7000 Kilometer voraus, dann eine Weile nichts

Warum tue ich das – Warum nur diese Herausforderung? Nichts schlägt mir im Moment häufiger entgegen als diese eine Frage. Und immer hole ich aus, und erzähle vom Funken, dem Zeitungsartikel über Tori Murden, welcher den Flächenbrand in mir entzündete. Und ich denke, irgendwo findet jeder seinen seltsamen Funken, der zündet, wo er nur genug trockenes Holz findet. Irgendetwas trägt jeder von uns in seinem Herzen, und meint es sei zu riskant, zu gefährlich, zu teuer die Flammen lodern zu lassen. Aber so richtig löschen wollen wir auch nicht. Also halten wir ein winziges Flämmchen am Leben. Oder etwa nicht? Doch wo man nur ganz genau hinschaut, da begleitet uns doch ständig die Angst, dass ein kalter Schwall von Realität die Flamme löschen könnte. Dann wird’s wieder dunkel. Also halten wir uns gut an den Ketten und Schnürren im Leben und schreiten im Tross voran. Sicherheitshalber. Tag um Tag. Sollte das stimmen, ist die Frage nach dem „Warum“ eigentlich hinfällig. „Warum nicht?“ sollte sie lauten. Warum nicht aufstehen, und Benzin ins Feuer schütten. So richtig hell wird’s dann. Vor 10 Jahren hielt ich es für unmöglich selbst über einen so rauen Ozean zu rudern, obgleich ich dieses Flämmchen im Schosse hütete. Die primäre Herausforderung liegt nicht in der Ankunft auf der anderen Seite, nein, sie liegt auf dem Weg bis zur Kaimauer in Portugal, wo ich das Boot abstoße. „Ich hab’s getan!“ Dann habe ich die schwerste Last gestemmt. Alles andere ist Bonus … hart, quälend aber eben trotzdem ein Bonus. Macht das Sinn? Nimmt man erst mal die erste Hürde, wird so ein Projekt zum Selbstläufer. Tausende Gründe und Rechtfertigungen lassen sich auf dem Weg einsammeln. Rollt der Mühlenstein erst einmal, so reißt er auf seinem Weg ach so viele andere Weidenzäune und Grenzen mit weg. Klar könnte ich lang analysieren, warum ich gerade das Rudern über einen Ozean so faszinierend finde – warum ich nicht segle oder über’s Wasser laufe. Könnte ich vielleicht, ja. Tue’s aber nicht, sondern jage meinen Mühlenstein und werfe ihn am Ende vielleicht doch noch irgendwann um. Dann verweile ich darauf, und schaue zurück … mal sehn was ich angerichtet habe.

Also, was soll ich auf die Frage antworten? Alles findet an einem Punkt zusammen. Dieses Projekt ist die Essenz meiner Erfahrung und meiner Erwartungen. Es war nicht der Funke, oder das Streichholz allein, welches den Flächenbrand verursachte. Es gab nie diesen einen Grund. Ich tue es, weil ich so bin wie ich bin, und zufällig im richten Moment ein Streichholz gefunden habe, um den ganzen Haufen anzustecken 🙂 Und wo’s erst mal lichterloh brennt, da spiele ich nun den Feuerteufel und kann nicht mehr von den Flammen ablassen. Asche auf mein Haupt.

Aber genug davon. Schauen wir uns mal die Häkchen in der Aufgabenliste an:

  • Die Ruder sind da! ENDLICH. Drei Paar, 3.05 Meter lang, 2.5 Kilo schwer (Karbon-Kevlar). Was eine schwere Geburt! Was immer auch schiefgehen konnte – meine Ruder hat’s erwischt. Am Ende habe ich sie in England auf eigene Kosten fertigen lassen, um nicht noch mit den Händen nach Antigua paddeln zu müssen. Hier auch mal ein ganz großes Dankeschön an die Logistik-Profis von Wincanton, die mir das Überraschungspaket in Überlänge nach Mannheim gebracht haben. Schon einmal, als ein neun Meter langes Boot-Trailer Gespann nach Deutschland geholt werden musste, konnte ich mich auf die großartige Unterstützung von Wincanton verlassen. Manche Dinge laufen eben einfach … und andere nie. Wünschte Wincanton würde auch Ruder bauen 🙂 Danke auch an Norbert von der RGS für den Transport nach Speyer.

  • Die gefriertrockneten Menüs und Dessert vom Outdoorfoodshop sind auch eingetroffen. Nicht 50, nicht 100 Stück, nein, 450 Packungen! Nur wer die Karton in den 2 Stock schleppen durfte, der weiß, wie viel das ist. Und trotzdem, eine große Last ist von meinen Schultern gefallen als ich diesen Haken in der Liste machen konnte. Danke Michael!

  • Und was brauchen wir für die Menüs? Wasser, richtig. Welch’ Glück, hat Katadyn mir gerade auch den neuen Meerwasser-Entsalzer vorbeigebracht. Plus unzählige Filter, Schläuche, Ersatzteile – alles was ich für Einbau und Überquerung benötige. Auch das winzige Notfall-Ersatzgerät , der kleinste Entsalzer der Welt, war im Service und ist nun prinzipiell einsatzbereit für die Rettungsinsel. Der große Power Survivor 40E Entsalzer ist das Herz meines Bootes. Klein, stark und extrem effizient. Wo hier etwas schief gehen würde, hätte ich ganz, ganz, GANZ große Probleme. Wird also seine Gründe haben, dass ich genau diese Gerät einbaue. Und es nimmt natürlich auch viel Druck von mir, wo ich mit Katadyn die Experten an meiner Seite habe.

  • Probleme gab es dagegen leider mit dem GfK-Laminat beim Kleben des Kojensegels. Die Haken haben leider nicht auf dem Substrat gehalten, da der Untergrund nicht optimal zu schleifen, und zu dünn war. Und nun? Glücklicherweise waren gleich die Klebe-Profis von 3M am Boot und haben mit mir einen Alternativplan geschmiedet. Mit neuen Materialien und Ideen werden wir das Ganze schon an die Wand bekommen. Ich habe jetzt neue Aluminium Profile auf das Fiberglas-Laminat geklebt und werde daran die bigHeads befestigen.

  • Dann, auch absolut phantastisch: Ich habe ein Satelliten-Telefon bekommen! Als Leihgabe von Michael (Superlieben Dank!) inklusive des Daten-Kits, Antenne und Ersatzakkus. Ich weiß noch nicht ob ich ein Backup-Gerät mitnehme, was sehr sinnvoll, aber teuer wäre – doch prinzipiell steht damit einem Live-Blog nichts mehr im Wege. Große Bilder oder Video sind damit zwar nicht senden, aber ein tägliches Update in Textform – das war ja auch der erste Plan. Schauen wir mal was noch kommt. Die Gesprächs/Daten-Einheiten im Iridium Netz sind natürlich astronomisch. Etwa 1,50US$ pro Minute + 50US$ Post-Paid Monatsgebühr. Das Senden einer Email mit unkomplizierten 2400bps dauert also eine Weile und kostet richtig. Zum Vergleich: Ein Bild mit der Größe von einem Megabyte dauert im Upload etwa eine Stunde – das wären 90US$ oder 65€ für ein schickes Wal-Foto 🙂 Ich suche noch nach einer Backup-Lösung für das Notebook. Technisch sollte ein uralter Psion 5MX guten Dienst tun. Sollte noch jemand einen im Keller haben, oder anderen Ersatz mit COM Schnittstelle wissen: Bitte melden.

  • Ach ja! Und meine Feuerlöscher habe ich live getestet. Dank der FFW Neulußheim wurde an dem Abend mal richtig gezündelt. Eines ist sicher: Ein Brand ist das schlimmste was an Bord passieren kann – egal welcher Puppenstuben-Löscher am Ende mitkommt. Daher jetzt auch wieder so viel Aufwand mit der Isolation in der Kabine. Aber dazu mehr beim nächsten Mal.

Hier nun die Bilder. Ich hoffe ich habe nichts vergessen – fürchte aber das dem so sein wird. Aber ihr wisst ja: Auf Facebook schreibe ich tagaktuell.

The blog is available in german, but due to the increasing interests, we are going to translate all content at the moment. Please come back again soon.

Ein Projekt kommt ins Rollen

Wie Ihr auf Facebook schon verfolgen konntet, ist diese Woche wieder eine ganze Menge am Boot passiert. Ich schrieb bereits, dass ich große Probleme mit den Standard-Kugellagern und Rollen am Rollsitz habe, und mich auf der Suche nach Alternativen befand. Die Anforderung an die Lager und Rollen sind natürlich extrem. Tausende Kilometer, monatelang, ständig von aggressivstem Salzwasser überspült – kein System hatte sich bisher wirklich bewährt. Den meisten Lagern konnte man beim Dahinrosten und Zerfallen zusehen. Selbst nichtrostende Titan- oder Keramiklager versagen in der Vergangenheit kläglich unter der harten Belastung. Was also tun? Es existierte nur eine Lösung, die auch unter dem Gesichtspunkt des Gesamtgewichtes wirklich in Frage kam – eine ungemein aufwendige: hochspezielle Industrielager, die einzig für diese Anforderung gefertigt werden. Aber woher nehmen bei solch‘ knappem Projektbudget? Einzelentwicklung und Anfertigung – das bedeutet Prototypen müssten entwickelt, Versuchsreihen gefahren werden. Nein, unmöglich. Und ich ahnte schon das Boot komplett mit Ersatzlagern und Rollen befüllen zu müssen. Nehme ich halt noch 10 Kilo ab vorher, und plane 30 Tage zusätzlich für den ständigen Austausch der Lager bei hohem Wellengang ein 😉 Aber ok – Nicht wirklich ganz so witzig, natürlich.

Vor wenigen Tagen dann die Überraschung: Eine Firma, die eben genau solche Lager entwickelt und das entsprechende Know-How und Material besitzt, war bereit die ungewöhnliche Herausforderung anzunehmen. Man vereinbarte einen schnellen Termin, und das Team wollten sogar extra aus Dortmund nach Speyer zu kommen, um direkt am Boot den Sachverhalt zu besprechen. Das ist eine Fahrtstrecke von fast 700 Tageskilometern – ich war natürlich sprachlos! Gestern war es dann soweit. Und tatsächlich: Punkt zwölf Uhr stand die Firma LFD Wälzlager GmbH bei mir am Boot. Wow!

Es wurde gefachsimpelt, beraten und, ganz ehrlich, auch viel gelacht. Offensichtlich verfügt das Unternehmen nicht nur über die notwendige Erfahrung, sondern hat auch richtig Spaß an dem Projekt. Perfekt! Das passt einfach!

Mein kompletter Rudersitz liegt jetzt im Labor. Die alten Lager werden genau untersucht. Und am Ende bedeutet das: Es wird eine individuelle, hochspezielle Lösung entwickelt. Keine Standard-Lager und Rollen – keine Kompromisse. Seid gespannt auf das Ergebnis! Und vielen Dank an das Team von LFD für dieses enorme Engagement! Ohne Experten wie euch wäre ich beim Material aufgeschmissen – das muss eben auch mal gesagt werden! Nichts an diesem Projekt lässt sich mal ebenso erledigen, völlig klar. Und alles an diesem Projekt ist eine Herausforderung und ein „Spezialfall“. Ich akzeptiere hier aber auch meine Grenzen in den Fachbereichen, und bin daher wirklich sehr glücklich darum, dass ich mir gerade dann ob der Unterstützung so vieler Experten und Unternehmen in diesem Projekt sicher sein kann, wo ich diese erreiche. Keine Experimente, keine Selbstüberschätzung! „Very german“ – wie man mir jetzt immer wieder nachsagt. Na dann 🙂

Alle Matten, Schlafsäcke, Decken und Kissen von Lestra sind nun auch im Boot. Und das Kojensegel wird gerade von der Seilerei Pohle gefertigt. Sieht also ganz danach aus, dass ich jetzt regelmässig im neuen Boot übernachten werde. Das Team von Bergzeit organsiert mir noch zwei brandneue Jetboil Kocher – also kann ich eigentlich gleich ganz einziehen, oder?

Ach, und im aktuellen Rudermagazin ist soeben ein schöner Artikel über das Projekt erschienen – schaut mal ob Ihr die Zeitschrift irgendwo auftreiben könnt. So, dass waren die News.