Auf dem Zahnfleisch

Alle ideologischen Gesellschafts-, Sozial- und Wirtschaftssysteme, die vom Menschen ersonnen und konstruiert wurden, waren nicht für den Menschen der Gefühle und der Gemeinschaft gemacht. Und so wurden die Menschen immer klüger, aber immer kälter … und so planten sie immer weiter. Bis sie clever genug waren, sich selbst zu täuschen und einzureden, wie menschlich und weise sie doch geworden waren. Dabei hatten sie ihre wahre Natur ebenso zerstört, wie die Natur vor ihren abgedichteten und doppelverglasten Fenstern. Hermetisch abgeriegelt. so wie ihre Herzen. Sie hofften und heuchelten sich eine heile Welt zusammen, von Leid und Kälte wollten sie nichts hören, – aber insgeheim waren sie doch fasziniert davon und erweckten das Verborgene in Filmen und Büchern zum Leben. Dort blieb es fiktiv und schien beherrschbar, – doch sie konnten das Verborgene nie wirklich beherrschen, immer wieder brach es auf und zeigte sich. Millionen Male ging in ihren Kinos die Welt unter. Dort feierten sie sich als Superhelden, auf ihren Straßen ließen sie aber die Menschen erfrieren, an ihren Stränden ließen sie sie ertrinken. Ihre Welt war ein großes Theater. Ihre Almosen feierten sie als Barmherzigkeit. Ihre Dankbarkeit war die Bestätigung und Dankbarkeit der anderen, und wehe, sie blieb aus! Ihr Vertrauen war die Gewissheit; ihre Geborgenheit war die Sicherheit; ihr Mitgefühl war ein Handel; ihre Demut war die Angst … ihre Liebe hatte immer einen Preis.

Wir alle aber wurden als hochsensitive Wesen geboren, doch gleich den beiden Gefangenen in Platons Höhle, bleibt uns letztlich nichts anderes übrig, als in eine Welt der Schatten hineinzuwachsen, die von einem Feuer an die Wand geworfen werden. Und irgendwann halten wir die zweidimensionalen Schatten, die Umrisse und Formen anderer Menschen und Tiere für die Wirklichkeit und geben uns damit zufrieden. In dieser Welt wähnen wir uns dann als Könige, dabei liegen wir in Ketten. Kommt einer aber von draußen und erzählt uns von der hellen Sonne und der Tiefe des Meeres, halten wir ihn für verrückt. Natürlich ist das nur eine Metapher.

Die Welt der Schatten ist die Welt die Gedanken, und wurden wir erst einmal in ihr eingesperrt, begegnet uns kaum mehr die wirkliche Welt, sondern nur mehr ihr Echo im Kopf … Erwartungen, Erklärungen, Vorstellungen, Meinungen. Die ständige Überreizung mit viel zu vielen Eindrücken und Informationen zwingt den Menschen aus dem Erleben im Augenblick heraus, – er kommt einfach nicht mehr zur Ruhe. Die Reizschwelle wird angehoben, sagt man – und genau dieser Filter, genau das ist das Denken! – alles wird beurteilt, kommentiert und bewertet. Sonst würde man es gar nicht ertragen. Als wäre alles eine einzige Aufgabe oder eine Bedrohung.

Als ich nach Monaten allein auf dem Ozean zurück an Land kam, waren meine Sinne wieder vollständig geöffnet. Ich fühlte mich wie in meine Kindheit zurückversetzt: die Erdbeeren schmeckten wieder genauso intensiv wie früher, – die Farben der Welt, die Pflanzen, die Vögel … rührten mich zu Tränen. Berührungen, Düfte – himmlisch! Ich hätte mir gar nicht mehr vorstellen können, dass man die Welt SO erfahren kann! Als ich dann in einen Supermarkt ging, fühlte ich mich völlig überfordert, alles war viel zu künstlich bunt und bettelte um Aufmerksamkeit. Und da war stets dieser menschgemachte Lärm überall: schnelle Autos, große Worte, endlose Informationen und Nachrichten, unendliche Möglichkeiten – kaum auszuhalten. Terror für meine Sinne – meine Gefühle kamen gar nicht mehr mit. Ebenso erschöpften mich plötzlich die meisten Gespräche, ich konnte regelrecht dabei zuschauen, wie mir meine Energie, meine Seele, aus dem Leib heraus gezogen wurde und meine Scheuklappen wieder hochfuhren. Dann braucht man wieder was im Außen, um aufzutanken. Aber alles verlor nach und nach seine Seele, seine Tiefe und wurde immer konstruierter und oberflächlicher, und entsprechend immer leerer … und immer lauter!

Je mehr ich mich wieder dem Tempo und der Musik der modernen Welt anpasste, um ganz normal zu funktionieren, desto mehr verlor die Welt ihren unvorstellbaren Zauber. Und steckt man dann erstmal ein paar Wochen wieder in diesem nüchternen, flachen Erleben, da hat man sich auch schon wieder daran gewöhnt. Es erscheint einem das Normalste der Welt, und an die intensive Gefühle vorher vermag man sich gar nicht mehr erinnern, kein Wunder, waren sie ja gerade keine Gedanken, sondern Gefühle … wie will man das erinnern, zurück im Kopf, , zurück im Gedankenwald!

Ich wollte mich unmöglich mit diesem Zustand abfinden, um einfach nur wieder zu funktionieren, um dann von Spektakel zu Spektakel zu eilen, damit mal wieder was über meine Reizschelle, – an den Gedanken vorbei! – ins Herz gelangt. Also blieben mir nur drei andere Möglichkeiten: Ich konnte wieder davonlaufen, ich könnte mir hier einen „Raum der Stille“ erschaffen und mich abgrenzen, oder es gelänge mir auf anderem Wege, offen und berührbar zu bleiben, und damit auch verletzbar!, ohne aus dem Feuer gegen zu müssen.

Sieben Jahre später komme ich jedenfalls zu folgendem Schluss: Schaue ich mir den Zustand der Welt und die Menschen an, scheinen die meisten tatsächlich in einer Schattenwelt zu leben. Regelrecht leer und dissoziiert … abgespalten von ihrem wahren Wesen. Weniger aufgrund eines einzelnen traumatischen Erlebnisses, sondern vielmehr als Folge einer chronischen Überreizung auf der einen Seite, und einer mangelnden Aufarbeitung und Genesung nach realen einschneidenden Erlebnissen, auf der anderen Seite, die keinem Menschen im Leben erspart bleiben. Stattdessen wird der Intellekt von Kindesbeinen an geschult und hochgezogen, damit man das alles auch aushalten, filtern, rechtfertigen und erklären kann. Und vor allem: damit man sich ständig neue Ziele setzen kann und ein Karotte vor der Nase hat. Immer etwas im Fokus, aber Achtsamkeit und Bewusstsein im gegenwärtigen Moment: unmöglich! Immer unterwegs, stets nach vorn schauen, nur nicht zur Seite und niemals in sich selbst hinein! Zukunft oder Vergangenheit, Grund oder Ziel, Hoffen oder fürchten, träumen oder bereuen, aber so wenig SEIN, so wenig JETZT! Ständiges Wachstum und Veränderung, immer auf der Reise! – das ist das Krebsgeschwür des Geistes, wenn er ungebremst wächst. Und alles wird dann auf sich selbst bezogen, – wer hat das denn nötig, außer einer, der meint, auf sich aufpassen und sich schützen zu müssen. Das Ego ist doch nichts anderes, als ein Mangel an Vertrauen. Höre ich mein Ohr selbst, habe ich einen Tinnitus, sehe ich mein eigenes Auge, ist es vielleicht ein Grauer Star … genauso ist es mit dem Ego.

Kein gesunder Mensch kann einen Blick in diese Welt werfen und dann einfach nur so weiter machen, wie bisher. Kein gesunder Mensch könnte wegschauen, wenn andere hungern, leiden, sterben. Es spielt keine Rolle wie klug wir uns wähnen, – wie dumm wir wirklich sind, das lässt sich nur daran ermessen, wie Menschen miteinander leben und wie sie mit dem Planten umgehen, den sie ihre Heimat nennen – und letztlich, was sie wirklich noch mit den Sinnen wahrnehmen in einer geheuchelten Welt des großen Theaters und der inszenierten Dramen. Erich Fromm hatte Recht: »Die normalsten sind die Kränkesten und die Kranken sind die Gesunden.« Es sind die, die nicht mehr recht mitkommen, die tatsächlich noch ein Herz haben, das funktioniert.

Das Wunder der Welt und des Lebens, es hat keinen Preis, es kostet keine Anstrengung, es ist bedingungslos zu erfahren. In jedem Augenblick. Die Erfüllung ist das Erleben, das ewige Streben erzeugt nichts als Gefühle des Mangels. Doch die Gedanken werden sich die Zähne am unvorstellbaren Augenblick ausbeißen, bis dem Menschen am Ende alle seine Zähne fehlen und seine Zeit hier, in der er auf dem Zahnfleisch ging, endgültig abgelaufen ist. – jj.

Alles in allem

Einst erwachte ein Mann in einem lichtdurchfluteten, aber völlig leeren Raum. Es gab jedoch weder eine Lichtquelle, noch eine Tür oder ein Fenster. Er hatte keinerlei Idee, wo er sich befand. Nachdem er sich etwas gesammelt hatte, und nichts Sinn machte, beschlich ihn der Verdacht, dass er gestorben sein könnte und sich nun in einer Art Himmel oder Zwischenwelt befand. Da erschien ihm im Licht ein seltsames und doch irgendwie vertrautes Wesen mit menschlichen Zügen und begrüßte ihn.
„Bin ich gestorben und im Himmel?“, fragte der Mann. Das Wesen nickte zustimmend … „Japp! Du hattest einen Autounfall; was für eine Sauerei! Aber nun bist du ja erstmal wieder hier.“

„Bist du dann Gott?“, fragte der Mann weiter. Und das Wesen antworte, dass das Wort „Gott“ für den Moment eine ganz passable Beschreibung wäre, wenngleich es die Wahrheit nicht wirklich gut abbilden würde … „Aber ja, im weitesten Sinne bin ich sowas wie Gott. Passt schon, mehr kannst du im Moment unmöglich begreifen!“, fügte es an.

„Was passiert nun mit mir, und was meintest du mit: „ich wäre wiedermal hier?“, wollte der Mann wissen, und er erfuhr, dass er nun, wie schon unzählige Male vorher, eben wiedergeboren werden würde, – so oft noch, bis er endlich alles ganz verstünde. Diesmal nun als ein kleines chinesisches Mädchen im achtzehnten Jahrhundert; ihr Name wäre Kaiwen.

Der Mann war sichtlich irriert, nahm er doch an, man würde immer nach seinem letzten Leben wiedergeboren, also in der Zukunft, wenn es überhaupt so etwas wie Wiedergeburt geben würde. Doch das Wesen schüttelte mit dem Kopf … „Ach was, Unsinn!, du wirst in jedem Moment, in jeder Epoche, in jedem Menschen wiedergeboren irgendwann, – ja, in jeder Kreatur sogar, aber damit fange ich jetzt besser erst gar nicht an. In der vermeintlichen Zukunft, in der Vergangenheit, mal hier, mal dort, völlig egal! – aber deine begrenzten Vorstellungen von Raum und Zeit machen es noch unmöglich, das zu verstehen.“

Der Mann dachte kurz nach, dann merkte er an, dass er nach dieser Logik auch irgendwann in allen seinen eigenen Kindern und sogar in seinen Eltern wiedergeboren werde müsste. Und auch da nickte das Wesen zustimmend; zuckte mit den Schultern, als wäre das die normalste Sache der Welt.

„Aber dann wäre ich ich ja selbst wie Gott!!!“, stellte der Mann überrascht fest.

„Ja, so ganz langsam beginnst du zu verstehen, sehr gut! Wir sehn uns, bis bald!“, antworte das Wesen und verschwand mit einem schallenden Lachen.
Dann wurde es auf einmal dunkel, und dann wieder hell, und da sieht er zwei Schneereiher über die Reisfelder ziehen.

* (Habe ich mal irgendwo aufgeschnappt die Geschichte und mit nun mit eigenen Worten und meinen üblichen dramatischen Übzeichnungen niedergeschrieben… so ungefähr jedenfalls ging sie.

Freund und Feind

Eines Tages wirst du erwachen.
Erst wird sie dich küssen und liebkosen,
dir dein bester Freund sein wollen;
aber du hast ihre Heuchelei durchschaut,
weißt, dass sie eine falsche Schlange ist, –
dass sie dir schon morgen wieder
feige in den Rücken fallen würde.
Dabei wird sie immer nur das tun,
was es braucht, um dich zu verwickeln.
Mal ein Gedanke, der ein Feuerwerk zündet,
mal ein Jucken am rechten Fuß,
mal ein Haar, das über dein Gesicht fällt.
Da du die teuflische Schlange, das Ego,
nun endgültig entzaubert und erkannt hast,
fällt sie dir schon heute in den Rücken,
mit allen ihren Armeen und Dämonen.
Albträume, Horror und das ganze Theater.
Dann schickt sie dir Panik durch den Leib,
und Schmerzen schickt sie hinterher.
Das Herz schlägt wild in der Brust,
den Körper scheint es zu zerreißen;
denn wenn alles nicht reicht,
wird dich die Furcht vorm Tode zähmen;
und sieh!, da reicht sie dir wieder die Hand,
um dich zu beruhigen und zu retten.
Wieder weiß sie eine Lösung,
aber schon morgen ein neues Problem.
Also wirst du einfach nur da sitzen, –
die Beine gekreuzt,
den Blick auf den Boden,
ein Lächeln in deinen Augen.
Sie kann ihre Giftfänge unmöglich mehr
in deine Seele setzen.
Es gelingt ihr nicht mehr,
dich in ihre falsche Welt zu entführen.
Wütend wird sie da und redet dir ein,
dass du dich völlig verlaufen hast,
und dass du für immer verloren bist;
so wie alles nun verloren sei …
die ganze weite Welt!
Aber du hast längst alles verloren,
und nichts davon war wahrhaftig.
Also wirst du einfach nur da sitzen, –
die Beine gekreuzt,
den Blick auf den Boden,
ein Lächeln in deinen Augen.
In ihrer Angst und in ihrer Wut
wird sie sich auflösen,
und nicht von ihr bleibt zurück.
Das Feuer, in dem sie tobte,
war einzig deine Zuwendung.
Nichts von ihr war wahrhaftig.
Dann steigt die Sonne in dir auf
und plötzlich bist du der blaue Himmel.
Wenn der Geist endlich ruht,
erwacht die ganze Welt
in deiner Ewigkeit zum Leben. -jj.

Gelesen / mp3: https://vocaroo.com/i/s065O3v7lGiW

Der Tanz der Dinge

Alles entsteht und alles vergeht,
nichts davon ist ewig und wahrhaftig.
Das Morgen ist bald ein Gestern,
nichts davon ist ewig und wahrhaftig.
Was gestern wichtig, ist morgen vergessen,
nichts davon ist ewig und wahrhaftig.
Alles ist bedingt und von anderem abhängig, –
kein Mensch ist ohne Luft und ohne Erde –
und die Erde ist nicht ohne das All.
In sich selbst ist alles nichts und leer,
und nichts ist unabhängig und wahrhaftig.
Das Kind, welches unter Menschen aufwächst,
lernt zu sprechen und zu denken wie Menschen,
und dann hält es sich für einen Menschen.
Das Kind aber, das unter Wölfen aufwächst,
lernt zu heulen und zu jagen wie Wölfe,
und dann hält es sich für einen Wolf.
Das ist die Natur der Persönlichkeit,
keine ist unabhängig und wahrhaftig.
Kein Gedanke ist ohne einen anderen,
der ihn für wahr oder unwahr weiß;
keiner davon ist unabhängig und wahrhaftig.
Der Körper, mit dem der Mensch geboren,
war ein anderer als der, mit dem er stirbt.
Nichts ist ewig, unabhängig und wahrhaftig,
außer die Veränderung selbst.
Was wäre das Morgen ohne das Gestern,
was wäre der Tag ohne die Nacht,
was wäre das Leben ohne den Tod.
Doch nichts davon ist das Wesen aller Dinge,
und nichts davon bist wirklich du.
Ich weiß aber wer du bist,
denn ich weiß wer ich bin.

Nur in der Dunkelheit lernt man
das Licht zu meistern.

Wahr ist …

Wahr ist nur das, was uns wieder aus dem Kopf heraus und in die Wirklichkeit hineinbringt; ins unvorstellbare Erleben und Erfahren. Die meisten Gedanken führen aber einfach nur zu weiteren Gedanken, ganz gleich wie endgültig, wahr und klug sie erscheinen. Und darin offenbart sich ihre unwirkliche Natur. Gedanken die sich für wahrhaftig halten, müssen sich ständig um sich selbst drehen, damit ihre Paradigmen und Dogmen, ihre Selbst- und Weltbilder nur nicht ins drohende Nichts stürzen. Und so feuern sie sich gegenseitig an oder peitschen sich in Bewegung; loben oder verletzen sich; machen sich Lust auf sich selbst oder gegenseitig Angst. Hast du denn nie bemerkt, dass sich meist nur Gedanken vor Gedanken fürchten? Damit sperren sie sich in ihre Welt ein, die aber gar nicht wirklich existiert; die nur eine phantastische Vorstellung ist, die jedoch schnell aus dem Ruder läuft. Doch das Nichts, das sie fürchten, ist alles andere als nichts … es ist einfach unvorstellbar und die Gedanken beißen sich daran die Zähne aus.

Wissen führt in den Kopf,
Weisheit führt aus dem Kopf.
Der Kluge denkt, dass er viel weiß,
der Weise weiß sich als einen Narren.
Was sie eint, ist das Streben nach Wahrheit,
doch der eine wähnt sie nur im Kopf,
der andere tanzt in allen ihren Welten.

Keiner hat wirklich einen Plan hier. Immer werden sich Menschen finden, die die Meinungen anderer als Narrentum entlarven oder als schlichtes Nachplappern. Die Kunst, heute dennoch mit seinem vermeintlichen Wissen erfolgreich zu sein, und möglichst viele Zuhörer zu finden, ist einfach nur die: Finde etwas, das möglichst viele Menschen interessiert, aber mit dem sich nur wenige mehr beschäftigt haben, als du. Damit kommt man dann in der Regel gut durch und keiner merkt was. Und dann kann man sich auch selbst weiterhin für blitzgescheit halten.

Wir sind alle nur kleine Gedankendealer. Hat ein anderer uns erstmal mit seinen Ideen anfixt, verkaufen wir eben seinen Stoff weiter.

Leben ist Leiden

Leben ist Leiden, das sagte schon der Buddha. Und wir leiden, weil wir [etwas Bestimmtes] begehren, so fügte er hinzu. Wer in die Fülle des Lebens eintauchen will, wer im Licht wandeln mag, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich auch der Dunkelheit zu stellen. Alles ist vergänglich, – wo etwas kommt, da muss etwas gehen; wo etwas geht, da wird etwas anderes erscheinen. Zum Mut oder zur Hoffnung gehört die Enttäuschung ebenso, wie die Erfüllung. Alles wirkt immer nur vor dem Hintergrund eines Gegenteils, alles braucht einen Kontrast. Entweder wir fühlen alles davon, oder wir fühlen gar nichts mehr. Wir können nicht das Licht begehren – all die schönen Dinge! – und gleichsam das Dunkle und Unerwünschte ausblenden. Das ist kein wahrer Frieden, das ist Ignoranz und Selbsttäuschung. Am Ende entziehen wir uns nur dem Ganzen und der Fülle damit, stumpfen vollständig ab, werden von der Angst regiert und leben im sicheren Kopf und machen dort Kino.

„Immer nur gut drauf sein“, das steht auf den Fahnen unserer Zeit – aber sie wehen im Wind der Ignoranz. Wer es versucht, der brennt aus und fällt am Ende doch in die Dunkelheit und Enttäuschung. Und wirklich tief erfahren hat er bis dahin nichts, außer Theater.

Wer ein erfülltes Leben will, der muss auch das Leiden „wollen“. Beides gehört untrennbar zusammen. Was also ist wahrer Frieden? Frieden ist der Frieden mit dem Unfrieden, – es ist der Frieden mit dem Licht und mit allen Schatten. Da ist kein Leben ohne den Tod, keine Geburt ohne Schmerz, da ist kein Mut ohne die Angst, keine Erfüllung ohne die Leere. Das ist der Tanz der Welt. Menschen, die nur im Licht tanzen, sind Traumtänzer. Wer Licht und Schatten annimmt und beides umarmt, der findet einen wahrhaftigen und tiefen Frieden, – in allem, das ist – in allem, das er tut. Und gerade darin gibt es für ihn nichts mehr wirklich zu gewinnen, aber auch nichts mehr zu verlieren, er kann sich ganz auf das Leben einlassen, sich hingeben, fallenlassen, vertrauen und alles zutiefst erfahren, – so, wie es eben ist!; ohne dass er sich daran verblendet oder darin zerbricht. Das ist wahrer Frieden. Wir haben hier nichts zu verlieren, jede Erfahrung im Leben ist ein Privileg, das nur dem Lebendigen vorenthalten ist. Und so eben auch das Leiden und das Scheitern. Erkennt der Mensch dies, so kann er auch über den Tellerrand der Welt hinausschauen und erfahren, was hinter all diesen Licht- und Schattenspielen steckt … nur er selbst. Aber das ist eine andere Geschichte . . . – jj.

Sicherheit ist nichts als die Feigheit vor dem wahren Leben … oder in den Worten von Bukowksi: »Man muss erst einige Male sterben um wirklich leben zu können.«

Die Qual der Wahl

Auf keinem Weg und mit keiner Mühe der Welt ist vollkommener Frieden zu erlangen. Nur im Frieden selbst ist jeder Schritt, ist jede Tat vollendet. Im größten Überfluss ist keine Erfüllung zu erspüren. Im Moment tiefster Dankbarkeit und Demut aber wird es keinem mehr an etwas mangeln. In der größten Sicherheit ist keine Ewigkeit zu erfahren. Doch dem Augenblick des höchsten Vertrauens und der vollkommenen Hingabe, die erst wieder aus dem Mut erwachsen, wohnt die Zeitlosigkeit inne. Das längste Leben weiß keine unvergängliche Liebe. Die allgegenwärtige Liebe aber weiß keine Vergänglichkeit. Gedanken kennen keine Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit kennt keine Gedanken. Erreichten Zielen folgen bald neue Ziele – aber hier ist hier! Auch jedes Morgen wird bald zum Gestern – aber jetzt ist jetzt! Dem Denken folgt nur Denken – aber sein ist sein! Dazwischen wankt und schwankt der Mensch; bis er stürzt und eben ganz hineinfällt, entweder ins bodenlose Nichts der Gedanken oder in die grenzenlose Weite im Herzen. Hier hat er tatsächlich eine freie Wahl im Leben, doch der wahre freie Wille des Menschen wohnt in seiner Brust, – ist doch nichts so beschränkt, beeinflusst, bedingt und von den Umständen abhängig, wie sein wankelmütiges Denken. Die Frage war also niemals, welchen Weg er im Leben wählt – sondern allein, womit er entscheidet … mit dem Kopf oder mit dem Herzen. Denn nur dort kommt er am Ende auch an.

Die Sonne scheint und wärmt,
aber verschickt keine Rechnung.
Die ganze Erde dreht sich,
und bildet sich nichts darauf ein.
Wolken bringen neuen Regen,
selbst wenn keiner klatscht.
Bäume wachsen in den Himmel,
ohne ihre Größe zu vermessen.
Flüsse fließen zusammen
und annektieren nicht ihren Weg.
Blumen erblühen am Ufer,
ohne um die Bienen zu streiten.
Aber dann …
dann ist da der Mensch.

Ohne Ziel

Je klüger der Mensch wird, umso abhängiger ist er davon, dass er ständig Ziele vor Augen hat oder sein Wissen erweitert, nur so bleibt die Gedankenflut weitgehend sortiert und fokussiert. Verliert er jedoch seine Ziele und sein Interesse – weiß er also nicht mehr recht, was er will – so werden die Gedanken sprunghaft und diffus; sie drehen sich dann nur noch um sich selbst. Am Ende bleibt nichts als ein dichter Nebel im Kopf, auch kein Gefühl dringt mehr hindurch. Darum benötigen die meisten Menschen immer eine Karotte vor der Nase, mit Aussicht auf Erfüllung und Glück, da sie im Augenblick der Ziellosigkeit verrückt werden würden. Mit irgendwas müssen sie sich immer beschäftigen und unterhalten. Je weiser der Mensch jedoch wird, umso mehr durchdringt er diesen funktionalen Mechanismus, der niemals zur Ruhe kommt und nur selten irgendwo hinführt, außer weg von sich selbst. Das höchste Ziel des Weisen ist wieder die Gegenwärtigkeit und Bewusstheit, sowie die Wirklichkeit außerhalb der beschränkten Vorstellungen. Darin findet er seinen Frieden, seine Gefühle und Klarheit wieder .. und vor allem: das Wunder der Welt und sich selbst.

»Das, was dich Erfüllung im Lärm suchen ließ, sucht nun Erfüllung in der Stille. Verstehst du, warum es so nicht funktionieren kann?! Die Erfüllung ist das Ende allen Suchens …«

»Je mehr sie über diese Welt wissen, desto mehr haben sie vergessen, wie die Welt einmal war, bevor sie so viel darüber nachgedacht haben.« –jj.

Einfach kompliziert

Eigentlich ist es ganz einfach! Ein Mensch, der dich wirklich sieht, und nicht nur sich selbst, der setzt dich niemals unter Druck, noch bringt er dich in unangenehme Situationen. Im Gleichklang erspürt er deine Wünsche und Ängste und spielt niemals mit ihnen. Du bedeutest ihm so viel, dass er weder deine Grenzen missachtet, noch deine Mauern umstürzt. Er zieht nicht an dir, noch schiebt er dich herum. Er setzt sich einfach zu dir auf deine Mauer und bringt Kuchen. Dann schaut er sich mit dir zusammen deine Welt an, versucht sie mit deinen Augen zu sehen. Und dann zeigt er dir seine Welt, und zwar so, wie sie wirklich ist. Im Grunde also nichts anderes, als das, was du mit jedem tust, dem du offen und mitfühlend begegnest. Aber was bedeutet das nun in letzter Konsequenz? Nun, fühlst du dich oft unwohl, oder auch nur unsicher oder unter Druck, dann wurdest du bereits aus deiner Mitte und in ihre Welt gelockt – aber nur wenn zwei in ihrer Mitte bleiben können, ist Begegnung und Nähe möglich. Nur dort können sie gemeinsam fließen. Leider verhindern gerade die erste Euphorie und die Blumensträuße aus Versprechungen und Hoffnungen, dass du umgehend bemerkst, wie du dich von dir selbst entfernst. Also ja!, verliebe dich, fliege hoch und stürze auch wieder ab, – lass dein Herz springen und deinen Puls rasen, auch das ist das Leben, – aber wenn du wirklich wissen willst, was wahre Liebe ist, dann achte darauf, wo dein Herz in einem anderen Menschen Ruhe und Halt findet …. und deine Seele endlich Frieden.

– – – –
Auf dem inneren Auge blind

Die wirklichen Stärken eines Menschen bleiben ihm selbst leider meist verborgen. Entsprechen sie doch seiner grundlegenden Natur, ganz unspektakulär, auf diesem Auge ist er blind – sie erscheinen ihm so normal, dass er schnell meint, so sei doch jeder. Und so begegnet er jedem. Aber er irrt sich und verirrt sich in der Welt der anderen. Und gerade darin, dass er dann dort nach etwas Besonderem strebt, das seiner Natur nicht entspricht, – nach dem aber alle anderen streben!, – da entfernt er sich immer weiter von sich selbst, von seiner Einzigartigkeit und Besonderheit. Er verliert sich selbst, seine Mitte und Balance, seinen Frieden. Eben dies ist die Herausforderung für jeden Menschen im Leben: sich seine eigenen Stärken überhaupt sichtbar zu machen, – sich seiner wahren und bedingungslosen Tugenden bewusst zu werden … sich in diesem Sinne also endlich selbst zu begegnen.

Die Welt verschläft

Allein der, der ganz erwacht, 
vermag erst zu begreifen,
wie tief er sein Leben lang 
nur geträumt und geschlafen hat.
Erst wenn er hochschreckt
aus diesem großen Traum,
kann er zweifellos erkennen, 
dass die ganze Welt nur verschläft.
Gesegnet sind die Leidenden,
die Sehnenden, die Suchenden,
die nicht so recht entschlummern;
nur ahnen sie es leider selten.
Sie sind sich selbst, ihrem Herzen –
und damit Gott! – bereits viel näher,
als das höchste Gebet in der Kirche. 
In völliger Dunkelheit und Enttäuschung, 
unbeirrt von jedem irdischen Schein, 
wachen sie letztlich eben doch auf, 
um endlich wieder einzugehen,
ins wahrhaftige Licht der Lichter:
ins Göttliches und in die ewige Liebe. 
Nur wessen Seele sich noch erinnert,
der vermag auch zu verstehen.

– – – – –

Der Körper selbst
kam wie eine Krankheit
über die Seele.
Fleischgewordene 
Vergänglichkeit;
der freie Fall der Lust
ins bodenlose Nichts.
An welche vergänglichen 
und verfallenden Dinge
sich die Finger und
Gedanken auch klammern,
alles, alles fällt.
Und steigt sie nicht auf, 
so fällt auch die Seele.
Und fällt.
Und fällt.
Und fällt.

– – – – –

Was könnten Worte
schon anderes bewegen,
als deine Überzeugungen.
Was kümmert es dich also, 
ob sie wahr oder unwahr sind.
Bewegung macht das Leben;
Veränderung ist seine Gestalt.
Die Wirklichkeit
vermögen sie niemals 
zu berühren.

– – – – –

Der Dumme hält sich für das Höchste.
Der Kluge weiß sich als einen Narren.
Der Weise kennt das Höchste.
Der Erwachte erfährt des Höchste.
Der Erleuchtete ist das Höchste.
Dazwischen mögen jeweils
eintausend Leben vergehn.