Liebkost von einem Wal

Ok, jetzt kommt das absolute Highlight! Und ihr dachtet mehr geht nicht?! Hah! Beinahekollision, Waltänze, Delfinzirkus, in Treinnetzen verheddert, Stürme, schlimme Kreuzsee, absolute Stille, Wassereinbrüche, schwere Gewitter, Schrammen und Schmerzen, Hitze und Kälte … das alles lässt sich noch toppen? Sicher? JA! Dieses Drehbuch kennt offenbar kein Ende für mich! Was hier passier ist so unglaublich … doch seht selbst:

Wie im letzten Eintrag geschrieben, bekam ich Südwind, wurde also zurück nach Norden gedrückt. Viel schlimmer noch: Die Strömung drehte auch in Richtung Norden, womit ich wohl endgültig in einem Stömungswirbel feststecke. Das ist extrem frustrierend, kostet mich Tage. Naja, was soll ich machen. Gestern Nachmittag dann färbte sich der Horizont bitter schwarz. Ein weiteres Gewitter zog auf. Mächtig Wind, es blitze und donnerte heftig, meine Solarzellen brummten. Mitten durch. Nützt nichts. Noch weiter nach Norden. In der Nacht dann war ich durch. Befand mich auf der Rückseite des Gewitters. Der Wind drehte um 360° innerhalb einer Stunde. Ich drehte mich mit ihm im Kreis. Die See entwickelte sich bedrohlich. Die kleinen Wellen verschwanden gänzlich, größere Wellen (klar wie Glas im Lampenlicht) prallten aus allen Richtungen aufeinander und bauten Schneeberge, schaumbesetzte, spitze Wellentürme. Ich habe nun schon einige hefitge Kreuzseen hinter mir, auch über 6m. Aber das war mit Abstand das beendruckenste Wellenspiel das ich erlebt habe – wenngleich nur 3 oder 4 Meter. Einfach surreal. Ich versuchte irgendwie dem Gewitter zu folgen, vielleicht einen Nordwind zu erhaschen der in das Tiefdruckgebiet einbläst. Aber das war natütlich nicht wirklich möglich. Ich ritt also die See weiter aus. Querab begann ein wenig später erneut der Horizont zu leuchten. Nein, oder?! Noch ein Gewitter. Und es näherte sich schnell. Ich gab auf. Mit Blitzen an Steuerbord setzte ich den Sturmanker. Wenig Zug auf der Leine. Die Nordströmung, der wiedererstarke Südwind, die Kreuzsee. Wann immer der Fallschirmanker griff, hob sich das Heck aus den Wellen, schwerelos. Super Nacht also. Aber ich habe das nun schon seit so vielen Wochen durch: Ich schlief trotzdem angegurtet irgendwann vorm Sonnenaufgang ein.

Heute Morgen dann öffnete ich die Luke. Totenstille. Fast keine Wellen, fast kein Wind. Nur die Strömung wuchtete mich weiter nach Norden, wie ich schnell erkannte, wo der Fallschirmanker fast an Backbord trieb. Ich stieg aus. Die Sonne verstecke sich noch hinter einer der letzen Wolken am Horizont, aber in wenigen Minuten sollte sie die Bahn frei haben. Ich erwartete eine Gluthitze.

Und darauf wartete ich seit Wochen! Ein Tag ohne hohe Wellen, ohne 15kn oder 35kn Wind. Die Mission „Rumpfschrubben“ konnte in Angriff genommen werden. Ich richtete meine Spachtel, leinte mich an, setzte die Schwimmbrille auf und, Hand drauf!, hielt gründlich Ausguck nach Haiflossen. Hört sich albern an, aber dank der Haibesuche am Boot, fehlt es mir etwas an Leichtigkeit bei solchen Aktionen. Unter dem Schiff meine vier großen Doraden und Spotty, der Pilotfisch. Alles wie immer.

Ich klemmte die Ruder hoch an die Reling, damit ich unten durch, über die Bordwand, ins Wasser gleiten konnte. Nicht gut! Nicht wirklich kalt, aber ich war extrem angespannt. Ruhig Janice! Entspanne dich! Die Doraden in sicherem Abstand, versprach ich mir, nicht zu erschrecken, wenn sie mich berühren sollten. Weiß nicht, ich fühlte mich fürchterlich unwohl. Das Boot rollte trotz der kleinen Wellen nun doch ganz schön, vor allem wo ich wie ein Sack Kartoffeln an Steuerbord in den Halteleinen hing. Ich zog die Einstiegsleine ins Wasser. Im Training war es fast unmöglich ohne Badeleiter oder eben zumindest eine Leine mit Trittschlaufen wieder ins Boot zu kommen. Alles in Ordnung! Ich kam langsam herunter. Ist doch albern! Die unglaubliche Ruhe, die ungewöhnliche Sichtweite, ein wirklich unglaublicher Ort zum schwimmen. Ich entfernte mit der Spachtel erst einmal den Bewuchs soweit möglich ohne zu tauchen. Dann holte ich tief Luft und tauchte unter. BOOM! Und schon hatte ich mir den Kopf am Rumpf gestossen. Ah ja!, stimmt, dafür hatte ich den Helm mitgebracht! Die Sicht: misserabel!

Immer wieder der Blick hinter mich, um mich herum: Nur Doraden. Alles in Ordnung. Tauchen, schrubben, auftauchen, schnellstens die goldwerten Halteleinen ergreifen, hochziehen, Luftholen … Salzwasserschlucken. Wieder und wieder. Solange bis ich endlich alle …

PANIKMODUS!

Mit zwei, vielleicht drei Griffen ziehe ich mich vom Heck vor ans Mittelschiff. Die Spachtel, mit einer Schnurr am Handgelenk befestigt, bleibt hängen – ich reiße die Schnurr aus der Öse und mir die Haut vom Handgelenk. Ich versuche verzweifelt meinen rechten Fuss in die Schlinge der Einstiegsleine zu bekommen. Es klappt nicht. Es klappt nicht! Ich muss hier raus! Ich muss die Beine aus dem Wasser bekommen! Die Schlinge ist zu klein, oder ich bin zu hektisch. Ich weiß nicht welche Kräfte ich mobilisiert habe, aber es gelingt mir, was im Training unmöglich erschien: Ich ziehe mich mit den Armen über die Bordwand, womöglich bekomme ich einen Fuss auf die Haltleine. Die Beine müssen raus Janice! Mein einziger Gedanke. Ich kämpfe. Wuchte mich aufs Deck. Schlage mir die Rippe böse an einem Augbolzen. Breche innerlich zusammen.

Ich weiß nicht mehr. Habe nichts gesehen. Dann streift mein schlagendes Bein einen massiven Körper. Nein, keine Dorade! Hinter mir ist alles dunkel. Ein riesiger …. mein Hirn feuert: HAI, HAI, HAI … raus, raus, raus, RAUS HIER! Keine Logik, keine Analyse der Situation – nur Reflexe. Erst als die Beine aus dem Wasser sind, kommt die verspätete Angst. Schlimm. Ich dachte ich gehe drauf, ohne zu wissen weshalb. Aber sofort will der Verstand wieder beschäftigt werden. Keine Zeit für Emotionen. WAS ZUR HÖLLE?

Ich greife das Telefon, will mich mitteilen. Suche das Wasser nach dem „Hai“ ab. Und da! Ein massiver schwarzer Körper mit tiefer Finne hebt sich aus dem Wasser. Und bläst. Ich erkenne weiße tiefe Flanken, schätze die Länge etwas größer als mein Boot. Das ist kein Hai! Mein erster Gedanke: Ein Orca!! Ich rufe sofort meinen Sicherheitskordinator an, bespreche die Risiken mit dem Sturmanker, der ja immer noch mit all den Leinen im Wasser treibt. Ich weiß er sollte jetzt schnellsten raus, nicht das der Wal sich darin verheddert. Aber da der Wal direkt am Boot ist, ist das Einholen auch nicht ganz ohne. Mehr ein großes Sicherheitsproblem für mich, als für den Wal. Ich sende die Neuigkeiten an Twitter & Facebook, haha, und filme und hole den Sturmanker ein – zur gleichen Zeit.

Jetzt wo ich die Videos anschaue, die Bilder für euch hochlade, muss ich erstmal lachen. Nein, das ist kein Orca. Auch wo ich mich nun mit etwas mehr Ruhe nach wie vor schwer tue ihn exakt zu identifizieren. Vielleicht ein Sei? Minke? Würde mich freuen, wenn von euch jemand das Tier bestimmen könnte. Bitte schickt mir doch eine Email (Am Ende der Positions-/Trackingseite).

Ich denke die Situation war absolut ungefährlich. Das Tier war neugierig, ich war sehr leise, womit es näher kam. Vielleicht war das Kratzgeräusch meines Schabbers spannend, oder der abgekratzt Bewuchs lecker. Ich weiss es nicht. Mein Sicherheitskoordinator kam um einen Scherz nicht herum: Vielleicht kam der Wal nur um Danke zu sagen. Naja, etwas stürmisch. Lege ich mich nunmal mit diesem witzigen Gedanken schlafen … und bin gespannt auf den morgigen Tag. Rumpfschrubben ist nun jedenfalls erstmal abgesagt. Mein Schaber ist eh weg. Somit kann der Wind wieder kommen. Gern aus NORD!

Fliegen ist das neue Schwimmen

Etwa eine halbe Stunde lang starre ich gebannt auf den Horizont, bin aufgeregt, schreie wie ein kleines Kind. Müsste handeln, doch kann den Blick einfach nicht von diesem schwergewichtigen Schauspiel abwenden. Direkt vor mir ein 288 Meter langer Tanker mit dem Namen Filikon. Ich sehe die Umrisse dieses tonnenschweren Stahlmonsters im Gegenlicht der gleißenden Sonne. Schweißperlen auf meiner Stirn, wohl auch von der sengenden Sonne. Doch ich springe nicht ans Funkgerät, ändere nicht den Kurs. Bin erstarrt. Nur meine Pupillen wandern, nur ein ganz klein wenig. Zwei gigantische Wassersäulen hieven sich empor. Ein dumpfes Klatschen folgt. Die Kamera läuft. Wieder wandert mein Blick zum Tanker. Und zurück. Habe Schwierigkeiten das Objektiv in dem rollenden Boot auszurichten. Stehe gedrängt an Steuerbord, das Boot ist nicht mehr ausbalanciert, hat mächtig Schieflage. Mir läuft die Zeit davon! Ich muss den Kurs prüfen!

Und da! Wieder! Dutzende Tonnen schieben sich plötzlich aus dem Wasser. Nicht in den Himmel, nein, vielleicht 15 Meter hoch. Es erscheint nicht wirklich wie der Start einer Rakete. Und doch: Es ist einfach eine Sternstunde! Ein Buckelwal springt zum 60sten Male aus dem Wasser, den weißen Bauch voran in meine Richtung. Er dreht sich in der Luft um 180° um seine Körperachse, die Finnen angewinkelt, und schlägt mit so einer Brachialgewalt mit dem Rücken auf das Wasser, dass ein 288 Meter langer Tanker auf Kollisionskurs nur noch belanglos erscheint.

Seit dreißig Minuten verliere ich mich in diesem Schauspiel. Bin bis in die Herzkranzgefäße von dieser Schönheit infiziert. Ich zähle die Sekunden. 28,29, 30 … und da, wieder steigt er aus den Fluten. Ich lache. Ein Gedanke drängt sich, am Kloss im Hals vorbei, aus dem Zwerchfell in den Kopf: Er fliegt nicht so filigran wie die Fliegenden Fische die ich jeden Tag sehe, aber ich glaube ich hätte ein größeres Problem, wo ich jeden Morgen Buckelwale auf meinem Deck aufsammeln müsste. Und ich schreie wieder: JUMP! JUMP! Ich weiß das ist albern, bin mir längst sicher dass er mich wahrgenommen hat. Mich und mein Boot. Er umrundet mich, ganz bewusst. Genug Abstand für uns beide. Das ist meine Show!

Der Wal taucht ein letztes mal auf. Bläst zwei Fontänen und verschwindet. Mein AIS Kollisionsalarm löst aus und drängt mich zum Handeln. Die Sicherheitsdistanz zum Tanker wurde unterschritten. Offensichtlich nicht nur für mich. Ich sehe den Wal nicht wieder. Ich zweifle nicht daran, dass es der Lärm der gewaltigen Schiffmotoren und Schrauben war, der diesen Tanz beendete.

Ich liege nun, Stunden später, in meinem Schlafsack. Schaue mir die Videos an, lade die Bilder für euch hoch und schreibe. Seltsam. Wenn ich so darüber nachdenke. Wie symbolgewaltig dieser Tag heute war. Jeder der daran teilhaben könnte, würde verstehen warum ich hier gegen den Unterwasserlärm rudere. Aber wie viele Buckelwale und Öltanker sehen wir schon auf dem Weg ins Büro jeden Morgen?!

Ich hoffe der Wal ist wohlauf. Wurde nicht wie die vielen Wale im Mittelmehr von Schiffsschrauben zerhackt. Das ist leider die Realität, ein großes Problem und kein Ausnahmefall. Sicher, die Tanker sind nicht das einzige Problem. Aber ein Problem das wir lösen können. Das Pelagos Institut errichtet zum Beispiel ein passives Ortungssystem für Wale im Mittelmeer, dass Schiffen die Position der Tiere übermittelt und entsprechend zum Ausweichen zwingt. Ein Projekt von vielen. Unterstützt die Arbeit von OceanCare, informiert euch. Ihr müsst nicht über einen Ozean rudern um etwas zu ändern!

Anderes: Heute morgen wurde ich um 3:00 Uhr UTC von meinem ersten Hochseegewitter überrascht. Ich öffnete die Augen – irgendwas stimmt nicht dachte ich noch. Stille. Absolute Stille. Das Boot bewegte sich kaum. Das gibt es selten. Ich öffnete die Luke. Der Mond stand senkrecht über mir, es war taghell. Absolut friedliche See, keine Lüftchen wehte. Geisterstunde! Ich stieg aus und bemerkte dicke Wolken am Horizont. Ahnte was das bedeutet. Die Ruhe vor dem Sturm! Und schon blitze es. Die Wolken strahlten wie Glühbirnen. Faszinierend und beängstigend zugleich. Ich überprüfte das Boot, laschte alles fest und bereitet mich auf eine ungemütliche Rest-Nacht vor. Ein unglaublich heftiges Gewitter entlud sich. Nie habe ich so etwas gigantisches an Land gesehen. Und so schnell es kam, so schnell war es vorüber. Es blieb einzig der Südostwind. Südost! HALLO! Das ist die falsche Richtung! Nun ja, damit darf ich mich jetzt ganz aktuell auseinandersetzen. Versuche alles um nicht wieder nach Norden abzudriften. Rudere Zickzack. Komme schlecht voran.

Es war jedenfalls die erste Nacht seit einer Woche, in der keine Fliegenden Fische an Deck landeten. Was ein Drama! Ich zähle inzwischen mehr als 40 Stück, die sich irgendwo verfangen haben, oder irgendwie gegen die Decksaufbauten geknallt sind. Horrorbilder! Jeden Morgen muss ich mich überwinden die Luke zu öffnen. Schon ahnend, was mich wieder für ein Schlachthof auf dem Deck erwartet. Es ist ein wunderschönes Schauspiel den Fischen beim Fliegen zuzusehen. Sogar ganze Schwärme, hunderte von ihnen, schwirren regelmäßig mit Höchstgeschwindigkeit funkelnd am Heck oder Bug vorbei. Aber wo sie meinen Kopf nur um Zentimeter verfehlen, oder mich sogar am Körper treffen oder komplett am Boot zerschmettern: Mein Gott!

Habe nun den zweiten Hai gesichtet. Gestern Abend war der Seegang fast perfekt zum Rumpfschrubben – es wäre jedenfalls ein Versuch wert gewesen mit dem Fallschirmanker am Bug. Nur sehr selten rollten mehr als 1 Meter hohe Wellen heran. Das gab es seit Wochen nicht mehr! Aber eine innere Stimme ermahnte mich, dass es in der Dämmerung die meisten Haiangriffe gibt. Ja, ich hatte Schiss! Weiß nicht ob ich schon wieder einen Hai als Begleiter habe. Haha. Lacht nur! Jetzt habe ich wieder zu heftige Wellen. Mist!

Endlich sind die Doraden angekommen. Habe lange darauf warten müssen. Erst erschien Spotty, mein erster Pilotfisch. Einsam muss es da unten gewesen sein. Und langweilig, denn immer versuchte er meine Kamera zu necken. Gestern dann wurde ich im Rudersitz von einen blauen Schimmer im Meer überrascht. Strahlend blau, gelbe Flossen: Doraden! Endlich. Sind immer ein gutes Omen und eine gute Unterhaltung. Plötzlich sind auch Gelbflossen-Thunfische da und Makrelen. Scheint ich habe endlich wärmere Strömungen erreicht. Und ja! – Mein Vogel, meine Sturmschwalbe, ist immer noch da. Besucht mich jeden Morgen und jeden Abend. Habe also reichlich Gesellschaft.

Es regnet Fische

So, noch gut 12 Seemeilen, dann wäre die Hälfte der Strecke geschafft. Gegen 19:00 UTC erreiche ich heute am Abend voraussichtlich den Punkt mit exakt der gleichen direkten Distanz auf der Seekarte nach Portimao, Portugal (Start) und Port St. Charles, Barbados (Ziel). Mit anderen Worten: nun gibt es kein Zurück mehr! Haha. Nein, aber praktisch sind das fast 1700 Seemeilen (3150km), die ich in 42,5 Tagen erledigt habe. Genau genommen sind es natürlich viel mehr, da nur an wenigen Punkten pro Tage die Position zur Webseite übermittelt wird. Wenn ihr sehen könntet was für kleine Schleifen ich manchmal rudere, ihr würde Popcorn und Pizza bestellen und die Augen nie mehr von der Trackingseite abwenden können. Das kann ich aber natürlich nicht zulassen.

Es geht mir gut, auch wenn ich mächtig unter den fliegenden Fischen leide. In der Regel liegen sie am Morgen im Boot. Manchmal schlagen sie aber auch am Tag ein während ich rudere. Und manchmal, ja, manchmal sogar treffen sie mich, wenn ich im Scheinwerferspotlicht mein Equipment repariere. Nein, nicht lustig. Ich habe wirklich vor Schreck geschrien. Man rechnet ja mit allem, nicht aber dass man von einem 20cm großen Fisch getroffen wird. Heute morgen sah ich einen Schwarm, fliegend, ca. 100 Tiere und mehr Wow! Wunderschön, solange sie nicht aufs Deck einschlagen. Zauberhafte Fische dabei, in einem strahlenden Blau etwa. Aber die meisten sind Grau bis Silber. Apropos Fische: Habe einen neuen Begleiter (Foto!). Es sollte ein Pilotfisch sein, denn ich Fleckchen, Spotty genannt habe. Seit nun 3 Tagen Boot.

Auch wenn der Makohai vermutlich verschwunden ist, kann ich nach wie vor nicht ins Wasser. Zuviel Wind, zu hohe Wellen. Ich kann mich einfach nicht am Boot halten, oder bekomme den Rumpf auf den Kopf. Sehr gefährlich. Nur leider ist mein Rumpf total zugewachsen mit Muscheln und Krebsen. Ich werde langsamer und langsamer, das Rudern wird zur Qual. Dabei wäre es so einfach: Abtauchen und Putzen. Geht aber nicht. Jetzt brauche ich viel Geduld.

Aber langweilig wird mir so schnell auch wieder nicht. Meine neue, unkaputtbare, strahlende gelbe, teure, superdupermega Elektro-Bilgepumpe … ist kaputt. Hat aufgegeben. Na super! Jetzt kann ich das Boot von Hand auspumpen. Wie toll ist das denn bitte?

Seit längerer Zeit mal wieder ein Frachtschiff erblickt. Die Nisshin Trader mit 288 Metern. Hat mich heute Morgen am Horizont begrüsst. Ca 1,8sm vorm Bug. Das erste Zeichen von Zivilisation in diesem, noch jungen Jahr. Bin also also nicht der letzte Mensch auf Erden.

Jetzt muss ich wieder raus. In der Kabine sind 35°C, ich koche. Der Wind ist seit einer Stunde runter auf 15kn. Also deutlich angenehmer zu rudern. Muss nur sehr mit der Sonne aufpassen, man spürt die Strahlung im Wind kaum. Kopfschutz ist oberste Pflicht.

Habe ich Antigua gesagt?

Nur noch etwa drei Tage, und ich habe exakt die gleiche direkte Distanz von meiner gegenwärtigen Position zum Start-, wie auch zum Zielpunkt. Halbzeit also. Das wird jetzt etwas verwirren, wo ihr auf die Karte schaut. Ich weiss. Es gibt da noch eine Information die fehlt: Bereits im Oktober entschied ich unter logistischem Zwang (Kosten!), den Zielhafen zu ändern. Ich informierte daher die offiziellen Stellen darüber, dass ich nun beabsichtige nach Barbados zu rudern, Port. St. Charles. Ich bat auch darum diese Information vorerst diskret zu behandeln, um so kurz vor Abfahrt nicht noch unnötig Verwirrung zu stiften. Ich meinte, die neue, deutlich längere und anspruchsvollere Route von Portugal anstatt von den Kanarischen Inseln, sorgte bereits für Verwirrung genug. Da sich an der Gesamtstrecke kaum etwas ändert, die Herausforderung die gleiche bleibt, entschied ich mich die Info vorerst zurückzuhalten. Nun ist also der Zeitpunkt gekommen euch zu informieren. Ich steuere also die schöne Insel Barbados an, sicher auch ganz nett *g

In den letzten Nächten sind einige Boote vor mir gekentert und haben sich von Frachtschiffen abbergen lassen müssen. Die Wetterbedinungen sind also wirklich nicht die Besten. Geht also nicht nur mir so. Mein Boot ist aber definitiv nicht am Limit, was mir ein super gutes Gefühl gibt. Sehr unbeständiger Wind im Moment. Alles von 5 bis 25kn. Entsprechende See. Angenehm bis ziemlich rau. Wobei selbst bei schönstem Wetter plötzlich eine einzige große Welle hier und da auftaucht, und an Backbord heftig einschlägt. Also nur keine Minute in Sicherheit wiegen!

Ich hoffe ihr seid gut ins neue Jahr gerutscht! Die Anzahl der fliegenden Fische an Deck ist nun schon auf drei gestiegen. Bei einem Freibord von nur 0 bis 30cm, kein Hindernis. Ich glaube die können bis zu 5 Meter hoch fliegen. Ich muss dringend mal das Deck aufräumen und in allen Ecken suchen.

Kontrastdramaturgie

Pferden kann man offensichtlich problemlos beibringen, sich auf Kommando auf eine Seite fallen zu lassen. Nur auf eine einzige Seite allerdings. Ist das Pferd erst einmal ein linksfallendes Tier, so ist dies auch nicht mehr zu ändern – worin im Übrigen auch der Grund zu suchen ist, weshalb für Filme mit epischen Reiterschlachten, immer die gleiche Anzahl links- wie rechtsfallende Tiere gecastet werden. Sagt man. Bei meinem Ruderboot funktioniert dies jedenfalls leider nicht, es „fällt“ und halst immer auf die andere, die falsche Seite … ganz gleich welche das ist, ganz gleich was ich anstelle.

Die Herausforderung bei starkem Wind (aktuell Böen bis Windstärke 8, im Schnitt 6 Meter Wellen und auch noch hochchaotische, opulente Kreuzsee) besteht darin, den Winkel zum Wind so klein zu halten, dass das Boot in keinem Falle quer in den Wellen zum liegen kommt und kentert. Das Dilemma: Meilenrausch! Ein etwas größerer Winkel bringt das Boot zügiger voran. Schwieriger Spagat und Eiertanz. Wo ich nicht mehr rudere, bleibt mir nur das Steuerruder, Treibanker und die Gewichtstrimmung übrig, um diesen Winkel festzulegen.

Ich bevorzuge 30° bis riskante 45° Grad zum Wind, dieser an Backbord (also Links!). Da die Wellen aber nicht einer Parade folgen, läuft im Moment alles etwas aus dem Ruder. Wenn nicht achtsam genug, liegt schnell mal das Boot quer. Und die nächste Welle nutzt glatt die Chance: Einschlag, volle Breitseite! Wie das ausschaut seht ihr ja auf den neuen Fotos. Das Deck, die Bilge läuft voll. Hunderte von Litern an Wasser, die nur zum Teil wieder sofort herausschwappen wo dass Boot nun komplett auf der Seite (und darüber) liegt und wieder hochkatapultiert wird. Pumpen also, und warten das das Deck freiläuft. Sofern man sich vom Freiflug in der Kabine wieder erholt hat. Wenn ich ganz viel Glück habe, halst das Boot auch noch komplett dabei, liegt also mit der anderen Seite am Wind. Das zu korrigieren, ganz toll!

Es bleiben meist 10 bis 20 Sekunden bis der nächste höhere Schaumkam angerollt kommt. Licht an, Luke auf, Pumpe an. Luke zu. EINSCHLAG! Luke auf, Leine anlegen, raus auf Deck. Luke zu. EINSCHLAG! In die noch vollen Bilge kriechen, Steuerleinen fieren, halsen, Regen und Gischt aus dem Gesicht wischen und das Ruder neu trimmen. EINSCHLAG!EINSCHLAG!EINSCHLAG!EINSCHLAG! … Luke auf, ableinen, reinspringen. Luke zu. Abtropfen. FREIFLUG!

So, oder so ähnlich. Und trotzdem, NEIN! Ich werfe keinen großen Treibanker. Pustekuchen. Kämpfe um jeden Meter.

Ich muss mindestens nachts alle 60 Minuten raus um das Ruder zu verstellen. Mindestens. Werde aber auch in den kurzen Ruhepausen noch ständig vom Seeschlag hochgerissen. Kopf am Heck – Einschlag meist am Heck. Beides Zusammen = Kopfschmerzen. Ich bin mit Beinen, Knien, Armen, Ellenbogen irgendwie zwischen den Netzen, Kissen und Seesäcken festgeklemmt, versuche halbwegs Schlaf zu finden auf der Achterbahn. Nach über vier Wochen sehen meine Knie und Ellenbogen entsprechend aus.

Das absolute Highlight nachts ist aber ein ganz anderes: Die Toilette Der Eimer an Deck. Draußen. Und meine Nieren arbeiten bei dem ganzen Eiweiss in der Nahrung, bei den Unmengen an Wasser die ich trinke auf Hochtouren. Einfach traumhaft. Bei 6 Meter hoher See – man ahnt nur so ungefähr was da auf einen vom Horizont her zurauscht und zurollt. Das Boot rollt ebenfalls und stampft. Mit der Eimershow bekäme ich eine Clownsnummer beim Cirque du Soleil. Zweifellos. Aber wartet erst bis ihr seht wie ich im Moment wieder diesen Blogeintrag hier tippe *g

Ja, also, alles wie bisher. Keine wirklichen Probleme. Das Boot ist längst nicht am Limit, wartet nach wie vor auf die komplette Kenternummer. Fast hatten wirs ja schon ein paarmal. Ich verzichte gern. Auch ich bin fit und frohen Mutes. Jede Kleinigkeit wird aktuell zur Sensation und ultimativen Herausforderung. Aber um so größer ist der Stolz, wo am Ende man für weitere Minuten auf den Schlafsack fallen darf.

So, genug für heute. Wirklich nicht so einfach zu schreiben im Moment. Ich wünsche euch nun frohes neues Jahr! Macht was draus! Geht mal rudern … toller Sport 🙂

Ein Weihnachtsmärchen in Grün

Der Ozean vom Schnee bedeckt, die Weihnachtskerzen angesteckt. Die Plätzchen längst im Ofenrohr – bereite nun den Möwenbraten vor … Viele Grüße wieder mal von der schwimmenden Weihnachtsinsel Bifröst. Hoffe ihr bleibt in den kommenden Tagen bei Sinnen und verbringt die Zeit mit den Menschen, die euch wirklich am Herzen liegen. Ich wünsche euch und euren Familien ein frohes Fest! So, und jetzt schliessen wir noch alle gemeinsam die Augen und wünschen uns Wind aus Nordost. Ok? Nordost! Los gehts! …

Sehr schön. Sollte ich den jetzt nicht bekommen, müsst ihr auch eure Geschenke wieder zurückgeben … da kenne ich nichts und den Weihnachtsmann persönlich! Ok, haben wir das auch durch. Jetzt kann das neue Jahr kommen.

Danke für die vielen Emails, die über das Formular auf der Positionsseite geschickt wurden. Danke für die lieben Wünsche und Gedanken. Keine Sorge: ich bin nicht allein! Seit zwei Tagen besucht mich ein Makohai nachts und schleift mein Antifouling am Rumpf ab. Mal schauen, vielleicht kommt er ja morgen zum Fest auch wieder. Dann lade ich ihn ein auf einen Snack. Vielleicht mag er ja auch die Outdoorfoodshop Pasta Bolognese oder die Schinkenwurst vom Wasgau. Teile gern!

Die Kabine ist nach wie vor nicht wirklich trocken. Kann bei dem Seegang einfach nicht länger durchlüften. Entsprechend verrichten Duftbäume nun ihr Werk. Bringt aber nicht wirklich viel. Es stinkt! Alles andere wäre eine Lüge und animiert nur Kinder zum Nachmachen. Hier müsste alles mal raus an Deck für ein paar Stunden. Aber bei 20 Knoten Wind wird das nach wie vor nichts. Nein, das ist kein Beauty-Urlaub hier … und wenn, würde ich sofort das Hotel wechseln.

Aber ein Ruderboot ist ein Ruderboot … ist ein Ruderboot. Und mal zwei Wochen nicht die Haare waschen zu können ist auch irgendwo eine Art neue Erfahrung *lacht*. Alles egal hier. Und die Haie mögen mich sicher auch ohne Schminke und mit grauen Haaren.

Also, wie fühle ich mich nach einem Monat völlig allein auf See? Hmmm … schwierig zu beanworten. Es ist extrem ernüchternd, die Anstrengung, die endlosen Tage vor und hinter mir. Und trotzdem, es ist das Beste was ich jetzt erleben könnte. Viele Menschen in ähnlichen Situationen schrieben oft: „Egal wer ich bisher war, nach diesem Erlebnis bin ich ein anderen Mensch“. Nun ja, weiß nicht. Will ja gar kein anderen Mensch werden – von daher sind meine Erwartungen vielleicht andere. Ich verändere mich, nehme mich mehr wahr. Nehme überhaupt mehr wahr. Reinige meinen Kopf vom Müll, schärfe meine Träume und finde Fragen. Ja, Fragen. Eigentlich erwartete ich viele Antworten hier zu finden. Aber es ist vielmehr so, als ob die alten Fragen dazu plötzlich völlig belanglos geworden sind, und die Beschäftigung mit ihnen als Verschwendung des kostenbaren Momentes erscheint. Es sind neue, unerwartete Fragen die die Wellen da an mich herantragen. Keine unsinnigen Sinnfragen oder so. Brüte auch nicht über Schopenhauers Solipsismus oder suche meine Position und meinen Weg in der Unschärfe des so Seins. Nein, ganz konkrete Fragen. Und ich meine auch das viele dieser Fragen eher eine Suchaktion für den Rest meines Lebens triggern, als dass sich hier mal ebenso schnell konkrete Antworten darauf finden ließen. Also, ich bin nach wie vor der selbe Mensch der in Portugal in dieses Ruderboot gestiegen ist – nur stelle ich nun andere Fragen.

War es das wert?

Ich glaube ich hätte eine längere Zeit damit verschwendet Antworten auf unsinnige Fragen zu suchen, als mich mal ein paar Monate auszuklinken und über einen Ozean zu rudern. Und überhaupt: Ich habe noch so viele Tage vor mir. Wer weiß was ich noch finde. Womöglich sehe ich in zwei Monaten alles ganzzzz anders. Es ist kein Spaß. Es ist anstrengend, taff. Und mein Gott, klar habe ich ab und zu eine diffuse Angst im Magen die ich nicht aufkommen lassen darf. Es schläft sich halt schlecht 20cm neben einem kleinen 2 Meter Hai, oder neben einem piepsenden Radaralarm ohne Sicht auf andere Boote. Es ist ein eindringlicher Moment einem dicken Klotz Treibholz hinterherzustarren und sich zu erinnern, dass ganze Frachtcontainer hier herumtreiben könnten … so Sachen eben, die aufkommen wenn Phantasie zuviel Raum bekommt. Und es gibt eben auch traumhafte Momente hier, unvergessliche … aber ich glaube am Ende ist es dieser diffuse Alltag dazwischen, der dieses Abenteuer so besonders macht.

Maurice und Maralyn Baily treiben als Schiffbrüchige auf einem Floß 117 Tage auf dem Pazifik. 117 Tage, Kampf ums Überleben. Kaum Wasser, Nahrung, Haie, Stürme … Als am 117ten Tag Maralyn ein Schiff erblickt, aufsteht und ihm wie verrückt zuwinkt, sagt Maurice: „Es soll wegbleiben […] das ist jetzt unsere Welt, das Meer, die Vögel, die Fische, die Schildkröten“

Wow, einfach nur wow! Das habe ich heute gelesen. Also, noch 87 Tage und ich bin genausolange auf See 🙂 Packen wir’s an!

Anderes: Bei dem Vogel der mich täglich besucht handelt es sich um eine Sturmschwalbe und nicht um einen Sturmtaucher. (Storm Petrel). Das der Vollständigkeit halber. UND: Bitte nicht verzagen wenn in Facebook keine Freundesrequests beantwortet werden können. Alle meine Einträge sind öffentlich und können folglich auch aboniert werden. Ergänzungen und weitere Infos gibt es bei OceanCare.org bzw. OceanCare via Facebook.

Auf die harte Tour!

Nach wie vor habe ich keine Lust zu bloggen. So! Nun ist es raus. Und ich habe gute Gründe: Nachdem ich fast durchgekentert bin, sind mir mehr als 10 Liter durch die offenen Lüftungseinlässe in die Kabine geflutet. Es war halt heiß! Jedenfalls war ich dann mal ganz schnell wach. Nochmals 5 Liter habe ich später in der Innenluke gefunden. Traumhaft. Toll. Phantastisch. Besser geht nicht. Verteilt sich dann natürlich sofort in der ganzen Kabine. Schwappt von Ecke zu Ecke unter die Isolierung, die Klamotten … Und bei 5 bis 6 Meter Wellen ist es auch unmöglich den Kram irgendwie schnell zu trocknen und zum Aufwischen irgendwo an Deck abzustellen. Wäre ja viel zu einfach. Bin aber auch selbst schuld.

15 Liter also … nach einer klaustrophobischen Schätzung hat meine Schlafkabine wahrscheinlich gerade mal 20 Liter Rauminhalt. Haha. Ich genieße es! Alles nass, draußen 20kn bis 25kn Wind, innen (Lüfter nun zu!) fast 30 Grad und nachts wieder alle 4 Stunden Sauerstoffmangel. Ich schwitze, alles läuft an. Klamotten, Bücher, alles nass. Meine nicht wasserdichten elektronischen Hightech Spielzeuge steigen der Reihe nach aus. Alles was nicht in Aquapacs gepackt war – erkläre ich hiermit zum rostenden Feuchtbiotop. Könnte also nicht besser gelaunt sein. Wenigstens mal ein Kompliment an Lestra: Ich weiß nicht aus welchem Feengarn ihr den Schlafsack gewebt habt, aber der sieht aus wie neu und trocknet noch meine Tränen im Schlaf.

Row for Silence. Seit Tagen jage ich zudem noch einem Geräusch hinterher. Gewehrschüsse, Kanonenschüsse .. so laut. Nachts werde ich aus dem Schlaf gerissen. Aber nur in der Kabine. Draußen an Deck pfeift einzig der Wind. Ich war so weit, dass ich annahm das Boot erzeugt beim Rollen Kavitationsblasen oder so. Oder erwartete nach dem Unfall mit dem Treibnetz und der Beinahekollision einen Schaden am Unterwasserschiff. Aber Schwimmen und Tauchen ist ja nicht so dolle im Moment. Doch scheinbar ist das Ganze ohnehin viel komplizierter. Offensichtlich verstärkt die starke Luftströmung unter den abgesetzten Solarzellen die Geräusche die direkt am Rumpf erzeugt werden im Innenraum darunter. Irgendwann werde ich mir das mathematisch mal von einem Physiker oder Nervenarzt beschreiben lassen. Die Halteleinen schlagen gegen den Rumpf, das Ruder klopft .. alles im Rahmen. Doch unter den Solarzellen, wo der Wind über dem runden Kabinendach entlangsaußt, da wo ich schlafen will, da ist Krieg! Lösung? Ich schlafe mit dem Kopf zum Ruder. Oh jaaaa! Das macht Laune, wo das Heck aus Sicherheitsgründen im Moment wegen der Windperformance hinten abgesenkt werden musste. Sonst liege ich quer in den Wellen und rolle nach Barbados. Kopf nach unten also. Bei der Beschleunigung auf den Wellen kommt das doppelt gut. Die Halswirbelsäule wird dauernd eingestaucht, der Magen legt den Rückwärtsgang ein, die Beine in Schocklage. Aber immer noch besser als Krieg!

Ihr seht, es geht mir prächtig! Oder bevor mein Schmökerfont hier wieder Prinzessinengeschichten in eure Augen zaubert: JA! Ich bin absolut, ganz unbedingt, überundendlich und endmassiv A-N-G-E-P-I-S-S-T!

So, nun ist es raus. Habe ja sonst niemanden hier bei dem ich mich beklagen kann. Keine Ahnung wie man so blöd sein kann über einen Ozean zu rudern … aber würde es wieder tun, genau so! Ohne mit der nassen Wimper zu zucken.

Gut, also … weiter wie bis her. An die Ruder Janice! Wird auch wieder besser Wetter … irgendwann … munkelt man.

A little scary? (DE/EN)

Gestern Nacht habe ich was durch! Ich wollte euch eigentlich etwas ganz anderes schreiben, aber eine Beinahekollision mit einen Schiff in der verregneten Nacht erschien mir dann doch einen Tick spannender als Blogeintrag. Die Meldung auf Facebook kam ja bereits in Echtzeit, wie auch das Fotomaterial noch letzte Nacht von mir hochgeladen wurde. Also was war nun genau passiert?

Vom Regen durchnässt machte ich mich daran das Boot zum Mondaufgang zu sichern, als ich am Horizont ein blinkendes Licht erblickte. Rot und Weiß. Ok, das irritierte mich dann erstmal, da ich kein einziges Schiff auf dem AIS hatte, und sich auch keine Leuchttürme mit relevanter Tragweite auf den Inseln befanden. Hmmm. Seltsam. Vielleicht doch ein Stern? Ich meine ist nicht so, dass Sterne und Mond hier nicht doch ab und an für Spannung sorgen. Aber definitiv: Rot und Weiß. Kein Stern. Und es wurde zweifelsfrei heller, bewegte sich in meine Richtung … oder ich mich in seine. Okay. Und siehe da, plötzlich tauchten weitere Lichter auf. Der ganze Horizont füllte sich vor mir. Steuerbord und Backbord. Teilweise querab. Ach Du Sch*****!!! Was um Himmels Willen??? Ein Licht war besonders auffällig, oder sagen wir: Es schienen zwei oder drei Lichter an einem Punkt zu sein, die Lichtsignale gaben. Ohne Sinn. Und dieser Lichtpunkt kam besonders schnell auf mich zu. Was tun? Ich ahnte es müssen Bojen sein, möglicherweise Treibnetze und ein Trawler. Aber AIS: Fehlanzeige. Funkgerät, Schiff gerufen: Fehlanzeige. Allgemeiner Sicherheitsanruf: ebenfalls Fehlanzeige. Radar Zielverstärker an, Alle Lichter gezeigt. Nix. Mist! Und nun?

Ich drehte ab und ruderte auf die Mitte zwischen zwei Bojen zu, wo ein etwaiges Netz am tiefsten unter der Wasserlinie treiben dürfte. Drehte ab nach Lee. Doch das helle weiße Licht kam näher und näher. Direkt in meine Richtung. Und plötzlich erkannte ich, dass es sich um Suchscheinwerfer handelt. Toplichter oder gar Positionslichter waren weiterhin nicht zu erkennen. Die Lichter drehten um ca. 90 grad, was für reichlich Verwirrung bei dem Seegang sorgte. Zumal ich den Kurs des Bootes nur schätzen konnte, selbst wie eine Eierschale in den Wellen wippte. Ohne Positionslichter konnte ich sowieso nicht urteilen. Wie Ihr auf den Bildern erkennt, steuerte das Boot weiterhin frontal auf mich zu, wo ich die Spotlights am Bug erwartete. Ich sprang eigentlich ständig hin und her. Zwischen Rudersitz und Funkgerät: Hoffnungslos. Der Radaralarm begann plötzlich zu schreien.

Kollisionsvermeidung hatte jetzt oberste Priorität, ich konnte mich nicht mehr um die Netze kümmern. Aufstoppen über den Sturmanker erschien mir noch gefährlicher in diesem Moment, wo ich den Kurs nicht bestimmen konnte. Ich griff zu den weißen Fallschirmraketen und feuerte die erste ab. Langsam senkte sich die Lichtkugel und beleuchtet den Ozean. Mein Kompass schlug plötzlich um. Mein Kurs änderte abrupt von 210° auf 300 bis 360°. Ich verstand gar nichts mehr. Was zur Hölle passiert hier? Da mein Boot abdrehte, war nur schwer zu erkennen ob das Schiff vor mir nun den Kurs ändern würde. Ich versuchte das Ruder zu stabilisieren, als ich die zerrissene 6mm Steuerleine in der Hand hielt. Na super! Scheinbar bin ich denen mit meinem Ruder ins Netz gegangen und habe mir die Steuerleinen abgerissen. Ich war geblendet von den Lichtern, ab weiterhin hielt das Boot voll auf mich zu. Ich zündete eine zweite Rakete und den Laser. Wieder nichts. Das müssen die gesehen haben. Das waren höchsten noch 400 Meter. Doch nichts. Ich schrie ins Funkgerät … 100 Meter vorm erwarteten Aufprall zündete ich die Handfackel und schrie mit schlotternden Knien, winkte ab und filmte sogar noch :-). 50 Meter, höchstens! (siehe Foto) die Motoren heulten auf, das Wasser am Heck spritze, das Schiff drehte nach Backbord ab. Ich sah in die Gesichter der Fischer und zeigte den Vogel. Ich roch die Maschine. Schrie nach wie vor: „Turn on your VHF, Radio, 16, Can not manouver“. Nix. Ich eilte zum Rudersitz, versuchte so schnell wie möglich von dem Netz wegzukommen. Der Trawler drehte bei und näherte sich auf 20m Steuerbord. Es sei angemerkt, bei Seegang und nicht im Hallenbad. Die Männer schrieen mir in Spanish etwas herüber. Ich verstand nichts. Winkte mit dem Funkgerät, schrie weiterhin „VHF, RADIO, 16“. Hatte das kleine Handfunkgerät inzwischen als Verstärkung an Deck. Nichts. Die Männer gestikulierten, ich quittierte irgendwann mit einem „Idiots!“ – worauf ich ein „Ju ar welcum“ zu hören meinte. Doch ein Ansatz von English???

Ich ignorierte das Gelaber irgendwann, mir wurde der Abstand deutlich zu gefährlich. Ich drehte ab. Konnte wieder steuern, nachdem ich die Fusssteuerleine aufs Handsteuer umgelegt hatte. Meine Güte. Ich war fertig. Ich konnte das nicht fassen. Was für Idioten. Kein AIS, kein Funkgerät, keine ausreichende Beleuchtung, ignorieren Signalraketen, sprechen kein Englisch … inmitten von Treibnetzen, Offshore.

Ist mir egal wenn jetzt wieder die Klugscheisser kommen und mir sagen, dass ich leichtsinnig wäre mit so einem Boot über den Teich zu rudern. Aber zumindest bin ich nach Vorschrift beleuchtet und ausgerüstet. Habe bisher immer sicher steuern können und nie andere Schiffe in Gefahr gebracht. Wenn aber ein Boot permanent auf dich draufhält, nicht kommunizieren kann, ja, dann werden sogar Klugscheisser irgendwann ganz weiß im Gesicht. Jede Wette. Dann ist Klugscheisserrat teuer. Die weißen Signalrakten waren unmissverständlich, wurden entweder ignoriert oder einfach nicht gesehen. Auf so kurzer Distanz! Entweder der Kapitän war mit beim Bojenausbringen, und hatte unter den Spotlichtern mein Boot einfach nicht erkannt ODER, das kam mir heute Morgen beim Sichten der Videos in den Sinn: Die haben sehr wohl die Signale erkannt, erstmal stillgehalten oder sogar ganz bewusst drauf zu gehalten. „Schaun wir doch mal was für ein komischer Kutter in unseren Netzen schippert und Raketen abschiesst“. Aber das werden wir wohl nie erfahren.

Das war fahrlässig, dass nehme ich nicht auf meine Kappe. Ein einfaches Gespräch über Funk hätte die Situation aufgeklärt, AIS hatte zumindest beim Steuern helfen können. Die Netz waren nicht das Problem – wohl aber eine Trawler auf Kollisionskurs inmitten von Netzen. AIS und Funk, Beides ist Vorschrift, weltweit. Wo ich schon weiße Raketen abschiessen muss, dann sollte klar sein dass ich nicht mehr ausweichen kann oder Abstand benötige. Das ist absolut unmissverständlich.

Etwa eine Stunde später tauchte der Trawler wieder auf, wieder meine Richtung. Ich erstattete Meldung, und mir war die Situation so riskant, dass ich mich im Dunkeln davonschlich. Womöglich hatten sie inzwischen bemerkt, dass ich Ihr Netz erwischt habe. Der Radaralarm begleitete mich bis heute morgen um 8:30. Da ich nicht wusste ob noch mehr von diesen Kuttern unterwegs waren, blieb ich wach. Alle 10 Minuten raus, den Horizont nach Bojen und Trawlern absuchen.

Ja … muss man unbedingt mal erlebt haben. Ganz großes Kino.

Und jetzt die Ironie: Ihr erinnert Euch an meine rote Boje auf den Bildern vor wenigen Tagen? Meinen Mr. Wilson? Ja, die Fischer hatten die gleichen an Bord. Wahrscheinlich haben Sie nur Mr. Wilson zurück fordern wollen. Aber nach Seerecht gehört er mir 🙂

Inzwischen habe das Ruder wieder repariert, etwas geschlafen. Meine Hände sind ziemlich im Eimer. Ich war stundenlang durchnässt vom Regen, habe extrem hart gepullt – die aufgeweichte Haut und die Schwielen sind alle aufgerissen. Sehr schick, sehr angenehm. Aber was solls, weiter geht’s.

Endlich angekommen

Gestern Morgen hatte ich, als ich im letzten Mondschein mit dem Rudern begann, zum ersten mal das Gefühl wirklich ganz angekommen zu sein. Also so vom Kopf her, meine ich. Soviel ist passiert in den letzten Tagen, doch einige kritische Situationen und zu viele unglaublich schöne Momente = Information Overload. Ein wenig neben mir stand ich, so ein bisschen jedenfalls. Wie in Watte gepackt. Aber gestern Morgen, nachdem dieser ganze erste Schwall an Adrenalin und Endorphine wohl verebbt ist, die Euphorie der Realität gewichen, ja, ich war endlich da wo ich hinwollte. Klar im Kopf, klar in den Träumen, klar mit meiner Umwelt. Ich bin bereit für Rohdaten, ungefiltert, grau nicht rosa – direkt und mit der langen Nadel ins Hirn. Die Träume sind sogar so klar, dass ich manchmal kurz an den Rudern einschlafe, träume, aufwache, und meine, ich hätte ganz bewusst gedacht, nicht geträumt. Bewusstseinszustände gleichen sich einem Level, einem Pegel an, so scheint es. Hmmm, schrecklich kompliziert. Na ja, muss man nicht verstehen. Mehr davon! – das ist auch alles was ich im Moment selbst davon verstehe!

Aber um mir gleich wieder eins auszuwischen, um mich wieder aus der Realität ins Phantasie-Wunderland zu schicken, fuhr das Meer gestern noch schwere Geschütze auf! Delfine, was sonst. Zwei Gruppen waren am Boot, und als ich im Wasser plätscherte sind sie mir sogar an die Hand geschwommen. Und mit Delfinen wickelt man mich ja ganz schnell ein. Weiß nicht … fühle mich hier willkommen, nicht fremd. Darf man das sagen ohne verückt zu klingen? Ich meine, ich rede nicht mit dem Meer und den Delfinen .. jedenfalls streite ich das offiziell strikt ab. Es ist einfach … hmm … fühle mich nicht als Fremdkörper. Ja, das trifft es ganz gut. Ich füge mich ein, ordne mich mal freiwillig einem Strom unter. Ich streichle mit meinen beiden Gebetsmühlen, den Rudern, das Meer – schlage nicht wild um mich, bewege mich nahezu lautlos und selbst der Wind hat vorerst gefallen an meiner Route gefunden. So scheint es jedenfalls, wage ich respektvoll mal zu urteilen. Obgleich er heute etwas aus der Puste ist, fast wieder totenstill im Moment. Nur ein wenig schwappt das Meer, blubbert es am Steueruder.

Alles passt. Meine Prioräten ändern sich dramatisch, mein Verstand kann sich wieder länger an einem komplizierten Thema festklammern oder eben auch mal völlig und endlich hier und da loslassen. Bin in der reinsten Form bei mir selbst angekommen. Ich musste mich auch etwas überreden heute zu blogen. Ich geb’s zu. Vielleicht merkt man’s auch – ich gebe mir aber trotzdem Mühe und versuche einfach ungefiltert runterzutippen, schwierig genug. Habe gerade Pause und sitze an Deck und es ist anstrenged den Blick von den Wellen abzuwenden und auf ein Computerdisplay zu starren. Ist nicht so dass ich micht nicht an Wellen sattgesehen hätte irgendwann … es ist … ja, was ist es? Benötige noch ein wenig um zu verstehen was mich hier so fesselt. Vielleicht weiss ich es bis zum nächsten Eintrag?!

Anderes: Heute habe ich einen ganz großen Fang gemacht. Hatte auf dem Meer in etwa 1 Seemeile Entfernung einen roten Punkt gesichtet. Und auch wenn’s die falsche Richtung war: Ich habe mich ins Zeug gelegt und bin hingerudert. Nicht so einfach. Aber hab’s geschafft. Das Foto meines „Fanges“ findet Ihr wie immer bei Facebook / Twitter oder auch auf der Positionsseite. Nun denn … ich muss wieder ran.

Geerdet

16 Tage braucht es also … 16 Tage bis die erste Euphorie vom Wind verweht wurde, und sich ständige Durchnässung, Schmerzen, Kälte draußen, Hitze drinnen, Grauer Himmel, Wind und Wellen zum ganz nüchternen Alltag erklären. Als ich heute Früh, noch gut gelaunt, die Luke zum Sonnenaufgang öffnete, und dem Meer einen guten Morgen wünschte, wurde ich freudig erwartet: Ein gewaltiger Schwall an kaltem Morgentau-Salzwasser wuchtete sich über die Bordwand in die Höhe, und spritze mir ins Gesicht. Die Schlafkabine sofort klatschnass. Das perfekte Timing – wie Kate Winslet in einem Benny Hill Film stand ich da, wartete nur noch auf den Oscar für den überragenden Gesichtsausruck.

Nur mal eben so Klamotten und Schlafsack trocknen, nunja, schwierig wo man von reichlich schwappendem Salzwasser umgeben ist. Und selbst wo alles etwas antrocknet unter dem Himmelsgrau, da bleibt das Salz zurück. Genug Süßwasser für die Wassereimer-Waschmaschine: Fehlanzeige. Und in dem Wellengang, ich kann ja nichtmal meine eigenen Haare waschen. Salzkristalle, überall. Und sie tun auch weh, überall. Vor allem da, wo man drauf liegt oder erst recht: drauf sitzt und drauf ruderet. Wie kleine Nadeln, bei an sich hier schon katastrophal geschundener Haut: Oh ja! Unbedingt! Mehr davon! Gleich morgen bitte!

Ernüchterung also, für den Moment jedenfalls. Aber das ist auch gut so, so kann ich mich aufs Rudern konzentrieren, muss nicht jede Minute den Fotoapparat zücken.

Nicht falsch verstehen, ja!, es geht mir gut. Nur eben lässt die Droge Ozean gerade etwas an Wirkung vermissen. Möglicherweise auch ein Gewöhnungseffekt. Süchtig bin ich eh schon, also muss ich jetzt wohl einfach die Dosis erhöhen.

Anderes: Der Vogel folgt mir noch immer. Seit zwi Wochen also! Konnte ihn zweifelsfrei im Field Guide als Storm-Petrel identifizieren, was wohl ein Sturmtaucher sein müsste. Kann das jemand bestätigen?