Die sechs Phasen

Die meisten spirituellen Menschen durchlaufen fünf Phasen im Leben, einige wenige sogar sechs. Je nach „karmischem“ Gepäck verlaufen diese intensiver oder extensiver, auch können sie sich überschneiden:

1. Der Mensch ist als Kind abhängig von anderen, damit die Grundbedürfnisse wie Nahrung, Schutz und Zuwendung erfüllt werden. Auch erfährt er bereits als Kind und Jugendlicher bedingte Zuwendung, Bewunderung und Bestätigung, – ist er brav, angepasst und erfüllt alle Erwartungen, bekommt er sogar mehr als er braucht und wird belohnt; er muss es sich nur verdienen. Oder er erfährt das Gegenteil, und schließt daraus, er sei selbst niemals genug und er verdient gar nichts. Das Außen wird in der Sehnsucht nach Erfüllung und Bestätigung zum Spiegel und zur Projektionsfläche innerer Fülle, darin entsteht ein irrtümliches Gefühl von innerem Mangel und von Leere. Er ordnet sich ein, er ordnet sich unter, vor allem aber: vergleicht er sich nun! … da hängt er am Tropf der Gesellschaft.

2. Wird er älter, strebt er in beiden Fällen nach vermeintlicher Unabhängigkeit darin, dass er nun ausbricht und nach Erfüllung und Bestätigung in einem viel größeren Rahmen strebt. Dazu muss er sich weiter an die Gesellschaft und an die Umstände anpassen. Er beginnt voraus zu planen und Wissen und materiellen Besitz anzuhäufen. Er verwechselt Überfluss und unendliche Möglichkeiten mit Fülle und Freiheit. Doch wo er etwas erreicht, da will er bald mehr davon; wo er etwas weiß, will er bald mehr wissen; wo er irgendwo ankommt, will er bald woanders hin.

3. Als Erwachsener, den so mancher unerwartete Schicksalsschlag inzwischen eingeholt hat, sorgt er sich zunehmend darum, seine vermeintlichen Privilegien, Freiheiten und Errungenschaften wenigstens nicht zu verlieren und sich nicht mehr zu unterwerfen. Also strebt er zusätzlich nach Macht, Status (noch mehr Bestätigung), Kontrolle und Sicherheit. Sucht einen überschaubaren Rahmen. Job, Familie … Darin unterwirft er sich anderen und den Umständen aber nur immer weiter, er wird immer abhängiger; sogar von denen, die von ihm abhängig sind.

4. Er erkennt aber nun, dass Überfluss und Macht keine Erfüllung bringen, dass hier doch nichts wirklich von Dauer ist und dass durch Anpassung und Abhängigkeiten von äußeren Umständen und anderen Menschen weder bedingungslose Liebe, noch wirkliche Freiheit erfahren werden können. Auch fühlt sich Sicherheit nicht wirklich nach Geborgenheit an. Ganz im Gegenteil, spürt er sich doch immer weniger, denkt aber immer mehr. Eine seltsame Leere beginnt sich zu offenbaren. Die Vernunft beginnt sich nun selbst und das System zu hinterfragen. Und sie sucht nach einfachen, naheliegenden und rationalen Auswegen und Schuldigen. Der halbe Buchmarkt lebt davon.

5. Er versucht auszubrechen. Sammelt auf anderen Wegen vielleicht auch für Momente andere Erfahrungen. Mit Vernunft allein hat es scheinbar nicht funktioniert, also beginnt er sich tiefer mit spirituellen Themen wie Achtsamkeit, Liebe, Hingabe und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Und mit sich selbst. Vielleicht wagt er sich sogar (wieder) an Gott. Der lange Weg der bewussten Spiritualität beginnt an diesem Punkt, – die andere Hälfte des Buchmarktes lebt davon, denn …

… da er ein Leben lang gelernt hat, dass alles einen Grund und Preis hat (also bedingt ist), und das nichts von Wert bedingungslos und umsonst ist, macht er sich mit dieser Überzeugung auf, strengt sich auch auf dem spirituellen Weg an; müht sich ab, um sich aus dem alten Hamsterrad zu befreien. Das kann aber langfristig nicht funktionieren, bestenfalls kurzfristig. Zudem verspricht die Spiritualität [zu Beginn noch!] endlich auf alle Fragen eine Antwort liefern zu können, und das hat der Mensch doch schon in der Schule gelernt: alles immer beantworten und erklären zu müssen. Da könnte er womöglich selbst zum Lehrer werden bald, wenns gut läuft, das spürt er oft. Und wieder ist da Bestätigung und Bewunderung im Spiel.

Doch er ist (weiter unbewusst) davon getrieben, dass sich etwas verändern muss, und dass er sich selbst verändern muss, um Erfüllung, Freiheit und Liebe zu erfahren. Die Konfrontation mit den eigenen Schatten führt zudem nun dazu, dass er glaubt, noch mehr an sich arbeiten zu müssen, um sein Ego zu vermindern; dass er noch mehr entschuldigen und vergeben muss, um es „wert zu sein“, bedingungslos geliebt zu werden und selbst bedingungslos lieben zu können, vor allem sich selbst. Dieser Prozess legt den Fokus aber immer mehr auch die eigene Persönlichkeit, auf das Ego – und verfängt den Menschen auch schnell wieder in hockkomplizierten Beziehungen und Umständen.

Auch wenn er nun in spirituellen oder religiösen Paradigmen und Sphären der „Liebe“ herumgeistert, ist er noch immer nicht bei sich in der Unabhängigkeit, in der Tugend und im Herzen angekommen; er kontrolliert noch, hinterfragt alles, will jeden kleinen Luftzug des Schicksals verstehen und einordnen, will alles richtig machen, idealisiert vieles, aber entwertet ebenso auch weiter sich und andere; ist nicht wirklich ehrlich, ist anfällig für Heuchelei und Selbstbetrug; glaubt immer noch, und jetzt vor allem, dass er sehr viel weiß und verstanden hat und dem „Ziel“ nahe ist.

Dieser Prozess verbraucht immer mehr Energie, es wird immer anstrengender in dieser Scheinwelt zu leben. Das Leben wandelt sich mehr und mehr zu einem Auf und Ab; am Ende zu einer wilden Achterbahnfahrt. Episoden der Euphorie und absoluter Überzeugung erden sich über Nacht in tiefsten Sinneskrisen. „Das Alte“ funktioniert einfach nicht mehr, der Widerstand gegen die eigene Wahrheit zu leben, wird immer größer. Mehr und mehr wird klar, dass es in diesem Prozess keine Kontrolle mehr gibt, dass der Mensch (vermeintlich) machtlos ist. Dabei war er schon immer weitgehend machtlos, denn die Macht die ihm innewohnte, war keine Macht; die Kontrolle war keine Kontrolle. Was er kontrollierte, das kontrollierte nur ihn selbst; was er im Griff hatte, das umklammerte ihn; was er alles wusste, vernebelte ihm die Einsicht, dass er das Wesentliche nicht sehen wollte …

Spätestens an dieser Stelle steigen die Meisten dann erstmal aus, es scheint das Ende. Dabei wäre es der Anfang. Sie arrangieren sich mit Kompromissen, mit Therapien, oder laufen im Außen wieder weg und idealisieren sich ihren gewiss schon harten Weg zum Ziel. Dabei drehen sie nur weiter ihre Runden. Aber letztlich ist es egal, wie lange man dreht, über wie viele Jahre oder Jahrzehnte. Das Unvermeidliche wird irgendwann geschehen … aber nur dann, wenn es geschehen kann und soll.

6. Hier nun beginnt der kurze Weg der Spiritualität. Hier werden die dunkelsten Räume der Seele besucht, hier gibt es keinen Weg mehr für den Menschen, denn hier schreitet der Weg nun durch den Menschen. Ganz von allein. Der Mensch begreift, dass es nun Geduld braucht und es nicht mehr nach eigenen, kleingeistigen, begrenzten Vorstellungen weiterlaufen kann. Er lernt zu vertrauen und loszulassen, auch alle Lehren, Lehrer und Erwartungen. Er wird stiller und sanfter, – er erkennt den wirklichen Gegner und die wahre Natur des Ego. Und er erkennt sich selbst dahinter. Trotz großer Sorgen und Existenzängste, „setzt er den Fuß mehr und mehr in die Luft“. Und er erlebt, „dass die Luft mehr und mehr trägt“.

Unerwartet öffnen sich da nun Türen; tausende von verrückten Zufällen und Snychronizitäten lassen ihn plötzlich staunen, gekostet hatte er ja schon davon. Aber das ist eine andere Welt; und das ist erst der Anfang, die Vorbereitung auf die Intensität, die in völliger Hingabe erfahren werden will. Dann nämlich schweigen die vernünftigen Vorstellungen ganz, – und alles was dann bleibt, ist wieder absolute Unvorstellbarkeit und wahrhaftige Tugend. Mit anderen Worten: Die Welt der Wunder, die er längst vergessen hat, ist wieder da – denn Denken war immer ein Vergessen all des Undenkbaren und Ungedachten. Diese Welt war immer da, hinter den Gedanken lag sie verborgen. Und nun wird der Mensch wieder ein Teil von ihr, und sie ein Teil von ihm. Damit kommt er bei sich … in allem … bei allen … an.

Erreicht er den Zustand, an dem er völlig loslassen kann, an dem nichts mehr getan oder erwartet werden kann, dann erfährt er plötzlich, dass nichts getan werden muss. Dann beginnt alles zu fließen; Vollendung geschieht nun als Tugend, nicht mehr als Akt der Vernunft. Lässt er ganz los, – und dieses Loslassen kann eben auch nicht erzwungen oder kontrolliert werden, denn dann wäre es kein Loslassen -, dann fällt er ganz in die Bedingungslosigkeit hinein. Dieses Loslassen war das ziellose Ziel dieses pfadloses Weges, der so weit erschien. Jeder Schritt war die Antwort, jeder Weg war ein Irrweg. Es war alles da, die ganze Zeit. Er erfährt sich in Gott, im Dao, im Namenlosen … , und er erfährt das Namenlose in sich. Alles was zwischen ihm und Gott stand, war er selbst. Was ihn trennte, war das vorgestellte „Ich“, die Summe aller Vorstellungen. Er erfährt nun, dass bedingungslose Liebe immer da ist, wo Grund- und Absichtslosigkeit und Gegenwärtigkeit erreicht ist. Nun braucht es dazu keine Menschenspiegel und Umstände im Außen mehr. Das ist das ganze Geheimnis. Liebe ist Gegenwärtigkeit, ist Sein …

Er weiß nun, dass dieser Zustand weder durch Licht- noch durch Schattenarbeit erreicht werden konnte, sondern dass es der Urzustand ist, und dass alle Anstrengung noch immer das Ego war, das nicht loslassen wollte. Nun lässt er los, sich selbst!, und erkennt, dass es nie etwas festzuhalten gab … nur Erfahrung, hier und jetzt. Und da kann alles kommen.

… und damit Guten Morgen. Das waren mal wieder #Kaffeegedanken … bevor die Rubrik einstaubt. j.j.

Epheser 2,8 »Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es!«

Matthäus 7,21 »Es werden nicht alle in das Himmelreich kommen. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, die ihr das Gesetz übertretet.«

Liebe deinen Nächsten … aber warum?

»Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.«
Das steht doch sogar klar in der Bibel, oder? Nein, tut es nicht!

Zitiert wird dieser Satz sehr oft. Nur selten mit Angabe seiner Quelle. Die soll sich im 3. Buch Mose, dem Buch Leviticus, Kapitel 19, Vers 18 finden.

Auf Hebräisch steht da: »Ve’ahavta l’reacha kamocha ani HVYH« (וְאָֽהַבְתָּ֥ לְרֵעֲךָ֖ כָּמ֑וֹךָ אֲנִ֖י יְהוָֽה׃)

Die Urtexte sind ohne Komma. Das heißt, der Übersetzer entscheidet oft über den Sinn der Verse und die Bezüglichkeit der Worte. Und wir alle wissen, wie heikel das sein kann! Schon ein kleines Komma kann jemandem das Leben retten!

»Hängt ihn nicht, laufen lassen!« – bedeutet etwas völlig anderes als:
»Hängt ihn, nicht laufen lassen!«

Man KANN das Bibel-Zitat also folgenderweise übersetzen:

»Ve’ahavta l’reacha kamocha (**KOMMA**) ani HVYH«
Also: »Liebe deinen Nächsten wie (als) dich selbst, ich bin Dein Gott (JHWH).«

Wobei tatsächlich nicht auszuschließen ist, dass der Satz in seiner Bezüglichkeit besser mit dem Wort „als“ und nicht „wie“ übersetzt werden sollte. (כְּמוֹ, hebräisch: Konjunktion: „wie“ bzw. „als“ oder als Adverb: „als ob“ bzw. „als wärest du er selbst“) Das bemerkte sogar Schopenhauer schon. Also: »Liebe deinen Nächsten ALS dich selbst.«
Das wäre schon eine ganze andere Botschaft, nämlich: erkenne dich auch in ihm! Aber lasst diesen Satz trotzdem mal wirken, denn welchen Sinn macht der Ausruf: „denn ich bin dein Herr / Gott!“ an dieser Stelle? Irgendwie keinen, richtig!, es scheint deplatziert. Hier auch mal die Version der englischen King James Bible zum Vergleich, wie sie exakt da zitiert ist: »But thou shalt love thy neighbour as thyself: I am the Lord.« oder als interlineare Übersetzung: »Love your fellow AS yourself: I am the LORD.«

Doch es geht eben auch anders, dann macht der Ausruf auch Sinn. Genauso können wir das Komma an anderer Stelle erwarten:

»Ve’ahavta l’reacha (**KOMMA***) kamocha ani HVYH«

Dann steht da: »Liebe deinen Nächsten, ich Gott bin wie du.«

Entsprechend der Genesis, die dem 3. Buch Mose voransteht, ist der Mensch in Gottes Gleichnis erschaffen. Gott ist wie der Mensch. Nicht der Mensch ist Gott gleich, sagt jetzt der Satz, sondern Gott ist es, der dem Menschen gleich ist und – Ve’ahavt – genau wie wir nach seiner Liebe dursten, so durstet ER nach unserer.

Daher gilt:

Es gibt keine Übersetzung die gültig ist, außer eurer eigenen!

Ein falsches Komma kann nicht nur Sätze trennen, sondern auch Menschen von Menschen … und Menschen von Gott.

»Liebe deinen Nächsten, so wie dich selbst« bedeutet Vergleich, Spiegelung und Trennung und bestenfalls Sympathie und Empathie … aber ist das LIEBE? Das ist nicht ansatzweise die gleiche Botschaft, wie den anderen als einen Teil von sich zu begreifen, und sich und jeden als Teil von Gott zu erfahren. Nur darin aber würde das Mitgefühl als wirkliche Tugend des Herzens und nicht als reiner Akt der Vernunft erwachsen.

Laozi schrieb vor fast 2500 Jahren einmal über die Tugend: »Wo der große Geist, das Dao, untergegangen ist, da gelangen Menschensinn, Gerechtigkeit und Regeln zur Geltung. Wo Überlegung und Klugheit erscheinen, da einen sie sich mit großer Heuchelei. Wo unter Blutsverwandten kein Friede mehr ist, da predigt man dann Liebe und Familiensinn. Wo Aufruhr das Land regiert, wird gehorsam und Treue gepriesen.« (Daodejing, Absatz 18.)

Ich hatte bereits Artikel über die Genesis verfasst, in wie weit dort überhaupt steht, dass Eva aus Adams Rippe erschaffen wurde. Das ist natürlich völliger Unsinn, vom Patriarchat zusammengesponnen! (Siehe auch hier.) Nun also ein weiterer Artikel.

Die Natur der Natur

Ausgerechnet DER SPIEGEL schrieb in dieser Woche den ehrlichsten Satz des Jahres. Da steht tatsächlich: „[Es] müsste später in diesem Jahrhundert wohl in großem Stil CO2 aus der Atomsphäre entfernt werden. Neben dem Einsatz technischer Geräte könnte das MASSENWEISE Anpflanzen von Bäumen eine Rolle spielen.“ Der letzte Satz fasst alles zusammen. Die Natur ist scheißegal, sie wird nur gebraucht, damit wir atmen können, die Städte nicht absaufen, die Felder nicht verwüsten. Mit der gleichen absurden Logik, – viel hilf viel! und alles hat seinen Zweck und Preis -, die alles gegen die Wand gefahren hat, soll nun die Welt gerettet werden. Das kann nicht funktionieren, wir erschaffen damit keine Natur, sondern einfach nur das nächste komplexe Problem fürs Hirn. Wir retten damit keine Natur, noch retten wir unsere eigene Natur. Wo der Mensch mit seiner künstlichen Logik die Finger im Spiel hat, ist die Natur keine Natur mehr. Genau das ist die Lektion, vielleicht begreifen wir sie in nie. Wir können die Natur nicht retten, sie pfeift auf unsere Vorstellungen; wir können nur aufhören sie zu beherrschen und zu zerstören. Sonst blüht sie halt woanders und ohne uns weiter.

Mehr dazu im neuen Buch, „Finde dich selbst…“, Kapitel 7, Die Natur der Natur

Quelle: SPIEGEL Online, 17. July 2019, https://bit.ly/2LpHPE7

Auf halbem Weg

Was du suchst, das sucht auch dich, so heißt es.
Nur müsse man Gott auf halbem Wege entgegenkommen,
ermahnte uns Jesus. Doch wie genau tut man das?
Etwa indem man Gutes tut, gleich einer Mutter Teresa;
die am Ende eines Lebens voller guter Absichten
doch bitterböse und enttäuschte Briefe an Gott schrieb?
Wo wahrhaft Gutes getan wird, bedingungslos,
als Tugend des Herzens, da wirkt Gott bereits in uns.
Doch wo der Geist danach strebt, das Richtige zu tun,
da hat alles seinen Grund und seinen Zweck.
Da handelt er bedingt und entfernt sich genau darin
immer weiter von Gott, der Liebe und aller Tugend.
Wer nur Gutes tut, um gutes Karma anzuhäufen,
dem wird dafür gutes Karma abgezogen,

dieser Satz fasst es ganz wunderbar zusammen.
Wer nur handelt und wirkt, um dem Licht näher zu sein,
der wandelt in einem Schein, der die Dunkelheit verbirgt.
Wer nur ins Leuchten strebt, ohne auch in die Dunkelheit
zu schauen, der bleibt für das wahre Licht ewig blind.
Wo der große Geist, das Dao, verloren ist,
da machen sich Rechtschaffenheit und Heuchelei breit
,
das gab uns Laotse im Daodejing mit auf den Weg …
Da würden Liebe und Menschensinn nur mehr gepredigt.
Wie also kommt man Gott auf halbem Wege entgegen?
Nur indem man sich seine Schatten bewusst macht!
Indem das Wissen solange um Wissen ringt,
bis es erkennen will, dass es überhaupt nichts weiß.
Indem der Wille solange nach Kontrolle und Macht strebt,
bis er erkennen will, dass er absolut machtlos ist.
Dann erst erlangt der Mensch wirkliche Weisheit
und gelangt in den unbändigen Strom der Tugend.
Dann ist er wieder in Gott, so wie Gott in ihm ist.
Dann erst begreift der Mensch, dass gut gemeint
noch lange nicht gut ist; und dass Gottes Maß
jenseits des irdischen Richtig und Falsch angelegt wird.
Wenn das Kartenhaus des kleinen Geistes zusammenfällt,
dann erst ist der halbe Weg zum großen Geist gegangen.
Dafür braucht es den ganzen Mut und größte Ehrlichkeit,
seinen Schatten und Verfehlungen mitfühlend zu begegnen,
und ebenso viele große Enttäuschungen zu erfahren.
Denn nur sie sind das Ende jeder Täuschung …
und damit der Beginn der Wahrhaftigkeit.

Die Welt in der Welt

Der nur scheinbar einzige Weg in dieser Welt erfüllt und frei zu sein, ist Egoismus. Das Herz schließen vor all dem Leid auf dem Planeten, in einer kleinen hübschen Weltenblase leben, aus der heraus man sich aber natürlich über das Unrecht auf Erden empört. Vielleicht fliegt man zusammen mit Gleichgesinnten, und schaut einfach, dass man möglichst alle Stromschnellen im Fluss des Lebens zügig überwindet. Und stets neue Ziele und Wünsche am Horizont sind wichtig, Bewegung oder Ablenkung, denn wer nach vorne oder nach hinten schaut, der muss sich nicht wirklich umsehen, und vor allem nicht stehen bleiben und den Weg hinterfragen. Bis dieser Fluss irgendwann dennoch im Nichts mündet, an das man besser gar nicht denken will. Dieses Glück bedingt immer ein Unglück an anderer Stelle und für andere Menschen, – dieses Glück bedeutet auch immer eine Abhängigkeit von günstigen äußeren Umständen und Privilegien. Wer das alles verliert, verliert sich dann selbst. Dieses Glück ist nur ein Schein und ein Gefängnis. In diese Blase gelangt nur äußerst selten ein wirkliches Licht, dem auch die Seele zurück in wahrhaftige Freiheit und Erfüllung folgen kann.

Aus Fülle wird Leere

Die romantische Liebe ist erst einmal lediglich eine Illusion, die nur über einen gewissen Zeitraum aufrecht erhalten werden kann. Sie ist eine der Wurzeln der modernen und unersättlichen Kultur geworden, eine Vorstellung nur, die oft aber schon mit der Muttermilch aufgesogen wurde; die andere Menschen schon früh als Erwartung in uns projiziert haben. Mögen wir ihnen Sinn geben und sie erfüllen und fühlen lassen! Später aßen wir im Kino Popcorn zur diesen Storys und begannen selbst immer mehr zu träumen… von Prinzen, Prinzessinnen, Helden und Geschlechter-Stereotypen. Das ist der Stoff aus dem unsere Persönlichkeit im Webrahmen der Gesellschaft und Kultur gewoben wurde.
Die Externalisierung unserer Gefühle in Form von vorgestellten Wünschen, Träumen und Sehnsüchten erzeugt in uns selbst gleichsam ein Loch, eine vermeintliche Leere, ein Mangelgefühl. Beides bedingt sich gegenseitig: die Fülle die wir im Außen suchen, erzeugt eine innere Leere, – wir hängen dann an einer neuen, aber unsichtbaren Nabelschnur. Das ganze „System“ funktioniert übrigens auf diese Weise, indem Erfüllung im Außen versprochen wird, bis wir uns dann veräußerlichen und damit gleichsam ein Mangelgefühl im Innersten erleben. Ein Teufelskreis, der uns immer weiter von uns selbst und unserer Fülle entfernt. Das Ego springt dann hier gern ein und erzählt uns, wer wir sind, wer wir nicht sind, wer wir waren und wer wir sein wollen. Und dann sind wir im Kopf unterwegs und jagen ?unsere? Ziele, die Erfüllung und Glück versprechen. Je mehr wir in veränderten äußeren Umständen die Erfüllung suchen, umso abhängiger werden wir, und umso extremer pendeln wir zwischen Erfüllung und Enttäuschung. Das macht sehr müde und krank auf Dauer. Spätestes das ist dann für viele zwangsläufig ein Weckruf. Komplettes Abstumpfen wäre eine Möglichkeit weiterzuträumen.

Jedes Gefühl nach dessen Erfüllung man sich sehnt, ist immer ins uns, – die Fülle ist in uns! – sonst könnten wir es nicht ersehnen und nach außen auf Menschen oder Objekte projizieren. Ja, und dann treffen sich vielleicht zwei Menschen, es passt von den Vorstellungen und den biologischen Faktoren, – Dopamin und Serotonin fahren Achterbahn, – und dann projizieren sie sich ineinander, so wie ein Doppelspiegel. Natürlich fühlt sich das wie Erfüllung an erstmal. Zudem sind wir dann gegenwärtig und im Vollrausch der Neurotransmitter und Hormone, und spüren uns selbst. Und damit auch den anderen. Doch die Spiegel bekommen nach einer Weile Risse, die Abbilder werden verzerrt, und der Körper fährt allerspätestens nach zwei bis drei Jahren herunter, bevor er ausbrennt und wir komplett im Sexualhormonnebel verblöden. Verlustangst ist nur ein Symptom dieser Abhängigkeit übrigens. Und dann?

Das Wirkliche passt dann selten noch wirklich zu unseren Vorstellungen, und dann verändern sie sich auch ständig, bei all den anderen verlockenden Möglichkeiten und neuen romantischen oder intensiven Geschichten, die wir hören und lesen und uns zur Fantasie machen. Dann versuchen wir die Risse zu kitten und den anderen wieder zurechtzubiegen. Dann geht der Zirkus los! Bis man entweder „zumacht“ und sich eilig trennt, oder ewig mit der Trennung herumeiert, oder sich eben doch damit abfindet, wie es ist, weil so ein Drama noch besser scheint, und weniger Angst macht, als wieder ganz allein und ungeliebt zu sein. Und vor allem: als diese Leere erstmal wieder spüren zu müssen; bis sich was anderes als Ersatz findet. Ohne Trennung wird es dann gähnend langweilig in solchen Beziehungen oder alles muss eben immer extremer werden. Dann beginnen wir zu idealisieren und zu fantasieren, was wir uns mit ständiger Entwertung und Enttäuschung an anderer Stelle erkaufen. Alles was nicht wirkliche Fülle ist, kommt immer im Doppelpack mit seinem Gegenpol.

Bedingungslose und unabhängige Liebe ist aus einem Gefühl des Mangels heraus unmöglich. Erst wo der Mensch dieses Gefühl in sich selbst reaktiviert, aufhört zu spiegeln und zu projizieren, entsteht Liebe aus der Fülle heraus. Es ist kein Handel mehr, keine Abhängigkeit, frei, ohne Angst und tief wie der Ozean. Bedingungslose Liebe ist kein Lautes Geschrei, kein Ideal, kein Traum, kein Schein, keine Story, – sie ist sanft, aber gewaltig!, sie ist weit und tief, und sie ist alles, was wirklich IST und alles, was wir wirklich SIND. Sie ist die Fülle, die wir sind, wenn wir wirklich wieder gegenwärtig und ganz bei uns bleiben, – uns eben nicht mit den Gedanken in den äußeren Umständen verlieren und verzetteln, oder im Gestern oder im Morgen. Sie ist Tugend, sie ist Hingabe, sie ist ein Fließen. Hier. Jetzt. Ganz. Und erst dann können wir wirklich auch bei anderen sein, – sie in ihrer Fülle lassen, erfahren und lieben. Und erst dann offenbart sich uns wieder ganz das Unvorstellbare, und damit das unermessliche Wunder, das allem innewohnt. Es passt nicht in alle Köpfe und Filme dieser Welt! Dafür ist es zu groß.

Liebe ist der Urzustand. Menschen sind „Aus Fülle wird Leere“ weiterlesen

Darüber spricht man doch nicht

Der bekannte britische Neuropsychologe und Neuropsychiater Peter Fenwick gilt mit seinen 84 Jahren längst als ein Pionier in der Untersuchung von Nah-Tod-Erfahrungen. Unzählige Studien mit zehntausenden Patienten fasst er so zusammen: „Es gibt keinen Zweifel an dem Phänomen, er selbst war einst der größte Zweifler. Und es sind weitaus mehr Menschen mit diesen oder vergleichbaren Erfahrungen konfrontiert worden, als man erwarten würde. Die Erklärungen im Gehirn allein zu suchen, sei einfach nur engstirnig.“
Doch eines fand ich besonders interessant in seinen Aussagen: Seine Studien belegen klar, dass es in der Natur dieser Erfahrungen starke kulturelle Unterschiede gibt. Was Menschen nach Infarkten, Schlaganfällen oder nach schweren Unfällen erfahren, ist stark von der Prägung durch die Kultur und die Religionen abhängig. Während die Amerikaner und Europäer nach der klassischen körperlichen Selbstentgrenzung zumeist durch einen Tunnel gehen, ist es bei Japanern fast immer ein Fluss, der sie fortträgt oder zu überqueren ist. Und was auch immer die Natur dieses Phänomens sein mag, es wird oft als realer und wirklicher erfahren, als das alte Leben selbst. Diese Tatsache allein scheint mir ausreichend, um das Thema ernst zu nehmen und nun auch hier einmal näher zu beleuchten.

Warum finde ich das faszinierend? Weil es sich exakt mit dem deckt, was ich zweimal erlebt und über viele Jahre versucht habe zu ergründen. Mich trieb die Frage, welchen Einfluss haben Geist und Persönlichkeit auf derartige Erfahrungen bzw. welche Konsequenzen haben unser Verhalten zu Lebzeiten und unsere Prägung auf das, was wir während dem Sterben dann erfahren … und zumindest möglicherweise auch danach.

Natürlich spricht man erstmal nicht so gerne über das Sterben und die Möglichkeit, dass das Bewusstsein selbst mindestens noch ein Weile nach dem Tod des Körpers aktiv bleiben könnte. Erstens, weil es mit der Ratio unmöglich zu erklären ist; und Zweitens, weil es nach wie vor in unserem Kulturkreis ein Tabu ist. Doch selbst wenn diese Phänomene im Hirn selbst passierten, – und da wird mir jeder der es erlebt hat zustimmen, – dann muss das Gehirn auch zweifellos dazu in der Lage sein, vermeintliche Realitäten zu erschaffen, die auf allen Ebenen und bei Weitem alles übersteigen, wozu unser Hirn im Alltag im Stande scheint. Allein das wäre schon mehr als nur bemerkenswert! Die Erfahrungen überschreiten derart unser Vorstellungsvermögen und alles, was wir aus Träumen kennen, dass die meisten Menschen sie zweifellos als mystische Erfahrung oder Gotteserfahrung beschreiben würden. Auf der anderen Seite kann auch festgestellt werden, dass unser Alltag selbst eine reine Projektion und Vorstellung sein könnte dann; was wiederum den Lehrmeinungen des Hinduismus oder Buddhismus sehr nahe kommt.

Mich persönlich führten die eigenen beiden Nah-Tod-Erfahrungen und eine amerikanische Studie mit todkranken Patienten, denen man die Angst vor dem Sterben nehmen wollte, damals zu Experimenten mit nicht-suchterzeugenden psychoaktiven Substanzen. So lassen sich unter anderem mit Dimethyltryptamin (DMT), Ibogain oder Psilocybin (Magic Mushrooms) vergleichbare Zustände herbeiführen. Erst später fand ich den Zugang auch über die Mediation, auch das ist möglich. Die absolut überwiegende Anzahl der Patienten, denen in der Studie reines Psilocybin verabreicht wurde, sprach von lebensveränderten Erfahrungen, – es konnte gezeigt werden, dass diese Zustände den meisten Patienten sogar weitgehend die Angst vor dem Sterben nehmen konnte. Das war erwartet worden und konnte bestätigt werden. Das eine derartige Studie überhaupt genehmigt wurde, ist natürlich ein seltener Glücksfall.
Zu Beginn neigt man allerdings nach derartig extremen Erfahrungen dazu, sie recht schnell wieder in die alten Schubladen des Denkens einzusortieren und abzuheften; bis zur nächsten Reise, die einem wieder den Kopf wäscht und das Ego kleinlaut werden lässt. Man verliert sich sehr schnell wieder in einem Paradigma, das man dann für die neue Wahrheit hält. Erst nach Jahren beginnt man wirklich, diesen Umstand und die Natur des Denkens selbst zu betrachten.

Aber was kann ich heute mit etwas Abstand und meinen Erfahrungen zu dem Thema feststellen?

Nun, es bestehen für mich keinerlei Zweifel mehr darin, dass unser Selbstbild und Weltbild eine mentale Projektion ist. Gern z.B. auch im Visuellen Kortex, also im Sehzentrum im Gehirn. Nur ist auch der Kopf, den wir sehen, selbst davon betroffen. Im Grunde ist alles was wir a priori mit unseren fünf Sinnen wahrzunehmen (Objekte), als auch die Wahrnehmung selbst (Aktion) und der Wahrnehmer (Subjekt) im Geist eine Interpretation, also ein Abbild und damit objektiviert und beeinflusst. Nichts anderes steht in den Veden oder Upanishaden seit tausenden Jahren übrigens. Frei nach Friedrich Nietzsche: „Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen.“ Kein Licht gelangt in unseren stockdunklen Schädel. Was wir sehen, wäre dann lediglich ein Feuer der Neuronen. Wenn es den eigenen Körper aber erst einmal in zwei Hälften gerissen hat, und man dann reines omniperspektivisches Bewusstsein bzw. Gewahrsein (oder gern auch „Gott“) erfahren durfte, oder wenn man während der OP aus dem Körper und vom Operationstisch stieg, dann kann es keinen Zweifel mehr an der imaginären Natur unserer vermeintlichen Wirklichkeit geben. Auf der anderen Seite ist es ohne so eine Erfahrung unmöglich, sich das auch nur vorzustellen.

Doch ich komme zu folgendem Schluss: Ganz gleich ob wir dem Tode nahe sind oder mit psychotropen Substanzen experimentieren; ob wir in Trance fallen oder meditieren: der Zustand unseres Geistes entscheidet massgeblich darüber, in welche Erfahrung wir dann hineinfallen, ob in einen Fluss oder in einen Tunnel … und das ist erst der Anfang natürlich. Erleben wir erst einmal die Selbstentgrenzung selbst, geht die Essenz unserer Überzeugungen alsbald wieder in Resonanz mit Erscheinungen, die wir da nun erfahren und selbst manifestieren. Man könnte das gut und gerne auch karmische Verstrickung nennen. Bei der erstbesten Möglichkeit assoziiert sich dieses geistige Residuum, – dieser Rest der Persönlichkeit! – , wieder mit anderen Erscheinungen, und verliert und vergisst sich darin… und verirrt sich dabei auch mal komplett. Gerade deshalb zitieren tibetische Mönche über Tage neben dem Leichnam aus dem tibetischen Totenbuch, dem Bardo Thödröl, das eine Art Wegweiser auf dieser Reise sein soll.

Nun, welche Konsequenzen hat das für das Sterben?

Letztlich die: Das zum Beispiel ein gieriger oder egoistischer Mensch mit hoher Wahrscheinlichkeit „Darüber spricht man doch nicht“ weiterlesen

Trugbilder der Tugend

Als die menschlichen Tugenden verloren gingen, und als die Herzen immer seltener die Sprache der Bedingungslosigkeit sprachen, da begannen die Menschen mit bedingten Gedanken nach Tugenhaftigkeit, Wahrhaftigkeit und Güte zu streben. Rechtschaffend wollten sie sein, stets das Rechte und Richtige denken, fühlen und tun. Damit war auch erst das Falsche und Unrechte geboren. Mit Ratio, Logik und vermeintlicher Vernunft rangen sie fortan um die natürlichsten Dinge, so wie Liebe, Treue, Freiheit, Achtung und Mitgefühl, – die Tugend bekam einen nachvollziehbaren Grund, machte nun Sinn und wurde zum großen Ziel erklärt. Das Selbstverständlichste der Welt noch musste fortan erst verwirklicht und erreicht werden. Alles diente einem Zweck nun und bekam auch seinen Preis. Wahrhaftige, sanfte, aber tiefe Gefühle wichen lauten und spektakulären Gedanken; große Visionen, Pläne, Träume kamen in die Welt, aber Gegenwärtigkeit, Demut, Dankbarkeit, Vertrauen und Mut starben langsam aus. Und wo sie sich doch noch zeigten, da wurden sie gefeiert und auf die Bühne gezerrt. Alles Echte wurde idealisiert und darin weiter vergeistigt, doch die Menschen spürten sich selbst immer weniger. 
Ihre künstliche Welt drehte sich immer schneller als Scheinwelt unzähliger Gedanken im Kopf. Heuchelei, Hypokrisie, Vorstellungen, Ideale, Werte, Regeln und Gesetze bestimmten da über die Geschickte der Herzen. Die Tugenden selbst wichen Trugbildern, in denen die Jugend heranwuchs; und denen sie zur vermeintlichen Realität geriet. Als die Menschen aus den Tugenden gottgleiche Götzen gemacht hatten, und sie verehrten und anbeteten, da hatten sie endgültig alles Göttliche in sich verloren. Und da wachten sie auf, oft einsam und leer in der Seele, und versuchten nun auch noch mit großer Anstrengung und Absicht wieder absichtslos zu werden; zu fließen, im Augenblick anzukommen und einfach bedingungslos ZU SEIN. Mit Kontrolle und Absicht versuchten sie wieder loszulassen und sich hinzugeben … aber das ist eine andere Geschichte.

»Wo der große Geist verloren ist, da breiten sich Rechtschaffenheit und Heuchelei aus, und da werden Liebe und Treue gepredigt.« – Laozi / Daodejing

Denken in schwarzen Löchern

»Es ist nicht so, dass die Vergangenheit realer wäre als die Zukunft. Wir wissen nur einfach mehr über sie. Eigentlich wissen wir gar nichts wirklich über die Zeit, da bedient sich die Physik auch nur bei den Philosophen. Das einzige was wir bezeugen können, ist die Gegenwart« – frei nach Professor Sean Carroll, Physiker


Ich liebe es wenn Physiker ihre Hosen herunterlassen und auch mal laut aussprechen, dass ihre fundamentalen Grundannahmen selbst ein freidefiniertes – aber doch nur metaphysisches! – Fundament sind, auf dem sie aber all die hohen Gebäude errichten, die sie dann oft „Wahrheit“ nennen. In der Schule hört man sowas nicht, – da lernt man das Wort Zeit, die Uhr zu lesen, das Symbol, die Einheit .. dann wird gerechnet und danach gelebt. Schon der Mathematiker Kurt Gödel, der selbst Einstein beflügelte, bewies die Unbeweisbarkeit der Grundannahmen und Axiome der Mathematik selbst und damit ihre Unvollständigkeit. Ähnliche Ansätze finden sich in der Linguistik, Neuropsychologie und Bewusstseinsforschung. Denken mag sehr nützlich sein, doch Erdachtes selbst ist niemals wirklich: Am Ende wissen wir nichts als das, was wir uns über die Dinge ausdenken und darauf folgend zu stimmigen Versen „zusammenreimen“, die sich an der Wirklichkeit bewähren. Wie ein Text zu einer Melodie eben.

Die Gefahr besteht darin, den Unterschied zwischen der Melodie und unserem Liedertext aus Interpretationen und Ausdeutungen nicht mehr zu erkennen! Wenn es kein Gesang ist, wird die Welt nur mehr eine Welt der Worte und Gedanken .. die Gedanken werden zum Ding an sich, zur Musik, und damit konstruieren sie sich ihre Welt dann selbst. A priori = a posteriori. Dann unterwerfen wir uns dieser Zeit und ihren vermeintlichen Regeln am Ende komplett … und damit den Gedanken. Dann leben wir uns immer mehr in eine selbstgemalte Landkarte hinein, die wir über der Welt ausrollen. Und wo sie ausgerollt ist, ist die Landkarte alle Welt die noch ist. Nichts ist mehr „natürlich“, alles künstlich und erdacht. Das Wort Hölle meinte in seiner ursprünglichen Auslegung übrigens genau das! Und wofür im (Ur)Christentum dann ursprünglich der Teufel bzw. im Buddhismus Mara steht, kann man sich dann auch „denken“.

Jedes Denken und jede Wissenschaft basiert auf Grundannahmen, die in sich selbst nicht beweisbar sind. Jede Logik ist auf sich selbst bezogen und angewendet ein Paradox. Es gleicht dann der Singularität eines Schwarzen Loches … und das ist die Natur eines Paradigmas. Es ist aus sich selbst heraus, mit den eigenen Mitteln nicht zu durchschauen, nicht zu erkennen, und eben nicht zu verlassen. Fällt der Mensch der zu viel denkt erstmal über den Ereignishorizont ganz ins Denken hinein, kommt er mit keiner Methodik des Denkens selbst mehr aus dem Denken heraus. Im Gegenteil, er zieht alle mit hinein, die nicht selbst denken wollen. Doch welche Logik hat die Logik ohne sich selbst? Welchen Sinn macht Sinn ohne den Sinn selbst? Die Logik versucht alles zu erklären, damit sie sich nur selbst nicht in Frage stellen muss. Die Unlogik ist nur ihr Kind … und das geht jetzt wieder spielen – Jeanne

Die Zeit … sie vergeht um eine Sekunde pro Sekunde.
That’s the only rule … Have a good time!

ZEN für den durstigen Fisch

»ZEN für den durstigen Fisch«
Der einzige Altar für das Namenlose mit den vielen Namen, – für das Selbst, das Dao, das Urbewusstsein, das All-Eine, Brahman, Gott … ist ein leerer Altar. Wer könnte das Namenlose und All-Eine denn noch verehren wollen, als verirrte Gedanken allein, die sich gerade darin noch weiter verirren. Auch kümmern das Namenlose keine Gewänder mit bedeutungsvollen Symbolen, und keine klugen oder hohen Worte mehr, – es trägt nichts als sich selbst, und seine Sprache ist das Schweigen, in dem viel zu viel gedacht und gesprochen wird. Wem könnten denn diese Worte und Symbole noch etwas bedeuten, als nur den Gedanken selbst; die sich doch nur durch diese Worte und Symbole überhaupt erst vom Namenlosen getrennt wähnen. Ist es doch alles was sie sind. Abstrakte Vorstellungen. Und im Denken und Sprechen trennen sie nur alles immer weiter von allem. Wer denkt über was nach, wer spricht zu wem, und wer hört zu? Trennung und Verengung, die Natur des Denkens selbst. Das Namenlose hat nichts mehr zu suchen, nichts mehr zu finden, – nichts mehr zu fragen und nichts mehr zu antworten. Alles ist in ihm vereint. Das Namenlose ist alles im Nichts, – wozu also noch einen Altar, wozu sich vor sich selbst verbeugen? … Und wenn du dich mit deinem Namen noch im Namenlosen suchst, dann setze dich einfach in den leeren Schrank zu ihm, in dem die heiligsten Bücher nachts wieder weggeschlossen werden. Worte und Bücher verkomplizieren nur alles. Denken ist nicht wissen! Das denken nur Gedanken die nicht wissen. Die Wahrheit ist in jeder leeren Seite zu erfahren, der Gedanken keine Beachtung schenken. In jedem Raum zwischen den Buchstaben wartet sie, bis die Gedanken sie auch dort erblicken und beGREIFEN wollen; dann verbirgt sie sich sogleich. Nur mit den Augen zu schauen bedeutet für alles andere blind zu sein. Etwas zu verstehen bedeutet gleichsam alles andere zu vergessen. Irgendwo ankommen zu wollen, bedeutet alles andere zurückzulassen. – Jeanne, die mit dem schönen Namen
»Unsinn für den hungrigen Fisch«