Noch 50 Tage

Noch fünfzig Tage bis zum Start. Und erst gestern noch, so kommt es mir vor, waren es hundert. Aber dann wäre ja morgen … Ok, lassen wir das. Habe meine schnellsten Meilenstiefel angezogen und die Brille mit den Tunnelblick auf die Nase gesetzt. Erste gute Nachricht: Das Boot ist fertig! Einzig der Entsalzer bekommt einen finalen Service und Check bei Katadyn, aber ansonsten sind alle Schrauben festgezogen und mit Sicherungslack beträufelt. Zeit zum Packen also. Und das ist wirklich eine ganz andere Herausforderung. Mehr als 200 Kilogramm an Lebensmitteln, unzählige Medikamente, Tauwerk, Werkzeuge, Schrauben und sogar ganze vier Shirts und zwei paar Schuhe für bis zu 140 Tage. Fast schon dekadent! Es ist nicht wirklich einfach das angestrebte Endgewicht zu erreichen, und auch wo drei Shirts reichen, und das vierte nach einer Stunde im Wasser genauso verdreckt sein wird wie die anderen drei – es ist ein Kampf um jedes Gramm, und ab und verliere ich eben auch … und muss an anderer Stelle gewinnen.

Anderes:

  • Das offizielle Flaggenzertifikat wurde erteilt. Bin wohl nun das einzige Ruderboot in Deutschland unter offizieller deutscher Flagge. Ganz lieben Dank an das unglaublich nette Team vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie [1] in Hamburg.
  • Auch wenn das neue Iridium 9575 noch nicht lieferbar ist (Daumen drücken!), läuft die Kommunikation nun jedenfalls komplett über das spätere Backup-Telefon. Ich kann ohne Computer „Tweeten“ und „Facebooken“ – Blogeinträge schreibe ich auf dem Toughbook und schicke sie per Mail. Damit solltet Ihr also während der Überfahrt gut informiert werden. Ich gebe mir wirklich Mühe! Abonniert bitte Twitter (oder noch besser Facebook), da ich häufiger Statusupdates schreiben möchte, als ich Blogen kann. Ein einziger Twitter und Facebookeintrag kostet mich mindestens 1,35$ – also hoffe ich wirklich, dass Ihr mir auch alle treu bleibt 🙂
  • Dank UUPlus habe ich jetzt auch kostenlosen Zugang zu einem Mail-Kompressionsserver über Satellit. Bei extremen Latenzproblemen über Iridium und bei der aberwitzigen Bandbreite von nur 2400 Byte pro Sekunde, ist UUPlus meine Rettung. Somit sollte es auch möglich sein mal kleine Bilder hier und da in den Blog zu stellen. Erwartet bitte keine Megapixel-Wunder – aber ich versuche alles.

Only fifty days left! Yesterday, as far i remember, i had one hundred. So tomorrow actually should be … well. I jumped in my fastest mile-boats, wear the glasses with the nice tunnel vision on my nose. The boat is ready – now i have to clean and disinfect the lockers and have to get all the stuff into. Only the watermaker is missing, has a final check at Katadyn. More then 200 Kilogram of food, hundreds of medicaments, ropes, tools and screws … and even 4 shirts and 2 pairs of shoes, for 140 days. Luxary! It’s hard to reach the intended starting weight, i loose my fights with he gear here and there. I know three shirts might be enough, and the fourth one will smell like the other ones just one hour after getting it out of the waterproof sea bags. I lost here, and have to win the other fights. Maybe less pictures and the smaller sleeping bag?!

Other stuff:

  • Got my official flag certificate. The first rowing boat under german flag? Seems so!
  • Still wait for the new Iridium 9575 phone, which is not available yet. Fingers crossed please! But satellite communication is already running over my determinded backup phone. Be sure you follow me on Twitter and Facebook!
  • Thanks to UUPlus i have access to an E-Mail compression service now. A huge benefit for sending emails and, surprise!, pictures! Do not expect high resolution content every day, but a small picture here and there seems possible.

7000 Kilometer voraus, dann eine Weile nichts

Warum tue ich das – Warum nur diese Herausforderung? Nichts schlägt mir im Moment häufiger entgegen als diese eine Frage. Und immer hole ich aus, und erzähle vom Funken, dem Zeitungsartikel über Tori Murden, welcher den Flächenbrand in mir entzündete. Und ich denke, irgendwo findet jeder seinen seltsamen Funken, der zündet, wo er nur genug trockenes Holz findet. Irgendetwas trägt jeder von uns in seinem Herzen, und meint es sei zu riskant, zu gefährlich, zu teuer die Flammen lodern zu lassen. Aber so richtig löschen wollen wir auch nicht. Also halten wir ein winziges Flämmchen am Leben. Oder etwa nicht? Doch wo man nur ganz genau hinschaut, da begleitet uns doch ständig die Angst, dass ein kalter Schwall von Realität die Flamme löschen könnte. Dann wird’s wieder dunkel. Also halten wir uns gut an den Ketten und Schnürren im Leben und schreiten im Tross voran. Sicherheitshalber. Tag um Tag. Sollte das stimmen, ist die Frage nach dem „Warum“ eigentlich hinfällig. „Warum nicht?“ sollte sie lauten. Warum nicht aufstehen, und Benzin ins Feuer schütten. So richtig hell wird’s dann. Vor 10 Jahren hielt ich es für unmöglich selbst über einen so rauen Ozean zu rudern, obgleich ich dieses Flämmchen im Schosse hütete. Die primäre Herausforderung liegt nicht in der Ankunft auf der anderen Seite, nein, sie liegt auf dem Weg bis zur Kaimauer in Portugal, wo ich das Boot abstoße. „Ich hab’s getan!“ Dann habe ich die schwerste Last gestemmt. Alles andere ist Bonus … hart, quälend aber eben trotzdem ein Bonus. Macht das Sinn? Nimmt man erst mal die erste Hürde, wird so ein Projekt zum Selbstläufer. Tausende Gründe und Rechtfertigungen lassen sich auf dem Weg einsammeln. Rollt der Mühlenstein erst einmal, so reißt er auf seinem Weg ach so viele andere Weidenzäune und Grenzen mit weg. Klar könnte ich lang analysieren, warum ich gerade das Rudern über einen Ozean so faszinierend finde – warum ich nicht segle oder über’s Wasser laufe. Könnte ich vielleicht, ja. Tue’s aber nicht, sondern jage meinen Mühlenstein und werfe ihn am Ende vielleicht doch noch irgendwann um. Dann verweile ich darauf, und schaue zurück … mal sehn was ich angerichtet habe.

Also, was soll ich auf die Frage antworten? Alles findet an einem Punkt zusammen. Dieses Projekt ist die Essenz meiner Erfahrung und meiner Erwartungen. Es war nicht der Funke, oder das Streichholz allein, welches den Flächenbrand verursachte. Es gab nie diesen einen Grund. Ich tue es, weil ich so bin wie ich bin, und zufällig im richten Moment ein Streichholz gefunden habe, um den ganzen Haufen anzustecken 🙂 Und wo’s erst mal lichterloh brennt, da spiele ich nun den Feuerteufel und kann nicht mehr von den Flammen ablassen. Asche auf mein Haupt.

Aber genug davon. Schauen wir uns mal die Häkchen in der Aufgabenliste an:

  • Die Ruder sind da! ENDLICH. Drei Paar, 3.05 Meter lang, 2.5 Kilo schwer (Karbon-Kevlar). Was eine schwere Geburt! Was immer auch schiefgehen konnte – meine Ruder hat’s erwischt. Am Ende habe ich sie in England auf eigene Kosten fertigen lassen, um nicht noch mit den Händen nach Antigua paddeln zu müssen. Hier auch mal ein ganz großes Dankeschön an die Logistik-Profis von Wincanton, die mir das Überraschungspaket in Überlänge nach Mannheim gebracht haben. Schon einmal, als ein neun Meter langes Boot-Trailer Gespann nach Deutschland geholt werden musste, konnte ich mich auf die großartige Unterstützung von Wincanton verlassen. Manche Dinge laufen eben einfach … und andere nie. Wünschte Wincanton würde auch Ruder bauen 🙂 Danke auch an Norbert von der RGS für den Transport nach Speyer.

  • Die gefriertrockneten Menüs und Dessert vom Outdoorfoodshop sind auch eingetroffen. Nicht 50, nicht 100 Stück, nein, 450 Packungen! Nur wer die Karton in den 2 Stock schleppen durfte, der weiß, wie viel das ist. Und trotzdem, eine große Last ist von meinen Schultern gefallen als ich diesen Haken in der Liste machen konnte. Danke Michael!

  • Und was brauchen wir für die Menüs? Wasser, richtig. Welch’ Glück, hat Katadyn mir gerade auch den neuen Meerwasser-Entsalzer vorbeigebracht. Plus unzählige Filter, Schläuche, Ersatzteile – alles was ich für Einbau und Überquerung benötige. Auch das winzige Notfall-Ersatzgerät , der kleinste Entsalzer der Welt, war im Service und ist nun prinzipiell einsatzbereit für die Rettungsinsel. Der große Power Survivor 40E Entsalzer ist das Herz meines Bootes. Klein, stark und extrem effizient. Wo hier etwas schief gehen würde, hätte ich ganz, ganz, GANZ große Probleme. Wird also seine Gründe haben, dass ich genau diese Gerät einbaue. Und es nimmt natürlich auch viel Druck von mir, wo ich mit Katadyn die Experten an meiner Seite habe.

  • Probleme gab es dagegen leider mit dem GfK-Laminat beim Kleben des Kojensegels. Die Haken haben leider nicht auf dem Substrat gehalten, da der Untergrund nicht optimal zu schleifen, und zu dünn war. Und nun? Glücklicherweise waren gleich die Klebe-Profis von 3M am Boot und haben mit mir einen Alternativplan geschmiedet. Mit neuen Materialien und Ideen werden wir das Ganze schon an die Wand bekommen. Ich habe jetzt neue Aluminium Profile auf das Fiberglas-Laminat geklebt und werde daran die bigHeads befestigen.

  • Dann, auch absolut phantastisch: Ich habe ein Satelliten-Telefon bekommen! Als Leihgabe von Michael (Superlieben Dank!) inklusive des Daten-Kits, Antenne und Ersatzakkus. Ich weiß noch nicht ob ich ein Backup-Gerät mitnehme, was sehr sinnvoll, aber teuer wäre – doch prinzipiell steht damit einem Live-Blog nichts mehr im Wege. Große Bilder oder Video sind damit zwar nicht senden, aber ein tägliches Update in Textform – das war ja auch der erste Plan. Schauen wir mal was noch kommt. Die Gesprächs/Daten-Einheiten im Iridium Netz sind natürlich astronomisch. Etwa 1,50US$ pro Minute + 50US$ Post-Paid Monatsgebühr. Das Senden einer Email mit unkomplizierten 2400bps dauert also eine Weile und kostet richtig. Zum Vergleich: Ein Bild mit der Größe von einem Megabyte dauert im Upload etwa eine Stunde – das wären 90US$ oder 65€ für ein schickes Wal-Foto 🙂 Ich suche noch nach einer Backup-Lösung für das Notebook. Technisch sollte ein uralter Psion 5MX guten Dienst tun. Sollte noch jemand einen im Keller haben, oder anderen Ersatz mit COM Schnittstelle wissen: Bitte melden.

  • Ach ja! Und meine Feuerlöscher habe ich live getestet. Dank der FFW Neulußheim wurde an dem Abend mal richtig gezündelt. Eines ist sicher: Ein Brand ist das schlimmste was an Bord passieren kann – egal welcher Puppenstuben-Löscher am Ende mitkommt. Daher jetzt auch wieder so viel Aufwand mit der Isolation in der Kabine. Aber dazu mehr beim nächsten Mal.

Hier nun die Bilder. Ich hoffe ich habe nichts vergessen – fürchte aber das dem so sein wird. Aber ihr wisst ja: Auf Facebook schreibe ich tagaktuell.

The blog is available in german, but due to the increasing interests, we are going to translate all content at the moment. Please come back again soon.