Waiting for Silence

Wie ihr unschwer erkennen könnt, blink das Ruderboot noch immer in Portimao auf der Trackingkarte. Heute morgen stieg ich in meinen Raumanzug und begab mich in Richtung Raumkapsel. Der Countdown stand bei knapp 90 Minuten. Alles war bereit, verstaut – einzig das finale Meeting mit meiner Sicherheitscrew stand noch aus. Perfektes Wetter, warm, trocken, Wind aus Nord. Aber leider schaut die Vorschau für morgen gar nicht gut aus: Wind bis zu 40kn wäre möglich, (Windstärke 8 bis 9), der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Süd drehen könnte (Ganz schlecht!). Da ich heute nicht weit genug von vom Land weggekommen wäre, bestand also das Risiko, dass ich innerhalb weniger Stunden morgen wieder gegen die Küste gedrückt werde. Ein Risiko, das ich nicht eingehen kann, da es wirklich extrem gefährlich wäre. Die Entscheidung zum Abbruch war natürlich erst einmal absolut enttäuschend. Natürlich hätte ich auch gegen jeden Rat ablegen können, aber ich hänge doch ziemlich an meinem Leben und die Welt geht nicht unter, nur weil ich noch etwas warten muss.

Ab Mittwoch schaut es wieder besser aus. Neuer Termin also 23.11.11 um 12:00 UTC. Kann ich nicht ändern, muss das akzeptieren und aussitzen. Das Boot wieder ausladen, damit ich wieder ein paar Klamotten an Land habe. Den Tag heute habe ich dann wieder relativ entspannt verbringen können. Gut gegessen, tolle Gespräch, zahlreiche Einladungen auf anderen Booten. Wie schon gesagt: Es gibt schlimmere Plätze auf diesem Planeten um Zeit totzuschlagen. Nun ja, jetzt also liegen wieder zwei Nächte im warmen Bett vor mir. Aber vielleicht passiert auch ein Wunder und ich kann morgen schon los. Wieder die großen Abschiedszenen, wieder ins Ruderboot steigen und wieder den Finger in den Wind strecken. Passt schon. Drückt mir die Daumen für Mittwoch bitte!

Neuer Artikel bei HR3. Auch schön! Leider habe ich das Interview auf RPR1 noch nicht gehört. Sollte jemand einen Mitschnitt haben, würde mich sehr freuen!

Noch 24 Stunden

Habe richtig gut schlafen heute Nacht, und denke, ich werde wohl den halben Tag im Bett bleiben. Wer weiß wie viele Kurzschlafphasen ich in den nächsten Tagen bekomme. Habe wirklich phantastische Träume zur Zeit, wache morgens meist auf, weil ich laut lache. Fühle mich also wirklich gut und ausgeruht. Das ist wichtig. Freue mich auch das letzte heiße Bad, denn das wird es für die nächsten 4 bis 5 Monate definitiv nicht mehr geben. Gestern Abend haben wir alle wieder phantastisch gegessen und ein letztes Mal gemeinsam im Dunkel den Wellen gelauscht. Alles steht auf Go! für morgen. Vorhersage: Wind 8kn aus NW bis NNW; See bei 1,5m und 12 Sekunden. Dienstag dann doch 23kn (43km/h), aber mit Wind aus NNW wird’s voraussichtlich ein Wellenritt in die richtige Richtung. Ich werde bis zur Hafermole von einigen Booten begleitet, dann, sobald ich auf dem offenen Wasser bin, bin ich allein. Soweit der Plan.

Könnte mir Schlimmeres vorstellen als hier in Portimao zu bleiben, Urlaub zu machen. Aber so langsam wird der Ruf der See doch etwas lauter und bestimmter – es wird also Zeit, ich sollte gehen! Mein Koffer bleibt morgen früh ganz leer im Hotel zurück – und alles was ich wirklich benötige, habe ich dann im Herz, im Kopf und im Boot. Ich werde mich sicher noch kurz melden morgen, aber solltet Ihr nichts von mir hören, dann geht es mir gut.

Noch etwas zu den Status-Updates in den sozialen Netzwerken: Ich werde natürlich in Zukunft erst einmal keine Kontakte mehr bei Facebook bestätigen können, was schon in den letzten Tagen schwierig wurde. Bitte abonniert einfach meine Nachrichten, dann könnt Ihr trotzdem alle Einträge lesen. Auch ist natürlich Twitter eine Option. Und ich bitte ich Euch nochmals: Geht bitte auf die Facebook Seite von OceanCare, dort gibt es alle Neuigkeiten zum Projekt + zahlreiche Hintergrundinformationen in deutscher Sprache.

Nun denn … passt auf Euch auf, entschleunigt die Welt ein wenig und denkt ab und an mal an mich. Wir sehen uns alle gesund im nächsten Jahr wieder. Ich bedanke mich bei Euch allen, die Ihr mir das Vertrauen geschenkt habt, die Ihr mich unterstützt habt in den letzten Jahren, an mich geglaubt habt. Und ich bedanke mich bei all denen, die Zweifel hatten, aber wenigstens den Mut besassen es laut auszusprechen. Nun denn … jetzt bin ich dran. Ich denke es ist alles gesagt – jetzt werde ich einfach ohne großes Szenen aufbrechen.

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Endlich Stille… und keine Umlaute

Ich finde leider keine Umlaute auf meiner Tastatur hier im Hotel in Portimao, denke aber, die transportieren die aktuellen Gefuehle auch nicht besser, oder? Es geht mir super! Bin reichlich muede, aber sehr gluecklich. Heute am fruehen Morgen in Faro gelandet und gleich nach Portimao gefahren. Ankunft im Hafen war einfach Klasse! – das ganze Team der Marina nahm mich herzlich in Empfang und alles stand bereit. Auch wenn nicht viel Zeit bis zum naechsten Meeting blieb, ich bin irgendwie doch ans Meer gejogt und habe erstmal einen Zeh in meinen Ozean getaucht. Naja, ziemlich emotionale Nummer. Jahrelange Vorbereitung, und ploetzlich sitzt man am Ziel und wartet nur noch auf ein Boot. Alles faellt ab in just diesem winzigen Moment. Verrueckt! Obwohl, kommt ja noch so einer am Montag – so ein Moment meine ich. Mal sehen was noch so alles abfallen kann.

Noch waehrend des naechsten Meetings der Anruf: das Boot ist in Portimao! Die BSH Verkehrstechnik GmbH hat in Rekordzeit die Strecke von ca 2500Km bewaeltigt und steht direkt vor meinem Hotel. Ich konnte natuerlich nicht erwarten mein Baby wieder zu sehen. Jetzt also haben wir einen Ozean, eine verrueckte Frau … und nun auch wieder ein Ruderboot. Kann es also losgehen! Morgen wird das Boot ausgepackt, gekrant, Spot-on Antifoul und dann ab ins Wasser. Viele Leute stehen mir hier zur Seite – das ist einfach so unglaublich entspannend. Jetzt etwas essen und dann Bett. Entschuldigt also die kurzen Zeilen heute. Morgen wartet viel Arbeit. Bilder gibt es auf Facebook – kann leider im Moment von diesem Rechner hier nichts hochladen.

Und immer noch 25 Tage

*tick* Und da steht die Uhr plötzlich still. Das Boot ist bepackt, und ich liege nicht eine einzige Minute hinter meinem Zeitplan. Gibt’s ja nicht. Scherze machen sie schon über mich in England, so typisch deutsch wäre ich – so pünktlich, durchplant und organisiert. Also irgendwas muss doch noch kaputt- oder schiefgehen. Wo bleibt denn sonst die Dramatik. Ja, Dramatik – Pustekuchen. Nicht mal aufgeregt bin ich mehr. Alles weg, total entspannt, irgendwie wie ausgeklinkt, stressimmun bin ich da plötzlich. Gerade Ich! Ich sollte Haare raufen, panisch durch die Welt telefonieren, eilig packen, testen, reparieren und trainieren.

Ich verstehe es ja auch nicht, weiß nicht wo im Drehbuch der Fehler lag und die Protagonistin aus dem Drama in die Komödie schlitterte. Nach so langer Vorbereitung, nach all den Achterbahnfahrten *klick* alles weg – nur tiefste innere Zufriedenheit, Leichtigkeit und Überzeugung. Und dabei habe ich noch nichtmal abgelegt. Ich weiß ich habe das beste Boot, ich weiß ich bin fit … und der Kopf? Bin ich mental bereit? Bin ich „heiß“ auf das Abenteuer?

Ich leuchte! Mein Herz leuchtet! Es explodiert nicht, es zerspringt nicht – schlägt keine Loopings. Es glüht nicht in heißem Orange, es ionisiert das Blutplasma mit einem kühl leuchtenden Blau, und pumpt es, elektrisiert, noch in die letzten Zellen meines linken kleinen Zehs. Alles läuft nun zusammen im kleinen Zeh Europas, in Portimao, Portugal. Bestes Equipment, optimale Vorbereitung und Fitness und jetzt ist der Kopf auch frei. Die Sensoren öffnen sich wieder, subtile Eindrücke wuchten sich plötzlich wie schwere Reissäcke über das emotionale Grundrauschen. Hämmern so brachial gegen mein Trommelfell, blenden mir die Augäpfel – überstrahlen all den Mist, der mich die letzten 2 Jahre lang versucht hat von diesem Weg abzubringen. Es spielt alles keine Rolle mehr, egal was mich nächtelang wachhielt, was zerbrach oder daneben ging. Alles bedeutungslos. Das Boot ist bereit und ich stehe hier und leuchte.

Täglich erreichen mich nun auf dem Postweg versiegelte Briefe und Glücksbringer für die Reise. CD’s, Glücksbänder, Ausgefallene Süssigkeiten. Ich genieße das. Bin reichlich stolz auf das Vertrauen. Und gestern dann, ich wollte gerade am Boot zusammen räumen, ein kleiner magischer Moment: Ein Mann tauchte plötzlich neben dem Boot auf, und sprach mich an. „Er hätte etwas für mich, wo es noch ins Boot passen würde“. Ich solle meine Augen schließen und die linke Hand öffnen. Steine! Sechs Stück umschmeichelten meine Finger. Schwer. Rau. Ich öffnete die Augen und fand Chondrite in meiner Hand. Meteoriten. Wow! „Ich solle fühlen, und mir einen aussuchen“. Ich wählte den kleinsten, den rundesten. Meinen neuen Glücksbringer.

Wie ich später erfuhr, sammelte der Mann die Meteoriten seit vielen Jahren in der Sahara. Als Einzelgänger unterwegs – und jetzt, wo er gerade daran war wieder Wurzeln in Deutschland zu schlagen, kreuzte ich mit meinem kleinen Boot seinen Lebensweg. Und bei aller Rationaliät, der Moment war einfach durchschlagend, magisch. Und vielleicht lag es nicht an dem Meteoriten, sondern an der Energie, die da durch den Raum zwischen zwei Menschen übertragen wurde, die sich verstehen. Magisch, was immer das im Auge des Betrachters für Bilder zu erzeugen vermag.

Ja, ich genieße jede Minute, jede Sekunde im Moment. Bin glücklich um die Menschen die ich gerade um mich weiß. Meine Familie, meine Freunde. Alles läuft perfekt. Ich bin zurück in Speyer, bei Georg und Andreas, dem Team Lehr-Gestaltung, die Jungs die das Boot wieder neu bekleben … bezaubern. Ich fühle mich schrecklich wohl dort. Auch Rainer Magin, der mir der immer da ist wenn ich am Boot nicht weiter weiß , ach … ich würde Euch alle gern einpacken und mitnehmen 🙂 Ich vermisse Euch ja jetzt schon!

Aber in 25 Tagen ist all das vorbei, in 25 Tagen lächelt niemand mehr wenn ich morgens aus dem Bett krieche, niemand trinkt Kaffee mit mir, niemand hält mir einen Schraubenschlüssel. Keine Augen in die ich schauen kann für viele, viele Monate. Nun denn, auf geht’s!

Am 14.11 wird das Boot nach Portugal gezogen. Also in genau 19 Tagen. Ich bin sehr, SEHR erleichtert, dass ich das Boot nicht selbst über mehr als 2500 Kilometer in die Algarve ziehen muss. Den Transport übernimmt die BSH Verkehrstechnik GmbH aus der Schweiz. Für die im Schwertransport erprobten Jungs ist das Boot dann natürlich mal ein Leichtgewicht mit ca. 1500kg inklusive Trailer. Für mich ist wichtig dass ich mein Baby in guten Händen weiß, und mich auf die Logistik vor Ort konzentrieren kann, während das Gespann nach Portugal rollt. Daher noch mal meinen ganzen Dank an das Team in der Schweiz! Ich bereite nun alles für den Transport vor.

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Noch 50 Tage

Noch fünfzig Tage bis zum Start. Und erst gestern noch, so kommt es mir vor, waren es hundert. Aber dann wäre ja morgen … Ok, lassen wir das. Habe meine schnellsten Meilenstiefel angezogen und die Brille mit den Tunnelblick auf die Nase gesetzt. Erste gute Nachricht: Das Boot ist fertig! Einzig der Entsalzer bekommt einen finalen Service und Check bei Katadyn, aber ansonsten sind alle Schrauben festgezogen und mit Sicherungslack beträufelt. Zeit zum Packen also. Und das ist wirklich eine ganz andere Herausforderung. Mehr als 200 Kilogramm an Lebensmitteln, unzählige Medikamente, Tauwerk, Werkzeuge, Schrauben und sogar ganze vier Shirts und zwei paar Schuhe für bis zu 140 Tage. Fast schon dekadent! Es ist nicht wirklich einfach das angestrebte Endgewicht zu erreichen, und auch wo drei Shirts reichen, und das vierte nach einer Stunde im Wasser genauso verdreckt sein wird wie die anderen drei – es ist ein Kampf um jedes Gramm, und ab und verliere ich eben auch … und muss an anderer Stelle gewinnen.

Anderes:

  • Das offizielle Flaggenzertifikat wurde erteilt. Bin wohl nun das einzige Ruderboot in Deutschland unter offizieller deutscher Flagge. Ganz lieben Dank an das unglaublich nette Team vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie [1] in Hamburg.
  • Auch wenn das neue Iridium 9575 noch nicht lieferbar ist (Daumen drücken!), läuft die Kommunikation nun jedenfalls komplett über das spätere Backup-Telefon. Ich kann ohne Computer „Tweeten“ und „Facebooken“ – Blogeinträge schreibe ich auf dem Toughbook und schicke sie per Mail. Damit solltet Ihr also während der Überfahrt gut informiert werden. Ich gebe mir wirklich Mühe! Abonniert bitte Twitter (oder noch besser Facebook), da ich häufiger Statusupdates schreiben möchte, als ich Blogen kann. Ein einziger Twitter und Facebookeintrag kostet mich mindestens 1,35$ – also hoffe ich wirklich, dass Ihr mir auch alle treu bleibt 🙂
  • Dank UUPlus habe ich jetzt auch kostenlosen Zugang zu einem Mail-Kompressionsserver über Satellit. Bei extremen Latenzproblemen über Iridium und bei der aberwitzigen Bandbreite von nur 2400 Byte pro Sekunde, ist UUPlus meine Rettung. Somit sollte es auch möglich sein mal kleine Bilder hier und da in den Blog zu stellen. Erwartet bitte keine Megapixel-Wunder – aber ich versuche alles.

Only fifty days left! Yesterday, as far i remember, i had one hundred. So tomorrow actually should be … well. I jumped in my fastest mile-boats, wear the glasses with the nice tunnel vision on my nose. The boat is ready – now i have to clean and disinfect the lockers and have to get all the stuff into. Only the watermaker is missing, has a final check at Katadyn. More then 200 Kilogram of food, hundreds of medicaments, ropes, tools and screws … and even 4 shirts and 2 pairs of shoes, for 140 days. Luxary! It’s hard to reach the intended starting weight, i loose my fights with he gear here and there. I know three shirts might be enough, and the fourth one will smell like the other ones just one hour after getting it out of the waterproof sea bags. I lost here, and have to win the other fights. Maybe less pictures and the smaller sleeping bag?!

Other stuff:

  • Got my official flag certificate. The first rowing boat under german flag? Seems so!
  • Still wait for the new Iridium 9575 phone, which is not available yet. Fingers crossed please! But satellite communication is already running over my determinded backup phone. Be sure you follow me on Twitter and Facebook!
  • Thanks to UUPlus i have access to an E-Mail compression service now. A huge benefit for sending emails and, surprise!, pictures! Do not expect high resolution content every day, but a small picture here and there seems possible.