Durch alle Wände

Die Liebe findet immer einen Weg!
Sie schleicht vorbei an Türen und an Toren,
und findet auch den kleinsten Spalt.
Und ist das Herz auch fast erfroren,
ihr war noch nie ein Herz zu kalt.
Sie geht durch Mauern und durch Wände,
und schwebt noch über jeden Zaun;
nur um doch am Ende,
ihr Haus in jedem Herz zu baun.

Unveröffentlichtes

Wie neu geboren;
als träfe mein Blick
zum ersten Mal auf die Welt.
Und als müsste ich wieder
das Sprechen lernen;
weil mir die Worte fehlen,
um das zu beschreiben.
Alles ist vollendet, wahrlich alles,
einfach indem es nun ist, wie es ist.
Es zerreißt mich zwischen den Wellen,
die aus meinem Herzen strömen.
Tränenbäche brechen heraus,
aus jedem Riss meiner Fassaden.
Und ich kann es nicht verstehen.
Ich kann es einfach nicht verstehen!
Unvorstellbar. Unfassbar. Unbegreiflich.
Da ist nichts zu verstehen;
da ist nur das Erfahren
oder das Verstehen.
Zwei Weltenreiche.
Und in keinem war ich
wirklich jemals lebendig …
Nur eine halbtote Bettlerin,
die sich als Königin wähnte.
Doch ihr Königreich war nur ein Traum;
Angst, das war ihr wahrer Meister,
mit ihren eintausend falschen Gesichtern.

– – – –

In meiner dunkelsten Stunde,
als die letzte Kerze verlosch,
da wusste ich dass du kommst.
Und du kamst.
Keine Sekunde zu früh.
Keine Sekunde zu spät.
Kann so einer Dunkelheit
doch nichts anderes nachfolgen,
als ein derart helles Licht.
Vertrauen ist Frieden!
Und dann findet uns alles,
obgleich alles verloren scheint.
Was immer uns begegnet,
das tragen wir in uns selbst.
In der Dunkelheit bringen wir
es zur Welt. Im Lichte dann
können wir es erkennen.

– – – – –

Die Wahrheit?
Wenn du an der Kante stehst,
vor dir nichts als der Abgrund,
hinter dir das weite Land
der unerfüllten Hoffnungen,
dort, genau dort findest du sie.
Wenn alles verloren scheint,
du dich aber nicht umwendest,
du alles loslässt, dich hingibst,
den Fuß ins Nichts setzt,
und beherzt hineinschaust,
in die vermeintliche Finsternis,
ins Auge deiner größten Furcht,
ins Antlitz der Ent-Täuschung,
dort wartet die Wahrheit auf dich.
Nur dort!
Letztlich ist die Wahrheit
nur ein anders Wort für Mut.
Wenn dir die Dunkelheit
zum inneren Licht gerät,
weil du dein Licht hineinträgst,
dann wachst du auf,
dann verstehst du,
dann macht sie dich frei.

Wo Vertrauen ist, da ist ein Weg, den kein Zweifel jemals erblicken kann.

Entführt und verschleppt

Es schließt sich etwas auf in mir: eine Tür, die viel größer ist als ich selbst. Wo ich bisher aus meinem Raum heraustrat, da setzte ich stets einen Fuß in einen dichten Gedankennebel hinein, der mich und die Welt in sich trug. Und so vernahm ich doch nichts von der Welt, als ihr Echo in meinem Kopf und meine Vorstellungen und Überzeugungen. Es geschah erst als ich im Leben stolperte und hart zu Boden fiel, da brach der Nebel für einen Augenblick auf, und eine Welt offenbarte sich mir, die mit keinem Gedanken vorstellbar war. In diesem Moment begriff ich, dass ich niemals wirklich frei war, ganz gleich wie frei sich die Gedanken wähnten. Meine Freiheit war eine Abhängigkeit vom Wollwollen der anderen, von Meinungen, Dingen und glücklichen Umständen. Das war keine Freiheit! Und erst recht war das keine wirkliche Erfüllung. Wie aus einer Zwiebel begann ich mich aus den Gedanken herauszuschälen. Und je kleiner ich dabei wurde, umso weiter wuchs ich über mich hinaus. Je mehr ich verlor, desto mehr gewann ich. Das waren überhaupt nicht meine Gedanken; sie wurden mir als Kind in den Kopf gepflanzt, und fortan erklärten sie mir, wer ich bin und was die Welt ist. Nichts wussten sie! An diesen Gedanken ging alles Unvorstellbare zugrunde. Und alles Vorstellbare war nur das Verließ, das mich vom ewigen Wunder der Schöpfung wegsperrte … der Kerker der Vergangenheit und Zukunft, der Ursachen und der Wirkungen, der Gründe und der Ziele, in den ich aus dem bedingungslosen Augenblick verschleppt wurde. Darin wuchs ich auf. Eines Morgens aber öffnete ich die Tür in diesem dunklen Gemäuer, und da trat ich in völliges Schweigen hinaus, in eine kristallklare Welt hinter allen Gedanken, jenseits von richtig und falsch – und damit trat ich wieder ins Namenlose und Bedingungslose ein, – ich trat in Gott ein und Gott trat in mich ein. Und wer das nicht erfahren hat, – und mag er auch alles andere erfahren, wissen und besitzen! -, wer das nicht spürt, der hat sich den Gedanken vollständig unterworfen. Der ist zwar „vernünftig“, aber der ist beinnahe verloren. Der hat aus einem Diener einen Meister gemacht, nun ist er ihm hörig und lebt in seiner unwirklichen und vergänglichen Welt. Und natürlich wird der Meister es besser wissen als ich – bin ich doch nur eine närrische Poetin, die nur mehr weiß, dass sie nichts weiß, und dass es irgendwann zu spät ist. Behält der Meister auch das letzte Wort, so wird er auch der letzte Richter sein … und dann der Henker. — jj. #kaffeegedanken

Gute Reise!

Es ist völlig unmöglich, den Verstand mit Absicht oder Gedankenkraft zu kontrollieren oder zu überlisten. Denkst du auch um zehn Ecken herum, so wartet er dort schon auf dich, raucht inzwischen seine Zigarette. Und machst du ihm die Türe zu, dann kommt er durchs Fenster wieder rein. Wie ein Schachspieler, der jeden einzelnen deiner Züge im Voraus weiß, so kannst du dieses Spiel niemals und unmöglich gewinnen. Du kämpfst mit seinen Waffen doch nur gegen dich selbst. Und er wächst daran. Aber er wird dich stets hoffen lassen, auf einen letzten Sieg, – auf Freiheit, Glück und auf die Antwort aller Antworten; nur damit du weiter mit ihm spielst… weiter in Gedanken lebst und atmest. Immer wieder wird er dich feiern und loben, damit du weitermachst, und nie erkennst, wie er sich kleingeistig alles klein denkt, um es dann künstlich aufblasen zu können. So wie sich und dich! Und so läuft deine Uhr herunter, bis am Ende alles verloren ist. Für dich jedenfalls, oh Menschenseele! Das Wissen der Welt aber bedankt sich, für deine Lebenszeit und deine Energie. „Vielen Dank, dass Sie stets im Kopf gereist sind. Auf Wiedersehen!“ Das Wissen wird einfach mit denen weiterspielen, die dir nachfolgen, und denen du die Regeln des „rechten Denkens“ erklärt hast, so wie sie dir dereinst erklärt wurden. Für den Geist ist alles austauschbar. Auch du. Geht es doch nur um Gedanken. Wo der Verstand kein Diener mehr ist, da macht er sich die Seelen zum Knecht. Das Unvorstellbare aber vermag er sich nicht vorzustellen; die Angst ist seine rechte Hand, so wird er das Unergründliche niemals ergründen – das aber ist deine wahre Natur! Dieses Spiel kannst du nicht gewinnen. Und du gewinnst es womöglich doch, wenn du begreifst, dass es nie ein Spiel war, dass es tatsächlich um alles und um deine Seele ging, und du endlich nicht mehr mitspielst.

Wer zur höchsten Wahrheit gelangen will, zum vollkommenen Sein, der muss im Geist alles Vorstellbare und Vergängliche loslassen: Alles was er erwartet, was geschehen ist,und alles was er ist und besitzt. Es gibt keinen anderen Weg. Gedanken sind wie ein Nebel, in dem der Mensch wandelt. Ihr Lärm macht ihn taub für die Klarheit und Stille; ihr heller Schein macht ihn für das wahre Licht blind.

Macht Mut wirklich frei?

Es ist ein Märchen, dass Mut frei macht!
Mit jedem Schritt, den man mutig geht,
indem man sich gegen die Vernunft oder
Sicherheit entscheidet, und unbekannten
Boden betritt, da offenbart sich nur die
Unfreiheit auf der nächsthöheren Ebene.
Den größten Mut braucht es demnach,
immer wieder mutig zu sein und dennoch
seinem Herzen zu folgen, – dieser Stimme,
die uns drängt, gegen den Kopf zu handeln.
Und was haben die Mutigen letztlich davon?
Nichts! … am Ende scheint für die Mutigen
oft endgültig alles verloren. Doch genau dann
erst können sie das Wesentliche wiederfinden.
Indem sie ein allerletztes Mal mutig sind
und ihren Fuß beherzt in die Luft setzen;
und blind darauf vertrauen, dass sie trägt.
Doch diesem letzten Mut müssen erst
die Flügel der Verzweiflung gewachsen sein,
erst dann setzt er seinen Fuß ohne zu zögern
ins Leere des vermeintlichen Abgrundes.

Und da steht man dann, aufrecht, im Nichts,
und plötzlich hält man alles in den Händen.

Wer zur höchsten Wahrheit gelangen will, 
zum vollkommenen Sein, der muss im Geist 
alles Vorstellbare und Vergängliche loslassen: 
Alles was er erwartet, was geschehen ist,
und alles was er ist und besitzt. 
Es gibt keinen anderen Weg. Und dieser Weg ist der Weg des Mutes.

„Wenn du lernst loszulassen, wirst du das höchste Ziel erreichen. Es gibt kein anderes Geheimnis zu entdecken. Und das ist alles was ich weiß.“ 
– Ansari von Herat, Sufi Mystiker, 11. Jahrhundert.

Es war einmal …

Nun, es begab sich vor langer Zeit …, im umschuldigen Alter von neunzehn Jahren, dass ich mich im Internat in einer Kammer auf dem Dachboden einquartiert hatte. Eigentlich durfte sie niemand betreten, aber nach einer langwierigen Diskussion mit der Internatsleitung, in der auch noch die fadenscheinigsten Argumente vorgetragen wurden, bekam ich den Schlüssel für den Raum ausgehändigt. Als den Damen und Herren bewusst wurde, was das für einen Aufruhr unter meinen Mitbewohnern auslöste, denn nun wollte selbstverständlich jeder freien Zugang, hatte ich das Zimmer schon bezogen und einfach behauptet, ich hätte nun ein Gewerbe angemeldet, wofür ich diesen Raum und absolute Ruhe benötigte. Ich hätte mich auf die Zusage verlassen, sagte ich. Das war natürlich alles erfunden, aber so kamen sie aus der Nummer nicht mehr raus und überließen mir allein das Zimmer.

Da saß ich nun wie die Gräfin des Hauses, – ein Tisch mit meinem neuen 100 Megaherz!!! Laptop drauf, – das ich mir vom Fahrschulgeld meiner Eltern gekauft hatte -, ein Aschenbecher daneben … und absolute Stille; während sich meine Mitbewohner ein paar Stockwerke unter mir in Drei- oder Vierbettzimmern gegenseitig auf die Nerven gingen. Zumindest hatte ich ihnen meinen alten Computer zum Spielen überlassen. Wenn ich da oben nichts zu tun hatte, – und ich hatte eigentlich nie wirklich was zu tun -, dann stöberte ich NATÜRLICH in den staubigen Schränken und Regalen herum oder suchte die Zugänge zu den Nebenkammern, die ich auch fand. Ihr müsst wissen, das war schon immer meine Leidenschaft, denn ich bin in einer alten, großen Schule aufgewachsen. Und mein Vater war der Hausmeister. Wann immer meine Eltern zum Tanzen aus waren, schnappte ich mir schon als Kind seinen sicher drei Kilogramm schweren Schlüsselbund und bestieg die heilige Schatzkammer der Schule: den Dachboden! Als Kind schätzte ich, dass da wohl seit 500 Jahren alles eingelagert wurde, was für den Unterricht nicht mehr benötigt wurde. Da standen gewaltige Spiegel-Teleskope, Tier-Präparate und sogar alte Skelette für den Biologieunterricht. Das gab es Schlangen in Gläsern und 30 Zentimeter große Teleskop-Spiegel, Brennweite über zwei Meter! – die aus meinem Kinder-Optik-Baukasten eine echte Großsternwarte machten. Nein, wartet, der Baukasten gehörte eigentlich meiner Schwester. Aber stellt euch den Boden der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei vor, und ihr habt ein gutes Bild davon, wie es da oben aussah. Der Dachboden war so groß und so verwinkelt, dass ich auch nach Jahren nicht alles ausgekundschaftet hatte. Es lag also in meiner Natur, im Staub der Jahrzehnte nach Schätzen zu suchen.

Den größten Schatz den ich unter dem Dach des Internats hob, war ein altes Buch, darin fand sich die Geschichte des britischen Abenteurers Percy Harrison Fawcett, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im undurchdringlichen brasilianischen Regenwald auf der Suche nach seinem El Dorado war. Im Kerzenschein und Zigarettendunst verschlang ich das Buch mehrfach. Das wollte ich eigentlich gern sein: Eine Abenteurerin mit Hut und Peitsche! Und obgleich ich schon immer viel Unsinn geschrieben hatte, war dieses Buch auch der Anstoß, endlich selbst ein Buch zu schreiben. Denn auch das wollte ich immer schon werden: Schriftstellerin. Genau genommen schrieb ich damals zwei Bücher. Und die beiden habe ich heute wieder auf einem USB-Stick entdeckt; und ich habe reichlich gelacht. Das erste Buch trug den Titel „Warum Einstein irrte“, das zweite Werk hieß „Sollt ihr doch ewig leben!“ und verstand sich als eine Art dritter Teil zu Goethes Faust. Auch wenn diese beiden Bücher nie veröffentlicht wurden, kann das wohl als die Geburtsstunde meiner Autorenschaft angesehen werden. Es begann also alles auf einem Dachboden vor 23 Jahren im Internat. Wahnsinn! … Und eigentlich begann es schon auf einem Dachboden vor etwa 35 Jahren in der alten Schule.

Neben meinen Abenteuer-Plänen beschäftigte mich als Neunzehnjährige vor allem die Physik und die Zahlentheorie. Im Speziellen die Teilchen- und Astrophysik … und Primzahlen und kryptographische Funktionen, das war meins! Ich schrieb Bücher, Programme und Simulationen, und stets war ich mir sicher, dass die Wissenschaft sich selbst erfindet und die Fundamente aller großen Theoriegebäude nur erdacht und in sich unbeweisbar sind. Schon alles Kind mit fünf Jahren saß ich auf der Schultreppe und zweifelte daran, dass die Welt wirklich so ist, wie sie scheint. Schon damals wähnte ich alles vielmehr als einen Traum, als Bewusstsein bestenfalls, und irgendwann würden wir erwachen. Und so finde ich es gerade heute wieder faszinierend, welchen Bogen mein Leben genommen hat. Da sitze ich nun mit 42 Jahren über uralten spirituellen Schriften und komme zu keinem anderen Schluss, als damals als fünfjähriges Kind: Die Welt ist nicht was sie scheint, ich bin nicht was ich scheine. Was für eine Ironie … 37 Jahre und ich bin kein Stück weiser als dieses kleine neunmalkluge blonde Kind. Und eigentlich würde ich mir auch jetzt am Liebsten einen Hut aufsetzen und in den Urwald verschwinden und Schätze suchen. Im Kern ändern sich die Menschen nie … diesen Satz hatte mir einmal eine Freundin gesteckt. Inzwischen glaube ich, sie hatte Recht, – auch wenn ich damals widersprach und meinte, jeder könne sich ändern! Sein Verhalten vielleicht, aber wohl niemals seinen Wesenskern. Ein Abenteurer bleibt ein Abenteurer, ein Künstler ein Künstler … doch als Bürofachangstellter oder Autoverkäufer wird keiner geboren, die werden gemacht.

Und warum schreibe ich das jetzt ? Nun, eigentlich nur, um wieder einen Text auf diesem USB-Stick speichern zu können. Neben hunderten anderen Texten aus all den Jahrzehnten. Neben dem Tagebuch über meine WIRKLICH erste große Liebe mit siebzehn oder der Situationsanalyse in meinem ersten Alkoholrausch als Teenager. Ich bin gespannt, was ich in 35 Jahren über diese Zeilen denken werde. Ihr findet mich dann sicher auf einem Dachboden, und wenn es im Altenheim ist. Und wenn ich dort nicht bin, dann hab ich vielleicht doch noch El Dorado gefunden!

Das Internat musste ich übrigens nach zwei Jahren wieder verlassen; wir hatten zu viel Marihuana geraucht und dem Internatsleiter auf dem untersten Balkon auf den Frühstückstisch geascht. An den Rest kann ich mich nur noch vage erinnern … nur noch daran, dass wir uns im Zimmer kaputtgelacht und eingeschlossen haben, während er wie wild an der Tür klopfte. Wir dachten, wir hätten nun ALLES verstanden, das ganze Leben wäre ein fantastischer Witz und wir würden jetzt gewiss vor Lachen sterben … ich glaube aber, die nächsten Tage waren dann wieder ziemlich ernst.

Hart oder stark?

Es gibt zwei Arten von starken Menschen: Die, die stark sein müssen, – die ihre Einsamkeit, ihre Schwächen und ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, Behütung, Aufmerksamkeit, Nähe, Berührung und Liebe unterdrücken, und die das dennoch Selbstbewusstsein nennen. Sie kämpfen sich wie Kindersoldaten durchs Leben; wissen alles irgendwie zu meistern und zu rechtfertigen. Selten klagen sie, sie verstehen und erklären lieber … denn ihr Klagen könnte schnell ein Jammern werden; und nur die Schwachen jammern! Schwäche dulden sie nicht, dabei sehnen sie sich danach. Und dann gibt es die wirklich selbstbewussten Menschen, die stark sind, weil sie gerade diese Anteile in sich erkannt, integriert und damit befriedet haben. Der wirklich starke Mensch trägt keine Waffen und keine Rüstungen aus klugen Gedanken und starken Worten mehr; doch gerade das lässt ihn für andere starke Menschen schnell bedrohlich erscheinen. Am bedrohlichsten scheint sein Schweigen; und seine Tiefe berührt jede verborgene Schwere. Er spiegelt ungeschminkt alles Unterdrückte und jede Sehnsucht zurück. Aber so oft gibt es diese wahrlich selbstbewussten und starken Menschen nicht, die auch ihre Schwächen zu Stärken transformiert haben, die offen sind und die ohne viele Worte die Sprache des Herzens sprechen … man kann ihnen also meist aus dem Weg gehen und mit seinem Ego-Theater bis zur nächsten Krise fortfahren, in der sich die eigentliche Leere wieder offenbaren will. Das schreibe ich nicht aus Überheblichkeit oder Arroganz, sondern ganz einfach, weil ich ein gebranntes Kind bin, und auf die harte Tour lernen musste, dass Verhärtung noch lange keine Stärke ist. Die Härte eines Diamanten macht ihn nur dort kostbar, wo er als Werkzeug „benutzt“ und abgenutzt wird. Wer nur hart ist, ist auch spröde, – fällt er zu Boden, ist er kaputt; also darf er sich niemals fallen lassen! Der tatsächliche Wert eines Diamanten aber misst sich eher an seiner Seltenheit, seiner wundervollen Brillanz, Transparenz und Klarheit, seinem individuellen Farbenspiel … es ist das, was er an den Ecken und Kanten seiner Facetten mit dem Licht macht, das ihn so besonders macht. Man kann durch ihn hindurchschauen, und gleichsam das farbenfrohe Wunder und die Unendlichkeit der Schöpfung erfahren. Dieses Leben will den Menschen nicht hart machen, nein!, er soll stark genug werden, sich vollständig zu öffnen und darin endlich vollkommen er selbst sein. Ist er doch so viel mehr, als er sich überhaupt vorstellen kann.

Der Schlüssel zur Freiheit, in dieser bedingten Welt, in der Freiheit von Umständen und Zielen abhängt, ist nicht großer Erfolg, sondern ist völliges Scheitern. Der Schlüssel zur Liebe ist nicht das Finden des einzig Wahrhaftigen, es ist das Verlieren all des Unwahren, das einen aus der Gegenwärtigkeit reißt. Der Schlüssel zur Erfüllung ist nicht das Stillen von Mangelgefühlen, es ist Geben in Vollkommenheit. Auf eigenen Beinen steht der, der alles andere loslässt. Ganz bei sich ist der, der niemand mehr sein will.

Die sechs Phasen

Die meisten spirituellen Menschen durchlaufen fünf Phasen im Leben, einige wenige sogar sechs. Je nach „karmischem“ Gepäck verlaufen diese intensiver oder extensiver, auch können sie sich überschneiden:

1. Der Mensch ist als Kind abhängig von anderen, damit die Grundbedürfnisse wie Nahrung, Schutz und Zuwendung erfüllt werden. Auch erfährt er bereits als Kind und Jugendlicher bedingte Zuwendung, Bewunderung und Bestätigung, – ist er brav, angepasst und erfüllt alle Erwartungen, bekommt er sogar mehr als er braucht und wird belohnt; er muss es sich nur verdienen. Oder er erfährt das Gegenteil, und schließt daraus, er sei selbst niemals genug und er verdient gar nichts. Das Außen wird in der Sehnsucht nach Erfüllung und Bestätigung zum Spiegel und zur Projektionsfläche innerer Fülle, darin entsteht ein irrtümliches Gefühl von innerem Mangel und von Leere. Er ordnet sich ein, er ordnet sich unter, vor allem aber: vergleicht er sich nun! … da hängt er am Tropf der Gesellschaft.

2. Wird er älter, strebt er in beiden Fällen nach vermeintlicher Unabhängigkeit darin, dass er nun ausbricht und nach Erfüllung und Bestätigung in einem viel größeren Rahmen strebt. Dazu muss er sich weiter an die Gesellschaft und an die Umstände anpassen. Er beginnt voraus zu planen und Wissen und materiellen Besitz anzuhäufen. Er verwechselt Überfluss und unendliche Möglichkeiten mit Fülle und Freiheit. Doch wo er etwas erreicht, da will er bald mehr davon; wo er etwas weiß, will er bald mehr wissen; wo er irgendwo ankommt, will er bald woanders hin.

3. Als Erwachsener, den so mancher unerwartete Schicksalsschlag inzwischen eingeholt hat, sorgt er sich zunehmend darum, seine vermeintlichen Privilegien, Freiheiten und Errungenschaften wenigstens nicht zu verlieren und sich nicht mehr zu unterwerfen. Also strebt er zusätzlich nach Macht, Status (noch mehr Bestätigung), Kontrolle und Sicherheit. Sucht einen überschaubaren Rahmen. Job, Familie … Darin unterwirft er sich anderen und den Umständen aber nur immer weiter, er wird immer abhängiger; sogar von denen, die von ihm abhängig sind.

4. Er erkennt aber nun, dass Überfluss und Macht keine Erfüllung bringen, dass hier doch nichts wirklich von Dauer ist und dass durch Anpassung und Abhängigkeiten von äußeren Umständen und anderen Menschen weder bedingungslose Liebe, noch wirkliche Freiheit erfahren werden können. Auch fühlt sich Sicherheit nicht wirklich nach Geborgenheit an. Ganz im Gegenteil, spürt er sich doch immer weniger, denkt aber immer mehr. Eine seltsame Leere beginnt sich zu offenbaren. Die Vernunft beginnt sich nun selbst und das System zu hinterfragen. Und sie sucht nach einfachen, naheliegenden und rationalen Auswegen und Schuldigen. Der halbe Buchmarkt lebt davon.

5. Er versucht auszubrechen. Sammelt auf anderen Wegen vielleicht auch für Momente andere Erfahrungen. Mit Vernunft allein hat es scheinbar nicht funktioniert, also beginnt er sich tiefer mit spirituellen Themen wie Achtsamkeit, Liebe, Hingabe und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Und mit sich selbst. Vielleicht wagt er sich sogar (wieder) an Gott. Der lange Weg der bewussten Spiritualität beginnt an diesem Punkt, – die andere Hälfte des Buchmarktes lebt davon, denn …

… da er ein Leben lang gelernt hat, dass alles einen Grund und Preis hat (also bedingt ist), und das nichts von Wert bedingungslos und umsonst ist, macht er sich mit dieser Überzeugung auf, strengt sich auch auf dem spirituellen Weg an; müht sich ab, um sich aus dem alten Hamsterrad zu befreien. Das kann aber langfristig nicht funktionieren, bestenfalls kurzfristig. Zudem verspricht die Spiritualität [zu Beginn noch!] endlich auf alle Fragen eine Antwort liefern zu können, und das hat der Mensch doch schon in der Schule gelernt: alles immer beantworten und erklären zu müssen. Da könnte er womöglich selbst zum Lehrer werden bald, wenns gut läuft, das spürt er oft. Und wieder ist da Bestätigung und Bewunderung im Spiel.

Doch er ist (weiter unbewusst) davon getrieben, dass sich etwas verändern muss, und dass er sich selbst verändern muss, um Erfüllung, Freiheit und Liebe zu erfahren. Die Konfrontation mit den eigenen Schatten führt zudem nun dazu, dass er glaubt, noch mehr an sich arbeiten zu müssen, um sein Ego zu vermindern; dass er noch mehr entschuldigen und vergeben muss, um es „wert zu sein“, bedingungslos geliebt zu werden und selbst bedingungslos lieben zu können, vor allem sich selbst. Dieser Prozess legt den Fokus aber immer mehr auch die eigene Persönlichkeit, auf das Ego – und verfängt den Menschen auch schnell wieder in hockkomplizierten Beziehungen und Umständen.

Auch wenn er nun in spirituellen oder religiösen Paradigmen und Sphären der „Liebe“ herumgeistert, ist er noch immer nicht bei sich in der Unabhängigkeit, in der Tugend und im Herzen angekommen; er kontrolliert noch, hinterfragt alles, will jeden kleinen Luftzug des Schicksals verstehen und einordnen, will alles richtig machen, idealisiert vieles, aber entwertet ebenso auch weiter sich und andere; ist nicht wirklich ehrlich, ist anfällig für Heuchelei und Selbstbetrug; glaubt immer noch, und jetzt vor allem, dass er sehr viel weiß und verstanden hat und dem „Ziel“ nahe ist.

Dieser Prozess verbraucht immer mehr Energie, es wird immer anstrengender in dieser Scheinwelt zu leben. Das Leben wandelt sich mehr und mehr zu einem Auf und Ab; am Ende zu einer wilden Achterbahnfahrt. Episoden der Euphorie und absoluter Überzeugung erden sich über Nacht in tiefsten Sinneskrisen. „Das Alte“ funktioniert einfach nicht mehr, der Widerstand gegen die eigene Wahrheit zu leben, wird immer größer. Mehr und mehr wird klar, dass es in diesem Prozess keine Kontrolle mehr gibt, dass der Mensch (vermeintlich) machtlos ist. Dabei war er schon immer weitgehend machtlos, denn die Macht die ihm innewohnte, war keine Macht; die Kontrolle war keine Kontrolle. Was er kontrollierte, das kontrollierte nur ihn selbst; was er im Griff hatte, das umklammerte ihn; was er alles wusste, vernebelte ihm die Einsicht, dass er das Wesentliche nicht sehen wollte …

Spätestens an dieser Stelle steigen die Meisten dann erstmal aus, es scheint das Ende. Dabei wäre es der Anfang. Sie arrangieren sich mit Kompromissen, mit Therapien, oder laufen im Außen wieder weg und idealisieren sich ihren gewiss schon harten Weg zum Ziel. Dabei drehen sie nur weiter ihre Runden. Aber letztlich ist es egal, wie lange man dreht, über wie viele Jahre oder Jahrzehnte. Das Unvermeidliche wird irgendwann geschehen … aber nur dann, wenn es geschehen kann und soll.

6. Hier nun beginnt der kurze Weg der Spiritualität. Hier werden die dunkelsten Räume der Seele besucht, hier gibt es keinen Weg mehr für den Menschen, denn hier schreitet der Weg nun durch den Menschen. Ganz von allein. Der Mensch begreift, dass es nun Geduld braucht und es nicht mehr nach eigenen, kleingeistigen, begrenzten Vorstellungen weiterlaufen kann. Er lernt zu vertrauen und loszulassen, auch alle Lehren, Lehrer und Erwartungen. Er wird stiller und sanfter, – er erkennt den wirklichen Gegner und die wahre Natur des Ego. Und er erkennt sich selbst dahinter. Trotz großer Sorgen und Existenzängste, „setzt er den Fuß mehr und mehr in die Luft“. Und er erlebt, „dass die Luft mehr und mehr trägt“.

Unerwartet öffnen sich da nun Türen; tausende von verrückten Zufällen und Snychronizitäten lassen ihn plötzlich staunen, gekostet hatte er ja schon davon. Aber das ist eine andere Welt; und das ist erst der Anfang, die Vorbereitung auf die Intensität, die in völliger Hingabe erfahren werden will. Dann nämlich schweigen die vernünftigen Vorstellungen ganz, – und alles was dann bleibt, ist wieder absolute Unvorstellbarkeit und wahrhaftige Tugend. Mit anderen Worten: Die Welt der Wunder, die er längst vergessen hat, ist wieder da – denn Denken war immer ein Vergessen all des Undenkbaren und Ungedachten. Diese Welt war immer da, hinter den Gedanken lag sie verborgen. Und nun wird der Mensch wieder ein Teil von ihr, und sie ein Teil von ihm. Damit kommt er bei sich … in allem … bei allen … an.

Erreicht er den Zustand, an dem er völlig loslassen kann, an dem nichts mehr getan oder erwartet werden kann, dann erfährt er plötzlich, dass nichts getan werden muss. Dann beginnt alles zu fließen; Vollendung geschieht nun als Tugend, nicht mehr als Akt der Vernunft. Lässt er ganz los, – und dieses Loslassen kann eben auch nicht erzwungen oder kontrolliert werden, denn dann wäre es kein Loslassen -, dann fällt er ganz in die Bedingungslosigkeit hinein. Dieses Loslassen war das ziellose Ziel dieses pfadloses Weges, der so weit erschien. Jeder Schritt war die Antwort, jeder Weg war ein Irrweg. Es war alles da, die ganze Zeit. Er erfährt sich in Gott, im Dao, im Namenlosen … , und er erfährt das Namenlose in sich. Alles was zwischen ihm und Gott stand, war er selbst. Was ihn trennte, war das vorgestellte „Ich“, die Summe aller Vorstellungen. Er erfährt nun, dass bedingungslose Liebe immer da ist, wo Grund- und Absichtslosigkeit und Gegenwärtigkeit erreicht ist. Nun braucht es dazu keine Menschenspiegel und Umstände im Außen mehr. Das ist das ganze Geheimnis. Liebe ist Gegenwärtigkeit, ist Sein …

Er weiß nun, dass dieser Zustand weder durch Licht- noch durch Schattenarbeit erreicht werden konnte, sondern dass es der Urzustand ist, und dass alle Anstrengung noch immer das Ego war, das nicht loslassen wollte. Nun lässt er los, sich selbst!, und erkennt, dass es nie etwas festzuhalten gab … nur Erfahrung, hier und jetzt. Und da kann alles kommen.

… und damit Guten Morgen. Das waren mal wieder #Kaffeegedanken … bevor die Rubrik einstaubt. j.j.

Epheser 2,8 »Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es!«

Matthäus 7,21 »Es werden nicht alle in das Himmelreich kommen. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, die ihr das Gesetz übertretet.«

Liebe deinen Nächsten … aber warum?

»Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.«
Das steht doch sogar klar in der Bibel, oder? Nein, tut es nicht!

Zitiert wird dieser Satz sehr oft. Nur selten mit Angabe seiner Quelle. Die soll sich im 3. Buch Mose, dem Buch Leviticus, Kapitel 19, Vers 18 finden.

Auf Hebräisch steht da: »Ve’ahavta l’reacha kamocha ani HVYH« (וְאָֽהַבְתָּ֥ לְרֵעֲךָ֖ כָּמ֑וֹךָ אֲנִ֖י יְהוָֽה׃)

Die Urtexte sind ohne Komma. Das heißt, der Übersetzer entscheidet oft über den Sinn der Verse und die Bezüglichkeit der Worte. Und wir alle wissen, wie heikel das sein kann! Schon ein kleines Komma kann jemandem das Leben retten!

»Hängt ihn nicht, laufen lassen!« – bedeutet etwas völlig anderes als:
»Hängt ihn, nicht laufen lassen!«

Man KANN das Bibel-Zitat also folgenderweise übersetzen:

»Ve’ahavta l’reacha kamocha (**KOMMA**) ani HVYH«
Also: »Liebe deinen Nächsten wie (als) dich selbst, ich bin Dein Gott (JHWH).«

Wobei tatsächlich nicht auszuschließen ist, dass der Satz in seiner Bezüglichkeit besser mit dem Wort „als“ und nicht „wie“ übersetzt werden sollte. (כְּמוֹ, hebräisch: Konjunktion: „wie“ bzw. „als“ oder als Adverb: „als ob“ bzw. „als wärest du er selbst“) Das bemerkte sogar Schopenhauer schon. Also: »Liebe deinen Nächsten ALS dich selbst.«
Das wäre schon eine ganze andere Botschaft, nämlich: erkenne dich auch in ihm! Aber lasst diesen Satz trotzdem mal wirken, denn welchen Sinn macht der Ausruf: „denn ich bin dein Herr / Gott!“ an dieser Stelle? Irgendwie keinen, richtig!, es scheint deplatziert. Hier auch mal die Version der englischen King James Bible zum Vergleich, wie sie exakt da zitiert ist: »But thou shalt love thy neighbour as thyself: I am the Lord.« oder als interlineare Übersetzung: »Love your fellow AS yourself: I am the LORD.«

Doch es geht eben auch anders, dann macht der Ausruf auch Sinn. Genauso können wir das Komma an anderer Stelle erwarten:

»Ve’ahavta l’reacha (**KOMMA***) kamocha ani HVYH«

Dann steht da: »Liebe deinen Nächsten, ich Gott bin wie du (und jeder andere!)«

Entsprechend der Genesis, die dem 3. Buch Mose voransteht, ist der Mensch in Gottes Gleichnis erschaffen. Gott ist wie der Mensch. Nicht der Mensch ist Gott gleich, sagt jetzt der Satz, sondern Gott ist es, der dem Menschen gleich ist und – Ve’ahavt – genau wie wir nach seiner Liebe dursten, so durstet ER nach unserer. Und damit ist Gott eben auch „im Nächsten“ – im Nächsten begegnen wir Gott, so wie in uns selbst.

Daher gilt:

Es gibt keine Übersetzung die gültig ist, außer eurer eigenen!

Ein falsches Komma kann nicht nur Sätze trennen, sondern auch Menschen von Menschen … und Menschen von Gott.

»Liebe deinen Nächsten, so wie dich selbst« bedeutet Vergleich, Spiegelung und Trennung und bestenfalls Sympathie und Empathie … aber ist das LIEBE? Das ist nicht ansatzweise die gleiche Botschaft, wie den anderen als einen Teil von sich zu begreifen, und sich und jeden als Teil von Gott zu erfahren. Nur darin aber würde das Mitgefühl als wirkliche Tugend des Herzens und nicht als reiner Akt der Vernunft erwachsen.

Laozi schrieb vor fast 2500 Jahren einmal über die Tugend: »Wo der große Geist, das Dao, untergegangen ist, da gelangen Menschensinn, Gerechtigkeit und Regeln zur Geltung. Wo Überlegung und Klugheit erscheinen, da einen sie sich mit großer Heuchelei. Wo unter Blutsverwandten kein Friede mehr ist, da predigt man dann Liebe und Familiensinn. Wo Aufruhr das Land regiert, wird gehorsam und Treue gepriesen.« (Daodejing, Absatz 18.)

Ich hatte bereits Artikel über die Genesis verfasst, in wie weit dort überhaupt steht, dass Eva aus Adams Rippe erschaffen wurde. Das ist natürlich völliger Unsinn, vom Patriarchat zusammengesponnen! (Siehe auch hier.) Nun also ein weiterer Artikel.

Die Natur der Natur

Ausgerechnet DER SPIEGEL schrieb in dieser Woche den ehrlichsten Satz des Jahres. Da steht tatsächlich: „[Es] müsste später in diesem Jahrhundert wohl in großem Stil CO2 aus der Atomsphäre entfernt werden. Neben dem Einsatz technischer Geräte könnte das MASSENWEISE Anpflanzen von Bäumen eine Rolle spielen.“ Der letzte Satz fasst alles zusammen. Die Natur ist scheißegal, sie wird nur gebraucht, damit wir atmen können, die Städte nicht absaufen, die Felder nicht verwüsten. Mit der gleichen absurden Logik, – viel hilf viel! und alles hat seinen Zweck und Preis -, die alles gegen die Wand gefahren hat, soll nun die Welt gerettet werden. Das kann nicht funktionieren, wir erschaffen damit keine Natur, sondern einfach nur das nächste komplexe Problem fürs Hirn. Wir retten damit keine Natur, noch retten wir unsere eigene Natur. Wo der Mensch mit seiner künstlichen Logik die Finger im Spiel hat, ist die Natur keine Natur mehr. Genau das ist die Lektion, vielleicht begreifen wir sie in nie. Wir können die Natur nicht retten, sie pfeift auf unsere Vorstellungen; wir können nur aufhören sie zu beherrschen und zu zerstören. Sonst blüht sie halt woanders und ohne uns weiter.

Mehr dazu im neuen Buch, „Finde dich selbst…“, Kapitel 7, Die Natur der Natur

Quelle: SPIEGEL Online, 17. July 2019, https://bit.ly/2LpHPE7