Was kümmern den Ozean die Wellen

Aktuelles Foto: Trier 10/2018 / weitere Bilder unter -Medien- Wer bin ich und was mache ich hier? Nun, ohne Untertreibung bin ich ein Engel. Einer, der mehr Dreck am Stecken hat, als ein Stecken im Dreck. Superwoman, Superman – halb Mensch, halb Gott, aber nie Maschine! Ich lebe geradeaus, queer und diagonal; bin Romantikerin und dreckige Bitch in einem. Eine flammende Poetin und verbrannte Bestseller-Autorin. Ein erleuchteter Guru und gleichsam eine, die überhaupt nix blickt. Eine, die die Natur- und Geisteswissenschaften ebenso, wie alle bedeutenden Natur- und Weltreligionen nach schönen Zitaten durchstreift. Bei Symposien und Vorträgen werden ich immer öfter als Fräulein Faust angekündigt, ja, das passt schon! Ich bin mehrfache Weltrekordhalterin, Haushaltsversagerin, Ozean(über)ruderin, Badenwannenfan. Löwe, Jungfrau, Nachtigal … und was sonst noch so alles geht, das bin ich. Und doch bin ich nichts davon, bade einfach im Weltenstrom. Ich bin niemand. Nur eine Närrin, die wie im Song der Beatles „The Fool on the Hill“ auf ihrem Berg sitzt und einfach nur die Sonne untergehen sieht; und die zudem eine tiefe Freude in der Sinnlosigkeit erfährt, das Unbeschreibliche auch noch in Worte zu fassen.

Ich war eine Grenzgängerin auf der Suche nach mir selbst, nach Wirklichkeit, nach tiefen Gefühlen, Weisheit und Frieden und am Ende auch nach Gott. Ein Mensch, der einen höheren Sinn dieses Lebens erkennen und die Natur der Liebe, des Lebens und der Schöpfung durchdringen wollte, koste es was es wolle. Ich habe den Himmel erlebt und im Dreck die tiefsten Löcher geschaufelt – ich bin ein mutiger, ehrlicher und offener Mensch. Ich fürchte meine dunkelsten Schatten nicht und spreche und schreibe darüber. Das aktuelle Standardmodell von Glück & Erfolg und dem Sinn des Lebens stelle ich grundlegend in Frage, dabei will ich in gar keine Schublade mehr passen oder Recht haben. Ich habe alles und überall gesucht … um Ende doch nur mich selbst gefunden, jenseits von richtig und falsch. Und da war plötzlich alles in mir.

Im Herzen fühle ich mich zutiefst verbunden mit Persönlichkeiten wie Meister Eckhart, Carl Gustav Jung, dem Buddha – Siddhartha Gautama, Jesus, Nisargadatta Maharaj, Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī, Johannes vom Kreuz, Lǎozǐ, Teresa von Ávila, Jiddu Krishnamurti, Hermann Hesse und im Besonderen Alan Wilson Watts, die Leuchttürme auf meinem Wege waren. Die modernen Wissenschaften prägten mich ebenso, wie die großen Religionen, fernöstliche Philosophien und spirituellen Strömungen. Ich habe mich allem geöffnet, lasse mich inspirieren, borge mir Worte und Bilder, um zu beschreiben, aber ich verhafte in keiner Ideologie oder Lehre mehr, nur in meiner ureigensten Erfahrung. Am Ende des Weges gilt es alle Lehren und auch den Buddha zurückzulassen, und den Weg allein zu Ende zu gehen, so mahnte der Buddha …

»Erst wenn nichts mehr gesucht wird, lässt sich das Wesentliche finden.« – Jeanne


Kurze Vita: Seit meiner Kindheit begleiteten mich vier Träume: Ich wollte aus meiner kleinen Welt ausbrechen, indem ich Schriftstellerin werde, mich auf die Bühne stelle, Bestseller verfasse und in einen einsamen Leuchtturm ziehe, um eben in Ruhe schreiben und dabei die Sterne beobachten zu können. Doch flog ich von der Schule und konnte so weder Literatur, noch Astrophysik studieren. Da ich auch als Zirkusclown keine Anstellung fand, landete ich in der IT und gründete bald ein kleines Unternehmen. Das Hamsterrad aus Unzufriedenheit, Existenzängsten, Abhängigkeiten, Beziehungsproblemen und Ausreden setzte sich erwartungsgemäß auch bei mir in Gang. Ich stürzte von einem erhofften Ziel der Erfüllung zum nächsten, kam aber nirgends wirklich an. Ich lebte immer am Puls der Zeit, aber mich und meinen eigenen Puls spürte ich kaum noch – am Ende waren da nur mehr Erschöpfung, Angst, Sinnkrisen und Depressionen. Ich hoffte lange noch, mein Hamsterrad würde zum Karussell werden, wenn ich nur noch schneller darin rennen würde. Vergeblich. Alles was blieb war eine unerträgliche Sehnsucht … doch wonach nur?

Mein Ruderboot Bifröst in mittlerem Seegang / 2012Ich war so orientierungslos, dass ich 2011 alles hinter mir abbrach und in Portugal in ein Ruderboot stieg, um ganz allein auf die andere Seite des Atlantiks zu rudern. Ich wollte weg von allem. Aber man kann eben nicht weg von sich selbst!

Diese Unternehmung war nun wirklich reichlich unvernünftig, aber da draußen begann ich mich auch wieder daran zu erinnern, dass Vernunft allein selten glücklich gemacht hatte im Leben. Nach drei Monaten und 6500 Kilometern, nun begleitet von einer Seeschwalbe und einem Wal, und mit etwa einer Million Ruderschlägen erreichte ich die Karibik. Diese Erfahrung öffnete mir eine Tür in ein anderes Leben, – die Reise vom Kopf zurück ins Herz begann! – zurück zu meinem Kern, zu meinen wirklichen Bedürfnissen, zu meinen Gefühlen.  

Interview nach einem Vortrag auf der Buchmesse Frankfurt 2015Nach diesem nächsten Knick in meinem Lebenslauf begann ein zweites, ein bewussteres Leben… mein eigenes Leben! Und nun hatte ich mal endlich ein Ziel erreicht, über das es sich auch lohnte ein Buch zu schreiben. Je mehr ich bei mir selbst ankam, desto mehr Türen öffneten sich von selbst plötzlich. Tosende Stille wurde mein erster SPIEGEL-Bestseller, Freut euch nicht zu spät landete als zweites Buch auf dieser Liste. Bald las ich vor hunderten Menschen aus meinen Werken vor oder redete frei sogar vor Tausenden auf Veranstaltungsbühnen.² Hunderte Artikel und Interviews erschienen über meine Rudertour, meine Bücher und meine Gedanken über die Welt, über uns Menschen und die Schöpfung, und ich konnte selbst als freie Journalistin publizieren. ³ – Drei meiner vier Lebensträume erfüllten sich im Lawinentempo, nur weil ich wieder einmal aus Verzweiflung mutig war, anstatt nur auf die anderen und auf meine Vernunft zu hören.

Genau in dem Augenblick dann, als mich nach einem Abendvortrag in Fulda 2015 eine ältere Dame vor der Bühne erwartete, mich in den Arm nahm und sagte: „Frau Jakait, sie brauchen keinen Leuchtturm mehr, sie sind selber einer geworden!“ … in dem Augenblick erfüllten sich alle meine vier großen Lebensträume. Alles eine Frage der Perspektive! Und in diesem Moment begriff ich ganz besonders wieder, welches unermesslich große Privileg mir gewährt wird, Menschen berühren zu dürfen und wie stark ich an meinem Weg geworden bin. Ein Grund mehr, noch mutiger zu sein, um auch über meine innere Ozeanüberquerung zu sprechen: als Junge geboren, als Frau gerudert, und heute einfach nur ICH. Nun verbindet sich alles ganz wunderbar, in mir, im Wir, im Jetzt, im Hier.

Janice Jakait / 2012 auf hoher See zwischen Europa und Amerika„Glück ist nur echt, wenn es geteilt wird.“, so lautete der letzte Satz, den der Aussteiger Chris McCandless in sein Buch kritzelte, als er einsam in der Wildnis Alaskas starb. Kaum ein anderer Satz hat mich so bewegt wie dieser. Ich bin glücklich, meine Erfahrungen und Erkenntnisse heute mit denen teilen zu dürfen, die daran Anteil nehmen möchten, und damit zum Umfühlen und nicht nur zum Umdenken inspirieren zu können. Das erfüllt mich zutiefst.

Das zweite Leben beginnt, wenn man begreift, dass man nur eines hat – genau dieses zweite Leben lebe ich heute. Am Ende ist das eigene Leben nur die Summe selbst-bewusster Entscheidungen, trotz aller Ängste und Zweifel – es ist die Erfahrung des eigenen Mutes, und damit: die Erfahrung seiner wahren Größe. Was kümmern den Ozean die Wellen. ༄