Die ersten freien Frauen (3)

„Hast du deinen Leib und dein Antlitz
nun mit genug anderen Körpern
und Gesichtern verglichen?
Dann erkenne den Körper als das,
was er tatsächlich nur ist:
Vergänglichkeit bis zum Verfaulen;
nur ein Fahrzeug für deine Reise.
Reinige stattdessen deinen Geist,
verweile im Formlosen und Zeitlosen.
Hast du alle Formen, Erscheinungen
und deinen falschen Stolz
erst einmal durchdrungen,
dann erreichst du das Ziel
und wirst deinen Frieden finden.“


– Verse der buddhistischen Nonne Abhirūpanandā
„Über die Schönheit“

(ca. 500 v. Chr.; Therigatha 19ff., Sutta Pitaka, Pali Kanon)

Übertragen ins Deutsche: Janice Jakait

“Āturaṃ asuciṃ pūtiṃ, passa nande samussayaṃ; Asubhāya cittaṃ bhāvehi, ekaggaṃ susamāhitaṃ. Animittañca bhāvehi, mānānusayamujjaha; Tato mānābhisamayā, upasantā carissasī. Itthaṃ sudaṃ bhagavā abhirūpanandaṃ sikkhamānaṃ imāhi gāthāhi abhiṇhaṃ ovadatīti.“

Die ersten freien Frauen (2)

„Haus und Hof hatte ich verlassen;
Kind und Ochsen ließ ich zurück.
Doch noch immer wurde ich verfolgt,
von den Schatten meiner Vergangenheit.
Mich selbst zog ich, wie einen Pflug,
hinter mir her!
Dann gab ich es auf,
alles Urteilen und Abwägen,
jedes Für und Wider,
und so auch das Verdrängen.
Ich riss jegliches Verlangen,
und gleichsam alle Abneigung,
mit der Wurzel aus;
tat einfach den nächsten Schritt.
Da war ich frei.“

– Die Verse der Nonne Sanghā
(ca. 500 v. Chr., Therigatha, 1.18, Sutta Pitaka, Pali Kanon)

Übertragen ins Deutsche: Janice Jakait


(“Hitvā ghare pabbajitvā, hitvā puttaṃ pasuṃ piyaṃ; Hitvā rāgañca dosañca, avijjañca virājiya; Samūlaṃ taṇhamabbuyha, upasantāmhi nibbutā“. (Saṅghā therī, Saṅghātherīgāthā))

Die ersten freien Frauen (5)

„Als ich nach meiner Meditation
vom Gipfel des Berges¹ hinabstieg,
sah ich am Flussufer einen Elefanten,
der gerade nach einem Bad
freudig aus den Fluten stieg.

Der Mahut² ergriff eine Stange
und forderte seinen Elefanten auf,
ihm den Fuß hinzuhalten,
auf dass er auf seinen Rücken
steigen konnte.

Wo ich diese wilde Kreatur
am Ufer so gezähmt erblickte,
der Macht und Kontrolle
eines Menschen unterworfen,
da ward mein Geist ganz klar:
DARUM bin ich in den Wald gezogen!“

– Verse der buddhistischen Nonne Dantikā
(ca. 100 v. Chr.; Therigatha 48ff., Sutta Pitaka, Pali Kanon)

¹) Gijjhakūta / Vulture Peak
²) Mahut / Mahout / Elefantenführer


Übertragen ins Deutsche: Janice Jakait

(Divāvihārā nikkhamma, gijjhakūṭamhi pabbate; Nāgaṃ ogāhamuttiṇṇaṃ, nadītīramhi addasaṃ. Puriso aṅkusamādāya, ‘dehi pāda’nti yācati; Nāgo pasārayī pādaṃ, puriso nāgamāruhi. Disvā adantaṃ damitaṃ, manussānaṃ vasaṃ gataṃ; Tato cittaṃ samādhesiṃ, khalu tāya vanaṃ gatā … . Dantikā therī)

Xinggang und Jixing

Das Gedicht der Chan-Nonne Xinggang

Die Almosenschale

„Wie höchst elegant sie doch ist,
ohne auch nur einen Riss oder ein Loch!
Wenn ich durstig bin, trinke ich daraus;
wenn ich hungrig bin, esse ich daraus;
kein Krumen bleibt darin zurück.
Mir ist klar: sobald sie gespült ist,
ist nichts weiter zu erledigen;
aber wie viele verlorene Seelen
doch darauf bestehen würden,
ihr einen Henkel zu verpassen.“

(17. Jh., späte Ming-Dynastie; Übersetzung Jeanne)

– – – – – – – – –

Das Gedicht der Chan-Nonne Jixing

„All jene, die nach Erleuchtung streben,
ich dränge euch, es gibt keine Zeit zu verlieren.
Um die Erleuchtung zu erlangen,
gilt es sich dafür ganz aufzuopfern,
denn ist der Geist nicht absolut wahrhaftig,
wirst du dich ewig in der bitteren See¹ wälzen.
Gewiss, die Welt ist weit und grenzenlos,
und zahllos sind die empfindsamen Menschen,
doch, wie wenigen steht der Sinn schon danach,
aus der Bitterkeit Samsaras¹ zu springen.“

(frühe Ming-Dynastie; Übersetzung Jeanne)

Anmerkungen:
¹) … des Leidenkreislaufs des Entstehens und Vegehens

Das Gedicht der Benming

Weißt du denn nicht,
dass Leiden und Beschwerden
nichts anderes sind als Weisheit;
dass es aber eine große Torheit ist,
sich darin zu verlieren?
Wenn sie erscheinen und dahinschmelzen,
dann denke daran, dass der Sperber
durch das ganze Reich Silla¹ fliegt,
ohne dass auch nur
ein einziger Mensch Notiz davon nimmt.
Weißt du denn nicht,
dass Leiden und Beschwerden
nichts anderes sind als Weisheit;
und dass die reinsten Blüten²
im Morast erblühen?
Wenn jemand käme, um mich zu fragen,
was ich hier eigentlich tue:
Ich esse meine Grütze und meinen Reis,
dann wasche ich meine Schüssel aus.
Das ist alles!³
Also mach dir keine Sorgen!
Mach dir um nichts Gedanken!
Du magst den ganzen langen Tag
wie ein naives Kind im Sand spielen,⁴
doch du musst dir stets dabei
deiner wahren Natur bewusstbleiben.⁵
Wenn du unter den Stockschlägen
eines großen Meisters leidest:
nun, wenn du etwas zu erwidern hast,
zerbricht dich der Schlag,
und wenn du nichts zu erwidern weisst,
so zerbricht er dich ebenfalls.
Was kannst du am Ende schon tun,
wenn dir eine Reise in der Nacht untersagt ist,
du aber zum Sonnenaufgang da sein musst.⁶

(Verfasst von der Chan-Nonne Benming (Daoren Mingshi), Song Dynastie, 12. Jh;

übersetzt ins Deutsche: J. Jakait)

Anmerkungen:

¹) Königreich Silla, heute Korea ( 57 v.Chr. – 935 n.Chr.)
²) Gemeint sind natürlich Lotusblüten
³) Bezieht sich auf berühmten Diskurs von Zhaozhao (Koan)
⁴) Sie bezieht sich auf das Lotus-Sutra: „Jungen die aus Sand bauen“

⁵) ex. „Wahres Gesicht“ = Buddha-Natur; das Erschauen bedeutet: Erleuchtung.
⁶) Nachtreisen waren in der Song-Dynastie verboten, beliebtes Chan-Motiv für ein Paradox.

Auf der Suche

Wiege dich nicht zu lange
im vergänglichen Glück;
wähne dich niemals
wirklich darin geborgen.
Wohl an, koste davon,
doch meine nicht,
jemals satt zu werden.
Letztlich geht ein jeder
am Hunger zugrunde,
der sein Herz nicht
mit dem ewigen Geist
der Wahrhaftigkeit füllt;
und ebendieser Geist wohnt
dem Vergänglichem nicht inne.
So bleibe stets hungrig,
auf der Suche
nach Weisheit und Freiheit,
nach Gott;
und so wird sich
dein Herz bald erfüllen,
Tropfen um Tropfen,
bis es dann überläuft. -jj.

Milarepas Gesang …

… von den zwölf Täuschungen.

aus: „Die hunderttausend Gesänge des Milarepa

• Erregungen und Ablenkungen sind Illusionen,
also meditiere ich ausschließlich über die nicht-duale Wahrheit.

• Die Menschen trügen und täuschen, selbst Gefährten und Diener,
und so ziehe ich es vor, in der Einsamkeit zu weilen.

• Geld und materieller Besitz lenken nur vom Wesentlichen ab,
wenn ich sie erlange, dann gebe ich sie umgehend weiter.

• Alle Erscheinungen der Außenwelt sind letztlich Täuschungen,
allein der innere Geist bekommt meine ganze Aufmerksamkeit.

• Wandernde Gedanken zerstreuen und verwirren den Geist nur,
also beschreite ich den Weg der Weisheit.

• Ausgedacht sind die „Wahrheiten“ über den Sinn und Zweck aller Dinge,
die letzte Wahrheit ist die, über die ich meditiere.

• Mit schwarzer Tinte geschriebene Bücher führen alle in die Irre,
ich kontempliere einzig über die mündlichen Überlieferungen der Meister.

• Auch in Worten und Sprüchen findet sich keine Wahrheit,
in der Sille halte ich meinen Geist im mühelosen, bedingungslosen Zustand.

• Selbst Geburt und Tod sind lediglich Illusionen,
ich beobachte aber die Wahrheiten des Nicht-Entstehens und der Leere aller Dinge.

• Der gemeine Verstand ist in jeder Hinsicht verwirrt,
und so übe ich mich darin, wie man ein ungetrübtes Bewusstsein behält.

• Der Versuch, den Geist zu kontrollieren, führt an kein Ziel,
und so ruhe ich ganz in der Wirklichkeit… und bin einfach still.

Übersetzt ins Deutsche: J. Jakait

Eines Tages …

Eines Tages, wenn du lange genug dieses Spiel mitgespielt hast, wirst du womöglich aufschrecken und erwachen. Jedenfalls mit ganz viel Glück, wenn du dann noch nicht vollständig geistig erodiert und emotional degeneriert bist, dem Altersstarrsinn verfallen oder gar mit Demenz oder Alzheimer in einem Altenheim vorm Fernsehapparat dahinwelkst. Dann wirst du noch rechtzeitig begreifen, dass es diesem System nie um dein Leben oder auch nur um dein Glück ging. Wie auch, es kannte und fühlte dich nicht persönlich, noch deine dir nahen Menschen, – es handelte sich lediglich um ein geistiges Konstrukt, um Ideen, Berechnungen, Regeln, Gebote und Hoffnungen, – um eine Fata Morgana also, die nur in den Köpfen vieler Menschen existierte, und die sie zu verwirklichen strebten. Und kaum einer kannte und fühlte wirklich einen anderen mehr im Herzen, je mehr er sich als Teil und Sprössling dieses Systems begriff. Du solltest einfach produktiv sein, das waren die Regeln, nicht hungrig, aber auch nie zu satt, – immer eine Karotte vor der Nase noch, und stets gut unterhalten, das war alles. „Never change a running system“, und solange du noch mitlaufen kannst, ist doch alles gut, oder? Die anderen, denen das nicht mehr gelingt, um die kümmert sich schon jemand.
 
Für den Staat, den du mit deinem Treuglauben mitermächtigst, bist du lediglich eine Zahl, und stets eine andere, in stets neuen Statistiken. Die letzte Statistik, in der man dich „finden“ wird, wird eine Statistik über deine Todesumstände sein. Herz-Kreislauf, Krebs, Unfall, Schlaganfall, Corona… irgendwo darin wird man dich dann finden, als eine Nummer, als 0,00000…1 prozentiger Anteil in irgendeiner Spalte. Noch für dein Grab wird dann einer bezahlen müssen, und vielleicht noch für den Nachruf in irgendeinem Käseblatt, dass man sich erinnert, dass es dich wirklich gab. Mehr ist nicht, das wars. Was bleibt, ist einzig die Trauer derer, die dir wirklich „begegnet sind“ und die dich in ihr Herz geschlossen hatten – aber wie nah waren sie dir am Ende tatsächlich noch?
 
Wärest du schwer erkrankt, und wären nur genug andere ebenfalls betroffen, würde gegebenenfalls wiederum nur eine Zahl, nämlich dein Alter, darüber bestimmen, ob und wie du medizinisch behandelt würdest. So wie auch im Kriegsfall die gleiche Zahl darüber entscheiden würde, ob du an die Front marschierst oder in die Produktion von Panzern; ob dich ein Feldwebel antreibt oder eben ein Fabrikant. Das ließe sich beliebig fortdenken. Du wirst zum Helden und unersetzlichen Menschen stilisiert; in ausschweifenden, grundsätzlichen Gesetzestexten wird auch noch deine Würde abgehandelt. Und weil es dann da steht, muss es auch wahr sein. Und du bist frei, steht da, so lange jedenfalls, wie dir glückliche Umstände dieses Privileg hier gewähren können.
 
Doch du bleibst nur ein kleiner Bauer auf einem Schachbrett mit vielen Millionen Feldern; und jedes bekommt seine Grenzen und Koordinaten. Und selbst wenn du dich als König oder Königin wähnen darfst und sollst, wir sind alle nur Bauern. In jedem ideologischen System, Paradigma und Weltbild, das nur souverän und wahrhaftig genug erscheint, weil genügend Menschen daran glauben, gerät das Individuum schnell nur noch zur Person und Persönlichkeit … zum Namen und Status also, zur Nummer, zum Bildungs- und Karriereweg, zur Aufgabe, zum Modestil, Kontostand und Grundbucheintrag … zum reinen Ding im Kopf also. Und ständig ist dieses Ding auf der Suche nach wirklicher Identität und Erfüllung durch Vergleich mit der Gruppe und durch ihre Bestätigung.
 
Aber alles im Kopf ist leer, abstrakte Gedanken können kein lebendiges Wesen mit schlagendem Herzen erfüllen. Dann ist man zwar wer, auf dem Papier jedenfalls, wenn man viel von dem weiß, was als wahr gilt, oder wenn man viel besitzt von dem, was man als wertvoll bemisst … oder wenigstens viel davon „verdient“. Doch keiner besitzt hier etwas, es ist alles nur auf Lebenszeit geborgt. Besitz und Wissen sind Kopfgeburten, mehr nicht. Und der Mensch allein macht das Gold zum Gold und den Dreck zum Dreck. Die Natur, und so auch die wahre Natur des Menschen, weiß solcherlei Unterschiede und Urteile nicht. Und wo einem Kind noch Murmeln aus Glas reichen, um zu staunen, so reicht ihm später kein Edelstein mehr, je länger es das Spiel der Erwachsenen spielt. Am Ende ist sich der Mensch selbst nie genug.
 
Gold und Diamanten sind selten, also werden sie auch noch weggeschlossen, damit sie noch seltener und damit vermeintlich kostbarer und begehrenswerter werden. Was für eine irrige Logik, die auch noch als vernünftig gilt! Wer hinterfragt dieses Paradigma schon? Doch was ist mit diesem Augenblick jetzt? Er ist einmalig und schon gleich für immer verloren, wie kostbar ist der? Und was ist mit dir selbst? Weder Gold noch Diamanten haben dich als Kind interessiert, bis du in Filmen und Büchern über ihren „Wert“ erfahren hast, dann wurde es auch deiner. Und so vollzog es sich mit den meisten Werten, an die du nun vielleicht glaubst, sie entsprangen irgendwelchen Märchen. Nur ab dem 7. Lebensjahr stand es nicht mehr explizit auf den Buchdeckeln und Filmplakaten. Und so gerät das ganze Leben dann zum Märchen, zur Geschichte im Kopf; die eine wird Beauty-Prinzessin und träumt von ihrem Prinzen und der romantischen Liebe, der andere jagt als Banker das Geld, wie Indiana Jones einst den heiligen Gral, – bis irgendwann dann doch die Realität anklopft und das Erwachen droht. Aber wer will das schon? Weiterträumen!, um jeden Preis, sonst wäre ja alles verloren und umsonst gewesen, das meint man jedenfalls.
 
Je mehr man sich einem System unterordnet, sich dessen Ideologie und Wahrheiten unterwirft, desto mehr verkauft man mit Treuglauben seine Seele; und vor allem Kinder glauben doch alles in ihrem noch unerschüttertem Vertrauen, bis es dann ihre Wahrheit wird, wo sie es nur oft genug erfahren. Und je mehr Macht dieses System hat, je mehr Menschen daran glauben, desto effizienter wird es darin, lebendige Individuen zu folgsamen Persönlichkeiten zu formen, die stets nach noch mehr von diesem System rufen. Und je früher man sie formt, desto weniger werden sie ihre Existenz jemals hinterfragen; sie scheint alternativlos, und in ihren Köpfen wiederholen sie unentwegt, was sie im Herzen kaum mehr spüren: „Das Leben ist kostbar! Wir sind frei!“ Und das lehren sie dann ihren Kindern weiter, auf dass sie es ihnen gleichtun.
 
Doch hast du jemals bedacht: Wird ein Kind in einen Kerker hineingeboren, so ist der Rahmen der Freiheit, der ihm darin gewährt wird, doch alle Freiheit, die es kennt. Es muss die ganze Freiheit sein! Und solange es nicht wenigstens aus dem Fenster schauen kann und die Vögel singen hört, solange wird es sich frei wähnen. Und wo es sich sorgt und fürchtet, da wird es noch bereit sein, diese Freiheit weiter zu Gunsten der Sicherheit einzuschränken. Gleichsam den Gefangenen in Platons Höhlengleichnis¹ wird sich ein Mensch, der nur die Schatten in seiner Höhle kennt, sogar vor der Sonne und dem blauen Himmel fürchten oder sie wenigstens als Unsinn abtun.
 
Jeder Mensch der in Ketten geboren ist wird sich frei wähnen, ganz gleich ob die Ketten sich um seine Glieder schlingen oder durch seinen Kopf ziehen. Am Ende braucht es nicht einmal mehr Aufseher, dann legen sich alle freiwillig und gegenseitig an die Ketten, und wo der eine daran zieht, um etwas weiter gehen zu können, da wird die Kette eines anderen umso kürzer. Das beschreibt längst die Welt im Ganzen. Damit die einen zum Beispiel im Überfluss alles aus der Welt auf ihren Tellern haben können, müssen zehn Millionen andere Menschen jedes Jahr an den Folgen von Hunger sterben; das ließe sich endlos fortführen und diese Freiheit kann doch nur mit Scheuklappen zu „genießen“ sein. Alle Menschen auf diesem Planeten sind aneinandergekettet, Freiheit und Erfüllung haben nun immer einen Preis, nichts ist umsonst; du musst dich bemühen, es dir verdienen, das machst du doch schon dein ganzes Leben lang, spätestens seit der ersten Klassenarbeit. Aus Erfüllung wurde Erfolg, aus Freiheit ein Privileg. Und die Regel ist ganz einfach:
 
Sind deine Ketten nur lang genug, und reichen sie bis zum Fenster, dann stell dich davor, damit auch die anderen nicht hinausschauen und hinaushören können … lass lieber dich anhimmeln und dir zuhören, als dass sie wieder den Himmel sehen und den Vögeln lauschen! Denn wirst du erst einmal angehimmelt, dann „bist du jemand“, obgleich du nur bist wie alle anderen, in Ketten. Du wirst deinen Fensterplatz mit Leib und Leben verfechten, und meinst du nur genug Macht zu haben, in deiner Ohnmacht, und wohnt dir zu wenig Demut inne, wirst auch du Sorge dafür tragen, dass sich jeder dir beugt; dich neidet um dein Wissen und Haben. Das ist die Regel. Nur hinausschauen aus dem Fenster, das solltest du besser nie. Einen wirklich Schuldigen zu suchen, ist allerdings vergebliche Mühe; es gibt die, ohne Bewusstsein, die die sich besser zu bereichern wissen, und die, auch ohne Bewusstsein, an denen man sich bereichert. Es will halt keiner unten liegen, in Armut und Leid, verständlich, doch wirklich „oben“, in seiner wahren Größe ruhend, steht so gewiss keiner.
 
Was ebenfalls in jedem Gefängnis zu beobachten ist, ist die Bildung von Gruppen. Man schließt sich aus ganz pragmatischen Gründen zusammen, weil es eben passt, schlimmstenfalls zu Gangs und Banden. Alle diese Gruppen sind dem gleichen System unterworfen, doch sie wähnen sich in der Gemeinschaft als eigene Macht, als Andersdenkende, als eigene Welt. Und keine Persönlichkeit kann ohne eine andere sein, ohne Status, Aufmerksamkeit und Bestätigung. Die innere Leere des Menschen braucht einen ständigen Zufluss von außen, wehe er bleibt aus! Dann wird die unerfüllbare Lust zum Treiber.
 
Und das ist dann auch alles was ich zur aktuellen Krise schreiben möchte. Kaum einer erblickt wirklich mehr den Himmel, lauscht den Vögeln und lässt sich berühren, die Meisten ziehen nur an ihren Ketten. Und Gruppen bilden sich: Befürworter der aktuellen Politik und auch Kritiker, die immer wütender werden, weil man zu sehr an ihren Ketten zieht. Und jede Partei sucht sich seine Anführer und Gurus, seine Sprachrohre. Die stellt man dann vors Fenster. Und das Fenster interessiert keinen mehr, wenn nur alle aufgebracht genug sind und … sich bestenfalls noch fürchten. Das bringt wieder alle auf Linie, auf die eine oder auf die andere; doch sie verlaufen beide in die ewiggleiche Richtung.
 
Nur was geschieht, wenn zum Beispiel Impfgegnern erstmal die Nadel auf den Arm gesetzt wird, zwangsweise!? Schlimmstenfalls bricht sich ihr Zorn dann frei, doch erzürnen sie sich über das Falsche. Als sich die Kommunisten mit den Nazis vor der Machtergreifung in den Straßen metzelten, einem Bürgerkrieg gleich, da entlud sich doch nur der gleiche Zorn: die Ketten zu kurz, die Falschen vorm Fenster. Dank der Hyper-Realität² des Informationszeitalters, die realer und bunter als die Wirklichkeit erscheinen will und die Menschen mit abstrakten Informationen und Urteilen überflutet, und Dank dem Meta-System der Globalisierung, das dem Individuum jeden gesunden und überschaubaren Maßstab raubt, irgendwann, irgendwo, in irgendeinem Land stehen sie dann wieder auf den Straßen, und dann greift es erneut um sich, wie ein Flächenbrand.
 
Der Mensch verliert in jedem System, das zu einflussreich wird, seine Seele. Als Ersatz erhält er den Glauben daran, dass dem nichts so sei. Dann wird er schon als Kind in Klassenzimmern konditioniert und auf Linie gebügelt, so wie die Soldaten in Kasernen. Wenn es klingelt sitzen und stehen alle in Reih und Glied. Wahr ist, was vorgesagt wird, bestraft wird jedes Andersdenken. Wer sich wenigstens müht, der wird belohnt.
 
In allem was der Mensch zur Erfüllung sucht, sucht er am Ende doch immer nur sich selbst. Und wenn er sich nicht selbst begegnet, kann er auch keinen anderen wirklich erkennen, als das, was er ist, hinter all den Masken und Rollen der Persönlichkeit. Etymologisch leitet sich das Wort „Person“ übrigens vom lateinischen Wort persōna her, welches so viel wie: „Maske des Schauspielers“ bzw. „Bühnenrolle“ bedeutet. Würden sich die Menschen wirklich selbst erkennen, sie würden sich auch im anderen begegnen. Was für eine Welt das wäre! Wahrhaftigkeit statt Heuchelei, Mitgefühl statt Moral, Tugendhaftigkeit statt Regeln, Vertrauen statt Sicherheit, Liebe statt Angst.
 
Sich finden kann der Mensch aber bestenfalls noch unter Menschen, die ihm wirklich nahe sind, die sich im ebenfalls öffnen. Werden diese bedingungslosen Gemeinschaften aber abstrakten Konzepten von Gesellschaften und BeZIEHungen geopfert, die eher einem Handel gleichen, aus denen alle möglichst Vorteile und Sicherheiten schlagen können, da werden aus Menschen bald nur noch Maschinen, deren Köpfe man beliebig programmieren kann. Dann finden sie selbst gut, was andere gut finden; dann wähnen sie wahr, was andere als die Wahrheit wähnen. Und vor allem: dann verfechten sie ihre Lebensumstände um jeden Preis und preisen sich bzw. ihr (Glaubens-)System als alternativlos an.
 
Doch nichts ist der Wahrheit ferner als das! Nie ist der Mensch sich selbst, und damit seinem göttlichen Kern, seiner wahren Weisheit und Freiheit ferner als da. Und wäre den Menschen nur der unfassbare Preis bewusst, den sie für ihre vermeintlichen Freiheiten und Sicherheiten hier bezahlen, sie würden sich geeint erheben … erheben gegen die Herrschaft der Angst und der Vernunft des Denkens allein. Ganz gleich was sie sonst noch alles so meinen und besitzen. Ein jeder, der nach mehr Staat, nach mehr Religion oder jedwedem anderen System schreit, der schreit immer auch nach mehr Vernunft und Regeln und damit nach weniger Tugend und Menschennatur, was in einem Teufelskreis enden kann. Zumindest bewusst sollte das jedem sein, damit man gründlich abwägen kann.
 
Finde dich selbst, und finde damit die anderen³! Keine Ideologie kann dir jemals zeigen, wer du wirklich bist und wofür das Wort Gott wahrhaftig steht. Und kein erdachtes System, ja, kein noch so großer Gedanke kann uns so begegnen, wie wir es verdienen … als unvorstellbares Wunder. Also, habe Mut dich wieder deines eigenen Herzens und deiner wahren Freiheit zu bedienen! – jj.
 
via: https://www.jakait.com/2020/05/eines-tages/
 
¹) „Höhlengleichnis“, s. Platon, Dialogs Politeía, 7. Buch
²) „Hyperreal“, s. Baudrillard, Jean, „Simulacres et Simulation“, Paris, 1981
³) „Liebe deinen Nächsten … aber warum?“: https://bit.ly/3feOYCH

Das Unvermeidliche

Sie irrten hin, sie irrten her,
jeder wusste, und wusste bald mehr.
Was gestern war, und was wird morgen,
das waren ihre Alltagssorgen.
Im Augenblick ganz taub und blind,
„Vernunft“ tauften sie das arme Kind,
und „Planung“ hieß fortan ihr Irren,
Macht und Kontrolle, ihr Verwirren.
Doch gar nichts hatten sie begriffen,
wie sie sich auch die Dinge schliffen,
eins beschwiegen sie gekonnt:
den Abgrund jäh am Horizont.
Wo sie auch nur in Pfützen traten,
griffen sie sogleich zum Spaten,
um alles wieder glatt zu streichen,
und nichts wirklich damit zu erreichen;
unvermeidlich und mit voller Wucht,
fiel bald ein jeder in die Schlucht.
Nur wog es dann tausendmal mehr,
all das Irren hin und her;
was sie zur Antwort auch erkoren,
ob wahr, ob falsch, alles verloren!
Wenn sie doch früher nur erkannt,
als der Zweifel zog durchs Land,
dass letztlich die Enttäuschung siegt,
über jeden, der sich im Sichren wiegt.
Ach, hätten sie sich nur gefragt,
woran der Zahn des Zweifels nagt;
hätten sie sich doch besonnen,
dem Abgrund wären sie entronnen.
Wer nicht in Demut still vertraut,
der selbst ist nur auf Sand gebaut,
hat doch die ganze Menschenmacht,
einen jeden noch ins Grab gebracht.
Was ewig bleibt, wer könnts verstehen,
man mags nur mit dem Herzen sehn;
nicht zu zwingen, nicht zu treiben,
kein Geist kann es sich einverleiben.
Man kommt nicht hin, es ruht um einen,
ruht auch in uns, muss nicht erscheinen.
Was auch erscheint, das bald vergeht,
wahrlich frei, wer das versteht.