Vorsicht am Bahnsteig!

All das Geheuchle und Gewimmer,
über Moral und Empathie,
doch der Mensch ändert sich nimmer,
der Mensch ändert sich nie.
Jetzt dunkle Tage, reichlich Sorgen,
sich irgendwo halt Hoffnung borgen.
Die Aktien stürzen in den Keller,
bald schon klettern sie noch schneller;
so ists auch mit des Menschen Wesen,
schon in zwei Jahren, nichts gewesen, –
ist nur vorbei der ganze Spuk,
folgt gleich der nächste Höhenflug.
Der nächste Zug nach Nirgendwo
rauscht schon heran, im Eiltempo,
und Augen zu und Hopsasa,
wer zweifelt ist als Letzter da!

Herr der Zeit

Du wirst einen Punkt im Leben erreichen,
da alles Denken und Wirken keinen neuen Weg
mehr eröffnet und auch keinen Ausweg schafft.
Da steht die Wahrheit dann vor der Tür und
reicht dir ihren Kelch. Und alles andere,
wahrlich alles andere würdest du trinken,
damit du nur weiter träumen kannst, deinen Traum,
doch nicht der Wahrheit bitteres Gebräu.
Du hast leider auf Sand gebaut, bald schon kehrt
das Meer zurück, um alles wieder zu verschlingen –
dich, dein Leben, deine ganze verherrlichte Welt.
Du spielst auf Zeit, dabei kreiste die Zeit
schon immer wie ein Geier über deinem Haupt,
wann immer du ruhtest, aaste sie schon an dir, –
und seit deiner Geburt fütterst du sie auch noch,
wähnst sie als einen treuen Gefährten
und meinst, sie würde für dich arbeiten.
Nichts aber ist so faul wie die Zeit,
letztlich fällt ihr alles in den Schlund.
Schau in den Spiegel, wie sie dich zurichtet,
welche Lügen willst du denn noch herunterspülen,
um dir ihr Wirken und Verwirken schönzusaufen?
Schau vor deine Füße, wie sie jeden Weg verweht;
nichts hat sie je geboren, alles nur ewig neu verdaut.
Lass doch ab von den ganzen Märchen,
greif besser gleich zum Kelch der Wahrheit,
trink einen einzigen üblen Schluck nur,
dann geh elendig an ihr Zugrunde.
Da kannst du endlich aus ihrer Asche steigen,
und nichts mehr vermag dich zu verbrennen,
nicht in dieser Welt, noch in jeder anderen.

Niemals und nirgendwo

Bevor der Mensch überhaupt wieder etwas Bedeutsames wissen kann, muss er erst einmal aufhören, so viel zu denken; und erst wenn er auch zu schweigen weiß, da hat er wahrlich etwas zu sagen. Der nur, der in Bescheidenheit und Demut in seine Seele hinabsteigt, der seine Scheinheiligkeit und Ahnungslosigkeit im Lichte Gottes erfährt, der seine Fesseln erkennt, der allein kann mit weitem Herzen und offenem Geist wieder ins Unvorstellbare emporgehoben werden, – der jedoch, der nur selbstgefällig und selbstherrlich nach oben strebt, in seiner engen und kleingeistigen Welt, er stürzt am Ende ins bodenlose Nichts. Niemals und nirgendwo werden seine Wurzeln Halt finden, und niemals und nirgendwo vermag seine Seele zu wachsen und zu blühen. Sein Leben ist nichts als die Zeit, die ihm davonläuft.

Der erste Verlierer-Kongress

Mehr Motivation, mehr Reichtum, mehr Erfolg! – das sind die täglichen Heilsversprechen der Werbung in meiner Facebook-Timeline. Hamsterrad 2.0, Selbstoptimierungs-Dünnschiss 8.4. Mehr als geistiges Sodbrennen löst das nicht wirklich bei mir aus, aber ist halt trotzdem lästig. Mein Hirn würde sich einfach nur gern selbst verdauen, nur um diesen Unfug nicht weiter zwischen den Postings meiner Freunde ignorieren zu müssen. Und nichts davon hat etwas mit Erfüllung und Sinn zu tun. Heute also werben sie für den „Gewinner-Kongress“, ein neues Coaching-Event, – natürlich wieder mit „TOP-Speakern“ der Branche … die mit den Tipptopp-Zertifikaten, den Tipptopp-Kundenreferenzen und in irgendeinem Tippy-Toppy-Erfolgs-Magazin waren sie gewiss auch schon dreimal drin.

„Hey Buddy!“, steht da unter der Anzeige, „Klare Strategien für deinen maximalen Erfolg! Dein Erfolg ist nur EINE ENTSCHEIDUNG entfernt!“.

Eine Entscheidung also nur: wirf einfach deine Seele weg, geh über dich, geh auch noch den letzten Schritt aus deinem Herzen raus, heuchle dir eine neue Welt zusammen und mauere dich noch tiefer in deinem verwirrten Kopf ein … das lese ich jedenfalls aus diesen Zeilen heraus.
Ein Artikel aus DER WELT vor ein paar Tagen kommt mir dazu in den Sinn: Es ging u.a. um einen dieser TOP-Speaker, um eine Bühne, um 1200 Besucher. Aus sich raus kommen sollten alle, etwas Unentscheidbares entscheiden und über ihre Grenzen gehen. Nur dort würde das Ankommen warten, dann wäre der Weg zum Selbst und zum Erfolg, auf allen Ebenen natürlich!, endlich frei. Klingt auf den ersten Lauscher einleuchtet, so wie fast alles eben, was da an Methoden aus good-old Amerika rüberschwappt, diesmal aus dem Schauspielunterricht. Heißer Scheiß aus Hollywood also, zurechtgebogen fürs wahre Leben.
Auf einem Tisch hinter der Bühne liegen Dildos, Clownmasken, Frauenkleider, jeder soll sich etwas davon schnappen und damit auf der Bühne GENAU DAS TUN, wovor er sich am meisten schämt und fürchtet. Auch sowas lässt sich mit einem komplexen Gehirn am Ende noch rechtfertigen, jedes Herz würde im Strahl kotzen. Die meisten ziehen sich am Ende einfach „nur“ splitterfasernackt aus und tanzen vor 1200 Menschen mit 1200 offenen Mündern. Dann reißen sie die Arme hoch und lassen sich feiern. Jetzt taugen sie alle zum Schauspieler des Lebens. Bravo! Die Veranstaltung geht bis morgens um vier, der Referent liegt längst im Bett, sein Team rockt derweil die Bühne und passt auf, dass bloss keiner der Teilnehmer einschläft. Ein Hirn, das ansonsten im Leben jeden Faden verloren hat, findet sowas natürlich Klasse und fühlt sich wieder auf Kurs in den sicheren Wahnsinn. Die Spannung, die im Raum liegt, macht für einen Moment aus jedem Clown einen scheinbaren Helden. Passt!
Das letzte bisschen Würde und Selbstrespekt wurde ohnehin an der Tür zum Saal abgegeben, und kein Scheiß: natürlich wurde gleich noch mit unterschrieben, dass man freiwillig hier ist, unter keiner psychischen Störung leidet und den Trainer von jeder Haftung entbindet. Jetzt steht dem maximalen Erfolg nichts mehr im Weg … und wenn doch, ab zum nächsten Seminar, rein in die nächsten Psychospielchen! Dort starrt man dann womöglich seinem völlig fremden Sitznachbar zehn Minuten in die Augen, reißt seine, bei den allermeisten Menschen durchaus hochgesunden!, Schutzbarrieren ein und fühlt sich Irrtümlicherweise eins und verbunden … was der Typ dann zwei Tage später macht ist einem dann allerdings und wenig überraschend wieder scheißegal. Irgendsowas.

Ein „Gewinner-Kogress“ also, – nur noch eine Entscheidung, diesmal wirklich!, und dann ist alles in Butter im Leben … dann kommst du in den Flow of Success.

Ein Verlierer-Kongress kommt mir da stattdessen in den Sinn. „Hey Buddy!“, würde da in der Werbeanzeige stehen, „Kein Plan für Nix! Auch dein nächstes Problem ist nur EINE ENTSCHEIDUNG entfernt!“.
Und im Subtext dann so: … Sei niemand, versuche auch niemand mehr zu werden, dann bist du wieder wahrhaftig. Und das ist in dieser Welt äußerst selten geworden, Wahrhaftigkeit. Hinterfrage mal, wofür du dich hier wirklich abstrampelst und dir dabei die Hände und Füße nur ständig selbst in die Fresse schlägst. Mach deinen Frieden, schalte die Birne ab, sie verkauft dir ohnehin nur die ewigalten Phasen in ewigneuen Wortkleidern als erleuchtend-neue Erkenntnisse. Der Zug des Erfolgs fährt am Ende nur nach Nirgendwo, – und dieser Zwangsoptimismus und -positivismus ist nicht mehr weit von einer Zwangseinweisung entfernt.

Wie der große Poet Kabir dereinst schrieb: „Alle Menschen um mich herum scheinen glücklich und tanzen, nur Kabir ist traurig und betroffen. Doch Kabir weilt im Schoße des Göttlichen, und das Göttliche nährt ihn.“

Der weise Laozi notierte vor über zweitausend Jahren ganz Ähnliches in seinem Daodejing: „O Verblendung, die keine Grenzen kennt! Die Menschen strahlen als feierten sie ein großes Fest. Ich allein liege still, einem Kinde gleich, verlassen wie einer, der keine Heimat kennt, der noch kein Zeichen empfangen hat. Alle Menschen treiben im Überfluss, nur ich allein scheine leer. Ach, ich bin nur ein Narr, verwirrt bin ich, ach verwirrt. Klar sieht die Menge, ich allein wandle im Dunkeln. Froh ist die Menge, so froh, ich allein bin trostlos, trostlos wie das Meer. Doch ich ruhe im Göttlichen, im wahren Sinn, in der Liebe – im Dao. […] Wo der große Sinn verloren geht, machen sich der kleine Menschensinn und die Vernunft breit; wo vermeintliche Klugheit reagiert, dort herrscht die Heuchelei; wo der wahre Friede verloren ist, wird dann umso mehr über die [Selbst-?]Liebe gepredigt. “

Die Nüchternsten scheinen die Weisesten, – die, die nicht wissen, dass sie nichts wissen, sie wissen nichts. Die Ärmsten scheinen die Reichsten, die Gescheiterten die wahrlich Erfolgreichen. Oder um mit den Worten von Erich Fromm zu schließen: „Die Gesunden sind die Kranken, die Kranken sind die Gesunden.“ … Obwohl, ein bisschen Buddha und Bibel am Ende gehen auch noch …

»Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der aus dem Leben führt, und viele sind´s, die auf ihm wandeln. Wie eng ist die Pforte und wie schmal aber der Weg, der zum wahren Leben führt, und wenige sind´s, die ihn finden! […] Selig die Enttäuschten, denn [nur] sie werden getröstet werden.« – Matthäus 7:13,14 & 5:4

»[In noch üblerer Lage befindet sich der unwissende Weltling, der im Nebel falscher Ansichten herumirrt, wobei ihm seine missliche Lage völlig unbewusst ist.] Vergänglich ist alles [und aller Erfolg] und die ganze Welt. Wer diese Wahrheit erkennt, wird satt des Strebens und des Leidens, kennt wohl aber den rechten Weg zum Heile dann. […] Alles Leben ist Leid. Nur wer auch dies verinnerlicht und wem die Selbstaufhebung gelingt, dem ist das Heil sicher.« – Buddha, Theragāthā 676 & Die vier edlen Wahrheiten«

Mahlzeit.

Verzählt

Bis zum letzten Atemzug noch
hatten sie darauf gehofft,
dass ihr Leib und ihr Geist sie an einen
verheißungsvolleren Ort tragen würden,
als unter die Erde.
Doch wo sollten sie denn ankommen
als im Staub, aus dem sie auferstanden;
wo sollten sie denn Halt finden im Nichts,
um das sich ihre Gedanken drehten;
in welchen Himmel könnten sie eingehen,
wo sie ihr irdisches Dahinwelken schon
in Ignoranz als die Ewigkeit wähnten.
Das Gestern und das Morgen,
beides war ihnen heilig,
aber kein Spatz, der über ihre Köpfe flog.
Gewiss hatten sie auch gebetet,
und sich in den Wäldern und Bergen
nach innen gewendet,
doch die Stimme in ihrem Herzen
hatte nur selten einer in ihrer
ganzen Klarheit vernommen;
erst Recht rief keiner mit dieser Stimme
die Welt und den Himmel an.
Aber zu viele Stimmen in ihren Köpfen.
Ihre tiefsten Gebete, das waren
ihr Klagen, ihr Hoffen, ihr Sehnen,
wer stieß da schon aus voller Brust
ein Gebet in Ehrfurcht und Demut aus.
Ihre Welt erschien so erleuchtet,
wie auch ihr Wirken und Sinnen,
aber in ihrer Welt stürzte alles
was da erschien, erbracht und erdacht
am Ende wieder in die Dunkelheit hinein, –
und alles, was an diesen Erscheinungen hing,
wurde mitgerissen, man musste nur warten.
Nichts davon war wahrhaftig,
und nichts davon mehr von Gott beseelt…
nur noch von ihren irrklugen Gedanken,
aber deren Tage waren stets gezählt.

Nur das

Wenn du denkst, denke.
Wenn du sprichst, spreche.
Wenn du isst, esse.
Wenn du trinkst, trinke.
Wenn du gehst, gehe.
Wenn du stehst, stehe.
Wenn du atmest, atme.
Wenn du schweigst, schweige.
Wo du bist, da sei ganz!
Und so begegnet dir wieder
in allem, was du tust,
deine grenzenlose Seele.
Mehr ist da nicht zu tun;
aber auch nicht weniger.

– – – – – – – – –

Eines Tages wirst du dann
im Auge eines Sturmes sitzen,
und dieser Sturm ist dein Leben,
und er dreht sich um nichts.
Steckst du einen Finger nur
wieder hinein in seine Wirbel,
wirst du meinen, dieser Sturm
sei alles, um das es hier ginge.
Doch diesmal ziehst du
deine Hand zurück,
und da erblickst du,
hoch über über dir,
den blauen Himmel.

Genau das!

Wenn alles versucht wurde,
auf einem langen Weg,
wenn du kein Voran
und kein Zurück mehr weißt,
wenn du festhängst zwischen
richtig und falsch,
Zukunft und Vergangenheit,
wenn alles ungewiss ist,
dann bleibt dir eine Wahl:
Aufgabe oder Hingabe.
Doch wenn du dich hingibst,
anstatt einfach aufzugeben
und neue Wege zu gehn,
wenn du stehen bleibst,
ganz, in der Ungewissheit,
nicht mit Erwartung mehr,
auch nicht mit Hoffnung,
die enttäuscht werden könnte,
sondern mit tiefstem Vertrauen, –
wenn du den Fuß in die Luft setzt,
dann, ja dann kann erst
das Unerwartete wieder
über die Schwelle treten,
das Überraschende,
das Unvorstellbare.
Mit anderem Wort:
ein Wunder.
Wenn all deine Pläne
unmöglich erscheinen,
dann ist wieder alles möglich.
Und nichts anderes wird
und kann dann geschehen,
als genau das!
Wir streben stets weiter,
weiter, weiter, weiter!;
doch das Leben will uns ermahnen,
das jeder dieser Wege endlich ist.
Irgendwann geht es nicht weiter.
Und dann ist es zu spät,
um stehenzubleiben, um zu erfahren,
dass die Ewigkeit und das Wunder
im Augenblick warten…
wo man sich ihm hingibt,
mit Haut und Haar.

– – – – – – – – –

Jede bedeutsame Antwort
wartet nirgendwo auf dich,
außer tief in dir selbst.
Du musst niemanden fragen,
auch nichts mehr verstehen;
fang einfach an zu graben,
im Herzen wirst du sehn.

Größer als das Leben

Er war ein Knecht der Zeit,
ein Gefangener des Raums,
Sklave ohnmächtiger Gedanken.
Jede einzelne Träne,
die Gott um ihn weinte,
war größer als sein ganzes Leben.
Und er ahnte nicht einmal,
wie eng seine Welt war,
und wie weit der Himmel.
Da wachte er auf, und sah,
dass all das, was er
ein Leben lang fürchtete,
nur seine wahre Größe
und Freiheit verschleierte;
und dass alles, was er sich
da vorstellte und ersehnte
nur ein dunkler Schatten
des strahlenden Lichts war,
in dem seine Seele wandelte.

Voran!

Der Mensch welkt an dem,
was er bereits kann,
und wächst über sich hinaus,
an dem, was er wagt.
Die Welt, in die
er seinen Fuß setzt,
muss er durchqueren,
oder sie wird der Ort sein,
an dem man ihn noch
lebendig begräbt. – jj.

Dazu eine Geschichte:

Im Dunkel der Nacht begann ein Sufi zu klagen. Er sprach: „Diese Welt ist wie ein vernagelter Sarg, in dem wir eingeschlossen sind. In unserer Ignoranz und Unwissenheit verbringen wir ein Leben in Torheit und Trostlosigkeit. Wenn der Tod dann kommt, um den Sarg zu öffnen, wird jeder von uns, der nur Flügel hat, in die Ewigkeit fliegen, – die aber, die ohne Flügel sind, die verbleiben im Sarg. So hört, meine Freunde, bevor der Sargdeckel angehoben wird, unternehmt alles, um ein Vogel auf dem Weg zu Gottes zu werden; tut alles, damit euch Flügel und Federn wachsen.“
Fariduddin Attar (12Jh., persischer Mystiker, Sufi und Poet; Rumis Inspiration. Frei übersetzt aus dem Englischen)

– – – – –

Der Ort, den wir suchen, heißt Ewigkeit,
und die Ewigkeit wohnt uns selbst inne.
Wie sich der Raum aus sich heraus dehnt,
und alle Zeit sich um sich selbst dreht,
so wächst und dreht auch der Mensch
wie ein Strudel im uferlosen Meer,
und betrachtet alle seine endlichen Wirbel.
Und wer sich im wirbelnden Selbst
bestätigt, spiegelt oder abgrenzt,
von allem anderen, von allen anderen,
der ist sich noch nicht begegnet,
denn der Weise begegnet der ganzen Welt
und allem Raum und aller Zeit,
wieder als sich selbst. – jj.

– – – – –

Sie staunten über das, was sie sahen,
aber nicht darüber, dass sie sahen;
sie staunten über das, was sie hörten,
aber nicht darüber, dass sie hörten;
sie staunten über das, was sie fühlten,
aber nicht darüber, dass sie fühlten.
Sie staunten über so viele Dinge,
aber kaum mehr über sich selbst. -jj.

Geschichten

Fantastische Geschichten,
das ward alles was wir noch sind.
Zahllose Komödien und Tragödien,
und ab und zu ein Feuerwerk.
Dazu noch all die irdischen Dinge,
denen wir Geschichten andichten,
die wir mit der eigenen verweben, –
zum größeren Ich, zum höheren Ich.
Was erhebt schon einen Fürsten
über einen bettelarmen Mönch;
was erhebt dann den großen Weisen
über die hoffnungslosen Narren;
was erhebt auch nur einen Diamanten
über eine bunte Murmel aus Glas,
außer eine längere Geschichte
um einen großen Sinn und Zweck
im ewig Vergänglichen und
absolut Bedeutungslosen?!
Da floss niemals Blut für eine Murmel,
da fiel kein Königreich für etwas Glas;
und jedes Sandkorn dieser Welt,
mit der rechten Geschichte nur,
und vielen Völkern, die sie kundtun,
könnte mit allen Edelsteinen
nicht aufgewogen werden.
Was erhebt schon einen Diamanten
über eine bunte Murmel aus Glas
in zwei leuchtenden Kinderaugen?!
Und vermag ein Diamant auch
alles Irdische zu schneiden,
die Frage bleibt: Wozu?
Und vermag auch der Geist
alles Irdische zu schneiden,
die Antwort bleibt: Umsonst!
Welchen Wert hat noch das Greifbare,
das man vor der Gier wegsperren muss;
welches Wunder wohnt im Vorstellbaren,
wo es alles Unvorstellbare ausschließt?!
Wenn der Geist nur schweigt,
seine Geschichten verklingen,
wenn jedes Urteil revidiert ist,
dann wiegt in unserem Herzen
alles wieder unendlich schwer,
und doch wiegt es nichts.
Jede Geschichte wird
in ihrem Anfang geboren,
dann fließt sie eine Weile dahin,
so wie das Wasser zum Meer;
und wie jeder Fluss im Ursprung mündet,
ist auch ihr Ende nur eine Wiederkehr.