Trockenübung

Einen, vielleicht zwei Liter Wasser hatte ich vor der Messe im vorderen Schwimmkörper entdeckt. Klar, ich schlief nicht wirklich besonders gut, war alarmiert. Vor allem wo der Bereich vollständig zulaminiert wurde und man nicht mal eben so nach der Leckage suchen konnte. Natürlich Salzwasser, Mist! Trockengelegt war’s zwar schnell – aber woher kam das Wasser? Dringender Halsüberkopf-Reparaturbedarf bestand immerhin nicht, aber irgendwann sollte die Sache wohl überlegt angegangen werden. Besser zweimal nachdenken und nur einmal bohren. Ich würde nicht zugeben, dass ich das Mammutprojekt „Lecksuche“ absichtlich aufgeschoben, ja: etwas verdrängt habe, aber gerade in den letzten Nächten träumte ich wieder verstärkt davon, wie ich mich mit dem Endoskop durch den Schwertkasten zoome, und plötzlich ein Tintenfisch aus einer dunklen Ecke hervorspringt und in den Kamerakopf beißt. Hat ja dann da drinnen fast 3 Jahre lang nix gegessen 🙂 Nein, aber es nützte alles nichts: Ich musste die Sache nun angehen. Eines vorweg: Ursachen kann es tausende geben – Löcher im Unterwasserschief, im Rumpf selbst waren allerdings nicht wirklich zu erwarten. Es bestand 2007 ein Problem mit dem Schwertkasten (dort wird das Schwert eingeschoben), welcher nicht korrekt abgedichtet war. Das Problem wurde inzwischen behoben, aber ein Zusammenhang mit dem Wasser unter der vorderen Kabine konnte nicht ausgeschlossen werden. Leider besteht weder ein Zugang zum Schwertkasten, noch einer zum betroffenen Bereich im Vorschiff. Fummelarbeit mit dem Endoskop also. Aber was rede ich lang herum: Natürlich habe ich die Ursache gefunden 🙂 Längs- und Querschotts (GfK Platten/“Wände“) bilden im Boot die einzelnen, rechteckigen Sektionen. Einige sind über kleine Luken im Deck zugänglich, andere nicht. Im Fertigungsprozess werden diese Schotts fest im Bootskörper miteinander verklebt und erst dann wird das eigentliche Deck (also die „Decksplatte“, der Boden auf der man steht) über den Schotts angebracht. Und hier lag das Problem: Die Verbindungen der Schotts unter Deck mit der Decksplatte lassen sich im Fertigungsprozess natürlich nur sehr schwierig verkleben – vor allem zwischen zwei schwer zugänglichen Abteilungen. Man sieht ja nichts mehr. Eine dieser Stellen stellte die Verbindung zwischen dem Schwertkasten und der betroffenen Sektion her. Und das Wasser suchte sich seinen Weg. Jetzt wo der Schwertkasten korrekt und fachmännisch in der Karibik abgedichtet wurde, war zwar auch kein neues Wasser im restlichen Boot mehr zu erwarten – aber der Durchgang bestand trotzdem noch immer. Und jede Sektion muss absolut wasserdicht sein. Wasser in einer Sektion (was fast nie zu vermeiden ist) darf nicht in eine andere Sektion über ein Schott einlaufen. (Entwarnung: Selbst wenn fast alle Sektionen unter Wasser ständen, würde das Boot nicht sinken – eine schwimmende Rettungsinsel also.) Trotzdem wird jede Sektion am Ende auf absolute Dichtigkeit geprüft. Wo der Motor der Entsalzungsanlage unter Wasser geriete, nur weil die Nachbarsektion vollläuft – nicht auszudenken.

Nach diesem Erfolg also heute mal etwas früher Feierabend. War ja auch ein langer Tag. Am Morgen besuchte mich das Team von 3M, um mir direkten Support bei verschiedenen Klebearbeiten- und Problemen zu geben. Ich wurde mit so umfangreichem, teils neustem Equipment im Markt ausgestattet, dass ich natürlich sehr froh darum bin, dass die Experten immer wieder ein Auge auf’s Boot werfen und mir Rat und Optionen anbieten. Und zusammen stimmen wir die Produkte dann wirklich auf jede konkrete Situation ab und kleben nicht pauschal einfach mal alles mit irgendeinem PU-Kleber ein, wie meist üblich. Und wo ich irgendwo mal nicht 100% zufrieden mit meiner Arbeit bin, da weiß ich dass ich diesen Umstand mit der Erfahrung, Motivation und Hilfe von 3M ändern kann, und mich nicht mit beunruhigenden Kompromissen abfinden muss. Tausende Dinge sind zu bekleben, verkleben, verkletten, versiegeln, abzudichten, zu schützen … sinnvolle! Reparatursets für die Reise müssen zusammengestellt werden. Keine Kompromisse und am Ende stehe ich auch noch da und lege wert auf die Optik. Es ist unglaublich was wir zusammen alles am Boot „wuppen“ können. Und nicht nur am Boot, auch beim Hautmanagement bekomme ich tollen Support. Speziell für mich gefertigte Griphandschuhe, Pflaster, Verbände, Feuchtigkeitsbarrieren für die Haut. Unglaublich. Ein ganz, ganz großes Kompliment also auch mal an das Team von 3M. Ich find’s unglaublich toll wie kreativ man an mein Projekt herangeht, wie unkompliziert und persönlich ich ausgestattet, beraten und begleitet werde.

Nun sitze ich hier am Notebook und schaue einfach auf die mannshohe Rolle mit lumineszierendem 3M Klebeband, welches in der Dunkelheit grün leuchtet – und ich bin einfach beeindruckt. Wenn das erst Georg und Andreas, die kreativen Köpfe hinter dem aktuellen Bootsdesign (Lehr-Gestaltung in Speyer) in die Hände bekommen – Magie!

Die Wohnung füllt sich langsam mit großen, schweren Kartons. Die ganze Bekleidung ist beispielsweise angekommen! Marinepool hat mich mit schwerer Segelbekleidung, schnelltrocknenden Shirts und Hosen ausgestattet. Dazu kommen neue Automatikschwimmwesten, Mützen, Handschuhe und Jacken. Wieder ein hochkomplexes Thema das ich abhaken kann. Und wieder eine Thema, bei dem ich keine Kompromisse in Kauf nehmen musste – genau das Equipment zur Verfügung habe, welches ich da draußen wirklich dringend benötige.

Täglich erreicht mich neues Equipment. Antennen, Keimboxen, … oder etwa ein umfangreiches Sortiment an Sonnenschutzmitteln von Ultrasun. Natürlich meine ich wirklich umfangreich 🙂 Auch Simrad und Lowrance haben nach langen und intensiven Beratungen die geeignete Elektronik eingeschnürt und verschickt. Und stolz kann ich behaupten: Alles schon verbaut! Ich hatte sowieso das Boot komplett neu verkabelt. Die Installation der neuen Simnet-Geräte war dann ja sowieso ein Kinderspiel. Endlich ist dieser alte Datenbus-Salat mit all den Tücken und Fehlern aus dem Boot verschwunden. Die neuen Kabelquerschnitte passen endlich, alles ist korrekt abgesichert, abgedichtet und angeschlossen. Neu im Boot ist ein Windsensor inkl. passender Anzeige, ein neues Remote-Display für den Chartplotter, eine Logge. Neue Lampen, Inverter und der neue easyTRX2 AIS Transceiver von Weatherdock. Alles kommuniziert tadellos miteinander. Einzig fehlt noch ein neuer Rate-Compass, der besser mit der starken Krängung (Neigungsbewegung) umgehen kann, schnellere und umfangreichere Daten liefert. Der alte Fluxgate-Kompass wird also getauscht. Hallo, noch da?

Gut, also genug Technik für heute. Vielleicht noch ein Tipp: Roz Savage, eine Ozeanruderin aus England, die aktuell auf dem Wasser ist, generiert wöchentlich einen wirklich informativen Podcast. Da ich ein Cameo in der aktuellen Folge (32) habe, lege ich Euch den Podcast also doppelt ans Herz.

Und jetzt ab ich euch in Kino! Im aktuellen „Thor“ Film könnt Ihr eine Menge über mein Boot „Bifröst“ und den Hintergrund der Namensgebung lernen …

Die Morgen danach

Kalt wird’s draußen des Nachts. Und trotzdem, im Boot schlafe ich im Moment am Tiefsten. Im Schlafsack verkrochen – das Audiosystem hat die Batterien leergesaugt, die Teelichter sind gelöscht. Ganz allein mit dem Fauchen des Windes in einer stockdunklen, hundert Meter langen, ausgekühlten Vorkriegs-Industriehalle am Rande der Erdscheibe. Solange ich den warmen Schlafsack nicht verlassen muss, raus muss in die Kälte, ist die Welt noch wunderbar und in Ordnung. Das Kondenswasser läuft angestrengt die Luken und Wände herunter, der Regen fällt unstetig -dann aber in langen Bindfäden- durch die Löcher im hohen Glasdach aufs Boot und schlägt auf dem Deck ein wie ein schwerer Blutstropfen, der in meinem Krimi gestern noch dem Serienkiller vom Messer tropfte. Ich sollte wieder mehr Fachbücher lesen, so entscheide ich just in diesem Moment. Aber mal ernsthaft: Gewöhnen könnt‘ ich mich daran, aber wer soll das schon verstehen? Und die nackte Sinnfrage einmal nicht in den Raum geworfen – ja, ich erfahre diese Zeit mit dem Boot als ungemein inspirierend und, doch, wirklich entspannend, erdend. Ganz bewusst konfrontiert mit der Enge, dem Luftmangel in der hermetisch verschlossenen Kabine in dunkelster Nacht – jeder Zentimeter des Bootes erschliesst sich mir, jeder Griff findet wieder in der Dunkelheit sein Ziel. Die Zahl der blauen Flecke an meinen Beinen nimmt Woche um Woche ab – ein Indiz dafür, dass ich mit dem neuen Boot zusammenwachse. Auf die harte Tour eben.

Die alten Batterien – Burned out. Laden, Entladen, Laden … Tag um Tag. Schwer zu beschreiben warum ich soviel Zeit mit meinem Baby verbringe. Schnell wäre alles ausgebaut, Zuhause verkabelt und gemessen. Will ich aber nicht. Ich will frieren – ganz bewusst. Schon sonderbar welche Beziehung man zu einem Boot aufbauen kann, welches nur allzu bald über mein Leben wachen muss. Und sonderbar auch, wie das Vertrauen erst wächst wo man z.B. über das Ladekabel stürzt und mit der Schulter gegen das massive GfK knallt. *Knack* Es sind diese Berührungen der unsanften Art, die meinem unschmeichelbaren, unbestechlichen Gewissen Ruhe bringen. Schlag um Schlag, Beule um Beule. Und ja, mein Kopf ist voll davon. Meine Art eben, um die Mikro-Dimensionen meiner Schlafkabine zu erkunden. Man stößt sich nur einmal an der gleichen Stelle, am gleichen Bolzen – gut also, wo mir langsam die Schlachtfelder an der Decke ausgehen. Und Ende verschwindet das Skelett dann sowieso hinter dicken Matten – aber gelernt ist eben gelernt. Ja, wir wachsen zusammen. Ich fühle mich unglaublich wohl – in meiner „Zweitwohnung“ *lacht*. Das alles klingt sicher total abgefahren. Jede Wette. Aber auf hochhaushohen Wellen bekommt die Definition vom „Vertrauen ins Material“ eine andere Bedeutung. Jeder Segler weiß das.

Schön ist es dann, wenn es am nächsten Morgen konkret weiter geht. Wenn man sich zerknautscht aus dem warmen Schlafsack schält, wenn Rückschläge vergessen, weggeträumt wurden. Heute z.B. war so ein Tag. Kaum bin ich erwacht, da besuchte mich schon Michael aus Frankfurt von der Firma Navico (Simrad / Lowrance) und überbringt mir zum Frühstück gute Nachrichten, tolles Equipment und brilliante Ideen.

Ich benötige neue GPS Karten-Plotter und ein Handgerät. Dazu noch ein neues, effizienteres Audiosystem und der Autopilot – die Krone der Herausforderungen. Mit den Geräten von Simrad und Lowrance fahre ich hier auf der sicheren Seite. Und, frei heraus: mit dem Team, das mir dort zur Seite steht, fühle ich mich sehr, sehr wohl.

Dazu passt perfekt die nächste Neuigkeit: Erst gestern noch hatte ich ein tolles Gespräch mit Navionics, dem Markführer im Bereich elektronische Seekarten. Karten, die mir natürlich auch in den Karten-Plottern das Leben ungemein erleichtern würden. Ich bekam sofort die Unterstützung und schon heute Nachmittag, per Express Post, wurden mir die SD-Karten aus Holland zugestellt. Geht es überhaupt noch schneller und unkomplizierter? Perfekt! Und so kann ich Dank meinem von Michael überbrachten Lowrance HDS-5 Testgerät und den Karten von Navionics schon 24h nach unseren Telefonaten testen. Wo nur jede Herausforderung so unkompliziert zu stemmen wäre 🙂