Neunzehn alte Gedichte (14)

Die Toten scheinen uns jeden Morgen ferner,
去者日以疏,
die Lebenden rücken uns allabendlich näher.
生者日已亲。
Ich schreite durchs Stadttor, den Blick zum Horizont,
出郭门直视,
doch ich wandere nur an Hügelgräbern vorbei.
但见丘与坟。
Die alten Totenacker wurden zu Feldern gepflügt,
古墓犁为田,
ihre Kiefern und Zypressen schlug man zu Feuerholz.
松柏摧为薪。
Die Pappeln wiegen sich schwermütig im Wind,
白杨多悲风,
ihr Ächzen, ihr Knarren ist kaum zu ertragen!
萧萧愁杀人!
Mein Fernweh wich längst der Sehnsucht nach Heimkehr,
思还故里闾,
ich will zurück nach Hause, doch da ist kein Weg mehr.
欲归道无因。

Gedicht No. 14 (之十四) aus:
Neunzehn alte Gedichte“ (古诗十九首; Gǔshī shíjiǔ shǒu)
– Neuübersetzung J. Jakait –


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Die ersten freien Frauen (1)

„Berauscht von meiner Ausstrahlung,
meiner Schönheit, meinem Körper und Ruhm;
eingebildet ob meiner ewigen Jugend,
verachtete ich alle anderen Frauen.
Ich schmückte diesen Körper,
damit ihn die Dummköpfe nur nicht
mehr aus ihren Köpfen bekommen.
Wie eine Hure vorm Bordell,
wie ein Jäger, der seine Schlingen auslegt.
Ich zierte mich mit Reif und Ringen,
um das Verborgene zum Klingen zu bringen.
Ich erschuf ein Trugbild für die Menschen,
während ich sie alle verspottete.


Heute habe ich mir den Kopf rasiert,
und in meiner Schale Almosen gesammelt.
In meiner selbstgenähten Robe
sitze ich unter der Krone eines Baumes
und verweile in der Gedankenstille.
Was ich mit dem Herzen erschaue, sind keine
äußeren Formen und Erscheinungen mehr.
Alle Schnüre habe ich durchtrennt,
– die irdischen, die göttlichen -,
ich habe alles verworfen
was das Herz betrübt und beschwert.
Nun bin ich klar wie das kühle Wasser
eines Gebirgsbaches am Morgen;
ich bin erloschen und bin endlich frei!“

Verfasst von der buddhistischen Nonne Vimala
(ca. 500 v. Chr.; Quelle: Therigatha 72ff., Sutta Pitaka, Pali Kanon)
„Die ersten freien Frauen“

Übertragen ins Deutsche: Janice Jakait

(“Mattā vaṇṇena rūpena, sobhaggena yasena ca; Yobbanena cupatthaddhā, aññāsamatimaññihaṃ. Vibhūsetvā imaṃ kāyaṃ, sucittaṃ bālalāpanaṃ; Aṭṭhāsiṃ vesidvāramhi, luddo pāsamivoḍḍiya. Pilandhanaṃ vidaṃsentī, guyhaṃ pakāsikaṃ bahuṃ; Akāsiṃ vividhaṃ māyaṃ, ujjagghantī bahuṃ janaṃ. Sājja piṇḍaṃ caritvāna, muṇḍā saṅghāṭipārutā; Nisinnā rukkhamūlamhi, avitakkassa lābhinī. Sabbe yogā samucchinnā, ye dibbā ye ca mānusā; Khepetvā āsave sabbe, sītibhūtāmhi nibbutā“ – Vimalā purāṇagaṇikā therī))

Die ersten freien Frauen (2)

„Haus und Hof hatte ich verlassen;
Kind und Ochsen ließ ich zurück.
Doch noch immer wurde ich verfolgt,
von den Schatten meiner Vergangenheit.
Mich selbst zog ich, wie einen Pflug,
hinter mir her!
Dann gab ich es auf,
alles Urteilen und Abwägen,
jedes Für und Wider,
und so auch das Verdrängen.
Ich riss jegliches Verlangen,
und gleichsam alle Abneigung,
mit der Wurzel aus;
tat einfach den nächsten Schritt.
Da war ich frei.“

– Die Verse der Nonne Sanghā
(ca. 500 v. Chr., Therigatha, 1.18, Sutta Pitaka, Pali Kanon)

Übertragen ins Deutsche: Janice Jakait


(“Hitvā ghare pabbajitvā, hitvā puttaṃ pasuṃ piyaṃ; Hitvā rāgañca dosañca, avijjañca virājiya; Samūlaṃ taṇhamabbuyha, upasantāmhi nibbutā“. (Saṅghā therī, Saṅghātherīgāthā))

Xinggang und Jixing

Das Gedicht der Chan-Nonne Xinggang

Die Almosenschale

„Wie höchst elegant sie doch ist,
ohne auch nur einen Riss oder ein Loch!
Wenn ich durstig bin, trinke ich daraus;
wenn ich hungrig bin, esse ich daraus;
kein Krumen bleibt darin zurück.
Mir ist klar: sobald sie gespült ist,
ist nichts weiter zu erledigen;
aber wie viele verlorene Seelen
doch darauf bestehen würden,
ihr einen Henkel zu verpassen.“

(17. Jh., späte Ming-Dynastie; Übersetzung Jeanne)

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Das Gedicht der Chan-Nonne Jixing

„All jene, die nach Erleuchtung streben,
ich dränge euch, es gibt keine Zeit zu verlieren.
Um die Erleuchtung zu erlangen,
gilt es sich dafür ganz aufzuopfern,
denn ist der Geist nicht absolut wahrhaftig,
wirst du dich ewig in der bitteren See¹ wälzen.
Gewiss, die Welt ist weit und grenzenlos,
und zahllos sind die empfindsamen Menschen,
doch, wie wenigen steht der Sinn schon danach,
aus der Bitterkeit Samsaras¹ zu springen.“

(frühe Ming-Dynastie; Übersetzung Jeanne)

Anmerkungen:
¹) … des Leidenkreislaufs des Entstehens und Vegehens

Das Gedicht der Benming

Weißt du denn nicht,
dass Leiden und Beschwerden
nichts anderes sind als Weisheit;
dass es aber eine große Torheit ist,
sich darin zu verlieren?
Wenn sie erscheinen und dahinschmelzen,
dann denke daran, dass der Sperber
durch das ganze Reich Silla¹ fliegt,
ohne dass auch nur
ein einziger Mensch Notiz davon nimmt.
Weißt du denn nicht,
dass Leiden und Beschwerden
nichts anderes sind als Weisheit;
und dass die reinsten Blüten²
im Morast erblühen?
Wenn jemand käme, um mich zu fragen,
was ich hier eigentlich tue:
Ich esse meine Grütze und meinen Reis,
dann wasche ich meine Schüssel aus.
Das ist alles!³
Also mach dir keine Sorgen!
Mach dir um nichts Gedanken!
Du magst den ganzen langen Tag
wie ein naives Kind im Sand spielen,⁴
doch du musst dir stets dabei
deiner wahren Natur bewusstbleiben.⁵
Wenn du unter den Stockschlägen
eines großen Meisters leidest:
nun, wenn du etwas zu erwidern hast,
zerbricht dich der Schlag,
und wenn du nichts zu erwidern weisst,
so zerbricht er dich ebenfalls.
Was kannst du am Ende schon tun,
wenn dir eine Reise in der Nacht untersagt ist,
du aber zum Sonnenaufgang da sein musst.⁶

(Verfasst von der Chan-Nonne Benming (Daoren Mingshi), Song Dynastie, 12. Jh;

übersetzt ins Deutsche: J. Jakait)

Anmerkungen:

¹) Königreich Silla, heute Korea ( 57 v.Chr. – 935 n.Chr.)
²) Gemeint sind natürlich Lotusblüten
³) Bezieht sich auf berühmten Diskurs von Zhaozhao (Koan)
⁴) Sie bezieht sich auf das Lotus-Sutra: „Jungen die aus Sand bauen“

⁵) ex. „Wahres Gesicht“ = Buddha-Natur; das Erschauen bedeutet: Erleuchtung.
⁶) Nachtreisen waren in der Song-Dynastie verboten, beliebtes Chan-Motiv für ein Paradox.