Auf der Suche

Wiege dich nicht zu lange
im vergänglichen Glück;
wähne dich niemals
wirklich darin geborgen.
Wohl an, koste davon,
doch meine nicht,
jemals satt zu werden.
Letztlich geht ein jeder
am Hunger zugrunde,
der sein Herz nicht
mit dem ewigen Geist
der Wahrhaftigkeit füllt;
und ebendieser Geist wohnt
dem Vergänglichem nicht inne.
So bleibe stets hungrig,
auf der Suche
nach Weisheit und Freiheit,
nach Gott;
und so wird sich
dein Herz bald erfüllen,
Tropfen um Tropfen,
bis es dann überläuft. -jj.

Milarepas Gesang …

… von den zwölf Täuschungen.

aus: „Die hunderttausend Gesänge des Milarepa

• Erregungen und Ablenkungen sind Illusionen,
also meditiere ich ausschließlich über die nicht-duale Wahrheit.

• Die Menschen trügen und täuschen, selbst Gefährten und Diener,
und so ziehe ich es vor, in der Einsamkeit zu weilen.

• Geld und materieller Besitz lenken nur vom Wesentlichen ab,
wenn ich sie erlange, dann gebe ich sie umgehend weiter.

• Alle Erscheinungen der Außenwelt sind letztlich Täuschungen,
allein der innere Geist bekommt meine ganze Aufmerksamkeit.

• Wandernde Gedanken zerstreuen und verwirren den Geist nur,
also beschreite ich den Weg der Weisheit.

• Ausgedacht sind die „Wahrheiten“ über den Sinn und Zweck aller Dinge,
die letzte Wahrheit ist die, über die ich meditiere.

• Mit schwarzer Tinte geschriebene Bücher führen alle in die Irre,
ich kontempliere einzig über die mündlichen Überlieferungen der Meister.

• Auch in Worten und Sprüchen findet sich keine Wahrheit,
in der Sille halte ich meinen Geist im mühelosen, bedingungslosen Zustand.

• Selbst Geburt und Tod sind lediglich Illusionen,
ich beobachte aber die Wahrheiten des Nicht-Entstehens und der Leere aller Dinge.

• Der gemeine Verstand ist in jeder Hinsicht verwirrt,
und so übe ich mich darin, wie man ein ungetrübtes Bewusstsein behält.

• Der Versuch, den Geist zu kontrollieren, führt an kein Ziel,
und so ruhe ich ganz in der Wirklichkeit… und bin einfach still.

Übersetzt ins Deutsche: J. Jakait

Eines Tages …

Eines Tages, wenn du lange genug dieses Spiel mitgespielt hast, wirst du womöglich aufschrecken und erwachen. Jedenfalls mit ganz viel Glück, wenn du dann noch nicht vollständig geistig erodiert und emotional degeneriert bist, dem Altersstarrsinn verfallen oder gar mit Demenz oder Alzheimer in einem Altenheim vorm Fernsehapparat dahinwelkst. Dann wirst du noch rechtzeitig begreifen, dass es diesem System nie um dein Leben oder auch nur um dein Glück ging. Wie auch, es kannte und fühlte dich nicht persönlich, noch deine dir nahen Menschen, – es handelte sich lediglich um ein geistiges Konstrukt, um Ideen, Berechnungen, Regeln, Gebote und Hoffnungen, – um eine Fata Morgana also, die nur in den Köpfen vieler Menschen existierte, und die sie zu verwirklichen strebten. Und kaum einer kannte und fühlte wirklich einen anderen mehr im Herzen, je mehr er sich als Teil und Sprössling dieses Systems begriff. Du solltest einfach produktiv sein, das waren die Regeln, nicht hungrig, aber auch nie zu satt, – immer eine Karotte vor der Nase noch, und stets gut unterhalten, das war alles. „Never change a running system“, und solange du noch mitlaufen kannst, ist doch alles gut, oder? Die anderen, denen das nicht mehr gelingt, um die kümmert sich schon jemand.
 
Für den Staat, den du mit deinem Treuglauben mitermächtigst, bist du lediglich eine Zahl, und stets eine andere, in stets neuen Statistiken. Die letzte Statistik, in der man dich „finden“ wird, wird eine Statistik über deine Todesumstände sein. Herz-Kreislauf, Krebs, Unfall, Schlaganfall, Corona… irgendwo darin wird man dich dann finden, als eine Nummer, als 0,00000…1 prozentiger Anteil in irgendeiner Spalte. Noch für dein Grab wird dann einer bezahlen müssen, und vielleicht noch für den Nachruf in irgendeinem Käseblatt, dass man sich erinnert, dass es dich wirklich gab. Mehr ist nicht, das wars. Was bleibt, ist einzig die Trauer derer, die dir wirklich „begegnet sind“ und die dich in ihr Herz geschlossen hatten – aber wie nah waren sie dir am Ende tatsächlich noch?
 
Wärest du schwer erkrankt, und wären nur genug andere ebenfalls betroffen, würde gegebenenfalls wiederum nur eine Zahl, nämlich dein Alter, darüber bestimmen, ob und wie du medizinisch behandelt würdest. So wie auch im Kriegsfall die gleiche Zahl darüber entscheiden würde, ob du an die Front marschierst oder in die Produktion von Panzern; ob dich ein Feldwebel antreibt oder eben ein Fabrikant. Das ließe sich beliebig fortdenken. Du wirst zum Helden und unersetzlichen Menschen stilisiert; in ausschweifenden, grundsätzlichen Gesetzestexten wird auch noch deine Würde abgehandelt. Und weil es dann da steht, muss es auch wahr sein. Und du bist frei, steht da, so lange jedenfalls, wie dir glückliche Umstände dieses Privileg hier gewähren können.
 
Doch du bleibst nur ein kleiner Bauer auf einem Schachbrett mit vielen Millionen Feldern; und jedes bekommt seine Grenzen und Koordinaten. Und selbst wenn du dich als König oder Königin wähnen darfst und sollst, wir sind alle nur Bauern. In jedem ideologischen System, Paradigma und Weltbild, das nur souverän und wahrhaftig genug erscheint, weil genügend Menschen daran glauben, gerät das Individuum schnell nur noch zur Person und Persönlichkeit … zum Namen und Status also, zur Nummer, zum Bildungs- und Karriereweg, zur Aufgabe, zum Modestil, Kontostand und Grundbucheintrag … zum reinen Ding im Kopf also. Und ständig ist dieses Ding auf der Suche nach wirklicher Identität und Erfüllung durch Vergleich mit der Gruppe und durch ihre Bestätigung.
 
Aber alles im Kopf ist leer, abstrakte Gedanken können kein lebendiges Wesen mit schlagendem Herzen erfüllen. Dann ist man zwar wer, auf dem Papier jedenfalls, wenn man viel von dem weiß, was als wahr gilt, oder wenn man viel besitzt von dem, was man als wertvoll bemisst … oder wenigstens viel davon „verdient“. Doch keiner besitzt hier etwas, es ist alles nur auf Lebenszeit geborgt. Besitz und Wissen sind Kopfgeburten, mehr nicht. Und der Mensch allein macht das Gold zum Gold und den Dreck zum Dreck. Die Natur, und so auch die wahre Natur des Menschen, weiß solcherlei Unterschiede und Urteile nicht. Und wo einem Kind noch Murmeln aus Glas reichen, um zu staunen, so reicht ihm später kein Edelstein mehr, je länger es das Spiel der Erwachsenen spielt. Am Ende ist sich der Mensch selbst nie genug.
 
Gold und Diamanten sind selten, also werden sie auch noch weggeschlossen, damit sie noch seltener und damit vermeintlich kostbarer und begehrenswerter werden. Was für eine irrige Logik, die auch noch als vernünftig gilt! Wer hinterfragt dieses Paradigma schon? Doch was ist mit diesem Augenblick jetzt? Er ist einmalig und schon gleich für immer verloren, wie kostbar ist der? Und was ist mit dir selbst? Weder Gold noch Diamanten haben dich als Kind interessiert, bis du in Filmen und Büchern über ihren „Wert“ erfahren hast, dann wurde es auch deiner. Und so vollzog es sich mit den meisten Werten, an die du nun vielleicht glaubst, sie entsprangen irgendwelchen Märchen. Nur ab dem 7. Lebensjahr stand es nicht mehr explizit auf den Buchdeckeln und Filmplakaten. Und so gerät das ganze Leben dann zum Märchen, zur Geschichte im Kopf; die eine wird Beauty-Prinzessin und träumt von ihrem Prinzen und der romantischen Liebe, der andere jagt als Banker das Geld, wie Indiana Jones einst den heiligen Gral, – bis irgendwann dann doch die Realität anklopft und das Erwachen droht. Aber wer will das schon? Weiterträumen!, um jeden Preis, sonst wäre ja alles verloren und umsonst gewesen, das meint man jedenfalls.
 
Je mehr man sich einem System unterordnet, sich dessen Ideologie und Wahrheiten unterwirft, desto mehr verkauft man mit Treuglauben seine Seele; und vor allem Kinder glauben doch alles in ihrem noch unerschüttertem Vertrauen, bis es dann ihre Wahrheit wird, wo sie es nur oft genug erfahren. Und je mehr Macht dieses System hat, je mehr Menschen daran glauben, desto effizienter wird es darin, lebendige Individuen zu folgsamen Persönlichkeiten zu formen, die stets nach noch mehr von diesem System rufen. Und je früher man sie formt, desto weniger werden sie ihre Existenz jemals hinterfragen; sie scheint alternativlos, und in ihren Köpfen wiederholen sie unentwegt, was sie im Herzen kaum mehr spüren: „Das Leben ist kostbar! Wir sind frei!“ Und das lehren sie dann ihren Kindern weiter, auf dass sie es ihnen gleichtun.
 
Doch hast du jemals bedacht: Wird ein Kind in einen Kerker hineingeboren, so ist der Rahmen der Freiheit, der ihm darin gewährt wird, doch alle Freiheit, die es kennt. Es muss die ganze Freiheit sein! Und solange es nicht wenigstens aus dem Fenster schauen kann und die Vögel singen hört, solange wird es sich frei wähnen. Und wo es sich sorgt und fürchtet, da wird es noch bereit sein, diese Freiheit weiter zu Gunsten der Sicherheit einzuschränken. Gleichsam den Gefangenen in Platons Höhlengleichnis¹ wird sich ein Mensch, der nur die Schatten in seiner Höhle kennt, sogar vor der Sonne und dem blauen Himmel fürchten oder sie wenigstens als Unsinn abtun.
 
Jeder Mensch der in Ketten geboren ist wird sich frei wähnen, ganz gleich ob die Ketten sich um seine Glieder schlingen oder durch seinen Kopf ziehen. Am Ende braucht es nicht einmal mehr Aufseher, dann legen sich alle freiwillig und gegenseitig an die Ketten, und wo der eine daran zieht, um etwas weiter gehen zu können, da wird die Kette eines anderen umso kürzer. Das beschreibt längst die Welt im Ganzen. Damit die einen zum Beispiel im Überfluss alles aus der Welt auf ihren Tellern haben können, müssen zehn Millionen andere Menschen jedes Jahr an den Folgen von Hunger sterben; das ließe sich endlos fortführen und diese Freiheit kann doch nur mit Scheuklappen zu „genießen“ sein. Alle Menschen auf diesem Planeten sind aneinandergekettet, Freiheit und Erfüllung haben nun immer einen Preis, nichts ist umsonst; du musst dich bemühen, es dir verdienen, das machst du doch schon dein ganzes Leben lang, spätestens seit der ersten Klassenarbeit. Aus Erfüllung wurde Erfolg, aus Freiheit ein Privileg. Und die Regel ist ganz einfach:
 
Sind deine Ketten nur lang genug, und reichen sie bis zum Fenster, dann stell dich davor, damit auch die anderen nicht hinausschauen und hinaushören können … lass lieber dich anhimmeln und dir zuhören, als dass sie wieder den Himmel sehen und den Vögeln lauschen! Denn wirst du erst einmal angehimmelt, dann „bist du jemand“, obgleich du nur bist wie alle anderen, in Ketten. Du wirst deinen Fensterplatz mit Leib und Leben verfechten, und meinst du nur genug Macht zu haben, in deiner Ohnmacht, und wohnt dir zu wenig Demut inne, wirst auch du Sorge dafür tragen, dass sich jeder dir beugt; dich neidet um dein Wissen und Haben. Das ist die Regel. Nur hinausschauen aus dem Fenster, das solltest du besser nie. Einen wirklich Schuldigen zu suchen, ist allerdings vergebliche Mühe; es gibt die, ohne Bewusstsein, die die sich besser zu bereichern wissen, und die, auch ohne Bewusstsein, an denen man sich bereichert. Es will halt keiner unten liegen, in Armut und Leid, verständlich, doch wirklich „oben“, in seiner wahren Größe ruhend, steht so gewiss keiner.
 
Was ebenfalls in jedem Gefängnis zu beobachten ist, ist die Bildung von Gruppen. Man schließt sich aus ganz pragmatischen Gründen zusammen, weil es eben passt, schlimmstenfalls zu Gangs und Banden. Alle diese Gruppen sind dem gleichen System unterworfen, doch sie wähnen sich in der Gemeinschaft als eigene Macht, als Andersdenkende, als eigene Welt. Und keine Persönlichkeit kann ohne eine andere sein, ohne Status, Aufmerksamkeit und Bestätigung. Die innere Leere des Menschen braucht einen ständigen Zufluss von außen, wehe er bleibt aus! Dann wird die unerfüllbare Lust zum Treiber.
 
Und das ist dann auch alles was ich zur aktuellen Krise schreiben möchte. Kaum einer erblickt wirklich mehr den Himmel, lauscht den Vögeln und lässt sich berühren, die Meisten ziehen nur an ihren Ketten. Und Gruppen bilden sich: Befürworter der aktuellen Politik und auch Kritiker, die immer wütender werden, weil man zu sehr an ihren Ketten zieht. Und jede Partei sucht sich seine Anführer und Gurus, seine Sprachrohre. Die stellt man dann vors Fenster. Und das Fenster interessiert keinen mehr, wenn nur alle aufgebracht genug sind und … sich bestenfalls noch fürchten. Das bringt wieder alle auf Linie, auf die eine oder auf die andere; doch sie verlaufen beide in die ewiggleiche Richtung.
 
Nur was geschieht, wenn zum Beispiel Impfgegnern erstmal die Nadel auf den Arm gesetzt wird, zwangsweise!? Schlimmstenfalls bricht sich ihr Zorn dann frei, doch erzürnen sie sich über das Falsche. Als sich die Kommunisten mit den Nazis vor der Machtergreifung in den Straßen metzelten, einem Bürgerkrieg gleich, da entlud sich doch nur der gleiche Zorn: die Ketten zu kurz, die Falschen vorm Fenster. Dank der Hyper-Realität² des Informationszeitalters, die realer und bunter als die Wirklichkeit erscheinen will und die Menschen mit abstrakten Informationen und Urteilen überflutet, und Dank dem Meta-System der Globalisierung, das dem Individuum jeden gesunden und überschaubaren Maßstab raubt, irgendwann, irgendwo, in irgendeinem Land stehen sie dann wieder auf den Straßen, und dann greift es erneut um sich, wie ein Flächenbrand.
 
Der Mensch verliert in jedem System, das zu einflussreich wird, seine Seele. Als Ersatz erhält er den Glauben daran, dass dem nichts so sei. Dann wird er schon als Kind in Klassenzimmern konditioniert und auf Linie gebügelt, so wie die Soldaten in Kasernen. Wenn es klingelt sitzen und stehen alle in Reih und Glied. Wahr ist, was vorgesagt wird, bestraft wird jedes Andersdenken. Wer sich wenigstens müht, der wird belohnt.
 
In allem was der Mensch zur Erfüllung sucht, sucht er am Ende doch immer nur sich selbst. Und wenn er sich nicht selbst begegnet, kann er auch keinen anderen wirklich erkennen, als das, was er ist, hinter all den Masken und Rollen der Persönlichkeit. Etymologisch leitet sich das Wort „Person“ übrigens vom lateinischen Wort persōna her, welches so viel wie: „Maske des Schauspielers“ bzw. „Bühnenrolle“ bedeutet. Würden sich die Menschen wirklich selbst erkennen, sie würden sich auch im anderen begegnen. Was für eine Welt das wäre! Wahrhaftigkeit statt Heuchelei, Mitgefühl statt Moral, Tugendhaftigkeit statt Regeln, Vertrauen statt Sicherheit, Liebe statt Angst.
 
Sich finden kann der Mensch aber bestenfalls noch unter Menschen, die ihm wirklich nahe sind, die sich im ebenfalls öffnen. Werden diese bedingungslosen Gemeinschaften aber abstrakten Konzepten von Gesellschaften und BeZIEHungen geopfert, die eher einem Handel gleichen, aus denen alle möglichst Vorteile und Sicherheiten schlagen können, da werden aus Menschen bald nur noch Maschinen, deren Köpfe man beliebig programmieren kann. Dann finden sie selbst gut, was andere gut finden; dann wähnen sie wahr, was andere als die Wahrheit wähnen. Und vor allem: dann verfechten sie ihre Lebensumstände um jeden Preis und preisen sich bzw. ihr (Glaubens-)System als alternativlos an.
 
Doch nichts ist der Wahrheit ferner als das! Nie ist der Mensch sich selbst, und damit seinem göttlichen Kern, seiner wahren Weisheit und Freiheit ferner als da. Und wäre den Menschen nur der unfassbare Preis bewusst, den sie für ihre vermeintlichen Freiheiten und Sicherheiten hier bezahlen, sie würden sich geeint erheben … erheben gegen die Herrschaft der Angst und der Vernunft des Denkens allein. Ganz gleich was sie sonst noch alles so meinen und besitzen. Ein jeder, der nach mehr Staat, nach mehr Religion oder jedwedem anderen System schreit, der schreit immer auch nach mehr Vernunft und Regeln und damit nach weniger Tugend und Menschennatur, was in einem Teufelskreis enden kann. Zumindest bewusst sollte das jedem sein, damit man gründlich abwägen kann.
 
Finde dich selbst, und finde damit die anderen³! Keine Ideologie kann dir jemals zeigen, wer du wirklich bist und wofür das Wort Gott wahrhaftig steht. Und kein erdachtes System, ja, kein noch so großer Gedanke kann uns so begegnen, wie wir es verdienen … als unvorstellbares Wunder. Also, habe Mut dich wieder deines eigenen Herzens und deiner wahren Freiheit zu bedienen! – jj.
 
via: https://www.jakait.com/2020/05/eines-tages/
 
¹) „Höhlengleichnis“, s. Platon, Dialogs Politeía, 7. Buch
²) „Hyperreal“, s. Baudrillard, Jean, „Simulacres et Simulation“, Paris, 1981
³) „Liebe deinen Nächsten … aber warum?“: https://bit.ly/3feOYCH

Das Unvermeidliche

Sie irrten hin, sie irrten her,
jeder wusste, und wusste bald mehr.
Was gestern war, und was wird morgen,
das waren ihre Alltagssorgen.
Im Augenblick ganz taub und blind,
„Vernunft“ tauften sie das arme Kind,
und „Planung“ hieß fortan ihr Irren,
Macht und Kontrolle, ihr Verwirren.
Doch gar nichts hatten sie begriffen,
wie sie sich auch die Dinge schliffen,
eins beschwiegen sie gekonnt:
den Abgrund jäh am Horizont.
Wo sie auch nur in Pfützen traten,
griffen sie sogleich zum Spaten,
um alles wieder glatt zu streichen,
und nichts wirklich damit zu erreichen;
unvermeidlich und mit voller Wucht,
fiel bald ein jeder in die Schlucht.
Nur wog es dann tausendmal mehr,
all das Irren hin und her;
was sie zur Antwort auch erkoren,
ob wahr, ob falsch, alles verloren!
Wenn sie doch früher nur erkannt,
als der Zweifel zog durchs Land,
dass letztlich die Enttäuschung siegt,
über jeden, der sich im Sichren wiegt.
Ach, hätten sie sich nur gefragt,
woran der Zahn des Zweifels nagt;
hätten sie sich doch besonnen,
dem Abgrund wären sie entronnen.
Wer nicht in Demut still vertraut,
der selbst ist nur auf Sand gebaut,
hat doch die ganze Menschenmacht,
einen jeden noch ins Grab gebracht.
Was ewig bleibt, wer könnts verstehen,
man mags nur mit dem Herzen sehn;
nicht zu zwingen, nicht zu treiben,
kein Geist kann es sich einverleiben.
Man kommt nicht hin, es ruht um einen,
ruht auch in uns, muss nicht erscheinen.
Was auch erscheint, das bald vergeht,
wahrlich frei, wer das versteht.

Volle Kraft zurück!

Schon bei kleinen Krisen und bei Plagen,
hört man die Massen wieder klagen:
„Ach, früher, was war das ein Glück!“,
mit voller Kraft wolln sie zurück.
Wer das versteht, versteht den Staat,
und warum er seine Bürger hat;
und seine Grenzen und Armeen,
sieht man die Angst, da kann man sehn,
wie die Macht ganz eng die Zügel hält,
ganz so, wie es ihr gefällt.
Bis sich im Volk der Zweifel mehrt,
der treue Bürger aufbegehrt.
Wo die Macht kurz nicht regiert,
wird an die Panik delegiert …
Sie macht die Seelen weiter krank,
baut mehr Spitäler, erntet Dank;
lässt ihre Marionetten höher springen,
und vom großen Fortschritt singen,
von Mitgefühl und Sicherheit,
Politiker im Heuchelkleid.
Ja, im Angesicht drohender Not,
sorgt sich das Volk nur noch ums Brot.
Und so beginnt von vorn das Spiel,
bis alles wieder viel zu viel …
Zu viel zu essen, innere Leere,
zu viele Gedanken, Seelenschwere.
Zu viele Menschen, doch meist allein,
das kann doch nicht das Leben sein?!
Brechen die Familien nicht Entzwei?
Auf den Staat ein Jubbelschrei!
Ach, was meckern diese Reime,
… Kinder-, Pflege-, Altenheime!
So viele Pläne noch, so wenig Sinn,
wo sind nur die Gefühle hin?!
Auch daran muss keiner zerbrechen,
bunt die Welt der Werbeversprechen.
Der Wahn der Menschen ist dabei,
in jedem Überfluss wähnt man sich frei.
Auch im Überfluss an Träumen,
kann man das Leben leicht versäumen.
Und schnell vergessen jedes Klagen,
wenn sie kurz an trockner Rinde nagen,
und sich fürchten, und sich sorgen:
wärs nur wie gestern wieder morgen!
Ganz dienlich auch die Dritte Welt,
die stets erinnert, wie es hier gefällt.
Hier muss es doch großartig sein,
so viele Menschen wolln grad rein!
Und wenn selbst das nicht reicht,
ist die Lösung kinderleicht:
ein Krieg bringt alle wieder auf Spur,
da reicht doch schon die Drohung nur.
So tickt sie runter, die Lebensuhr,
vergessen ist die Mensch-Natur;
vergessen Millionen Hungertote,
Hauptsache wieder Nutella-Brote.


Seltsam verlassen sind die Wälder hier,
im Lidl gibts wohl Klopapier …

Nur ein Finger

Jede Erscheinung ist von einer anderen Erscheinung abhängig, und damit ist alles bedingt und vergänglich. Ganz gleich womit sich unser Bewusstsein auch identifiziert und assoziiert, vergeht es, so vergehen wir ebenso, und wir leiden. Gedanken, Körper, all das und alles in der Welt, und letztlich die Welt selbst, nichts davon kann uns wirklich Halt geben und dauerhaft bestätigen und erfüllen, nichts davon trägt im Kern ein unabhängiges und unbegrenztes Selbst. Diese Aussage ist die Botschaft des Dharma-Siegels, dem gemeinsamen Kern aller buddhistischen Strömungen.

Alles fällt wie Regentropfen hernieder, egal woran wir uns auch klammern, wir befinden uns im freien Fall; richten wir unseren Blick jedoch nur auf die Regentropfen die mit uns herabstürzen, so mag es uns erscheinen, als ob alles still stünde. Das aber ist eine Illusion, ist Ignoranz und ein Ausblenden der Tatsachen.

Ist also alles hoffnungslos?

Absolut und Mitnichten!

Und erst diese ernüchternde Erkenntnis zwingt das Ego in die Knie, sie befreit den Geist von Verblendung und Ignoranz, fügt alles Abgespaltene wieder zusammen, sie löst und befreit das Bewusstsein aus jeder Begrenzung und Verhaftung, und genau darin offenbart sich wieder unsere wahre Natur. Doch kein noch so wacher Geist ist dazu im Stande, sich das unvorstellbare Eine und Ganze vorzustellen, der Geist selbst ist stets nur ein Teil, ist begrenzt, bedingt und assoziiert; jeder Gedanke erschafft sich eine ganz eigene Welt; solange also diese einzige Wahrheit noch nicht im Herzen wohnt, sondern nur im Geist, kann sie bestenfalls ein Finger sein, der auf den Mond zeigt, aber noch nicht der Mond selbst.

Der Geist mit seinen vermeintlichen Wahrheiten erscheint in dem, was wirklich ist; was aber wirklich ist, passt niemals in den Geist hinein; die Wirklichkeit ist nichts als die reine und ungefilterte Erfahrung der gesamten Schöpfung in uns selbst … in Gott, in Allah, in Brahman, im Selbst, im Dao … im eigentlich Namenlosen, von dem sich der Geist kein Bild und keine Vorstellung machen kann. Der Versuch allein schon ist die Garantie, zu scheitern; da mag der Geist auch im Kreis tanzen und inbrünstig davon singen, dass alles eins ist, es hilft nichts – jeder Gedanke ist eine andere Welt. Die Wahrheit wohnt nur in der Stille hinter den Gedanken; keine Erklärung, kein Urteil, keine Assoziation, keine Verhaftung mehr.

Das Diamant-Sutra

Eine spirituelle Strömung oder Religion kann bestenfalls nur eine nützliche Ideologie sein; ein Konglomerat von anschaulichen Konzepten; ein längerer von vielen Fingern, die auf den Mond zeigen, doch niemals selbst der Mond sein können. Alle Lehren gleichen einem mehr oder eben weniger seetüchtigen Floss, mit dem man einen Fluss überqueren kann. Wenn das andere Ufer aber erreicht ist, gilt es dieses Floss zurückzulassen, es hat seinen Dienst getan. Gleich einem Schlüssel, der seinen Zweck erfüllt hat, wo das Schloss erst einmal geöffnet ist, – dann gilt es nicht mehr am Schlüssel festzuhalten, sondern endlich durch die Tür zu gehen.

Genau daran erinnert das Diamant-Sutra, das zu den bedeutsamsten Texten des Mahayana-Buddhismus zählt; und eben darin ermahnt der Buddha in einer Lehrrede, dass auch der Buddha selbst und alle seine Reden und Lehren letztlich zurückgelassen werden müssen, gleich einem Floss, gleich einem Schlüssel, – seine Aufgabe ist dann erfüllt, auch die Verkörperung eines Buddha glich nur einem Finger, der auf das wahre Selbst wies, doch niemals das Selbst war.

Es gab und gibt kein erleuchtetes Wesen, denn es existiert keine in sich verwirklichte Form und keine wahrhaftige, unabhängige Gestalt – in allem Sinnlichen und Vergänglichen findet sich kein unabhängiger Wesenskern dessen man habhaft werden könnte und der da zu erleuchten wäre. Alles bedingt etwas anderes, nichts ist in sich selbst ganz. Alles ist nur ein Schattenspiel im großen Licht.

„Erleuchtung ist die absolute Enttäuschung für das Ego“¹, es gab niemals wirklich auch nur einen Blumentopf zu gewinnen, geschweige denn eine Erleuchtung zu erringen. Erst wenn dies und alles aufgegeben und verloren ist; wenn die Dunkle Nacht, wie Johannes vom Kreuz sie nannte, den Geist und die Seele vollends umhüllt und sie damit von Verblendung und Ignoranz befreit, dann bricht es herein, dann offenbart es sich wieder, das wahre Licht, und es erleuchtet alle Welten, ja, es ist aller Welten Licht … doch einen Namen hat es nicht.

*¹ Zitat nach Chögyam Trungpa, XI. Trungpa Tulku, Linienhalter und Tertön im tib. Kagyü und Nyingma(-Buddhismus)

In seinem Element

Es bringt nichts, Dinge zu erzwingen,
alles nutzlos, all das Ringen!
Geht es beschwerlich nur voran,
dann kommt auch niemand wirklich an;
und wo einer zum Ziel sich müht,
ist jede Freude doch verfrüht;
auf lange Sicht wohnt dort kein Glück,
bald muss er den ganzen Weg zurück.
Gewiss, auf Kindesbeinen schon,
lernt man, weiß jede Mühe ihren Lohn,
und so müht man sich von Ziel zu Ziel,
doch irgendwann wirds dann zu viel;
man schaut zurück und fragt den Wind,
wohin die ganzen Jahre sind.
Wo kam man an, auf dieser Reise,
stets brach man wieder auf ganz leise,
stahl sich davon, aus alten Träumen,
um neuer Hoffnung den Weg zu räumen.
Dann predigt man den Weg als Ziel,
andres übrig, bleibt nicht viel.
Auf jeden Mensch wartete das Meer,
ach!, wenn er doch nur geflossen wär,
dem Wasser gleich, in seinem Element,
doch sieh nur, wie ein jeder
stürzt und rennt.

Tag der Satire

Wenn Bill Gates euch alle impfen will,
dann seid mal dankbar und jetzt still!
Alles ganz sicher, ihr werdet sehn,
wie Excel, Word und Windows Zehn.
Und bald schon, in der halben Zeit,
ist der Corona-Impfstoff dann bereit,
und sind die Spritzen folgenschwer,
kommt halt ein Update hinterher.
Seine Software war nie frei von Viren,
jetzt kann er sich am Mensch probieren.

– – – – – – – – – – – 

Das Volksgewirr sucht Leitfiguren,
neue Züge auf den alten Spuren,
denn nur sicher ist, wie jeder weiß,
was sich sauber dreht im Kreis;
ist das Gestern erstmal rum,
bringts uns morgen auch nicht um.
Kommt dann doch was außer Plan,
tauscht man besser nur die Bahn.
Das ewig Alte, mit neuen Hüten:
Märchen, Fabeln, Wundertüten.
So geht das schon seit vielen Jahren,
stets im Kreis, und doch verfahren.