Island aufbrach um seine Crew der Endurance Expedition zu retten. Also: Kinderspiel! Bin fast da! Die Schildkrötenkollisionen nehmen wieder zu 🙂

Im Strom der Unglaublichkeiten

Was habe ich noch gestern Nacht geschrieben? : „Und am nächsten Morgen zieht der Ozean wieder seine schönsten Kleider an und versucht mich wieder zu versöhnen“. Oder so ähnlich. Haha. Heute hat er offenbar auch die schönsten Schuhe angezogen, sonst würde ich ja nicht sofort wieder einen Eintrag im Blog hinterher schieben. Ohjeeeee … heute hat er mich komplett um den Finger gewickelt. Sprachlos saß ich heute morgen da, unfassbar, unglaublich!

Seit Tagen sehe ich immer wieder eine schwarze Finne. Naja, ich meine, ich bin mir immer fast sicher gewesen. Aber so schnell wie ich reagieren konnte, war sie auch gleich wieder verschwunden. Hätte ja auch ’ne Welle sein können, und mein Kopf malt sich dann einen Wal unten dran. Würde mich längst nicht mehr wundern. Aber gestern war ich mir wenigstens so sicher, dass ich zumindest mal kurz die Flosse bei Facebook erwähnt habe. Mensch, kann doch nicht wahr sein. Und dann, fast immer trieben seltsame, wellenlose Wasserflächen von fünf bis zehn Metern Durchmesser auf dem Ozean. Schwer zu erklären. Als hätte jemand einen Tropfen Seife oder Öl ins Meer getröpfelt. Die kleinen Wellen brechen dann zusammen, ihr kennt das, Physik Klasse 4. Sind das Zeichen SEINER Anwesenheit? Hat er etwa ins Wasser gepinkelt? Aber aber! Oder sind das Atemspuren? Und überhaupt, wie oft höre ich einen Wal abblasen. Kann ihn nicht entdecken wenn ich mich umdrehe oder die Luke öffne – sicher, alles nur
Einbildung …

Heute Morgen das gleiche Spiel. Ich öffne die Luke, eine schwarze Finne taucht ab. Direkt vorm Bug. Und wieder dieses Spots im Wasser. Ich hatte keine Eile, griff aber zur Kamera. Erwartete nicht wirklich einen zweiten Blick auf mein Fabelwesen erhaschen zu dürfen. Aber Irrtum Madame! ER IST ZRÜCK! MEIN WAL IST ZURÜCK! Ihr erinnert Euch? Der schwarze Wal der mich beim Rumpfschrubben geküsst hat. (Auch wenn der Moment eher panisch als romantisch war). Direkt neben dem Boot taucht er plötzlich auf, bläst, rollt langsam seine ca. 8m aus dem Wasser und verschwindet wieder. Irrtum ausgeschlossen! ICH WUSSTE ES! ICH WUSSTE ES DIE GANZE ZEIT! Dieser Wal folgt mir. Ich bilde mir das nicht ein! Und es war kein Zufall dass er mich abgestumpft hat – er war zu diesem Zeitpunkt sicher schon längst auf meiner Spur, war neugierig, nutze die Chance für eine persönliche Begrüssung. So in etwa. Ich bin mir sicher dass es der gleiche Wal ist. Die Kette an Hinweisen, nein, das ist kein Zufall. Und selbst wenn: Jetzt habe ich kein Interesse mehr an Logik und wissenschaftlichen Einwänden dass Wale so etwas nicht tun, dass Wale Booten nicht zwei Wochen lang folgen. Ich kümmere mich jetzt nicht mehr um Wahrscheinlichkeiten und alternative Erklärungen. Ich werde für den Rest meines Lebens diese Version der Begebenheit ausatmen: Es ist MEIN Wal!

Aber Achtung: Also wäre das nicht schon unglaublich genug:

Die Kamera läuft. Ich rufe ihn. Juble dass er sich wieder richtig zeigt und kein Versteckspiel mehr betreibt, die Scheu ablegt. Frage mich was er will, warum er mir folgt, was nun als nächstes passiert. Noch ein Kuss? Hat er sich verliebt? Haha. DA TAUCHEN PLÖTZLICH MEHRERE FINNEN AUF. Immer etwa 5 bis 10 Stück, im Wechsel. Mindestens 30 insgesamt, wenn nicht 50! Ach, was habe ich mir die Augen gerieben! DELFINE! Ich kann es nicht glauben. Ich weiß der Gedanke ist absolut absurd, aber sofort steigt er mir in meinen Kopf: Der Wal hat mir Delfine vorbeigebracht. Graue lustige Winzlinge von anderthalb Metern, die mir aus Richtung des Sonnenaufgangs mit ihren Finnen entgegenwinken.

Ehe ich mich halbwegs einkriege, ist das ganze Boot das Zentrum eines Delfinschwarms. In allen Richtungen, unter, neben, vor dem Boot. Was ein Spektakel, wie ihr auf dem Foto seht. Sie rollen, klatschen aufs Wasser. Ich glaube wie ein kleines Kind, dass sie sich köstlich über die Überraschung amüsieren. Unterwasser hört die Kamera jedenfalls ihr Geschnatter.

Ein paar Minuten später sitze ich an Deck. Ich sitze einfach nur da. Ich bin sprachlos, ich bin wirklich zutiefst ergriffen. Aus der tiefsten Tiefe meiner Seele, und der des Ozeans e-r-g-r-i-f-f-e-n. An Wunder glaube ich nicht, aber DAS … das war eine Hausnummer!

Es wird wieder totenstill. Wirklich: totenstill! Diese unglaubliche Stille ist für mich die intensivste Erfahrung auf See. Jetzt erklärt sie endgültig den Moment zur Magie. Sie ist sehr, sehr rar hier. Nichts, GARNICHTS ist zu hören. Die See glättet sich. Kein Wind. Die Sonne schickt sich an in Kürze jeden Gedanken lautlos zu versengen.

Der Verstand ist durchaus in der Lage diese Stille für eine gewisse Zeit zu erdulden, er füllt sie mit mutigen Gedanken. Ermutigt sich selbst in der Dunkelheit der Stille. Aber wie bei einer Sonnenfinsternis, umhüllt ein schwarzer Schatten die Ohren und ein sanfter Druck in der Kehle erinnert daran zu schlucken, was einen leichten Druck, einen kurzen Geräuschimpuls, über die Ohrtrompete ans Trommelfell schickt. Keine Stimme spricht, keine Uhr tickt, nichts knistert im Gebälk meiner Welt zwischen Kiel und Ruder … ich sehne mich, ohne es sofort zuzugeben, nach einem sanften Geräusch, nach einer Stimme. Wie einsam wir sind wenn wir nicht mehr kommunizieren, gar nichts mehr hören können. Wenn wir Momente wie diese nicht teilen können. Würde gern den Kopf ins Wasser tauchen, das Geschnatter der Delfine hören, soweit weg können sie ja nicht sein. Ich möchte teilhaben am wilden Leben. Naja … da schliesst sich der Kreis. Würde wahrscheinlich Kopfschmerzen bekommen wenn der nächst
e Tanker vorbeifährt. Ich rudere nicht wirklich für die Stille merke ich … ich rudere für das Recht jedes Lebewesens auf Kommunikation, und ich rudere damit auch ICH endlich wieder eine Stimme hören kann … damit ich erzählen kann was mir hier Unglaubliches passiert ist!

Die neuen Drückerfische, die sich meiner spirituellen Party angeschlossen haben, jagen im Wasser. Schnappen nach allem was sich bewegt. Tauwerk, Ruderblätter … sicher auch Zehen und Finger. Ich lächle. Setze mich an die Ruder, schiebe mich weiter gegen die Strömung, ohne Wind in die spannende Zukunft auf See, doch letztlich vor allem wieder dem Land entgegen.

Und der Wal? Kommt er wieder? Wird er mich weiter begleiten? Vielleicht war es ein Abschiedsgeschenk, die Delfine meine ich. Ach, Herrje – wie höre ich mich denn bloss an!? Wie eine 5jährige die gerade Free Willy geschaut hat. Schluss jetzt! Nicht weich werden Janice! Bald wird es wieder dunkel, und die Haie bitten um Aufmerksamkeit und Mut … da wird dir dann leider kein romantischer Haifilm in den Sinn kommen. Leider.

Zahn der Zeit

Natürlich gäbe es ganz akut wieder jede Menge Doping für die Augen. Gäbe es so viel zu schreiben und zu zeigen. Aber heute verweise ich mal ganz dezent an meine zahlreichen Twitter und Facebook Einträge, und verwöhne euch nicht mit einer langen Gruselgeschichte über das garstige Unwetter, die hinterhältige Kreuzsee, die Geisterschiffe der Nacht und die leuchtenden Doraden im Tageslicht. Das alles habt ihr unlängst auf den letzten Bildern entdeckt. Nein, etwas anderes wird heute als Bettgeschichte serviert.

In den letzten Tagen wurde ich mehrfach in Telefoninterviews (SWR2 Link bei Facebook!) gefragt, was denn nun bisher am Gefährlichsten, am Anstrengendsten, am Spannendsten gewesen wäre. Und natürlich kommen dann gleich die Haie, Tanker, Gewitter und Treibnetze. Aber gerade in den letzten Tagen bemerke ich auch, wie sich mein Verstand neu kalibriert. Ich reflektiere das Funkeln des Angstschweißes nun aus einer anderen Richtung, beobachte verstärkt wie ich mich verändere, wie ich mir Vermeidungsverhalten antrainiere, Schwächen zeige und mich innerlich aufreibe. Wie ich aus dem Wasser getrieben werde von meinem Kopf, nicht von Haien, nicht von Stürmen. Ich stelle fest, dass diese Herausforderung in der Diversität und konstanten Überfrachtung mit Eindrücken besteht. Es gibt nicht mehr DAS EREIGNIS welches mich erstarren lässt und mich zu zerbrechen versucht. Es ist die Zeit die mich aufrisst. Am Anfang nagt sie noch. An den Knochen, den Gelenken, im Kopf … aber nach fast zwei Monaten verzehrt sie sich nach meinem Verstand, schlingt, frisst mich mit Haut und Haar.

Nie zuvor hatte ich Probleme einzuschlafen. Doch das Schmatzen der Zeit ist Nachts am Lautesten, direkt neben meinem Ohr höre ich, wie die Uhr mit dem Zeiger das Zifferblatt nach mir leckt. Seit Tagen kämpfe um etwas Schlaf. Es ist heiß in der Kabine, die Wellen der Kreuzssee krachen an die Bordwand, gewaltige Gewitter entladen ständig ihre Schadenfreude in Blitz und Schauer über meinem Boot. Ich warte den nächsten Einschlag ab, und öffne die Luke um etwas Sauerstoff einströmen zu lassen, um nur für zwei Augenblicke die Kühle es Windes atmen zu dürfen und mir vom Regen die Stirn erfrischen zu lassen. Doch ich schalte das Deckslicht nicht an. Weiß, dass ich wieder nur überrascht werde, mir wieder der hohe Puls die zarte Müdigkeit aus den Adern pumpen wird, wenn ich nur sehe, was da wieder auf dem Deck liegt. Nach nun mehr als einhundert toten Fischen, noch immer findet sich eine Überraschung. Gewiss. Sei es ein noch lebender Tintenfisch, der sich mit Saugnapf und Farbe gegen seine Befreiung wehrt, sei es eine Welle, die außerplanmäßig von der anderen Seite einschlägt und mir fast wieder die Kabine flutet. „Ich darf nicht!“ „Ich sollte nicht!“ Was immer ich tue, eine Ausrufezeichen wird den Gedanken abschließen.

Die letzte dieser Nächte, zeigte mir wieder wie grausam und chronisch mein Verstand gefoltert wird. Ich liege in der Kabine, etwa alle zehn Minuten schlägt ein Fisch auf dem Deck ein. Dazwischen höre ich die dumpfen Einschläge von Fischen an der Kabine aussen, die ich gar nicht erst zu zählen vermag. Ich quäle mich hoch, schätze die See ein. Öffne die Luke und stülpe mir eine Tüte über die Hand. Da liegen sie, die Kiemendeckel verkrampfen fast, sie ringen um Luft. Springen bei jeder meiner Bewegung umher. Die „Flügel“, die Seitenflossen, weit abgespreizt. Ich überwinde mich, habe definitiv längst ein Trauma, auch wenn jeder Angler jetzt darüber lachen wird. Ich versuche die Fische zu greifen. Schwierig. Glitschig. Darf die Flossen nicht abknicken. Muss aber auch fest zupacken, sonst schlüpfen sie zappelnd wieder in die nächste Ecke. Meist bluten sie, entgleiten mir. Das Deck ist längst blutverschmiert. Manchmal sind sie so verletzt, dass ich … naja. Es ist grausam. Ich werfe sie ins Wasser, ahne aber, dass die Doraden längst warten und ihnen auch eine Zweite Chance verwehren. Nehme auch stark an, dass die Doraden (ich habe bis zu unglaublichen 50 Stück davon unter mir) nicht ganz unschuldig daran sind, dass soviel Fliegende Fische im Boot landen. Wann immer die Doraden tagsüber abwesend sind, kann ich die Kamera schnappen. Es beginnt die Jagt, circa 50m vor meinem Bug. Hunderte von Fliegenden Fischen flüchten. Manchmal springen die Doraden sogar hinterher. Unglaublich wie viele es davon geben muss.

Nun denn, werden die Gewitter zu heftig, die See zu grob, so sind mir Nachts die Hände gebunden. Das Risiko ist zu hoch dass mir etwas passiert, ich kann nicht mehr wegen jedem Fisch raus, riskiere damit irgendwo ab einen gewissen Punkt auch mein Leben. Da liege ich in der heißen Kabine verkrochen, finde es feige mir Kopfhörer aufzusetzen. Aber ich muss schlafen. Das geht nicht wenn auf der anderen Seite der Luke Fische lautstark zappelnd und springend gegen den Tod kämpfen oder wenige Zentimeter neben meinem Ohr gegen die Bordwand krachen.

Das geht nun seit Tagen so. Die Gewitter, die See, tun ihr übriges um mir den Schlaf zu rauben. Das Wetter ist sowieso eine Katastrophe, der Wind versucht mich nach Norden zu drücken. Also muss ich noch mehr rudern. Die Hände weichen auf im Regen, die Blasen reißen auf. Die Fingergelenke sind chronisch durch. Ich benötige Morgens mehrere Minuten um die Finger überhaupt wieder gerade Strecke zu können. Die Knie, die Achillessehne. Am schlimmsten die Schultern. Und dann liege ich in der Kabine, und kann meine Arme nicht mal ausstrecken, liege eingepfercht zwischen den Netzen, den Kojensegeln. Klemme mich dazwischen fest um nicht im Seegang herum zu rutschen. Die Schultern bekommen keine Auszeit, die Knie wund, die Ellenbogen wund. Auf der Seite liegen: unmöglich wegen den Schultern. Liege ich auf dem Rücken, liege ich mit kaputter Haut vom Rudersitz auf. Auch nicht besser. Auf dem Bauich schlafen geht gar nicht, dann wird mir schlecht.

Der Wind drückt und drückt. In die falsche Richtung. Es ist frustrierend zuzuschauen, wie mir wieder Seemeile um Seemeile geraubt wird. Ständig muss ich den Kurs prüfen. Das Schwert einschieben, die Droge auswerfen. Ruder trimmen. Ständige dreht der Wind wenn Gewitter queren. Aber ich kann nicht 24 Stunden rudern. Ich kann auch nicht 24 wachbleiben. Kann aber auch nicht schlafen.

Heftiger Schlafentzug also im Moment. Es sind all diese Kleinigkeiten. Jede von ihnen einzeln wäre eine Witz. Doch in ihrer stetigen Präsenz über einen so langen Zeitraum, zermürben sie Körper und Geist. Es ist die Zeit die mich aufrisst. Und die Erwartung: Es könnte noch schlimmer werden. Und just wo man selbst meint nun alle Qual zu kennen, wird man wieder von einer neuen Situation überrascht. Das schürt langfristig eine stetige Erwartungshaltung, das ist anstrengend.

Nach wie vor komme ich damit klar. Und stehe dann Morgens vor dem Sonnenaufgang, teil plötzlich ruhige See. Als wäre nichts gewesen in der Nacht. Die Vögel kommen zurück, der Ozean zieht sich seine schönsten Kleider an um mich wieder zu versöhnen. Ich steige in die Achterbahn, schnelle mich an und lasse mich wieder nach oben ziehen.

Auch Haie mögen kuscheln!

Ach, dachte sich der Ozean: Die gute Janice ist so auf Wale eingeschossen, ich glaube sie braucht mal etwas Abwechslung. 3:00 UTC heute Morgen werde ich aus dem Schlaf gerissen. Mein Ruder schlägt laut. Sehr laut! Ich öffne die hintere Luke, sehe im Mondlicht nur noch, wie etwas abtaucht. Okkkkayyyyy. Der Vorfall wird bei meinem Glück zur Zeit sicher noch an Dimension zunehmen, dachte ich. Und schon hörte ich das altbekannte Reibgeräusch am Rumpf, Backbord. Nicht nur so ein vorsichtiges Schrubben wie beim letzten Mal. Oh je … was ist nun wieder los. Die See war absolut ruhig – die Ruhe vor dem Sturm. Ein weiteres Gewitter lag vor mir wie ich später feststellen sollte. Plötzlich rollt das Boot! Reiben, Rollen, Reiben, Rollen. Das muss ein großer Hai sein. Ich öffnete die vordere Luke, stieg natürlich erstmal nicht aus. Taschenlampe raus, jap! ein Hai. Ich sah ihn Mittschiffs, er schlug dennoch gegen mein Ruder. Also mindestens 3.6m lang. Sicher etwas mehr.

Mit einem Puls von 200, startete ich die Tonaufnahme unter Wasser. Sehr laut! Ich stieg ein ins Konfliktmanagment mit dem Versuch einer vernünftigen Unterhaltung. Bat ihn darum mein Ruder schleunigst in Ruhe zu lassen. Nichts passierte. Er rieb mir weiter die Muscheln vom Rumpf. Ich wurde lauter. Nichts. Decksflutlicht an: Nix. Ok, dann die harte Tour: Ich schaltete alle vier Lautsprecher an, volle Lautstärke: „out of our minds, von Melisssa Auf der Maur“ ertönte. Aber auch das schien ihm eher zu gefallen Mist! Ich montierte ein 240 Lumen Strobelight am Kamerastativ und tauchte es neben ihm ins Wasser. Weg war er!

Ja, super Nacht wieder. Doch noch war sie längst nicht vorbei. Als ich gegen 7:00UTC (5:00LT) erneut aufwachte, zähneknirschend, schlecht träumend, da rollte das Boot wieder -heftig- und wieder rieb etwas am Rumpf und schlug dagegen. Nicht so laut wie vorher. Es klang viel mehr nach einem Hai mit etwas zarterer Haut. Ich hatte Probleme aufzustehen bei der Bootsbewegung. Ich öffnete die Luke. Kreuzsee. Mal wieder. Richtig rau, Gewitter direkt vor mir. Das gibt es doch nicht! Ich traute mich nicht raus. Wusste nicht was unterm Rumpf wirklich los ist. Kann ja auch ein Wal sein, und das Boot kentern. Bei dem Seegang … nicht sehr wahrscheinlich, aber mit genug Schrecken im Kopf klingt alles plausibel!

Ich legte mich wieder hin. Fühlte mich hundeelend. Mir wurde extrem schlecht. Bauchschmerzen. Mental war ich völlig ausgeklinkt. Das war einfach zu viel alles. Erst der Wal, dann der Hai und jetzt schon wieder Besuch. Weiß nicht. Lag da, übergab mich, starte an die Luke. Lies den Hai -es war sicher einer- gewähren. Ich wartete nur noch auf den Sonnenaufgang. Etwa 1 Stunde später wurde es hell … naja, hell genug mit einem Gewitter vor der Nase.

Die letzten drei Tagen waren wirklich taff. Das schlucke ich nicht mehr einfach so runter. Bin etwas angeschlagen, auch mächtig frustriert wegen dem Strömungswirbel, dem Wind, wegen dem großen Umweg, den dauernden Gewittern. Habe mindestens drei Tage verloren. Nach wie vor hängt mir die Begegnung mit dem Wal nach. Ich benötige eine Pause!

Der Wechsel zwischen unbeschreiblicher Glückseligkeit und Sorge scheint hier arg beschleunigt. Staunt man am Abend noch darüber, dass die Sterne, das Venus dieses Unglaubliche Firmament als Lichtpfade auf das Wasser zeichnen, so liegt man wenige Stunden später flach unterm Kabinendach und ist mental im Ausnahmezustand. In unzähligen Variationen und Schärfegraden wird genau dieses Gericht hier täglich serviert. Entweder man frisst es, oder man verhungert im Kopf. Hardcore.

Ich mag Haie. Bin fasziniert von ihrer Eleganz, ihrer Anpassung, ihrem Sozialverfahlten. Finde es grausam wo sie zu Hunderttausenden als Beifang qualvoll verenden. Aber ich habe auch gehörig Respekt vor ihnen in meinem kleinen Boot. Immer im Hinterkopf das mein Boot kentern könnte und ich ins Wasser muss. Naja … durchatmen. Ich muss weiter.