Zwei Wochen auf See

Zwei Wochen auf See und alles rostet. Je edler das Metall, desto edler der Rost. Plane schon eine neue Karriere als Rost- und Salzverkäuferin. Sehe gerade, dass sich meine superrostfreien Notmesser nun auch schon zerstäuben. Sollte ich jemals in einer Leine verfangen sein, und muss mich da rausschneiden – ich tippe ganz stark auf Blutvergiftung, die ich dann beim Versuch davontragen werde.

Na, was ein Humor heute. Dabei rauschen die Wellen doch mit besonders hohen und schicken Schaumkronen nach Südwesten heute. Sollte doch richtig gut drauf sein!? Aber ich hatte eine furchtbare Nacht, und eben schlägt nach dem Rudern die Müdigkeit gewaltig zu. Und doch, ich wollte noch bloggen.

Heute Nacht bin ich gegen 3:15 Uhr aus dem Schlaf gerissen wurden. Und nein, es war diesmal kein Tanker, der mich wie sonst wieder regelmäßig mit seinem AIS Alarm geweckt hat. Ich war also schon reichlich übermüdet. Aber dann, heute Morgen der Gau: Es schrie jemand verzweifelt Hilfe draußen im Windgebrüll – ich bekomme das im Halbschlaf mit. Ach du Sch*****. Im Ersten Moment schießt natürlich das Adrenalin durch Körper. Der Wind kreischt und singt unter den Solarzellen, die Wellen schlagen an Backbord ein, das Ruder klopft und quietscht: Ich war mir sicher, da spielt mir mein Kopf wieder einen Streich. Habe das bestimmt geträumt. Aber ich meine was machst Du in so einer Situation – denkst ja nicht wirklich erst alle Szenarien durch. Also doch raus, angegurtet, mit den Taschenlampen und dem Vollmond bewaffnet in den Wellen gesucht, irgendwie an Deck mit den Beinen verklammert … und immer wieder gelauscht. Und so gering die Reichweite der Lichtkegel war, so sicher war ich mir auch, dass ich das geträumt haben muss, dass mir das Gequietsche wieder unterbewusst etwas induziert hat. Aber da stehe ich dann trotzdem in der Dunkelheit und muss den Adrenalinschub erstmal abarbeiten. Ist schon so eine blöde Sache, auch wenn es absolut unwahrscheinlich war, das Gewissen lässt nicht locker. Könnte ja doch sein dass… Sind ja genug Tanker um mich herum, wer weiß. Und erst Stunden vorher hatte ein Frachter mit dem Namen TIMOR Steuerbord mit CPA (Geringste erwartete Distanz) von 0,4 Seemeilen alarmgeschlagen. Als ich mit meinem Eierkurs um Kurskorrektur bat, zeigte mir das AIS den Frachterstatus als „Gefährlich“ an. Womöglich hing diese Meldung auch noch irgendwo bedeutungslos im Hinterkopf fest und suchte nach einer nutzlosen Synapse zum andocken. Kam also alles zusammen. Viel geschlafen habe ich dann nicht mehr. Es schlug dann auch im Zweiminutentakt wieder eine Welle ein, und ich habe den Rest der Nacht die Bilge draußen ausgepumpt, um nicht noch zusätzlichen Ballast mitzuschleppen oder sinnfrei in der Kabine herumzurollen.

Der Himmel ist immer noch reichlich bedeckt tagsüber, doch ist es auch recht frisch und vor allem nass, so dass ich in der Offshore Kleidung rudere. Die Augen werden langsam besser, habe das richtige Mittelchen gefunden. Sehe wieder wie ein junger Maulwurf. Nun fangen die Hände wieder an: Die Haut trocknet vom Salzwasser extrem aus, reißt wieder auf. Also neue Baustelle.

Bin eigentlich guter Dinge – auch wenn es sich sicher nicht so ganz heute danach anhört. Singe viel und lache, aber ärgere mich just auch über viele Kleinigkeiten, zum Beispiel darüber, dass ich den Senf wieder ausgepackt hatte. Ohhhhhhh Senf … Senf, Senf, Senf … ohhh Senf … was muss das lecker sein!

Jetzt lade ich noch mein Gute-Laune Foto hoch, sichere das Boot und falle mit dem Sandmann in den Schlafsack. Schlaf … ohhhh Schlaf … was muss das schön sein! Vielleicht träume ich ja mal zur Abwechslung wieder von einer Tube Senf heute. Ach, wenn Ihr wüsstest was ich alles hier noch träume … unglaublich romantisch, spektakulär – eine Sinfonie im Schlafsack. Gestern Nacht das war dann halt ein Ausrutscher … zumindest das Ende des Traumes.

Ach und übrigens: danke für die vielen Emails wegen der verpassten Mahlzeit. Die Pasta Bolognese habe ich nun hinbekommen. Heute hatte ich übrigens Reis mit Hühnercurry vom OutdoorFoodShop zum Frühstück. Ich sage Euch: Warmes Essen ist hier wirklich DAS Highlight des Tages. Habe so sehr gehofft wieder das Genießen zu lernen … Wunsch wurde erfüllt! Die Sinne sehnen sich aber auch nach Gewürzen, nach aggressiven Düften und Geschmäckern … da wäre der Senf doch … naja

So, jetzt knipse ich spektakulär die Sonne aus. Schlaft gut!

Wind, Wind, Wind

Wieder 20 Knoten Wind heute. Auch wenn die Richtung passt, das Rudern ist eine Katastrophe. Das Boot rollt in den Wellen, und die Rudergriffe schlagen mir regelmäßig die Oberschenkel blau, wo wieder eine Welle die Blätter noch oben reißt. Nicht immer kann man rechtzeitig korrigieren, da das Boot schnell auf 90° rollt, und entsprechend auf der anderen Seite nachpendelt. Bekommt man an Backbord das Ruder noch aus dem Wasser, schlägt es sofort an Steuerbord ein. Und während man sich ärgert und auspendelt, bricht auch gleich die nächste Welle über das Schandeck und grüsst nass und kalt. Wellenhöhe im Moment aber relativ klein bei dem Wind. Schätze 3 Meter.

Meine Augen leiden im Moment doch recht heftig unter dem Wind. Muss hier langsam eingreifen, sonst sehe ich bald gar nichts mehr. Ich überlege schon, vorerst die Schwimmbrille beim Rudern zu tragen. Aber sieht ja albern aus, oder? Wenn mich hier jemand so sieht *g

Heute ist es wieder reichlich bedeckt. Grau in Grau. Nur ganz selten spitzelt die Sonne mal durch. Wenigstens die Solara Solarzellen zaubern mir einen Sonnenscheinlächeln auf die Lippen – lade ich doch sogar bei völliger Bewölkung noch in Maßen meine Batterien. Bin wirklich sprachlos, hätte erwartet das ich in diesen Breiten im Winter doch mehr Verbraucher abschalten muss. Doch alles läuft, auch das EasyTRX AIS kann 24h anbleiben, großer Sicherheitsgewinn. Gestern hat es wenigstens mal geregnet, und ich konnte mir das Salz von der Haut waschen – aber heute leider nur Grau.

Kann bei dem Wellengang im Moment nicht kochen, immer wieder schlägt eine Welle ein, und die Aufhängung des Kochers kann nicht mehr ausgleichen. Wenn dann kochendheißes Wasser herumspritzt, nun ja, ich habe meine Lektion bereits gelernt. Hätte gerade so Lust auf Pasta Bolognese. Vielleicht bekomme ich später noch eine Chance.

Jetzt wird es langsam wieder spannend. Die Kanarischen Inseln und Madeira liegen in Reichweite, eine weitere Prüfung bevor ich endgültig in den offenen Ozean abtauche. Der Ruderkurs ist schwierig zu bestimmen im Moment, da der Wind meist zwischen Nord und Ost dreht. Die Prognose mal im Hinterkopf, werde ich versuchen in der Mitte zwischen Madeira und der Inselgruppe Ilhas Selvagens zu passieren. Der geplante Kurs etwas südlicher scheint mir zu riskant, wenn der Wind doch wieder ganz auf Nord dreht, die Inselgruppe ist von einem Riff umgeben, muss nicht sein dass ich dort in Schwierigkeiten komme. Auf der anderen Seite: Der Schatz der Kathedrale von Lima soll auf den unbewohnten Inseln versteckt sein … klingt nach einem weiteren Abenteuer 🙂

Wellengngig

Im Moment habe ich 4 bis 5 Meter Wellen, einige aber auch sicher locker 6 Meter. Hoffe die neuen Bilder kommen gut bei euch an. Etwas anderes als brechende Wellen habe ich im Moment leider nicht zu bieten. *lacht* Es ist zwar recht laut hier – das Ruder knarrt, der Wind schreit, aber ich fühle mich eigentlich ganz wohl. Nur diese eine Welle, die jetzt ca. alle 5 Minuten über das Boot bricht, reisst mich aus den Tagträumen. Ziemlicher lauter Einschlag.

Ansonsten: Hunger habe ich! Mal etwas herzhaftes wäre super. Kochen kann ich aber bei dem Wetter nicht, was also tun? Per Zufall fand ich ein Dose Bierschinken von Wasgau in meiner Kabine, hatte ich letzte Woche schon gerichtet, konnte sie aber nicht essen wegen der Seekrankheit. Bierschinken und Fitnessbrot … ohhhhhh … ich sage euch, sowas leckeres habt Ihr sicher nicht auf dem … AUTSCHHHHHHHHHHH!!!!, da war sie wieder, diese Welle. Voller Einschlag an Backbord … egal, wo waren wir? Ach ja, ihr habt sicher nicht solch leckere Sachen auf dem Tisch. Und überhaupt, womöglich habt ihr schon Schnee und Eiseskälte. Nee, möchte nicht tauschen. So kuschelig warm hier in meiner triefnassen Kabine im Schlafsack. Alles beschlagen. Da ich regelmäßig raus muss, u.a. um für euch zu filmen, bringe ich natürlich auch eine ganze Menge Wasser mit ins Wohnzimmer.

Falls ihr euch jetzt übrigens fragt wie ich in den Wellen meinen Blog tippe: Ich habe ein Netz über mir an der Decke, da liegt das Toughbook drin. Lässt sich 180° aufklappen. Ich liege darunter, zwischen den Fangnetzen (Kojensegel), angegurtet und tippe Kopfüber. Geht also, muss nur wollen.

Eingesperrt

Ihr habt die neuen Bilder gesehen? Ich gestehe, ich habe die Surfleine heute mal gegen ein solides 3-Punkt Lifebelt getauscht. Sehr beeindruckende See. 25kn, da geht noch was – aber für den Anfang schon mal Wellenberge mit Ansage und Schaumkrone. Ich liege jetzt in meiner Kabine, eingeschlossen, fahre Achterbahn. Neben mir ein Segelboot (Roxanne) – und überhaupt: reichlich Schiffsverkehr heute.

Wie eine Eierschale tanzt das Boot auf der aufgewählten See, wie ein Spielzeug steigt es in den Himmel und wieder herab. Und manchmal fliegt es eben auch wie Spielzeug ganz unbestimmt durch die Luft. Alles ist festgegurtet, das Boot vollführt Kunststücke, da ist vor Begeisterung kein Seesack mehr zu halten. Ich bin relativ entspannt, und auch ernüchtert, wo ich ab und zu auch noch raus muss, um das Rudder zu trimmen. Das pfeifft gewaltigt. Und wie es ausschaut kann ich mich für 3 Tage hier einchließen. Habe wenigstens schon ein neues Hobby: Ich wette wie lange es dauert bis der nächste große Brecher kommt, und dann mit voller Wucht gegen den Rumpf knallt. Meine neue Lieblingswelle, den die kündigt sich wenigstens vorher an. Schon Sekunden im Vorraus hört man sie anrollen, anzischen … 3 … 2 … 1 EINSCHLAG! Und dann geht es nach Protokoll im Kopf weiter: „Sind die Solar Panels noch dran?“, „Sind die Antennen zerbrochen?“ … oder ist mir diesmal, dem Klag nach wäre das machbar gewesen, gleich der ganze Rumpf aufgerissen worden?

Also, die letzten Tage waren wie ein Traum. Nach dem extrem aufreibenden Start bot dann jeder Tag ein Highlight. Aber jetzt wird wieder gelitten. Wohl drei Tage in einer winzigen, heißen Kabine … und ja, winzige, heiße Kabinen -vorallem wenn Sie nass sind und sie völlig verschlossen werden müsse: stinken auch!

Zumindest habe ich alle HD Kameras abgefeuert heute, stundenlanges Material aufgezeichnet. Soll ja am Ende kein langweiliger Diavortrag dabei rumkommen. Dann wünsche ich euch nun ein schönes Wochenende, ihr wisst ja wo ich mich verkrochen habe 🙂

Rock n Rolling

Heute nur kurz, da ich mit Windspitzen von 20kn, doch ganz schöne Schwierigkeiten am Toughbook mit dem Tippen habe. Wind drückt mich nach SES und ich versuche wenigstens nicht noch weiter nach Osten zu kommen. Rudern ist nicht ganz einfach wo das Boot so stark in den Wellen rollt.

Gestern war ein beeindruckender Tag! Abswolute Windstille am Morgen. Absolute Ruhe. Wirklich: KEIN EINZIGER LAUT. Ich weiß nicht, ich kann mich nicht erinnern jemals NICHTS gehört zu haben. Ich stand einfach an Deck und staunte. Völlig beeindruckt. Das Wasser glich Quecksilber, manchmal übermalt mit filligranen Mustern. Die Sonne strahlte vom Himmel – der perfekte Tag!

Als ich ruderte, machte es irgendwann *klong*. Habe mit dem Backbordrudder eine Seeschildkröte getroffen. Und glaubt mir, wir waren beide überrascht und schauten uns mit müden Augen an. Dann tauchte sie ab. Als ich mich umschaute, bemerkte ich allerdings, dass mindests 4 weitere Schildkröten auf dem Wasser trieben und sich sonnten. Das ging bis Mittag so weiter.

Am Nachmittag dann aufkommender Wind. Leicht, unbeständig. Rudern war eine Katastrophe, da ich kaum den Kurs halten konnte. Zickzack … weiß nicht ob die Auflösung der Trackingkarte das wiedergibt. Später bekam ich Magenkrämpfe – auch nicht hilfreich. Habe wohl doch zuviel Serrano gegessen? Meine frischen Vorräte sind jetzt aufgebraucht. Die letzte Orange habe ich über den halben Tag verteilt gegessen. Was war das lecker! Und dabei konnte ich jahrelang keine Orangen mehr sehen.

Ok, ich muss jetzt weiter machen. Valbrenta steuerte gerade in wenigen Seemeilen entfernung auf mich zu. CPA 1 bis 1,5sm. Ich sollte mich mal darum kümmern, da mein Kurs gerade ziemlich schlingert. Also. Bis bald. Ich nähere mich den kanarischen Inseln, vielleicht tauche ich ja wieder auf der AIS Karte mit den anderen Schiffen auf – bevor endgültig für die nächsten Wochen kaum Schiffe mehr meinen Weg kreuzen werden.

*Autsch* wieder Volltreffer einer Welle an Steuerbord …

Habe soeben von den KollegInnen bei OceanCare via Email erfahren, dass es im Mittelmeer zu einer Walstrandung kam, die mit großer Wahrscheinlichkeit durch Lärm verursacht wurde. Verdammt ärgerliches Ereignis, das mich in meinem Projekt aber bestätigt.

Ich glaube ihr findet hier mehr Infos:
http://www.oceancare.org/de/aktuell/news/2011/12/Schnalbelwal_Strandung.php

Meinem Kopf auf den Leim gegangen

Pseudohalluzinationen? Ach, was habe ich nicht alles unternommen, um davon wenigstens nicht eiskalt überrascht zu werden. Bei dem Schlafmangel in den kritischen Tagen am Start, allein im Ruderboot auf dem Ozean, gehört das eigentlich schon ganz automatisch zum Programm. Und trotzdem, ich dachte noch bis heute, dass gerade mir das nicht passieren wird. Bin doch viel zu clever, weiss doch wo der Hase luft, bin viel zu gut vorbereitet … na, ihr wisst schon, der bliche Sülz. Aber war dann wohl mal nix – sitze heute Abend im Rudersitz, und lache mich kaputt darüber, dass ich seit Tagen einer Pseudohalluzination auf dem Leim gegangen bin. Und wer wäre ich, würde ich das einfach verschweigen, und nicht soverän in den Blog setzen.

Man erwartet immer kleine grüne Kobolde, die über die Bordwand krabbeln, aber gerade die hatten wohl keine Zeit. Und die Lieder, die tote Seemnner auf dem Meeresgrund für mich spielen, kann ich mittlerweile schon recht sicher dem Wind zuordnen, der da unter meinen Solarpanels faulenzt. Ziemlich sicher jedenfalls. (Nun erzählt mir bloss nix anderes! *g)

Aber ernsthaft, seit fast 5 Tagen folgt mir ein schwarzer Vogel. Ein ganz kleiner, könnte fast eine Fledermaus sein. Wunderte mich anfangs wenig, war ja beschäftigt genug damit anderen Schiffen auszuweichen, wach zu bleiben, zu rudern und den Magen in den Griff zu bekomen – aber dann irgendwann zückte ich die Kamera und wollte meinen Begleiter fürs Tagebuch festhalten. Stämdig das gleiche Spiel: Wann immer ich den Blick zur Kamera senkte und wieder aufrichtete: der Vogel war weg. Einfach weg, in den Wellen verschwunden. Gut, Pech gehabt, dachte ich. Dann halt morgen auf ein Neues. Aber es war entweder zu dunkel, oder der Vogel hob sich vom Kontrast nicht vor den Wellen ab. Jeden Morgen und jeden Abend das selbe Spiel. Irgendwann heute kamen mir die ersten Zweifel und ich began darber nachzudenken, ob man Wahnobjekte denn eigentlich auch auf Fotos zu erkennen meinen würde. Kam aber zu dem Schluss, dass es wohl in der Natur der Sache begündet liegt, dass sich irgendwo immer einen Grund finden wird, weshalb sich das Objekt denn gerade nicht fotografieren ließe. Hey, Moment mal! … genau diese Gründe fand ich ja schon seit Tagen. Mein Plan war schnell gefasst: Ich warte bis zum Abend, die Kamera bleibt an und ich würde fotografieren ohne den Blick auch nur einen Moment vom Vogel zu lassen. Nun erwartete ich folgendes: Entweder der Vogel würde zun ersten mal nicht am Abend erscheinen, oder es wäre wieder zu dunkel, oder fehle an Kontrast – was für mich nahezu ein Beweis wäre, dass der Vogel nicht wirklich existiert und nur über dem hellen geistigen Horizont fliegen kann.

Als die Sonne unterging erwartete ich die Strategie meines Unterbewusstseins oder eben doch einen echten Vogel – war gespannt welche neue Ausrede mein Verstand finden sollte. Und plötzlich, welche Überraschung!, war er da. Hoch genug, um sich über den dunklen Wellen am noch hellen Himmel abzuzeichnen. Traumfotoverdächtig! Mutig, mutig, dachte ich – Blick fixiert auf den Vogel. So nah wie heute war er sowieso noch nie. Ich hob die Kamera, bereit zum Schuss. Und plötzlich, vor meinen Augen verschwindet er. Nicht in den Wellen, nicht in der Dunkelheit, nein, er löst sich in Luft auf! Wow.

Die Sinne spielen hier schon ihre Steiche mit mir. Und das ist ja auch verständlich. Besonders nachts erwacht die Phantasie. Die Wellen sind im Moment meist hunterte von Metern lang und rollen mit ca. 3 Metern Höhe auch im Sternenlicht gut sichtbar vom Horizont heran. Das allein wirkt schon gewaltig in diesem kleinen Boot, aber daran gewöhnt man sich recht schnell. Wenn nun aber der Himmel seine Farben auswäscht und ins Meer schüttet, dann verwaschen sich am Horizont manchmal lange dunkle Wolkenfetzen mit den Wellen, und wo man den Blick hebt, sieht man plötzlich eine 30 oder 40 Meter Welle auf sich zurollen. Oha.

Das Gehirn ist unterfordert von den wenigen Reizen, beginnt sich -vor allem bei Übermüdung und Verausgabung- selbst Reize zu schaffen. Und so knackt das Ruder nicht mehr nur einfach, sondern ruft meinen Namen. Der Wind singt, die Wellen formen sich zu Fischen und der Duft frisch gemhten Grases erfüllt die durchfeuchtete Kabine.

Aber alles harmlos und jetzt habe ich auch deutlich mehr Schlaf als noch vor ein paar Tagen. Und kann auch endlich wieder ausreichend essen. Zudem nehme ich an, dass die Scopolamin Patches gegen die Seekrankheit, die ich bis vor wenigen Tagen tragen musste, hier nicht wirklich dienlich waren. Als Alkaloid des Stechapfels und der Alraune … nunja.

Auch wenn ich gern über Delfine schreibe, die mich morgens begleiten -auch wenn ich glücklich im Sonnenaufgang die Bilder für Euch hochlade – auch wenn ich die Zeit hier wirklich sehr intensiv erlebe und an keinem anderen Ort sein möchte – es ist kein Pappenstiel. Vor allem die ersten zwei/drei Tagen waren mental wirklich Hardcore. Weiß nicht, ob ich das in den Blogeinträgen richtig verarbeitet habe. Jetzt schicke ich meinen Kopf von einem Extrem ins andere. Aus dem totalen Alarmzustand in die absolute Deprivation, Reizarmut. Würde mich also nicht wirklich wundern, wenn ich morgen zwei Vögel zu Besuch habe.

Anderes: Der Wind sollte weniger singen, sondern eher die Richtung drehen und etwas kräftiger schreien. Gewünschter Kurs über Grund ist zwischen Wellen und Wind(chen) kaum zu halten. 20kn wären wieder super. Kann ich mich aufs Rudern konzentrieren und muss nicht kompliziert mit den Füssen steuern. 40sm weiter östlich sollte ich rudern, fürchte die Strömung reisst ganz ab, oder dreht, so weit im Westen. Kann jetzt aber nicht anders, halte auf 225°. Wind dreht zwischen NE/SE. Rudere 8 Stunden pro Tag und gönne mir nach wie vor 4 Stunden mehr um zu ruhen und zu schlafen, um die Einbussen der ersten Nächte zu kompensieren. Die üblichen Schmerzen im Rücken habe ich jetzt im Griff. Kann auch wieder super sitzen. Hände machen überraschend gar keine Probleme – die Strategie mit dem Griffband und den richtigen Pflegeprodukten hat mir größere Blasen erspart. Ich habe meinen Groove wohl wirklich gefunden.

Eine Woche auf See

Ich lasse es im Moment etwas! ruhiger angehen, nutze die relativ flache See, um auch mal Haare zu waschen, das Boot zu putzen – oder sitze an Deck und kümmere mich um meinen Serranoschinken, ein Kilogramm, das langsam weg muss. Yummi! Und wenn ich rudere, dann genieße ich die Show, die die Wale neben dem Boot darbieten. Ihr habt ja sicher die Bilder gesehen. Besonders heute Morgen, bei meiner ersten Schicht im wunderschönen Sonnenaufgang, besser kann es im Drehbuch nicht stehen: Eine Gruppe von ca. 30 Delfinen tanzte und sprang im Wasser und begleitete mich. Ich wünschte ich könnte das Video hochladen, muss euch aber eben vorerst mit winzigen Bildern vertrösten. Vergesst auch bitte nicht: Auf der Facebook Seite von OceanCare gibt es dann mehr Infos!

Ja, etwas mehr Wind aus der richtigen Richtung wäre dienlich. Sehr schwer hier auf Kurs zu bleiben. Aber so eilig habe ich es auf der anderen Seite ja auch nicht. Es gibt keine Probleme, ich habe ausreichend Wasser und Nahrung – könnte mich an die Sonnenauf- und untergänge gewöhnen. Und etwas mehr Schlaf käme mir, so zwischendurch, auch ganz gelegen – jage ich doch schon seit 4 Tagen mit der Kamera einen Vogel, an dem ich langsam zu Zweifeln beginne. Ja, Schlaf! Gute Idee.

Bad hair day No.5

Sehr ruhig heute. Wind unter 5kn. Wieder heiß in der Kabine. Schaukelt aber immer noch genug, um mich für Tippfehler nicht entschuldigen zu müssen *g. Im Moment habe ich Ruderpause, bemerke aber, das ich mir wirklich die Seebeine verdient habe, und mein Körper endlich zielsicher durch den Raum krabbelt. Wenn ich überlege, ich benötigte noch vor 3 Tagen bis zu 5 Minuten, um die Rufnummer des Tankers auf Kollisionskurs vom AIS Plotter abzulesen. Kein Scherz!- sass vor dem Monitor und schaffte es nicht die 9 Ziffern zu fokusieren, oder stieß mir den Kopf und vergaß sie wieder auf dem Weg zum Funkgerät (30cm!). Bin mit dem 3-Punkt Gurt nachts gerudert, so schwummrig war mir. Aber jetzt: Alles super! Ich kann nicht genug Wellen bekommen. Kämpfe um jede Seemeile, versuche zu trimmen, zu optimieren, fasse das wirklich auch langsam als tägliche Herausforderung auf: Immer noch einen Ticken schneller als gestern bitte!

Aber nach über 35sm/d in den letzten Tagen, lag meine heutige 24h Distanz bei „nur“ 25sm. Konnte aber auch kaum mehr sitzen. Hätte mich schon von Anfang an besser um meine Haut kümmern müssen, habe ja 9Kg an Medikamenten und Cremes dabei, aber ich gestehe, durch die Seekrankheit war mir das Rudern dann schon genug, und ich bin mit den nassen Klamotten in irgend einer Ecke zusammengesackt zum schlafen. Nun sehe ich etsprechend aus. Sonnenbrand am Rücken (natürlich war niemand zum eincremen da, also habe ich den völlig „vergessen“). Schmerzhafter Ausschlag überall sonst wo Salzwasser sein Tatwerk verbringen konnte. Den Sonnenbrand bemerke ich aber wenigstens kaum, da die Wirbel und Rippen gottseidank auch wenigstens geprellt sind, und das locker überstrahlen 🙂 Nein, schon ok. Viele blaue Flecken, aber das gehört halt dazu. Sieht mich ja eh keiner hier draußen. Hier, wo sowieso jeder Tag ein „Worst Hair Day“ ist. Aber: Ich habe wenigstens kaum Blasen an den Händen, das neue Griffband ist wirklich sensatationell. Und mein Gesicht, welches ich immer brav eincreme, vertägt die Luft und Sonne auch sehr gut.

Heute dann endlich mal ein Vollbad in Süßwasser. Habe die Wanne (Eimer) mit ganzen 500ml Trinkwasser gefüllt. Was ein Luxus! Kein Vergleich zu den schmierigen Babytüchern, mit denen ich mir sonst das gröbste Salz von der Haut zu schrubben versucht war.

Also, alles nach wie vor in Ordnung. Es ist taff, aber die Momente in den ich vor Glück sprachlos bin, wiegen das mehr als auf. So begleiteten mich heute morgen hunderte von winzigen Fischen, die wie Silbertaler aus dem Wasser sprangen und im frühen Sonnenlicht funkelten. Und die Sonnenuntergänge … nunja … ich beneide Euch nicht um den Winter 🙂

Sonstiges: Erster toter Tintenfisch an Deck heute Morgen. Nicht schön, gehört aber leider immer dazu. Keine weiteren Schäden am Boot bisher. Nur dieser b***** iPod, ach Mist!, da waren meine ganzen Songs und Audiobücher drauf – habe nur wenige als Backup. Nun wird das endgültig ein sehr stilles Projekt. Hatte zu Hause noch tagelang versucht, mir ein Backup meiner Lieder zu ziehen, und bin gescheitert. Und jetzt geht tatsächlich auch das Gerät kaputt. Mir dünkt die Situation will mir etwas mitteilen. Row for Silence … also auch ohne iPod bitte. Ok! Das ich seit gestern trotzdem Musik im Ohr habe, verschweige ich mal ganz dezent. Mir erzählte mal jemand, das wäre normal, das wären die Lieder der ertrunkenen Seefahrer, die am Grunde des Ozeans unter mir liegen und da sängen. Nunja, dann sind sie es auch sicherlich, die (vor allem Nachts) meinen Namen rufen. Komisches hört man hier draußen im Wind … und seltsame Dinge zeigt dir der Ozean zwischen den Wellen. Wirklich faszinierend.

Ich muss verrückt sein!

Ja, ich muss verrückt sein. Wirklich verrückt! Denn: Jetzt macht mir dieser Höllenritt plötzlich auch noch Spaß! Die Anzahl der potentiell gefährlichen Tanker und Frachter hat sich heute dramatisch reduziert, womit ich endlich mal zum Schlafen komme, und nicht dauernd vom Kolliosionsalarm hochgerissen werde. Auch muss ich langsam sowieso Strom sparen, da ich im Verkehrstrennungsgebiet alle Geschütze hochgefahren hatte (Radardeflektor, AIS, Plotter, Funk, Satphone, sämtliche Sensoren zur Kursbestimmung, Positionslichter). Mittlerweile bin ich aber schon so relaxt, dass ich genug Zeit finde um noch die Kameras hochzufahren. (Siehe Positionsseite). Das sind aber auch Giganten! Wenn die teilweise in 0,5 bis 1 Seemeile(n) nachts kreuzen, dann entspricht das schon fast der Schiffslänge. Gestern Nacht kreuzte ich das Fahrwasser der Oceanic Fähre. Schick, Schick! – keine Ahnung wie dieses Schiff am Tag ausschaut, aber in der Nacht eine Lichtersensation. Ein Tannenbaum auf dem Ozean.

Fast immer wo ich um Kurskorrektur bete, bekomme ich die gleiche Antwort: „Rowing boat? .. You need help?“ – alternativ gibt es dann noch die Option, dass gar keiner antwortet – Schlafen die dann auf der Brücke? Naja, Ohne AIS und meinen EasyTRX2 wäre ich wirklich aufgeschmissen gewesen. Das war zwar alles etwas anders geplant mit der Route, aber der Wind machte mir einen Strich durch die Rechnung – ich musste also da durch.

Nächste gute Nachricht: Ich kann endlich wieder etwas essen! Bin wieder seefest. Das war aber auch ein Desaster mit der aufgewühlten See. Das Obst wird langsam fleckig, also hab ich heute ordenlich hingelangt: Eine ganze Ananas, 5 Bananen, 5 Orangen, 4 Äpfel. Zum Abendbrot Pasta vom Outdoorfoodshop, yummi! Morgen köpfe ich den Serrano Schinken 🙂 Was weg muss, muss weg!

Heute endlich hohe laaaaaange Wellen. Drei bis 4 Meter, ein Traum! Sturmwarnung für Mittwoch wurde aufgehoben, womit ich darauf hoffen darf, dass es erstmal so bleibt, und ich gut vorankomme. Ca. 100 Seemeilen in 3 Tagen, mit einem über eine Tonne schwerem Ruderboot – also ich bin erstmal ganz zufrieden. Trotzdem, jetzt muss ich wieder raus. Nächste Schicht, Nachtschicht. Der Wind pfeift schon nach mir,

Also, alles in Ordnung. Das Tippen ist wirklich schwierig in dem Schaukelboot, hoffe also man kann den Text trotzdem lesen. Bis bald.

Die ersten Tage auf dem Ozean

Boah was ist mir schlecht! Die letzten beiden Tage waren ein Ritt auf der Achterbahn. Extrem kurzfrequente Wellen, sitzen im Boot völlig unmöglich. Aber es wird besser. 4 Meter Wellen am Morgen – lange Periode. Deutlich magenfreunlicher – wenn auch erstmal mental ne Hürde diese zu rudern, wo sie sich neben dir aufbauen. Aber man gewöhnt sich dran. Der Start war ein Albtraum, da kurz nach Aufbruch der Wind drehte und mich wieder gegen das Land drücken wollte. Welch Glück, als er nachts wieder auf NE drehte. Sonst hätte ich den Sturmanker setzen müssen. Aber kaum der Küste entkommen, drückte es mich auch gleich direkt ins Verkehrstrennungsgebiet im Westen. An Schlaf nicht zu denken. Jede halbe Stunde riss mich der Kolliosionsalarm meines AIS aus dem Rudersitz oder nassen Schlafsack. Vielleicht konntet Ihr das Spektakal auf der Trackingseite beobachten. Schon extrem, wenn ein 200m Frachter mal so direkt auf dich zusteuert und dann nicht über Funk zu erreichen ist. Naja … mag nicht weiter drüber reden, aber die beiden ersten Nächte waren der Horror. Also: Alles wie erwaret, alles in Ordnung. Ich pack das!

Jetzt ist mir auch noch eine Beta Carotin Kapsel in der Kabine zerplatzt – es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld. Ok, Schluss für heute – extrem anstrengend zu tippen. Auch ruft mich die Reling wieder zum Fische füttern. Denkt an mich!