Was kümmern den Ozean die Wellen

Wer bin ich und was mache ich hier? Nichts trieb mich in meinem Leben mehr herum, als diese Fragen. Natürlich, ich heiße Janice Jakait, bin 41 Jahre alt und lebe aktuell in Trier, soweit steht es jedenfalls im Ausweis. Aber wer bin ich wirklich?

Aktuelles Foto: Heiligenberg 4/2018 / Podcasting / weitere Bilder unter -Medien-Bei Abendvorträgen und Interviews werde ich meist als Philosophin, Mystikerin, Meisterin der Stille oder gar als weiblicher Faust¹ angekündigt, – bei Firmen-Keynotes stattdessen eher als Bestseller-Autorin, Extremsportlerin, Atlantik-Ruderin oder Walflüsterin. Nun, ich weiss nicht… nichts wirklich dabei, was passt. Ich war lange eine Getriebene, eine Suchende, eine die aus kollektiven Hamsterrädern und Ängsten, aus zu engen Denkmustern, Schubladen und Stereotypen ausgebrochen ist und sich mehr und mehr im Unbeschreiblichen der Gedankenstille lebendig fühlte. Eine, die monatelang allein über den Ozean ruderte, die jahrelang in Isolation und Einsamkeit den eigenen Wesenskern ergründete, um wieder im Wirklichen und Wesentlichen jeneits aller Worte, Gedanken und Wahrheiten anzukommen. In diesem Sinne bin ich nur eine Närrin genau genommen, eine, die wie im Song der Beatles „The Fool on the Hill“ auf ihrem Berg sitzt und einfach nur die Sonne wieder untergehen sieht.

Ich war eine Grenzgängerin auf der Suche nach Weisheit, Wirklichkeit, nach echten Gefühlen, Intuition und Frieden. Ein Mensch, der den höheren Sinn dieses Lebens begreifen und die Natur der Liebe, des Lebens und der Schöpfung durchdringen wollte, koste es was es wolle. Ich bin eine offene, authentische, starke und mutige Frau, die ihre dunkelsten Schatten nicht fürchtet und darüber spricht, – die das aktuelle Standardmodell von Glück und Erfolg grundlegend in Frage stellt und in gar keine Schublade mehr passen will.

Im Herzen fühle ich mich zutiefst mit Persönlichkeiten wie Lǎozǐ, Meister Eckhart, C.G. Jung, Siddhartha Gautama, Nisargadatta, Rumi, Johannes vom Kreuz, Teresa von Ávila, Alan Watts und Hermann Hesse verbunden, die Leuchttürme auf meinem Wege waren. Die modernen Natur- und Geisteswissenschaften prägten mich ebenso, wie die großen Natur- und Weltreligionen, die fernöstlichen Philosophien und spirituellen Strömungen. Ich öffne mich allem, lasse mich inspirieren, borge mir Worte und Bilder, um zu beschreiben, aber verhafte in keiner Ideologie oder Lehre mehr, nur in meiner ureigensten Erfahrung.

Kurze Vita: Seit meiner Kindheit begleiteten mich vier Träume: Ich wollte aus meiner kleinen Welt ausbrechen, indem ich Schriftstellerin werde, mich auf die Bühne stelle, Bestseller verfasse und in einen einsamen Leuchtturm ziehe, um eben in Ruhe schreiben und dabei die Sterne beobachten zu können. Doch flog ich von der Schule und konnte so weder Literatur, noch Astrophysik studieren. Da ich auch als Zirkusclown keine Anstellung fand, landete ich in der IT und gründete bald ein kleines Unternehmen. Das Hamsterrad aus Unzufriedenheit, Existenzängsten, Abhängigkeiten, Beziehungsproblemen und Ausreden setzte sich erwartungsgemäß auch bei mir in Gang. Ich stürzte von einem erhofften Ziel der Erfüllung zum nächsten, kam aber nirgends wirklich an. Ich lebte immer am Puls der Zeit, aber mich und meinen eigenen Puls spürte ich kaum noch – am Ende waren da nur mehr Erschöpfung, Angst, Sinnkrisen und Depressionen. Ich hoffte lange noch, mein Hamsterrad würde zum Karussell werden, wenn ich nur noch schneller darin rennen würde. Vergeblich. Alles was blieb war eine unerträgliche Sehnsucht … wonach nur?

Mein Ruderboot Bifröst in mittlerem Seegang / 2012Ich war so orientierungslos, dass ich 2011 alles hinter mir abbrach und in Portugal in ein Ruderboot stieg, um ganz allein auf die andere Seite des Atlantiks zu rudern. Ich wollte weg von allem. Aber man kann eben nicht weg von sich selbst!

Diese Unternehmung war nun wirklich reichlich unvernünftig, aber da draußen begann ich mich auch wieder daran zu erinnern, dass Vernunft allein selten glücklich gemacht hatte im Leben. Nach drei Monaten und 6500 Kilometern, nun begleitet von einer Seeschwalbe und einem Wal, und mit etwa einer Million Ruderschlägen erreichte ich die Karibik. Diese Erfahrung öffnete mir eine Tür in ein anderes Leben, – die Reise vom Kopf zurück ins Herz begann! – zurück zu meinem Kern, zu meinen wirklichen Bedürfnissen, zu meinen Gefühlen.  

Interview nach einem Vortrag auf der Buchmesse Frankfurt 2015Nach diesem nächsten Knick in meinem Lebenslauf begann ein zweites, ein bewussteres Leben… mein eigenes Leben! Und nun hatte ich mal endlich ein Ziel erreicht, über das es sich auch lohnte ein Buch zu schreiben. Je mehr ich bei mir selbst ankam, desto mehr Türen öffneten sich von selbst plötzlich. Tosende Stille wurde mein erster SPIEGEL-Bestseller, Freut euch nicht zu spät landete als zweites Buch auf dieser Liste. Bald las ich vor hunderten Menschen aus meinen Werken vor oder redete frei sogar vor Tausenden auf Veranstaltungsbühnen.² Hunderte Artikel und Interviews erschienen über meine Rudertour, meine Bücher und meine Gedanken über die Welt, über uns Menschen und die Schöpfung, und ich konnte selbst als freie Journalistin publizieren. ³ – Drei meiner vier Lebensträume erfüllten sich im Lawinentempo, nur weil ich wieder einmal aus Verzweiflung mutig war, anstatt nur auf die anderen und auf meine Vernunft zu hören.

Genau in dem Augenblick dann, als mich nach einem Abendvortrag in Fulda 2015 eine ältere Dame vor der Bühne erwartete, mich in den Arm nahm und sagte: „Frau Jakait, sie brauchen keinen Leuchtturm mehr, sie sind selber einer geworden!“ … in dem Augenblick erfüllten sich alle meine vier großen Lebensträume. Alles eine Frage der Perspektive! Und in diesem Moment begriff ich ganz besonders wieder, welches unermesslich große Privileg mir gewährt wird, Menschen berühren zu dürfen und wie stark ich an meinem Weg geworden bin. Ein Grund mehr, noch mutiger zu sein, um auch über meine innere Ozeanüberquerung zu sprechen: als Junge geboren, als Frau gerudert, und heute einfach nur ICH. Nun verbindet sich alles ganz wunderbar, in mir, im Wir, im Jetzt, im Hier.

Janice Jakait / 2012 auf hoher See zwischen Europa und Amerika„Glück ist nur echt, wenn es geteilt wird.“, so lautete der letzte Satz, den der Aussteiger Chris McCandless in sein Buch kritzelte, als er einsam in der Wildnis Alaskas starb. Kaum ein anderer Satz hat mich so bewegt wie dieser. Ich bin glücklich, meine Erfahrungen und Erkenntnisse heute mit denen teilen zu dürfen, die daran Anteil nehmen möchten, und damit zum Umfühlen und nicht nur zum Umdenken inspirieren zu können. Das erfüllt mich zutiefst.

Das zweite Leben beginnt, wenn man begreift, dass man nur eines hat – genau dieses zweite Leben lebe ich heute. Am Ende ist das eigene Leben nur die Summe selbst-bewusster Entscheidungen, trotz aller Ängste und Zweifel – es ist die Erfahrung des eigenen Mutes, und damit: die Erfahrung seiner wahren Größe. Was kümmern den Ozean die Wellen. ༄