Herunterfahren im Zug

Gestern stieg am Erfurter Hauptbahnhof ein Mann in den Zug und setzte sich auf den gegenüberliegenden Einzelplatz. Genau unter der Gepäckablage mit meiner Reisetasche. Nachdem er das ganze hintere Abteil bereits durchgefragt hatte, gelang es ihm nach zehnmaligem Antippen meiner Schulter, dass auch ich meine Kopfhörer rausnahm.

Ist das Ihre Tasche?“, fragte er.
Ich nickte auf eine Weise, dass er schon vor dem nächsten Satz wusste, dass mir alles, aber auch alles was jetzt als Nächstes folgen würden, absolut suspekt sein würde.
Können sie ihre Tasche bitte auf ihrer Seite oben noch mit *reinquetschen*? Ich möchte gern mein Gepäck bei mir haben!“, raunzte er herum.

ICH AUCH (!)“,

erwiderte ich bevor er seinen Satz überhaupt punktieren konnte. Schon, weil klar war, dass ich meine Tasche nur ein paar Plätze weiter vorn unterbringen könnte. Wir starrten uns in die Augen, wie bei einem Duell mit Platzpatronen. Die Männer auf der anderen Seite am Tisch fanden meine Antwort offenbar sehr kreativ. Alle warteten gespannt darauf, was jetzt passiert. Einige zwinkerten mir sogar zu und bekundeten so ein Art Beistand, falls es eben doch eskalieren würde.

´Also..`, dachte ich mir, ´ich kann jetzt meine Kopfhörer wieder reinstecken und er wird weiternerven oder die Tasche eigenhändig verfrachten oder ich stehe einfach auf und stelle sie um.`
Wir haben immer eine Wahl … natürlich hab ich sie umgestellt. Und dann saß ich da wieder und spürte, wie ich mich die nächsten drei Fahrtstunden gern über diesen „Vollhonk“ aufregen wollte. Aber dann schaute ich ihn mir so an, und irgendwie, irgendwie tat er mir leid. Da saß er so einsam auf seinem Platz, wie ein Kind, aber wenigstens sein knallgrüner Koffer war ganz in seiner Nähe und er fühlte sich sicher wohl jetzt.

Ich begann mich plötzlich für ihn zu freuen, mit ihm …. die nächsten drei Stunden und 22 Minuten lang, bis Mannheim. Keine Wut mehr, einfach Frieden. Und was weiß ich schon, warum er so geworden ist oder wie er an den anderen 364 Tagen so drauf ist. Und letztlich ist jede Begegnung dieser Art eben doch auch eine Lektion, wenn man sie annimmt. Die anderen Begegnungen im Zug waren umso schöner. Also …

Eigentlich ganz einfach, oder?