Meine Depression, mein Leben und ich



Depressionen begleiten mich schon mein ganzes erwachsenes Leben lang. Meist akut und schwer wie ein Vorschlaghammer, aber auch immer wieder im Verborgenen die Fäden spinnend, – chronisch, larviert, somatisch und unterdrückt. Oft verstand ich auch erst hinterher, dass ich mir selbst und anderen wieder etwas vorgemacht hatte, und uns allen Glück und Leichtigkeit nur einredete, was Dank sozialer Netzwerke, großer inszenierter Spektakel und oberflächlicher Freundschaften auch nicht sonderlich schwer fiel.

Jede wirklich ausgedrückte und durchlebte depressive Episode aber brachte ihr ganz eigenes Lerngeschenk mit sich, und zwang mich schonungslos auf eine höhere Stufe des Selbstbewusstseins und der Authentizität. Ich empfinde die Depression inzwischen nicht mehr als Krankheit, sondern begreife sie als eine höchst gesunde Reaktion auf kranke und toxische Umstände, gegen die die meisten Menschen einfach nur durch Gewöhnung, Verdrängung und Resignation immun geworden sind. Anstatt die Depression nur zu dämonisieren und zu bekämpfen, begann ich damit, mich ihr gütig zu nähern und sie als Vertraute im Kampf gegen Fremdbestimmung, Selbstbetrug und Selbsttäuschung zu begreifen. Was wir unterdrücken, machen wir ohnehin nur stärker. Also denke ich, der Weg heraus, ist der Weg hindurch. Alles was dabei tatsächlich geschieht, ist, dass ich mich mir selbst und meinen wirklichen Gefühlen noch weiter zuwende, anstatt sie zu unterdrücken, zu betäuben und mir mit großem Theater andere Gefühle einzureden. Die Depression verliert dann ihren Schrecken, wenn ich ihr ins Gesicht schaue, und sie als das erkenne, was sie wirklich ist…, als meine tiefste Sehnsucht nach meinem authentischen Ich und nach authentischen Menschen um mich herum, und als mein ehrlichster und weisester Ratgeber in einer Welt voller Blender und falscher Propheten.


Da diese Zeilen gestern für reichlich Kritik sorgten, möchte ich meine Geschichte nun ganz erzählen, und erklären, wie ich zu diesem Schluss komme. Das wird ein langer, dafür aber offener Text …

Die erste schwerere depressive Episode überraschte mich Anfang zwanzig, wobei ich eine ganze Weile nicht begriff, was da eigentlich mit mir nicht stimmte. Ich quälte mich morgens nur noch aus dem Bett, musste mir drei Wecker stellen, um überhaupt einen zu hören, schleppte mich auf Arbeit und konnte mich für nichts mehr entscheiden, – nicht einmal dafür, welche Pizza ich mir in die innere Leere reinstopfen sollte. Salami, Schinken, Pilze, das glich Entscheidungen, die sich so schwer gestalteten, als ob mein Leben auf dem Spiel stünde. Ich war müde, aber aller Schlaf der Welt half nichts. Dazu überkam mich eine große Angst vor ganz alltäglichen Situationen, und vor allem, vor zu vielen Menschen, – was ich so eigentlich nicht kannte. Wenngleich ich als Kind eher introvertiert und in mich gewandt war, hatte ich mich eigentlich ganz gut mit anderen Menschen „arrangiert“. Mehr und mehr aber fühlte ich mich in ihrer Gegenwart überfordert, hilflos und verloren. Und vor allem schrecklich allein irgendwie … inmitten all der Menschen.

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Am Tropf der Freiheit

Wenn jemand wirklich wissen will, wie frei und geborgen er hier lebt, sollte er jemanden fragen, der am Tropf des Systems vergiftet wurde. Der nicht mehr funktioniert, der diesen künstlichen Lebenssaft nicht mehr verträgt, der nichts mehr leisten kann und abgeschnitten wurde. Der Obdachlose, der bei -5°C Außentemperatur neben dem Bankautomaten schläft ist der richtige Ansprechpartner. Er verdient auch nichts mehr am Verkauf von Träumen und Illusionen, er muss keinem mehr etwas vormachen oder andrehen.
Und wen es interessiert, welche freiheitlich-menschlichen Werte dieses System sonst noch verkörpert, für die, die nicht mehr funktionieren, der sollte sich im Klaren darüber sein, dass ihn schon in wenigen Jahren im Pflegeheim effiziente Roboter bemuttern und bespaßen werden, während die Enkel in virtuellen Welten die Unsterblichkeit wähnen.
Und wenn jemand immer noch unsicher darüber ist, ob er hier frei und ganz Mensch mit Herz ist, dann sollte er mal versuchen, für fünf Minuten das mechanische Gedanken-Hamsterrad im Kopf anzuhalten, in das er seit Kindesbeinen an hineingetrieben wurde. Wenn die endlosen Gedankenketten in den Köpfen erstmal ihre Runden drehen, dann muss keiner mehr an Ketten gelegt werden, dann will jeder an den großen Tropf und lässt sich freiwillig die Nadeln in die Venen stechen. Alles gut, solange er diesen Saft ohne Nebenwirkungen verträgt … und niemals die Entzugserscheinungen kennenlernen muss.

… so Gedanken. Nicht immer nur Schöne.

Großen Gefahren habe ich mich ausgesetzt.
Gefährliche Gedanken habe ich gedacht.
Habe viel gewagt und viel verloren.
Doch nichts zu riskieren ist der größte aller Fehler.
Und wofür das alles?
Ein sanfter Windstoß streicht mir durch
die Haare, wie kein anderer Windstoß jemals zuvor.
Und er singt das alte Lied der Freiheit wieder.
Meine Taschen sind leer, mein Kopf ist leer.
Aber mein Herz quillt über vor Glück.
Nur dafür. Das ist alles.
– Trier / Nov.18

Komm heim zu dir

Der Mensch den du überall suchst, das bist du selbst. Schau mal in deine Profilbilder, schau ihm in die Augen! Dieser Mensch der dich da anschaut, er sehnt sich nach dir. Er wartet ein ganzes Leben lang nur auf dich, darauf, dass du wieder zurück zu ihm kommst. Das ist die Liebe deines Lebens, niemand anderes kann und wird ihn mehr lieben als du selbst. Reiche ihm die Hand, reiche dir die Hand und komm endlich wieder nach Hause, du Reisender!

Gedanken / Fragmente

Schuld und Unschuld

Wenn wir uns schuldig oder unschuldig fühlen, dann sind wir immer schuldig! Schuldig darin, keine Verantwortung für uns selbst oder andere zu übernehmen und gerechte Entscheidungen zu treffen, – stattdessen wie Kinder nach einem Schuldigen zu suchen. Ein erwachsener Mensch weiß, dass die Verwicklungen dieser Schöpfung viel zu komplex für eine entweder nur schwarze oder weiße Welt sind. Wir sind alle im gleichen Maße schuldig, wie unschuldig … was wir davon erkennen, bestimmt allein worauf wir unseren Fokus legen. Und natürlich wollen wir alle gern unschuldige Opfer im eigenen Unglück sein. Im Glück stellt sich diese Frage danach, wer schuld daran ist, letztlich nicht.

Deus ex machina

Ein Magnet hat zwei Pole. Zersägen wir den Magneten, hat auch jedes Teilstück wieder zwei Pole. So ist es auch mit unseren Gedanken: jede Wahrheit hat und braucht zwei Seiten. Und wir können ins Unendliche jeden Gedanken zersägen, um zu einer finalen, universellen Wahrheit vorzudringen, und doch, jeder Denkschluss offenbart wieder zwei Seiten. Wir können sägen und sägen, und denken und denken, bis wir uns am Ende „in den Finger schneiden“, weil wir zu viel zersägt und zerdacht haben. Dann tut es weh, und in diesem einem Augenblick können wir (kann sich!) das Wesentliche, – das was wirklich IST! – wieder erfahren. In dieser Wirklichkeit IST die Welt einfach, mit allen Magneten und allen Menschen und ihren Gedanken, die glauben, dass in ihrer Abstraktion etwas wirklich und wahrhaftig sein könnte.

In der Wirklichkeit benötigt alles einen Gegenpol, einen Kontrast, um überhaupt erscheinen zu können. Das Licht braucht das Dunkel, die Wahrheit braucht die Lüge, das Leben den Tod – kein Schwarz ohne Weiß, kein Selbst ohne das andere. Und doch entspringt alles Geteilte, Duale und Gegensätzliche dieser all-einen Natur. Diese Natur selbst ist ohne Eigenschaft an sich, ist unbeschreiblich, – jede Beschreibung der Wirklichkeit ist nur ein Phänomen, eine Erscheinung in ihr selbst. Die Wirklichkeit IST jede Beschreibung, aber sie kann nie das sein, was beschrieben wird, – so wie der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht der Mond ist. Diese Wirklichkeit hat keine Form, keine Eigenschaft, keinen Namen … sie ist einfach, in diesem Sinne ist sie das, was Menschen versuchen als „Gott“ zu begreifen. Und letztlich ist es „Gott“ selbst, „sozusagen“, der sich da im Begreifen zu begegnen versucht, sich aber gerade im Begreifen niemals begegnen kann, – der nur alle Erfahrung selbst IST. In der reinen Erfahrung, im reinen Sein finden Menschen und Gott wieder zusammen.

Feedback zum Podcast

Heute möchte ich den Auszug aus einer Nachricht mit euch teilen, die mich nach der gestrigen Podcast-Episode erreicht hat. Ich bin zutiefst berührt davon und sie fasst so wunderbar zusammen, warum ich das alles hier mache und meine Gedanken und Gefühle preisgebe. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, erreicht mich durchaus auch viel Kritik wegen meiner Art und meinen Themen, entsprechend bestätigt mich euer positives Feedback immer auch darin, so weiterzumachen, – weil es eben funktioniert, – weil, wer sich darauf einlässt und zuhören will, auch „versteht“. Ich danke euch für eure Nachrichten, sie wirken dem Impuls in mir entgegen, mich einfach besser zurückzuziehen und über das zu schweigen, was ich erfahre und erlebe. Sie geben meiner Arbeit Sinn und das ist mir eine große Freude.

Liebe Janice, Podcast 91 ist in seiner Tiefe für mich ganz intensiv. […] Das letzte Drittel von 91 fasst so viel zusammen, lässt mich das Gesagte wirklich fühlen. Solche Transzendenz, solcher Frieden ist wundervoll. Ich erlebe deine Folgen alle, jedoch gibt diese hier völligen Frieden. So intensiv waren für mich nur die Outdoor-Folgen… Bitte lasse allen Zweifel abprallen und zerfallen. Die Art und Weise der tosenden Stille passt perfekt, so, wie sie ist.“

Und hier gehts zur letzten Episode:

Nicht alles was scheint …

Mir scheint, dass das Verliebtsein, im Gegensatz zur Liebe!, einfach auf der Illusion und Spiegelung fußt, dass man viele Gemeinsamkeiten hätte, ja, fast gleich sei. Ohne den anderen wirklich zu kennen, entsteht für jeden Partner dabei ein trügerisches WIR-Gefühl aus sich selbst und seiner Vorstellung über den anderen. Ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein, bleibt jeder doch nur bei sich, – und jeder erlebt sein eigenes WIR, für das er sich vermeintlich selbstlos aufopfert. Ein stark erodiertes Selbstbild ist von dieser Verliebtheit und Aufopferung sogar „abhängig“ und kann sich so jedes Arschloch zum Traumpartner „vorstellen“ und sich unbewusst weiter den eigenen Selbsthass von ihm spiegeln lassen. Dieses Verliebtsein ist aber bestenfalls ein vorübergehender Zustand, ein Glücksgefühl der vermeintlichen Erfüllung, ein Wiedererspüren seiner selbst, ein biologisch initiierter Rausch von Hormonen und Neurotransmittern, – ein Zustand aber, der sich erschöpft und der letztlich an der Realität zerbricht, dass der andere leider doch nicht mehr unseren Vorstellungen entspricht, weil er doch so ganz anders war oder sich angeblich verändert hat. Der Spiegel beschlägt und verzerrt dann, und wir verschwenden viel Anstrengung und Zeit darauf, ihn zu verbiegen und zu polieren, damit das Bild, was er uns zeigt, endlich wieder unseren Erwartungen entspricht. Können wir so doch nur lieben, was unseren liebenswerten Vorstellungen entspricht… in uns, im anderen.

Die wirkliche Liebe unterdessen ist das Bewusstsein und die Bereitschaft, sich Gemeinsamkeiten zu erschaffen und gemeinsam neue Erfahrungen zu sammeln, – zusammen leiden, zusammen lachen! Geteilter Schmerz und geteilte Freunde verbinden erst, und ohne sich dabei zu öffnen und die eigene Fehlbarkeit und Verletzlichkeit zu offenbaren, ist auch keine Intimität, Berührung und Nähe möglich. Liebe spiegelt nicht mehr, sie nimmt Anteil und teilt. Liebe ist mehr als ein vermeintlich perfekter, glückseliger Zustand, – Liebe ist eine bewusste Entscheidung für einen Weg, auf dem sich zwei Persönlichkeiten, mit allen ihren Schatten einen gemeinsamen, wirklichen Raum des WIR schaffen wollen, um sich erfüllt, frei und geborgen zu fühlen. In einer oft gefühlskalten und bequemen Welt! Ein Raum, den sie unentwegt erweitern, vergrößern und mit Licht und Wärme erfüllen möchten, wo noch Kälte und Dunkelheit herrschen. Liebe bedingt zutiefste Ehrlichkeit voreinander und braucht Mut!, – Liebe ist kein Selbstläufer und kein Scheinbild einer vermeintlich heilen Welt mit vermeintlich heiligen Menschen. In fast jedem von uns steckt auch noch ein „Teufel“. Wer ihn nicht im Lichte betrachtet, füttert ihn mit Dunkelheit.

Die Liebe kann niemals bedingungslos und selbstlos sein, solange sich da nicht zwei aufrichtige und gereifte Menschen begegnen, die sich ihre Schatten, ihren Egoismus, ihre „Sünden“ auf dem Lebens- und Liebesweg bewusst machen. Die Enttäuschung ist dabei ihr größter Lehrmeister! Die wirklich bedingungslose und selbstlose Liebe ist ein Paradox! Wirklich ganz lieben kann erst der, der erkennt, dass er gar nicht bedingungslos und selbstlos lieben kann, und/weil er noch niemals bedingungslos und selbstlos geliebt wurde. Jedenfalls dürfte dies auf die allermeisten Menschen zutreffen.

(Auf mich natürlich nicht!!! Bin ich doch eine Heilige ;-))
 

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Weniger oder mehr

Das Leben kennt zwei Richtungen und wir können nicht gleichzeitig in beide Richtungen streben, denn dann droht es uns zu zerreißen. Wenn mir meine schweren Krisen eines beigebracht haben bisher, dann das: Entweder wir lassen uns auf wenige Dinge wirklich ganz ein, denen wir Aufmerksamkeit, Bedeutung und damit Sinn geben ODER wir zerstreuen uns im Unendlichen der Möglichkeiten und hoffen, dass wir darin irgendwann einen Sinn finden werden. Weniger oder mehr. Das ist alles. Wir haben die Wahl uns auf das Wesentliche tief einzulassen oder auf das unendlich Unwesentliche nur oberflächlich. Der Sinn den wir finden ist nur der Sinn den wir allem geben. Letztlich begegnet uns immer nur das, was wir selbst hineinlegen. Es spielt dabei keine Rolle, was uns wichtig ist und woran wir glauben, aber unsere Überzeugungen sind am Ende alles was wir sind. Und wer an nichts wirklich mehr glaubt und sich auf nicht mehr richtig einlässt, der hat sich schon verloren.

ɯɐsıǝʍZ / Einsam

Die Liebe ist so ganz anders!
Dank dir weiß ich nun sicher
Dass es wirkliches Miteinander nicht gibt
Dass alle gleichsam einsam hier wandeln
Einsame Menschen reden sich leicht ein
Dass Zweisamkeit wahren Frieden bedeutet
Wenn du neben mir liegst, spüre ich

Überhaupt nichts mehr davon
Kommen wir uns nahe, vermisse ich rasch
Einklang, Vertrauen und mich selbst wieder
In deiner Seele, in deinem Wesen finde ich
keinen Halt und keine Geborgenheit mehr
Fallen wir, suchen wir im Dinglichen allein
Fallschirme und Rettungsanker füreinander
In den Ängsten und Krisen erleben wir uns als
Verbunden und miteinander verflochten
Das ist unsere Liebe, das sind Wir!


(nun lies die Zeilen rückwärts)

– Janice Jakait / 28.9.18 (inspiriert von A. Shoaib)