Meine Depression, mein Leben und ich



Depressionen begleiten mich schon mein ganzes erwachsenes Leben lang. Meist akut und schwer wie ein Vorschlaghammer, aber auch immer wieder im Verborgenen die Fäden spinnend, – chronisch, larviert, somatisch und unterdrückt. Oft verstand ich auch erst hinterher, dass ich mir selbst und anderen wieder etwas vorgemacht hatte, und uns allen Glück und Leichtigkeit nur einredete, was Dank sozialer Netzwerke, großer inszenierter Spektakel und oberflächlicher Freundschaften auch nicht sonderlich schwer fiel.

Jede wirklich ausgedrückte und durchlebte depressive Episode aber brachte ihr ganz eigenes Lerngeschenk mit sich, und zwang mich schonungslos auf eine höhere Stufe des Selbstbewusstseins und der Authentizität. Ich empfinde die Depression inzwischen nicht mehr als Krankheit, sondern begreife sie als eine höchst gesunde Reaktion auf kranke und toxische Umstände, gegen die die meisten Menschen einfach nur durch Gewöhnung, Verdrängung und Resignation immun geworden sind. Anstatt die Depression nur zu dämonisieren und zu bekämpfen, begann ich damit, mich ihr gütig zu nähern und sie als Vertraute im Kampf gegen Fremdbestimmung, Selbstbetrug und Selbsttäuschung zu begreifen. Was wir unterdrücken, machen wir ohnehin nur stärker. Also denke ich, der Weg heraus, ist der Weg hindurch. Alles was dabei tatsächlich geschieht, ist, dass ich mich mir selbst und meinen wirklichen Gefühlen noch weiter zuwende, anstatt sie zu unterdrücken, zu betäuben und mir mit großem Theater andere Gefühle einzureden. Die Depression verliert dann ihren Schrecken, wenn ich ihr ins Gesicht schaue, und sie als das erkenne, was sie wirklich ist…, als meine tiefste Sehnsucht nach meinem authentischen Ich und nach authentischen Menschen um mich herum, und als mein ehrlichster und weisester Ratgeber in einer Welt voller Blender und falscher Propheten.

Da diese Zeilen gestern für reichlich Kritik sorgten, möchte ich meine Geschichte nun ganz erzählen, und erklären, wie ich zu diesem Schluss komme. Das wird ein langer, dafür aber offener Text …

Die erste schwerere depressive Episode überraschte mich Anfang zwanzig, wobei ich eine ganze Weile nicht begriff, was da eigentlich mit mir nicht stimmte. Ich quälte mich morgens nur noch aus dem Bett, musste mir drei Wecker stellen, um überhaupt einen zu hören, schleppte mich auf Arbeit und konnte mich für nichts mehr entscheiden, – nicht einmal dafür, welche Pizza ich mir in die innere Leere reinstopfen sollte. Salami, Schinken, Pilze, das glich Entscheidungen, die sich so schwer gestalteten, als ob mein Leben auf dem Spiel stünde. Ich war müde, aber aller Schlaf der Welt half nichts. Dazu überkam mich eine große Angst vor ganz alltäglichen Situationen, und vor allem, vor zu vielen Menschen, – was ich so eigentlich nicht kannte. Wenngleich ich als Kind eher introvertiert und in mich gewandt war, hatte ich mich eigentlich ganz gut mit anderen Menschen „arrangiert“. Mehr und mehr aber fühlte ich mich in ihrer Gegenwart überfordert, hilflos und verloren. Und vor allem schrecklich allein irgendwie … inmitten all der Menschen.

Als ich meiner Hausärztin dann ironisch eröffnete, dass ich eine große Leidenschaft für hohe Autobahnbrücken entwickelt hatte, stimmte sie nicht mit in meine Begeisterung ein, sondern diagnostizierte mir stattdessen eine ernste, mittelschwere Depression. Wie unlustig! Die üblicherweise als erstes verordneten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRIs) schlugen gut an, dennoch holte mich die „Erkrankung“ immer wieder ein, wenn ich die Pillen absetzte. Ich kam einfach weder aus dem Loch heraus, noch von den Autobahnbrücken weg. Dann traf ich unter der Kochertalbrücke, von der mich am Liebsten 185 Meter in die Tiefe stürzen wollte eine der mutigsten Entscheidungen in meinem Leben. Ich stellte mich endlich meinen unvernünftigen Träumen, meinen zwiespältigen Gefühlen und mir selbst: Wenn ich schon sterben will, habe ich auch nichts mehr zu verlieren, mein Leben mal so zu leben, wie ich es mich nie traute bisher. Falls es schief geht, konnte ich ja immer noch springen! Manchmal muss man erst richtig gegen die Wand laufen, damit man endlich bereit ist die Richtung zu ändern. Das ist „die Chance jeder Krise“, wenn man sich richtig darauf einlässt. Dann tut es zwar einmal richtig weh, aber dann hört man wenigstens damit auf, sich unentwegt an der gleichen Tür Beulen zu holen. Wenn sie sich nicht öffnet, ist es eben nicht unsere Tür. Dann wird es Zeit, eine andere zu suchen.

Es war damals vor fast zwanzig Jahren noch nicht ganz so einfach, wie heute, rezeptpflichtige Medikamente illegal im Internet zu bestellen, und vernünftig war es auch nicht. Aber ich folgte meinem naiven, jungen Herzen und hatte auch reichlich Schiss davor, dass sie mich dafür wegsperren würden am Ende. Etwa vier Wochen nach meiner Bestellung wurde mir ein kleines Päckchen aus England zugestellt, von der Post, nicht von der Polizei. Glück gehabt. An diesem Tag begann mein zweites Leben, und es war das härteste, aber mit Abstand ehrlichste, intensivste und schönste Leben in meinem bisherigen Leben. Mit dieser gewaltigen Entscheidung geriet alles in einen Fluss. Die Depression verschwand schlagartig und auf sehr lange Zeit. Ich setze mir die erste Spritze, die ich Internet bestellt hatte, und dann ging eigentlich alles ganz schnell und von allein: 
Zuerst verlor ich wirklich alle meine alten „Freunde“, dann flog ich aus der WG und musste mich daran gewöhnen, dass mich fortan erst einmal jeder Mensch, der mir über den Weg läuft, seltsam mustern wird, wenn nicht gar auslachen. Ich fühle mich immer noch wie der einsamste Mensch auf diesem Planeten, aber ich hatte mich entschieden, zu mir selbst zu stehen. Und dieses Gefühl war unbeschreiblich! Ich gegen den Rest der Welt, großartig! Es dauerte einige Jahre bis ich mit dem Prozess wirklich durch war. Mit den Östrogen-Spritzen begann sich mein Körper zu verändern, bald folgten Operationen und am Ende zwei Gerichtsbeschlüsse, die meinen Namen und mein Geburtsgeschlecht offiziell auf „Janice / weiblich“ änderten. So „einfach“ war es damals mit der Depression, sie zwang mich nur dazu, Entscheidungen für mich selbst zu treffen, Verantwortung über mein Leben zu übernehmen und aufzuhören, eine Lüge zu leben. Damals unvorstellbar, heute unvermeidlich.

Die zweite heftige Depression erwischte mich Ende zwanzig. Gerade dann, als endlich die ganzen Schulden für die Operationen abgezahlt waren. Der komplette Sinnlosigkeitsverdacht holte mich wieder ein. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich herausfand, was diesmal das Problem war, denn mein Körper war nun endlich so, wie er sein sollte. Es war der Alltag der mich wieder zermürbte! Vor allem sah ich keinen Sinn mehr darin, mich morgens weiter auf die Arbeit zu schleppen, um dort den ganzen Tag vor einer Flimmerkiste mit Tastatur zu hocken. Eigentlich hatte mir mein Job mal Freude gemacht, ich war bei einem großen IT-Konzern in der Chemniebranche gelandet, installierte, wartete und reparierte Computer-Netzwerke auf einem gewaltigen Campus. Die Aufgaben waren abwechslungsreich, jeder Auftrag auf seine Weise ein kleines Abenteuer. Doch irgendwann saß ich nur noch vor einem Computer und koordinierte die Einsätze. Ging ich abends nach Hause, stellte ich mir unentwegt die Frage, wovon ich eigentlich so müde war, es fühlte sich nicht wirklich nach Arbeit an, was ich da tat. In mir erwachte eine neue Sehnsucht. Ein großes Fernweh, eine große Lust nach Abenteuer. Aber meine dreißig Tage Urlaub im Jahr deckten das einfach nicht ab. ‚Da muss doch mehr Leben ins Leben!‘, dachte ich, ‚Das kann es doch nicht gewesen sein!’ Ich wurde immer häufiger krank, zog mich mehr und mehr zurück von Partner, neuen Freunden und Kollegen. Ich saß gern Zuhause am Computer, aber eigentlich vor allem, um zu schreiben. Ich träumte wieder davon, Schriftstellerin zu werden. Das war der andere Traum, der mich seit meiner Kindheit begleitete. Aber worüber sollte ich den schon schreiben und was hatte ich schon zu erzählen? Ich wagte mich an meinen zweiten Roman im Leben, er trug den Titel „Sieben Grad“ und landetet nach etwa sieben Wochen ebenfalls im Papierkorb. Das wurde nichts mit dem Schreiben. ‚Ich konnte vieles, aber halt nichts davon richtig‘, meinte ich. Und irgendwann waren sie wieder da, die Brücken von denen ich springen wollte. So einfach. Was soll ich hier, ich passe nicht in diese Welt! Und oft fragte ich mich, ob Virginia Woolf die gleichen Zweifel hatte, bevor sie sich in den Fluss stürzte? Das tief in ihr drin auch nichts gut genug war, von dem, was sie vermochte und war. Das nichts diese innere Leere stopfen kann, wo sie sich erst einmal auftut.

In meiner Hilflosigkeit schmiss ich meinen Job hin und machte mich überstürzt erstmal selbstständig. Dann begann ich eine Therapie gegen die Depressionen in einer renommierten Klinik. Ich brauchte Hilfe, ich schaffte das nicht mehr allein. Die Menschen um mich herum waren überfordert, versuchten mich zu stützen, aber emotional war eben keiner da, wo ich wirklich stand. Niemand konnte mich wirklich erreichen, und gutgemeinte Ratschläge hatte ich zum Kotzen satt. 
Jeder Arzt verpasste mir eine andere Diagnose und Erklärung: Ich schluckte unzählige Medikamente, bis ich irgendwann das Gefühl hatte, mich zu stabilisieren und wenigstens zu funktionieren. Eigentlich fühlte ich gar nichts mehr richtig, und wenn ich doch einen Heulkrampf bekam, gaben sie mir gleich Beruhigungsmittel, damit ich damit aufhören würde. Wie in Watte gepackt lief ich durch die Straßen. Alles war erträglich mit diesen Medikamenten, aber nichts war mehr lebendig wirklich, und vor allem sah ich aus wie ein aufgequollenes Michelin-Männchen. Ich erinnere mich genau daran, wie ich an einem Morgen die Wendeltreppe in meinem Apartment herunterlief und mich wie ein Zombie aus dem Film am Vorabend fühlte. Ich setzte trotz Warnungen abrupt alle Medikamente ab, – dann lieber depressiv, dachte ich! Die nächsten Wochen waren eine Katastrophe, weil die Symptome beim Absetzen durchaus denen einer Epilepsie gleichen. Dann eben erstmal weglaufen, dachte ich … weit, weit weg! Das hatte ich noch nie versucht. Aber wohin?


Als ich in San Franscico über die Golden Gate Bridge lief zog es mir regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Suizidgedanken kannte ich ja schon, aber dass man die Kontrolle über sie verliert und diese negative Energie gar nicht mehr steuern kann, das kannte ich erst seit ein paar Wochen. Ein unfassbar schreckliches Gefühl, wenn einem die Selbstachtung derart entgleitet und man beim Autofahren plötzlich die Augen zu macht. So leicht wäre es. 
An den Brückenpfeilern hingen überall Schilder mit einer Notrufnummer drauf, die man wählen sollte, wenn man wirklich beabsichtigte hier herunterzuspringen. Und ich wusste, wie viele Menschen sich von dieser Brücke bereits in den Pazifik gestützt hatten. Mir wurde wohlig-schwindelig bei dem Gedanken, dass auch ich jetzt nur über die Brüstung klettern müsste und es wäre vorbei. Aber leider hatte ich den Film über diesen jungen Mann vorher gesehen, der exakt diesen Sprung, an exakt dieser Stelle schwer verletzt überlebt hat. Ich konnte es nicht. Aber irgendwas musste sich *fucking* ändern … und ich wusste nicht mehr was. Ich wusste nicht mehr weiter.



‚Dann also los! Weg hier und raus aufs Meer!‘, dachte ich, als ich vor einem Hochsee-Ruderboot am Pier in San Francisco stand. Das Boot stand einfach da, das Meer rauschte im Hintergrund. ‚Dann eben Abenteuer und alles hier loslassen. Ich machs, ich rudere über einen Ozean! Warum denn nicht? Besser als weiter durchs Leben zu rudern.‘ Eine innere Stimme wies mir den Weg, mein Bauchgefühl sagte JA!, meine Vernunft hatte Sendepause. Die Depression verschwand mit dieser Entscheidung! Nur eine Entscheidung! Wie ein Schalter der in mir umgelegt wurde, war ich plötzlich nach Monaten absoluter Sinnlosigkeit wieder erfüllt von Sinn, Energie und Tatendrang. Und von diesem unbeschreiblichen Gefühl der Freiheit, der Lebendigkeit!


Etwa zwei Jahre benötigte ich, um dieses Abenteuer zu planen und umzusetzen. Wie schon Anfang zwanzig, erneut eine ungemein intensive Zeit, mit einem klaren Ziel vor Augen. Alles geriet wieder in „diesen Fluss“, alles fand und fügte sich. Unbeschreiblich! Niederlagen waren einfach nur Niederlagen, – wie beim Laufenlernen: man fällt, aber man steht auf und macht weiter. Und irgendwann steht man sicher und läuft! Man begegnet neuen Menschen auf so einem Weg, die ähnlich „verrückt“ sind, – aber man erkannt auch, dass die Welt voller Schwätzer ist, die einem nur den Lebenssaft absaugen wollen, wo sie etwas Aufmerksamkeit bekommen und sich darstellen können.
Und dann, am 23. November 2011 stieg ich in Portugal in mein Boot und ließ alles hinter mir zurück. Ich ruderte drei Monate lang und 6500 Kilometer weit über den Atlantischen Ozean, bis nach Barbados. Ganz allein.

Es ist kaum in Worte zu fassen, was diese Entscheidung in meinem Leben alles bewegt hat und was mir da draußen widerfahren ist. Und nach meiner Rückkehr hatte ich plötzlich etwas, über das ich schreiben konnte und bekam sogar einen Vertrag über ein erstes Buch. „Tosende Stille“ wurde mein erster Bestseller. „Freut euch nicht zu spät“, mein zweites, mein Seelenbuch, schaffte ebenfalls den Sprung auf die SPIEGEL-Liste. Bis zum dritten Buch „Liebe“ lief es eigentlich ganz großartig. Hunderte Interviews, Artikel, Talkshows, Lesungen und Vorträge. Dieses Leben glich fast einem Rausch, ich lebte eigentlich nur noch auf der Autobahn. Großartig!

Und doch wusste ich, dass auch dieser „Erfolg“ nicht die Antwort für ein Leben ohne Depressionen sein würde. Man kann die äußeren Umstände ändern wie man will, aber nur wo man es dann auch wagt, begreift man vollumfänglich, dass Glück und Zufriedenheit eigentlich eine Frage der inneren Einstellung sind, und eben nicht der Umstände. Denn alles ist vergänglich, alle Umstände können sich ändern und jeder Umstand droht irgendwann zur Routine zu werden, die uns dann lebt, anstatt dass wir frei leben.

Die Erfahrung, so allein auf dem Ozean, hatte mich weit über meine Grenzen hinaus geführt. Immer dann, wenn nichts mehr ging und alles hoffnungslos erschien, öffnete sich unerwartet eine neue Tür und zeigte mir einen Ausweg. Ich mag dieses Bild, es steht symbolisch für alles: Also ich mich eine Woche in den Stürmen auf See verloren hatte und mich auf völlig falschem Kurs nach Norden befand, warf ich in einer schweren Gewitternacht den Sturmanker in der Kreuzsee aus und hörte auf mich gegen die Natur zu stemmen. Am nächsten Morgen erwachte ich, die See war glatt. Da begegnete mir mein Wal „Tilly Willi“. Zwei Wochen lang war ich wieder in die richtige Richtung unterwegs, jetzt mit einem Wal an meiner Seite. So ganz langsam begriff ich, dass die Kunst im Leben das Vertrauen & Loslassen ist. Vor allem dann, wenn man nicht mehr weiter weiß. Und wenn man aufhört, sich etwas vorzustellen, was geschehen sollte oder müsste, dann können erst ganz andere Dinge geschehen.

Und nun bin ich 41 und wieder einmal weiss ich mit dem Kopf nicht weiter. Die letzten sieben Jahre waren eine unfassbar abenteuerliche Reise in mich selbst und tief in mein Herz und meine Seele. Alles begann mit dem Ozean. Immer wieder suchte ich hier dieses Gefühl von Freiheit, das ich da draußen erfahren habe, diese Lebendigkeit! Und immer wieder fand ich sie auch im Alltag. Wenn nur das Mindset stimmte. Ich versuchte es mit Meditation, mit unfassbar vielen Drogen und bewsstseinserweiternden Substanzen, mit Beten, Yoga, Fasten … aber keine dieser Türen funktioniert auf Dauer, ich erreichte immer nur temporär einen Zustand des Friedens. Jedenfalls nicht so langfristig, wie ich es wirklich ersehnte. Das sind alles nur Drehtüren, man muss aufpassen, dass nicht hängenbleibt darin. Irgendwann muss man durchgehen.
Und dann suchte ich die Liebe, meinte mich vielleicht in diesem einen Menschen endlich wieder ganz selbst erfahren zu können, und für immer. Mit Happy End und so, wie Märchenbuch, ihr wisst schon. Und was habe ich mir die Finger verbrannt an meinen intensiven vermeintlichen Seelenbegegnungen. Wo vorher nur Wunden waren, fehlten mir plötzlichen ganze Gliedmaßen, die ausgerissen wurden, wegen ein paar echten Gefühlen. Liebe entpuppte sich als etwas ganz anderes, als etwas viel größeres als eine märchenhafte Erfindung der Romantik oder New-Age-Spiritualität.

All das Alte funktioniert so nicht mehr. Es wird jetzt Zeit wieder eine große Entscheidung zu treffen, für mich selbst. Doch welche das ist, weiß ich nicht. Doch ich weiß aus Erfahrung inzwischen, dass sie mich finden wird, – dass, wenn ich es einfach geschehen lasse, sich das Richtige in mir offenbaren wird und die Entscheidung von selbst fällt. Man kann das Richtige nicht erzwingen.

Nun, nichts gelingt mir mehr, nichts macht mehr Sinn gerade. Ich bin müde. Müde auch, mich zu erklären. Ich bin so oft aufgestanden in den letzten Monaten, um doch wieder zu fallen. Für jedes Problem auf meinem wachsenden Problemberg, das ich löste, kamen drei neue Probleme dazu. Es ist so unfassbar viel passiert und schiefgelaufen in den letzten zwei Jahren. Schaue ich zum Horizont, wird mir bange. Wie auf dem Meer, wenn ein Sturm naht. Alles droht schwarz. Tiefschwarz. Komplett verzettelt und verloren erwarte ich das Unwetter nun, das alles Alte wegfegt und eine neue Entscheidung bringt.
Ich bin nicht allein, habe auf meinem Weg ganz besondere Menschen kennengelernt, die mit mir zusammen gehen auch. Doch den letzten Schritt, die letzte Stufe müssen wir immer alleine wagen. Die Lyrikerin Hilde Domin schrieb einmal: „Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.“ Diesen Satz ließ sie sich auch auf ihr Grab setzen.

Da stehe ich nun vor ihren Grab oft. Und die einzige wirkliche Entscheidung in meinem Leben, die noch aussteht, kann eigentlich nur diese eine sein: Bin ich endlich bereit dazu, den Fuß in die Luft zu setzen, und will ich darauf vertrauen, dass sie mich trägt?!
 … mit anderen Worten: raus aus dem Kopf und rein ins wirklich Sein, wie als Kind, mit Urvertrauen IM HERZEN!

Niemals zuvor lang ich so am Boden wie jetzt, alles was ich bisher im Leben bewältigt habe, erscheint mir geradezu lächerlich im Vergleich. Eine schwere Depression, ohne Zweifel, mal wieder. Und doch ist diesmal alles ganz anders, denn ich schaue ihr ins Gesicht und erkenne mich selbst. Was ich sehe passt nicht mehr in mein altes Leben. Was ich sehe ist ein Wunder, was ich spüre ist „Gott“ und was ich weiss, ist, dass wir alle so viel mehr sind, als dieses Theater hier, das wir auf diesem Planeten aufführen und mit dem Kopf dirigieren wollen. Aber wir haben doch gar keinen Plan, was wir hier eigentlich für einen Zirkus veranstalten. Wir können nicht Ansatzweise mit Gedanken begreifen, was für ein Wunder das hier alles ist und wir selbst sind! Wir würden uns schämen, wo wir es alle begreifen … schämen für unseren Egoismus und unsere Dummheit, uns für so klug und weit zu halten. Demut, (Mit)gefühl und Dankbarkeit sind das Elixier der Heilung jeder Depression. Nur dazu muss Licht ins Dunkel des Geistes, der sein Dunkel schon für ein Licht hält. Die Ent-Täuschung einer Depression befreit den Geist von seiner Täuschung. Das ist schmerzhaft, aber in Wirklichkeit ein Segen, wenn es erkannt wird.

Der große Mystiker Johannes vom Kreuz schrieb über die „Dunkle Nacht der Seele“ … und mir gefällt das besser, als „Depression“. Denn jeder Nacht folgt ein neuer Morgen, und je dunkler die Nacht, desto heller scheint das Licht danach.





Wenn du alles andere loslässt, und vertraust, entdeckst du dich selbst und deine Gefühle wieder. Und langsam begreifst du dann, dass du dich niemals wirklich verlieren kannst. Wo immer einer vor seinen Gefühlen davonläuft, muss ein anderer darunter leiden. Und so läuft die halbe Welt davon, während die andere Hälfte leidet. … wirklich glücklich wird so keiner.

Lasst das Alte und Falsche los, umarmt eure Schatten mit Mut und Vertrauen … und gebt euch selbst niemals auf. Heißt auch die Einsamkeit mal Willkommen, die sich zeigt, denn von ihr ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum „Einssein mit sich Selbst …. und Allem“.

Mehr als das weiss ich nicht sicher. Ich weiß vieles andere noch, aber davon weiß eben nichts richtig. Das andere ist eben doch nicht (mehr) meine Welt, ich passe dort wirklich nicht hinein. Und das ist gut so. Mein Scheitern in meiner alten Welt des Wissens und Funktionierens, fühlt sich hier und jetzt gar nicht mehr als Scheitern an. Wer nur funktioniert, wenn alles funktioniert, ist nur ein Zahnrad in einem Getriebe.

Viele Menschen, die sich selbst belügen, wissen viele schlaue Ratschläge, wie auch andere sich
weiter selbst belügen können. Doch steht einer erst einmal vor dem Abgrund der Realität, sind die Menschen rar, die mit ihm eine Brücke ins wirkliche Leben bauen können. Wer nur einen solchen Menschen in seinem Leben weiß, ist gesegneter als jeder, der jeden kennt.
– für meine Freunde

Am Tropf der Freiheit

Wenn jemand wirklich wissen will, wie frei und geborgen er hier lebt, sollte er jemanden fragen, der am Tropf des Systems vergiftet wurde. Der nicht mehr funktioniert, der diesen künstlichen Lebenssaft nicht mehr verträgt, der nichts mehr leisten kann und abgeschnitten wurde. Der Obdachlose, der bei -5°C Außentemperatur neben dem Bankautomaten schläft ist der richtige Ansprechpartner. Er verdient auch nichts mehr am Verkauf von Träumen und Illusionen, er muss keinem mehr etwas vormachen oder andrehen.
Und wen es interessiert, welche freiheitlich-menschlichen Werte dieses System sonst noch verkörpert, für die, die nicht mehr funktionieren, der sollte sich im Klaren darüber sein, dass ihn schon in wenigen Jahren im Pflegeheim effiziente Roboter bemuttern und bespaßen werden, während die Enkel in virtuellen Welten die Unsterblichkeit wähnen.
Und wenn jemand immer noch unsicher darüber ist, ob er hier frei und ganz Mensch mit Herz ist, dann sollte er mal versuchen, für fünf Minuten das mechanische Gedanken-Hamsterrad im Kopf anzuhalten, in das er seit Kindesbeinen an hineingetrieben wurde. Wenn die endlosen Gedankenketten in den Köpfen erstmal ihre Runden drehen, dann muss keiner mehr an Ketten gelegt werden, dann will jeder an den großen Tropf und lässt sich freiwillig die Nadeln in die Venen stechen. Alles gut, solange er diesen Saft ohne Nebenwirkungen verträgt … und niemals die Entzugserscheinungen kennenlernen muss.

… so Gedanken. Nicht immer nur Schöne.

Großen Gefahren habe ich mich ausgesetzt.
Gefährliche Gedanken habe ich gedacht.
Habe viel gewagt und viel verloren.
Doch nichts zu riskieren ist der größte aller Fehler.
Und wofür das alles?
Ein sanfter Windstoß streicht mir durch
die Haare, wie kein anderer Windstoß jemals zuvor.
Und er singt das alte Lied der Freiheit wieder.
Meine Taschen sind leer, mein Kopf ist leer.
Aber mein Herz quillt über vor Glück.
Nur dafür. Das ist alles.
– Trier / Nov.18

Komm heim zu dir

Der Mensch den du überall suchst, das bist du selbst. Schau mal in deine Profilbilder, schau ihm in die Augen! Dieser Mensch der dich da anschaut, er sehnt sich nach dir. Er wartet ein ganzes Leben lang nur auf dich, darauf, dass du wieder zurück zu ihm kommst. Das ist die Liebe deines Lebens, niemand anderes kann und wird ihn mehr lieben als du selbst. Reiche ihm die Hand, reiche dir die Hand und komm endlich wieder nach Hause, du Reisender!

Gedanken / Fragmente

Schuld und Unschuld

Wenn wir uns schuldig oder unschuldig fühlen, dann sind wir immer schuldig! Schuldig darin, keine Verantwortung für uns selbst oder andere zu übernehmen und gerechte Entscheidungen zu treffen, – stattdessen wie Kinder nach einem Schuldigen zu suchen. Ein erwachsener Mensch weiß, dass die Verwicklungen dieser Schöpfung viel zu komplex für eine entweder nur schwarze oder weiße Welt sind. Wir sind alle im gleichen Maße schuldig, wie unschuldig … was wir davon erkennen, bestimmt allein worauf wir unseren Fokus legen. Und natürlich wollen wir alle gern unschuldige Opfer im eigenen Unglück sein. Im Glück stellt sich diese Frage danach, wer schuld daran ist, letztlich nicht.

Deus ex machina

Ein Magnet hat zwei Pole. Zersägen wir den Magneten, hat auch jedes Teilstück wieder zwei Pole. So ist es auch mit unseren Gedanken: jede Wahrheit hat und braucht zwei Seiten. Und wir können ins Unendliche jeden Gedanken zersägen, um zu einer finalen, universellen Wahrheit vorzudringen, und doch, jeder Denkschluss offenbart wieder zwei Seiten. Wir können sägen und sägen, und denken und denken, bis wir uns am Ende „in den Finger schneiden“, weil wir zu viel zersägt und zerdacht haben. Dann tut es weh, und in diesem einem Augenblick können wir (kann sich!) das Wesentliche, – das was wirklich IST! – wieder erfahren. In dieser Wirklichkeit IST die Welt einfach, mit allen Magneten und allen Menschen und ihren Gedanken, die glauben, dass in ihrer Abstraktion etwas wirklich und wahrhaftig sein könnte.

In der Wirklichkeit benötigt alles einen Gegenpol, einen Kontrast, um überhaupt erscheinen zu können. Das Licht braucht das Dunkel, die Wahrheit braucht die Lüge, das Leben den Tod – kein Schwarz ohne Weiß, kein Selbst ohne das andere. Und doch entspringt alles Geteilte, Duale und Gegensätzliche dieser all-einen Natur. Diese Natur selbst ist ohne Eigenschaft an sich, ist unbeschreiblich, – jede Beschreibung der Wirklichkeit ist nur ein Phänomen, eine Erscheinung in ihr selbst. Die Wirklichkeit IST jede Beschreibung, aber sie kann nie das sein, was beschrieben wird, – so wie der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht der Mond ist. Diese Wirklichkeit hat keine Form, keine Eigenschaft, keinen Namen … sie ist einfach, in diesem Sinne ist sie das, was Menschen versuchen als „Gott“ zu begreifen. Und letztlich ist es „Gott“ selbst, „sozusagen“, der sich da im Begreifen zu begegnen versucht, sich aber gerade im Begreifen niemals begegnen kann, – der nur alle Erfahrung selbst IST. In der reinen Erfahrung, im reinen Sein finden Menschen und Gott wieder zusammen.

Feedback zum Podcast

Heute möchte ich den Auszug aus einer Nachricht mit euch teilen, die mich nach der gestrigen Podcast-Episode erreicht hat. Ich bin zutiefst berührt davon und sie fasst so wunderbar zusammen, warum ich das alles hier mache und meine Gedanken und Gefühle preisgebe. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, erreicht mich durchaus auch viel Kritik wegen meiner Art und meinen Themen, entsprechend bestätigt mich euer positives Feedback immer auch darin, so weiterzumachen, – weil es eben funktioniert, – weil, wer sich darauf einlässt und zuhören will, auch „versteht“. Ich danke euch für eure Nachrichten, sie wirken dem Impuls in mir entgegen, mich einfach besser zurückzuziehen und über das zu schweigen, was ich erfahre und erlebe. Sie geben meiner Arbeit Sinn und das ist mir eine große Freude.

Liebe Janice, Podcast 91 ist in seiner Tiefe für mich ganz intensiv. […] Das letzte Drittel von 91 fasst so viel zusammen, lässt mich das Gesagte wirklich fühlen. Solche Transzendenz, solcher Frieden ist wundervoll. Ich erlebe deine Folgen alle, jedoch gibt diese hier völligen Frieden. So intensiv waren für mich nur die Outdoor-Folgen… Bitte lasse allen Zweifel abprallen und zerfallen. Die Art und Weise der tosenden Stille passt perfekt, so, wie sie ist.“

Und hier gehts zur letzten Episode:

Nicht alles was scheint …

Mir scheint, dass das Verliebtsein, im Gegensatz zur Liebe!, einfach auf der Illusion und Spiegelung fußt, dass man viele Gemeinsamkeiten hätte, ja, fast gleich sei. Ohne den anderen wirklich zu kennen, entsteht für jeden Partner dabei ein trügerisches WIR-Gefühl aus sich selbst und seiner Vorstellung über den anderen. Ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein, bleibt jeder doch nur bei sich, – und jeder erlebt sein eigenes WIR, für das er sich vermeintlich selbstlos aufopfert. Ein stark erodiertes Selbstbild ist von dieser Verliebtheit und Aufopferung sogar „abhängig“ und kann sich so jedes Arschloch zum Traumpartner „vorstellen“ und sich unbewusst weiter den eigenen Selbsthass von ihm spiegeln lassen. Dieses Verliebtsein ist aber bestenfalls ein vorübergehender Zustand, ein Glücksgefühl der vermeintlichen Erfüllung, ein Wiedererspüren seiner selbst, ein biologisch initiierter Rausch von Hormonen und Neurotransmittern, – ein Zustand aber, der sich erschöpft und der letztlich an der Realität zerbricht, dass der andere leider doch nicht mehr unseren Vorstellungen entspricht, weil er doch so ganz anders war oder sich angeblich verändert hat. Der Spiegel beschlägt und verzerrt dann, und wir verschwenden viel Anstrengung und Zeit darauf, ihn zu verbiegen und zu polieren, damit das Bild, was er uns zeigt, endlich wieder unseren Erwartungen entspricht. Können wir so doch nur lieben, was unseren liebenswerten Vorstellungen entspricht… in uns, im anderen.

Die wirkliche Liebe unterdessen ist das Bewusstsein und die Bereitschaft, sich Gemeinsamkeiten zu erschaffen und gemeinsam neue Erfahrungen zu sammeln, – zusammen leiden, zusammen lachen! Geteilter Schmerz und geteilte Freunde verbinden erst, und ohne sich dabei zu öffnen und die eigene Fehlbarkeit und Verletzlichkeit zu offenbaren, ist auch keine Intimität, Berührung und Nähe möglich. Liebe spiegelt nicht mehr, sie nimmt Anteil und teilt. Liebe ist mehr als ein vermeintlich perfekter, glückseliger Zustand, – Liebe ist eine bewusste Entscheidung für einen Weg, auf dem sich zwei Persönlichkeiten, mit allen ihren Schatten einen gemeinsamen, wirklichen Raum des WIR schaffen wollen, um sich erfüllt, frei und geborgen zu fühlen. In einer oft gefühlskalten und bequemen Welt! Ein Raum, den sie unentwegt erweitern, vergrößern und mit Licht und Wärme erfüllen möchten, wo noch Kälte und Dunkelheit herrschen. Liebe bedingt zutiefste Ehrlichkeit voreinander und braucht Mut!, – Liebe ist kein Selbstläufer und kein Scheinbild einer vermeintlich heilen Welt mit vermeintlich heiligen Menschen. In fast jedem von uns steckt auch noch ein „Teufel“. Wer ihn nicht im Lichte betrachtet, füttert ihn mit Dunkelheit.

Die Liebe kann niemals bedingungslos und selbstlos sein, solange sich da nicht zwei aufrichtige und gereifte Menschen begegnen, die sich ihre Schatten, ihren Egoismus, ihre „Sünden“ auf dem Lebens- und Liebesweg bewusst machen. Die Enttäuschung ist dabei ihr größter Lehrmeister! Die wirklich bedingungslose und selbstlose Liebe ist ein Paradox! Wirklich ganz lieben kann erst der, der erkennt, dass er gar nicht bedingungslos und selbstlos lieben kann, und/weil er noch niemals bedingungslos und selbstlos geliebt wurde. Jedenfalls dürfte dies auf die allermeisten Menschen zutreffen.

(Auf mich natürlich nicht!!! Bin ich doch eine Heilige ;-))
 

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Weniger oder mehr

Das Leben kennt zwei Richtungen und wir können nicht gleichzeitig in beide Richtungen streben, denn dann droht es uns zu zerreißen. Wenn mir meine schweren Krisen eines beigebracht haben bisher, dann das: Entweder wir lassen uns auf wenige Dinge wirklich ganz ein, denen wir Aufmerksamkeit, Bedeutung und damit Sinn geben ODER wir zerstreuen uns im Unendlichen der Möglichkeiten und hoffen, dass wir darin irgendwann einen Sinn finden werden. Weniger oder mehr. Das ist alles. Wir haben die Wahl uns auf das Wesentliche tief einzulassen oder auf das unendlich Unwesentliche nur oberflächlich. Der Sinn den wir finden ist nur der Sinn den wir allem geben. Letztlich begegnet uns immer nur das, was wir selbst hineinlegen. Es spielt dabei keine Rolle, was uns wichtig ist und woran wir glauben, aber unsere Überzeugungen sind am Ende alles was wir sind. Und wer an nichts wirklich mehr glaubt und sich auf nicht mehr richtig einlässt, der hat sich schon verloren.

ɯɐsıǝʍZ / Einsam

Die Liebe ist so ganz anders!
Dank dir weiß ich nun sicher
Dass es wirkliches Miteinander nicht gibt
Dass alle gleichsam einsam hier wandeln
Einsame Menschen reden sich leicht ein
Dass Zweisamkeit wahren Frieden bedeutet
Wenn du neben mir liegst, spüre ich

Überhaupt nichts mehr davon
Kommen wir uns nahe, vermisse ich rasch
Einklang, Vertrauen und mich selbst wieder
In deiner Seele, in deinem Wesen finde ich
keinen Halt und keine Geborgenheit mehr
Fallen wir, suchen wir im Dinglichen allein
Fallschirme und Rettungsanker füreinander
In den Ängsten und Krisen erleben wir uns als
Verbunden und miteinander verflochten
Das ist unsere Liebe, das sind Wir!


(nun lies die Zeilen rückwärts)

– Janice Jakait / 28.9.18 (inspiriert von A. Shoaib)