Bring dich zur Welt

Verweile in der Stille;
alles ruht dort,
du ruhst dort!
Das Vorstellbare
kommt im Unvorstellbaren zur Welt;
und dann spielt es darin,
wie ein unwissendes Kind
das sich über den Dingen wähnt
und sich große Burgen aus Sand
am Ufer des Weltenmeeres errichtet. 
Die nächste Flut kommt gewiss
und reißt bald alles wieder hinfort.
Kehre um, tauche ein …
komm zurück nach Hause.

Dazu passend: Die Ashtavakra Gita
(gelesen von der Theravada-Nonne Jayasara aus dem Santi Forest Kloster)

„In silcence God ceases to be an object and becomes an experience“ – Thomas Merton

Das tiefste Gebet

Das tiefste Gebet drängt sich nicht über unsere Lippen; es erklingt nicht aus dem Verstand heraus; es bittet und bettelt um nichts, noch dankt es mit viel zu vielen Worten; nein, es steigt bedingungslos aus unserem Herzen empor. Und so ist unser tiefstes Gebet ein Gebet der Stille, der Sprachlosigkeit – ein Gebet des Daseins; allein darin drücken sich wahrhaftige Demut und auch Dankbarkeit aus. Im Sosein. Dieses Gebet erklingt dann auch im Wind, der durch unsere Haare fährt, und es erscheint in den Stahlen der Sonne, die unsere Wangen küssen. Dann sind wir mit unserem Gebt ganz bei Gott; dann hören wir, dann werden wir erhört. Jedes Wort an Gott ist ein Wort zuviel; in jedem Wort ist die Fülle und Wahrhaftigkeit des Augenblicks verdorben. Wie schwer es doch ist, wahrhaftig zu sein. – jj.

Dazu passend: „On the Road mit Thomas Merton“:

https://www.youtube.com/watch?v=GL6eNmGxnbQ

Über den Irrtum

Der menschliche Geist
ist gefangen im Vorstellbaren;
und darin stellt er sich vor,
dass er tatsächlich
etwas wüsste.

Gedanken zu:
„Das Unbegriffene verbirgt das Unbegreifliche, und deshalb soll es beseitigt werden.“
– Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, 1952

Religion besteht in nichts anderem als in einem Hinblicken. […] Man muss nur wissen, dass die Liebe eine Richtung und nicht ein Zustand der Seele ist.“
– S.W., Das Unglück und die Gottesliebe, 1950

Über das Vertrauen

Was bringt die Liebe
zwischen den Menschen allein?
„Romeo, Julia“, beide tot.
Was bringt der Erfolg?
Shakespeare, ebenfalls tot.
Was bringt der Fortschritt,
der sich selbst noch überholt;
was bringt all des Wissen?
Selbst Einstein, mausetot.
Was bringt einem
auch die rosigste Zukunft?
Krankheit und Tod!
Am Ende jedem.

Sie sagen, es ginge
nur um den Augenblick,
aber ist jeder Moment
nicht unendlich groß genug,
als dass er auch noch
die Märchen der
Menschen braucht?

Ohne Gott
ist alles umsonst.

Baue nicht zu hoch auf die irdischen Dinge;
bald schon kannst du nicht einmal
deinen eigenen Beinen mehr trauen
und benötigst einen Stock.

Alles vergeht;
du vergehst!
Aber worin?!

Hast du dich wirklich
jemals gefragt, Worin?!

„Verlasst euch nicht auf Mächtige, nicht auf irgendeinen Menschen, bei dem doch keine Hilfe zu finden ist! Wenn er den letzten Atem aushaucht, so wird er wieder zu Erde, und am selben Tag ist es vorbei mit all seinen Plänen.“ (Psalm 146,3)

„So sprach der HERR: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen von Gott.“ (Jeremia 17,5)


„Da sind zwei Arten der Wahrnehmung; aber Fleisch sieht nur Fleisch.“ – John Butler, Wonders of Spiritual Unfoldment, 2008

„Ein wirklich kontemplativer Mensch teilt seine Liebe nicht zwischen Gott und einem Geschöpf. Er schuldet sie Gott ganz. Die Übung der Liebe zu Gott gibt auch Kraft zur Nächstenliebe. Will dieser Nächste aber nicht gerade als er selbst geliebt werden? Liebte nicht Jesus Christus so? Er liebte ja auch nicht aus den Kräften des Blutes [s. Markus 3, 33 ff], sondern mit der vollkommenen Liebe, die erkennt und verwandelt.“Die Wolke des Nichtwissens, 14 Jh.

Solange die Füße tragen

Und als sie sich da begegneten,
und geneinsam davon kosteten,
von dem, das sie Liebe nannten,
da bemerkten sie überhaupt nicht,
dass es nur ein kurzes Erwachen war,
aus einem von seelenlosen Träumen
verschleierten Lebensschlaf.
Und wie sie sich da umschlangen,
und in der Dämmerung davor fürchteten,
sich wieder aus den Armen zu verlieren,
und einander leider nicht zu genügen,
da graute es ihnen doch nur davor,
wieder ganz und gar einzuschlafen;
einsam, gefangen in sich selbst.
Und so ketteten sie sich aneinander,
und ketteten sich an tausend Dinge.
Sie hoben das, was sie da Liebe nannten,
auf den allerhöchsten Thron empor;
und im Staube besangen sie es,
und sie tanzten zügellos darum,
bis kein Wort mehr aus der Brust drang,
bis die Füße nicht mehr trugen;
da fielen ihnen die Augen wieder zu. – jj.

Licht und Schatten

Der Sinn des Lebens,
die einzige Aufgabe des Menschen,
hier, jetzt,
kann nur lauten:
Sich selbst zu begegnen!
Seinem Schein, wohlan!,
doch vor allem seinen Schatten;
denn die entscheidende Erkenntnis
ist doch letztlich die,
dass der, der seine Schatten nicht,
bis dunkelste Dunkel hinein,
ergründet und beleuchtet hat,
sein wahres Licht
niemals erblickt wird. – jj.

Die Innere Burg …

Zitate der heiligen Teresa von Ávila. Auszüge aus „Die Innere Burg“:

„Eine vollkommene Seele kann überall losgelöst und demütig sein“ … „Und doch ist es sehr wichtig, um in die nächste Burg der innern Seele eintreten zu können, sich zu bemühen, von unnötigen Dingen und Geschäften abzulassen, jeder so, wie es seinem Lebensstand entspricht“ …

“Ich weiß nicht, ob es klar geworden ist, denn uns selbst zu erkennen, ist so wichtig, dass ich nicht möchte, dass es diesbezüglich jemals ein Nachlassen gibt, so hoch ihr auch in den Himmeln sein mögt; während wir jedoch auf dieser Erde sind, gibt es für uns nichts Wichtigeres als die Demut. …“

“Beim Anblick Gottes Größe mag uns unsere Unzulänglichkeit aufgehen, und beim Anblick Gottes Reinheit werden wir unseren Schmutz sehen; bei der Betrachtung seiner Demut sehen wir, wie viel uns fehlt, um demütig zu sein…“

“Wenn wir immer im Elend unserer Erde stecken bleiben, wird die Strömung nie aus dem Schlamm der Ängste, des Kleinmuts und der Feigheit herauskommen, aus dem Schauen, ob man auf mich schaut oder nicht auf mich schaut; ob es, wenn ich diesen Weg einschlage, daneben gehen wird; …“

“Furchtbar sind aber die Listen und Kunstgriffe des Bösen, um zu verhindern, dass die Seelen sich selbst erkennen und ihren Weg verstehen …“

“Doch hier, wo sie noch voll der Welt und in ihren Vergnügungen versunken und ihren Prestigevorstellungen und Ansprüchen gegenüber ohnmächtig sind, haben die Vasallen der Seele – also die Sinne und die Seelenvermögen – nicht die Kraft, die Gott ihnen von Natur aus gegeben hat …“

“Aber, du Herr, mein Gott, sobald man sich an diese nichtigen Dinge gewöhnt und erlebt, dass alle Welt sich damit abgibt, wird das Ganze verdorben, denn der Glaube ist so tot, dass wir uns lieber an das halten, was wir sehen, als an das, was er uns sagt …“

“Ach, mein Herr, hier braucht es deine Hilfe, denn ohne sie kann man nichts tun! Lass es bei deiner Barmherzigkeit nicht zu, dass diese Seele sich überlisten lässt, um das Begonnene aufzugeben. Gib ihr Licht, damit sie sieht, wie ihr ganzes Wohl darin liegt, und sie sich von schlechter Gesellschaft fernhält; denn mit Menschen umzugehen, die sich damit abgeben, ist etwas ganz Großes; …“

“Der gesamte Anspruch eines Menschen, der mit dem inneren Beten anfängt (und das dürft ihr nicht vergessen, da es sehr wichtig ist), soll darin bestehen, darauf hin zu arbeiten und sich zu entschließen und sich mit allem ihm möglichen Eifer darauf einzulassen, seinen Willen auf den Willen Gottes einzustimmen; wie ich später noch sagen werde, dürft ihr dann ganz sicher sein, dass darin die höchste Vollkommenheit besteht, die man auf dem geistlichen Weg erlangen kann. Je vollkommener einer das besitzt, um so mehr wird er von Gott geschenkt bekommen, …“

“Nun also, zu meinen, wir würden in den Himmel kommen, ohne in uns einzutreten, indem wir uns kennen lernen und unsere Armseligkeit betrachten, und was wir Gott verdanken, und ihn oftmals um sein Erbarmen zu bitten, das wäre Unsinn.“

“So muss meines Erachtens eine Seele dran sein, die zwar nicht in einem üblen Zustand, aber doch so tief in weltliche Dinge verstrickt und, wie ich gesagt habe, von Besitzstreben, Prestigesucht und Geschäften durchdrungen ist, dass diese sie ihre Schönheit weder sehen noch genießen lassen, ….“

 

Alle Auszüge via: http://www.rudihaberstroh.de/zit/zitavilaburg.pdf

 

Eine wunderbare Anmerkung der Ausgabe:

„Wer sich auf das innere Beten, also auf die Freundschaft mit Gott einlässt und so den Weg nach Innen zu gehen versucht, der kommt nicht umhin, immer mehr „in der eigenen Wahrheit leben“ zu lernen Teresa spricht von der „Selbsterkenntnis“, die ihres Erachtens das absolut Wesentliche des geistlichen Fortschritts ist.

Einsicht in die eigene verworrene Lage ist bereits eine wichtige Voraussetzung, um sich überhaupt auf den Weg zu machen: „Die Selbsterkenntnis ist ja schon etwas, ebenso die Einsicht, nicht auf dem rechten Weg zu sein, um das Tor zu erreichen. Gerade wenn Gott einen Menschen mit tiefen inneren Erfahrungen beschenken will, gibt er ihm „zuvor eine tiefe Selbsterkenntnis, die diese Gnaden verursacht“Selbsterkenntnis hat für sie allerdings nichts mit ungesunder Selbstabwertung zu tun, sondern mit einer ehrlichen und möglichst realistischen Selbsteinschätzung, die sich über die eigenen Gaben freuen und die eigenen Grenzen annehmen kann, im Bewusstsein, mit diesen Gaben und Grenzen von Gott geliebt zu sein.

Selbsterkenntnis und „wahre Demut“ hat daher für Teresa immer auch mit gesunder Selbstannahme zu tun, weil wir uns von Gott so angenommen wissen, wie wir sind. Sie ist überzeugt, dass es „uns sehr schadet, wenn wir das mit der Demut und der Selbsterkenntnis nicht richtig verstehen“ und uns aufgrund unserer Minderwertigkeitsgefühle kein intensives geistliches Leben zutrauen.“

 

Und hier noch der Link zum ganzen Buch. [Thalia]

Neunzehn alte Gedichte (14)

Die Toten scheinen uns jeden Morgen ferner,
去者日以疏,
die Lebenden rücken uns allabendlich näher.
生者日已亲。
Ich schreite durchs Stadttor, den Blick zum Horizont,
出郭门直视,
doch ich wandere nur an Hügelgräbern vorbei.
但见丘与坟。
Die alten Totenacker wurden zu Feldern gepflügt,
古墓犁为田,
ihre Kiefern und Zypressen schlug man zu Feuerholz.
松柏摧为薪。
Die Pappeln wiegen sich schwermütig im Wind,
白杨多悲风,
ihr Ächzen, ihr Knarren ist kaum zu ertragen!
萧萧愁杀人!
Mein Fernweh wich längst der Sehnsucht nach Heimkehr,
思还故里闾,
ich will zurück nach Hause, doch da ist kein Weg mehr.
欲归道无因。

Gedicht No. 14 (之十四) aus:
Neunzehn alte Gedichte“ (古诗十九首; Gǔshī shíjiǔ shǒu)
– Neuübersetzung J. Jakait –


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