Erst wenn es brennt

Als im heißen September 1666 das große Feuer in London ausbrach, das 400 Straßen, 13.200 Häuser und 89 Kirchen zerstörte, und etwa 100.000 Menschen obdachlos machte, da war es vielen plötzlich wichtiger noch, die Schuldigen zu finden, als das Feuer zu löschen und zu trauern. Und die Schuldigen waren schnell ausgemacht! Obgleich das Feuer Augenzeugen zufolge in einer Bäckerei ausbrach, mussten es einfach die Fremden und Ausländer gewesen sein! So verfolgte man nun die Jesuiten, Franzosen und Holländer, – wollte sie töten, bis es für keinen „Fremden“ mehr sicher war, in dieser Stadt zu verweilen. Am Ende hängte man sogar öffentlich einen zweifelsfrei Unschuldigen, und die Wut konnte sich entladen. Interessanterweise spiegelten sich in diesem Hass auch die damaligen weltpolitischen Zerwürfnisse wieder. Aber viel mehr noch offenbarte dieses Ereignis wieder, dass das Dunkle und Unterdrückte im Menschen immer nur auf eine unbeherrschbare Gelegenheit wartet, um freizubrechen. Und noch immer in der Geschichte fand sich irgendwann der rechte Anlass, – dann, wenn nur der Schmerz oder die Angst groß genug waren, dann offenbarte sich noch immer alles Verdrängte und Verborgene und wurde über den Zeigefinger auf andere projiziert. Auch wenn man es längst überwunden meinte. Was wirklich in den Tiefen der Menschen köchelt, vor allem das Gefühl der Schuld, bleibt unsichtbar, solange alle nur beschäftigt und satt sind. Wenn keiner darben muss, kennen Toleranz und Entschuldigung nur wenige Grenzen. Doch man kann den Menschen unmöglich an den Worten und Taten in guten Zeiten messen. Erst wenn aller Schein erloschen ist, wenn es kalt und dunkel um ihn wird, da erst erkennt man sein wahres Licht. Das gilt für den Menschen in der großen Gesellschaft ebenso, wie in jeder Freundschaft und Beziehung. -jj.

Was zur Hölle?

Was zur Hölle machen wir hier?!

Nichts, da war absolut nichts! – und dann, auf wundersamste Weise, kam diese Welt zur Welt. Über Milliarden von Jahren fügte sich alles exakt so, auf dass wir jetzt aus unseren Augen schauen können. Ein einziges Atom nur, das nach dem Urknall einen halben Millimeter weiter rechts geflogen wäre, und keiner von uns wäre heute hier. So viel Fügung!, doch nun meinen wir, das Schicksal und die Natur an die kurze Leine legen, kontrollieren und beherrschen zu müssen; es droht das große Nichts … dem wir aber doch entsprangen. Begreifen wir uns denn nicht mehr als ein Teil des großen und ganzen Wunders?

Das schier Unmögliche ist ohne unser zutun möglich geworden: wir sind jetzt da, einfach so! Aber nun haben wir es endgültig gefressen, dass hier alles einen Preis und seine Bedingungen hat, – dass wir uns dieses Leben und unsere Freiheit verdienen und erkämpfen müssen. Nichts ist mehr ohne Grund, nichts ohne Sinn und Erklärung, – das Tugendhafte, Natürliche und Bedingungslose ist verloren. Es erscheint uns nun völlig normal, jedes Wunder zu bewerten, zu vergleichen und in unsere beschränkten Gedanken einzusortieren, und am Ende noch uns selbst. Dann sehen wir die Welt gar nicht mehr wirklich, sondern hören nur noch ihr Echo im Kopf. Und alles wollen wir dort verstehen, – dabei verstehen wir uns selbst kaum mehr. Wir machen uns klein, um uns dann groß zu denken – wir vergessen, wer wir sind, damit wir jemand werden können. Aber niemals kann das gelingen. Das Unvorstellbare passt nicht in Vorstellungen, Stereotypen und Ideale, die uns in die Köpfe gepflanzt wurden. Wir verschwenden unsere kostbare Lebenszeit mit stupiden Beschäftigungen, endlosen Gedankengängen und überflüssigen Dingen; machen uns abhängig von den Bestätigungen, Meinungen und dem Wohlwollen anderer. Und immer meinen ein paar Affen mit goldenen Kronen, sie hätten den Durchblick und wüssten, wo es für uns lang geht, – seit tausenden Jahren meinen sie das und vererben ihre Sehschwäche an die nächste Generation.

13,8 Milliarden Jahre, jetzt sind wir hier! – aber wehe dem, der die Steuererklärung auch nur einen einzigen Tag zu spät einreicht. Es ist Schwachsinn, … diese ganze Welt, die wir aus der Welt gemacht haben. Und der einzige Grund, warum das möglich war, ist der, dass wir überhaupt nicht mehr begreifen, wer wir wirklich sind und was dieses Leben für ein Wunder ist. Die einen schlagen sich die Köpfe ein, die anderen schauen hilflos dabei zu. Fortschritt und Wachstum, darauf kommt es an, auch wenn die Hälfte der Menschheit dabei auf der Strecke bleibt. Der Reichtum der einen, ist die Armut der anderen. Geld, Geld, immer nur Geld, sogar fürs eigene Grab – für Zahlen auf Papier oder Computer-Nullen auf einem Bankkonto sollen wir unsere Lebenszeit und unsere Seelen verkaufen – wer das nicht kann, der hat eben Pech gehabt; wenn er Glück im Unglück hat, reicht es wenigstens mit der Rente für die Miete. Eine Hütte im Wald kann er sich auch nicht mehr bauen, wurden doch jeder Quadratmeter Land und jeder Baum bereits verschachert, – als würde hier überhaupt jemandem etwas gehören, wo er nur zu Gast auf dieser Welt ist und alles auf Lebenszeit geliehen bekam. Nur Parasiten besetzen, vereinnahmen und steuern ihren Wirt, – Harmonie und Symbiose sind etwas anderes. Aber das hinterfragen wir nicht, kennen wir ja nicht anders, und was bleibt uns auch anderes übrig.

Derweil träumen und fantasieren wir uns lieber in romantische Hyper-Realitäten, aber die Wirklichkeit, das Echte, das Authentische, das Unbezahlbare in jedem Augenblick, es findet überhaupt keinen Weg mehr an unseren Köpfen vorbei ins Herz. Nun braucht es großes Theater und inszeniertes Spektakel, – hat es keinen Preis, ist es nichts mehr wert. Wir predigen Menschenwürde, Moral und Gerechtigkeit, in hunderttausenden Paragraphen, aber keinen einzigen bräuchte es davon, würden wirklich Demut, Dankbarkeit, Mitgefühl und Nächstenliebe als universelle Gesetze des Herzens regieren. Was für eine Scheinheiligkeit! Aber was wir nicht mehr im Herzen tragen, das entdecken die Neurowissenschaften nun immerhin als Spiegelneuronen für Sympathie und Empathie im Hirn. Wir schnüren sogar das Fleisch der eingeferchten Kreaturen dieser Welt in ihre eigenen Gedärme und vermarkten es auch noch als himmlischen Wurst-Genuss. Und dann reden wir ersthaft von Respekt, Dankbarkeit und Demut, ernsthaft? Wenn wir dem Leben anderer Kreaturen schon so ignorant begegnen, wie begegnen wir uns denn dann erst selbst! Und nein, keiner kommt in irgendeine Hölle weil er Fleisch isst, weder Mensch noch Tier – aber er muss doch schon dort wohnen, dass er derart den Bezug zu allem Beseelten und Lebendigen verloren hat.

Hauptsache wir haben stets Ziele und Pläne, immer eine Karotte vor der Nase – neue Fragen, neue Antworten – neue höherkomplexe Probleme, neue höherkomplexe Lösungen, – sind immer beschäftigt oder wenigstens gut von unseren Flimmerkisten unterhalten; müsste man sonst doch die Augen öffnen und sich fragen, ob wir wirklich noch bei Verstand sind. Aber so träumen wir lieber weiter, von Weltenreisen, Traumjobs, Wundercremes, Seelenpartnern und Märchenhochzeiten, bis die Angst wieder dafür sorgt, dass wir keine Fragen stellen und alles dafür tun, damit wir wieder träumen können.

Nun haben wir es endgültig gefressen – normal ist eben das, was wir kennen. Wer in Ketten geboren wird, für den sind die Ketten das Maß aller Freiheit. Kennt er doch nichts anderes. Und noch diese Freiheit wird er beschränken, um sich sicherer zu fühlen und es sich bequemer zu machen. Und wissen wir doch seit Platon¹, dass wirkliche Freiheit auch Angst macht, – wer käme schon auf die Idee, seine Ketten zu sprengen und die Schattenwelt zu verlassen. Der Geist ist der Herrscher unserer Welt geworden, seine Gedankenwelt ist nur eine Welt der Schatten, – die Menschenseelen hängen wie Puppen an seinen Fäden und Ketten. Und wenn er sie denken lässt, dass sie im Licht erfüllt und frei sind, dann denken sie das auch. Und sie bringen es auch noch ihren Kindern bei. Damit sie es im Herzen vergessen und endlich fürs Leben lernen. Was kümmert den Geist schon ein Menschenleben, was kümmert ihn die Seele, – ihm ist alles nur ein „mehr oder weniger nützliches Ding“. Und für ihn ist jeder Kopf austauschbar – lernen doch ohnehin die jungen und neuen Köpfe noch viel mehr und noch viel schneller. Nur die Wahrheit, die findet sich in keinem Kopf …

Im Licht der Welt haben wir uns eine Scheinwelt konstruiert. Wir wurden unter einer von vierzig Trilliarden Sonnen geboren, aber wir leben doch nur hinter dem Mond. Als Nächstes retten wir also Natur und Klima, mit der gleichen künstlichen Logik, mit der wir alles Natürliche, Bedingungslose und damit „Heilige“ gegen die Wand gefahren haben – an erster Stelle unsere ureigene, wahrhaftige und „göttliche“ Natur. Ja dann, viel Erfolg uns!²

»Gott ist tot. Gott bleibt tot. Und wir haben ihn getötet.«, geiferte Friedrich Nietzsche³. Möge er besser nicht Recht behalten. Vielleicht aber stellen wir ja zur Abwechslung mal ganz grundlegend uns selbst und unsere „Existenz“ in Frage. Sind wir überhaupt noch echt … und sind die Höllen aller Religionen am Ende nicht vielleicht doch nur als Metapher zu verstehen? Doch den meisten ist all das egal und dieser Text nun ohnehin zu spirituell-irgendwas, zu negativ, zu pauschal und zu lang zum Lesen geraten… — jj.

»Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden. – Der Arme müht sich und lebt doch kärglich, und wenn er ausruht, wird er zum Bettler. – Hat er doch vergessen, dass er das königliche Kind eines lebendigen Gottes ist.« — Auszüge der Bibel (und nein, ich bin keine Christin.)

Quellen:
*¹ – Platon, Dialogs Politeía, „Höhlengleichnis“.
*² – Auszug aus J.J., „Finde dich selbst und du hast nichts mehr zu verlieren“.
*³ – Nietzsche, F., „Die fröhliche Wissenschaft“, Band No. 3.
*⁴ – Matthäus 7,13-14 – Sirach 31,4 – Römer 9,26.

Krieg und Frieden

Du glaubst, mich kümmern nur deine großen Erfolge, – die Siege, die du in den Schlachten des Lebens errungen hast? Nein, mich kümmern vor allem deine schrecklichsten Niederlagen! Ich will von den Schlachten hören, die du hoffnungslos verloren hast. Nur darin kann ich begreifen, was du bürdest und trägst und wer du wirklich bist. Wie du im Angesicht völliger Machtlosigkeit nicht zerbrochen bist; wie du dir deine Seele und dein Herz bewahrt hast, wie du wieder aufstehen und damit weiterleben konntest, das will ich wissen! Auch deine Waffen und Rüstungen interessieren mich nicht! Ich will nicht wissen, was du nun alles weißt oder besitzt, – ich will das erfahren, auf das du noch immer keine Antwort kennst; ich will dass du mir zeigst, was du verloren hast. Was ist denn all das wert, was du erreicht hast – wie kannst du all das schätzen – wenn du nicht ebenso viel verloren weißt?! Also sprich nicht so viel von deinen Siegen, öffne mir lieber dein Herz und gewinne damit meines; zeige mir all die klaffenden Wunden, die womöglich niemals verheilen; lass mich fühlen, was du allein nicht fühlen willst; offenbare mir deine Seele, teile deine Furcht und deine Tränen mit mir. Nur dann vermag ich mich in dir zu erkennen. Und nur dann erkennst du dich auch in mir. Und wenn wir dann, gemeinsam, aus tiefstem Herzen schweigen oder lachen, dann ist uns dieser Friede im Augenblick auch heiliger als jeder große Sieg in der Zukunft oder Vergangenheit. Ist doch alles andere als die Wahrhaftigkeit der Liebe am Ende ohnehin verloren. — jj. #mitternachtspoesie

„Die Menschen können dir nur so tief begegnen, wie sie sich selbst begegnet sind.“ – Verfasser unbekannt

Leicht wie eine Feder

Der Weg nach Hause ist
beschwerlich und schmal.
Nichts anderes passt hindurch,
als man selbst, und das,
was man gerade am Leibe trägt.
Demut, Vertrauen und Hingabe,
das darf der Geist hier lernen;
kann doch die nackte Seele
auf ihren letzten Metern
nichts mehr mitnehmen.
Wo der Mensch auf diesem Weg
nichts mehr tragen kann,
als sich selbst, erst da vermag
er loszulassen. Und siehe da!,
seine Seele wird emporgehoben.
Gewiss, es gibt andere Wege,
sicher, bequem und breit, –
alles darf man hier mitnehmen.
Und was man selbst nicht tragen
kann, das tragen andere Menschen
auf ihren gebrochenen Schultern.
Nur stehenbleiben darf man nie,
fällt doch die Seele dann,
mit all den vergänglichen Dingen,
zurück ins ewige Nichts. — jj.

Durch alle Wände

Die Liebe findet immer einen Weg!
Sie schleicht vorbei an Türen und an Toren,
und findet auch den kleinsten Spalt.
Und ist das Herz auch fast erfroren,
ihr war noch nie ein Herz zu kalt.
Sie geht durch Mauern und durch Wände,
und schwebt noch über jeden Zaun;
nur um doch am Ende,
ihr Haus in jedem Herz zu baun.

Unveröffentlichtes

Wie neu geboren;
als träfe mein Blick
zum ersten Mal auf die Welt.
Und als müsste ich wieder
das Sprechen lernen;
weil mir die Worte fehlen,
um das zu beschreiben.
Alles ist vollendet, wahrlich alles,
einfach indem es nun ist, wie es ist.
Es zerreißt mich zwischen den Wellen,
die aus meinem Herzen strömen.
Tränenbäche brechen heraus,
aus jedem Riss meiner Fassaden.
Und ich kann es nicht verstehen.
Ich kann es einfach nicht verstehen!
Unvorstellbar. Unfassbar. Unbegreiflich.
Da ist nichts zu verstehen;
da ist nur das Erfahren
oder das Verstehen.
Zwei Weltenreiche.
Und in keinem war ich
wirklich jemals lebendig …
Nur eine halbtote Bettlerin,
die sich als Königin wähnte.
Doch ihr Königreich war nur ein Traum;
Angst, das war ihr wahrer Meister,
mit ihren eintausend falschen Gesichtern.

– – – –

In meiner dunkelsten Stunde,
als die letzte Kerze verlosch,
da wusste ich dass du kommst.
Und du kamst.
Keine Sekunde zu früh.
Keine Sekunde zu spät.
Kann so einer Dunkelheit
doch nichts anderes nachfolgen,
als ein derart helles Licht.
Vertrauen ist Frieden!
Und dann findet uns alles,
obgleich alles verloren scheint.
Was immer uns begegnet,
das tragen wir in uns selbst.
In der Dunkelheit bringen wir
es zur Welt. Im Lichte dann
können wir es erkennen.

– – – – –

Die Wahrheit?
Wenn du an der Kante stehst,
vor dir nichts als der Abgrund,
hinter dir das weite Land
der unerfüllten Hoffnungen,
dort, genau dort findest du sie.
Wenn alles verloren scheint,
du dich aber nicht umwendest,
du alles loslässt, dich hingibst,
den Fuß ins Nichts setzt,
und beherzt hineinschaust,
in die vermeintliche Finsternis,
ins Auge deiner größten Furcht,
ins Antlitz der Ent-Täuschung,
dort wartet die Wahrheit auf dich.
Nur dort!
Letztlich ist die Wahrheit
nur ein anders Wort für Mut.
Wenn dir die Dunkelheit
zum inneren Licht gerät,
weil du dein Licht hineinträgst,
dann wachst du auf,
dann verstehst du,
dann macht sie dich frei.

Wo Vertrauen ist, da ist ein Weg, den kein Zweifel jemals erblicken kann.

Entführt und verschleppt

Es schließt sich etwas auf in mir: eine Tür, die viel größer ist als ich selbst. Wo ich bisher aus meinem Raum heraustrat, da setzte ich stets einen Fuß in einen dichten Gedankennebel hinein, der mich und die Welt in sich trug. Und so vernahm ich doch nichts von der Welt, als ihr Echo in meinem Kopf und meine Vorstellungen und Überzeugungen. Es geschah erst als ich im Leben stolperte und hart zu Boden fiel, da brach der Nebel für einen Augenblick auf, und eine Welt offenbarte sich mir, die mit keinem Gedanken vorstellbar war. In diesem Moment begriff ich, dass ich niemals wirklich frei war, ganz gleich wie frei sich die Gedanken wähnten. Meine Freiheit war eine Abhängigkeit vom Wollwollen der anderen, von Meinungen, Dingen und glücklichen Umständen. Das war keine Freiheit! Und erst recht war das keine wirkliche Erfüllung. Wie aus einer Zwiebel begann ich mich aus den Gedanken herauszuschälen. Und je kleiner ich dabei wurde, umso weiter wuchs ich über mich hinaus. Je mehr ich verlor, desto mehr gewann ich. Das waren überhaupt nicht meine Gedanken; sie wurden mir als Kind in den Kopf gepflanzt, und fortan erklärten sie mir, wer ich bin und was die Welt ist. Nichts wussten sie! An diesen Gedanken ging alles Unvorstellbare zugrunde. Und alles Vorstellbare war nur das Verließ, das mich vom ewigen Wunder der Schöpfung wegsperrte … der Kerker der Vergangenheit und Zukunft, der Ursachen und der Wirkungen, der Gründe und der Ziele, in den ich aus dem bedingungslosen Augenblick verschleppt wurde. Darin wuchs ich auf. Eines Morgens aber öffnete ich die Tür in diesem dunklen Gemäuer, und da trat ich in völliges Schweigen hinaus, in eine kristallklare Welt hinter allen Gedanken, jenseits von richtig und falsch – und damit trat ich wieder ins Namenlose und Bedingungslose ein, – ich trat in Gott ein und Gott trat in mich ein. Und wer das nicht erfahren hat, – und mag er auch alles andere erfahren, wissen und besitzen! -, wer das nicht spürt, der hat sich den Gedanken vollständig unterworfen. Der ist zwar „vernünftig“, aber der ist beinnahe verloren. Der hat aus einem Diener einen Meister gemacht, nun ist er ihm hörig und lebt in seiner unwirklichen und vergänglichen Welt. Und natürlich wird der Meister es besser wissen als ich – bin ich doch nur eine närrische Poetin, die nur mehr weiß, dass sie nichts weiß, und dass es irgendwann zu spät ist. Behält der Meister auch das letzte Wort, so wird er auch der letzte Richter sein … und dann der Henker. — jj. #kaffeegedanken

Gute Reise!

Es ist völlig unmöglich, den Verstand mit Absicht oder Gedankenkraft zu kontrollieren oder zu überlisten. Denkst du auch um zehn Ecken herum, so wartet er dort schon auf dich, raucht inzwischen seine Zigarette. Und machst du ihm die Türe zu, dann kommt er durchs Fenster wieder rein. Wie ein Schachspieler, der jeden einzelnen deiner Züge im Voraus weiß, so kannst du dieses Spiel niemals und unmöglich gewinnen. Du kämpfst mit seinen Waffen doch nur gegen dich selbst. Und er wächst daran. Aber er wird dich stets hoffen lassen, auf einen letzten Sieg, – auf Freiheit, Glück und auf die Antwort aller Antworten; nur damit du weiter mit ihm spielst… weiter in Gedanken lebst und atmest. Immer wieder wird er dich feiern und loben, damit du weitermachst, und nie erkennst, wie er sich kleingeistig alles klein denkt, um es dann künstlich aufblasen zu können. So wie sich und dich! Und so läuft deine Uhr herunter, bis am Ende alles verloren ist. Für dich jedenfalls, oh Menschenseele! Das Wissen der Welt aber bedankt sich, für deine Lebenszeit und deine Energie. „Vielen Dank, dass Sie stets im Kopf gereist sind. Auf Wiedersehen!“ Das Wissen wird einfach mit denen weiterspielen, die dir nachfolgen, und denen du die Regeln des „rechten Denkens“ erklärt hast, so wie sie dir dereinst erklärt wurden. Für den Geist ist alles austauschbar. Auch du. Geht es doch nur um Gedanken. Wo der Verstand kein Diener mehr ist, da macht er sich die Seelen zum Knecht. Das Unvorstellbare aber vermag er sich nicht vorzustellen; die Angst ist seine rechte Hand, so wird er das Unergründliche niemals ergründen – das aber ist deine wahre Natur! Dieses Spiel kannst du nicht gewinnen. Und du gewinnst es womöglich doch, wenn du begreifst, dass es nie ein Spiel war, dass es tatsächlich um alles und um deine Seele ging, und du endlich nicht mehr mitspielst.

Wer zur höchsten Wahrheit gelangen will, zum vollkommenen Sein, der muss im Geist alles Vorstellbare und Vergängliche loslassen: Alles was er erwartet, was geschehen ist,und alles was er ist und besitzt. Es gibt keinen anderen Weg. Gedanken sind wie ein Nebel, in dem der Mensch wandelt. Ihr Lärm macht ihn taub für die Klarheit und Stille; ihr heller Schein macht ihn für das wahre Licht blind.

Macht Mut wirklich frei?

Es ist ein Märchen, dass Mut frei macht!
Mit jedem Schritt, den man mutig geht,
indem man sich gegen die Vernunft oder
Sicherheit entscheidet, und unbekannten
Boden betritt, da offenbart sich nur die
Unfreiheit auf der nächsthöheren Ebene.
Den größten Mut braucht es demnach,
immer wieder mutig zu sein und dennoch
seinem Herzen zu folgen, – dieser Stimme,
die uns drängt, gegen den Kopf zu handeln.
Und was haben die Mutigen letztlich davon?
Nichts! … am Ende scheint für die Mutigen
oft endgültig alles verloren. Doch genau dann
erst können sie das Wesentliche wiederfinden.
Indem sie ein allerletztes Mal mutig sind
und ihren Fuß beherzt in die Luft setzen;
und blind darauf vertrauen, dass sie trägt.
Doch diesem letzten Mut müssen erst
die Flügel der Verzweiflung gewachsen sein,
erst dann setzt er seinen Fuß ohne zu zögern
ins Leere des vermeintlichen Abgrundes.

Und da steht man dann, aufrecht, im Nichts,
und plötzlich hält man alles in den Händen.

Wer zur höchsten Wahrheit gelangen will, 
zum vollkommenen Sein, der muss im Geist 
alles Vorstellbare und Vergängliche loslassen: 
Alles was er erwartet, was geschehen ist,
und alles was er ist und besitzt. 
Es gibt keinen anderen Weg. Und dieser Weg ist der Weg des Mutes.

„Wenn du lernst loszulassen, wirst du das höchste Ziel erreichen. Es gibt kein anderes Geheimnis zu entdecken. Und das ist alles was ich weiß.“ 
– Ansari von Herat, Sufi Mystiker, 11. Jahrhundert.

Es war einmal …

Nun, es begab sich vor langer Zeit …, im umschuldigen Alter von neunzehn Jahren, dass ich mich im Internat in einer Kammer auf dem Dachboden einquartiert hatte. Eigentlich durfte sie niemand betreten, aber nach einer langwierigen Diskussion mit der Internatsleitung, in der auch noch die fadenscheinigsten Argumente vorgetragen wurden, bekam ich den Schlüssel für den Raum ausgehändigt. Als den Damen und Herren bewusst wurde, was das für einen Aufruhr unter meinen Mitbewohnern auslöste, denn nun wollte selbstverständlich jeder freien Zugang, hatte ich das Zimmer schon bezogen und einfach behauptet, ich hätte nun ein Gewerbe angemeldet, wofür ich diesen Raum und absolute Ruhe benötigte. Ich hätte mich auf die Zusage verlassen, sagte ich. Das war natürlich alles erfunden, aber so kamen sie aus der Nummer nicht mehr raus und überließen mir allein das Zimmer.

Da saß ich nun wie die Gräfin des Hauses, – ein Tisch mit meinem neuen 100 Megaherz!!! Laptop drauf, – das ich mir vom Fahrschulgeld meiner Eltern gekauft hatte -, ein Aschenbecher daneben … und absolute Stille; während sich meine Mitbewohner ein paar Stockwerke unter mir in Drei- oder Vierbettzimmern gegenseitig auf die Nerven gingen. Zumindest hatte ich ihnen meinen alten Computer zum Spielen überlassen. Wenn ich da oben nichts zu tun hatte, – und ich hatte eigentlich nie wirklich was zu tun -, dann stöberte ich NATÜRLICH in den staubigen Schränken und Regalen herum oder suchte die Zugänge zu den Nebenkammern, die ich auch fand. Ihr müsst wissen, das war schon immer meine Leidenschaft, denn ich bin in einer alten, großen Schule aufgewachsen. Und mein Vater war der Hausmeister. Wann immer meine Eltern zum Tanzen aus waren, schnappte ich mir schon als Kind seinen sicher drei Kilogramm schweren Schlüsselbund und bestieg die heilige Schatzkammer der Schule: den Dachboden! Als Kind schätzte ich, dass da wohl seit 500 Jahren alles eingelagert wurde, was für den Unterricht nicht mehr benötigt wurde. Da standen gewaltige Spiegel-Teleskope, Tier-Präparate und sogar alte Skelette für den Biologieunterricht. Das gab es Schlangen in Gläsern und 30 Zentimeter große Teleskop-Spiegel, Brennweite über zwei Meter! – die aus meinem Kinder-Optik-Baukasten eine echte Großsternwarte machten. Nein, wartet, der Baukasten gehörte eigentlich meiner Schwester. Aber stellt euch den Boden der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei vor, und ihr habt ein gutes Bild davon, wie es da oben aussah. Der Dachboden war so groß und so verwinkelt, dass ich auch nach Jahren nicht alles ausgekundschaftet hatte. Es lag also in meiner Natur, im Staub der Jahrzehnte nach Schätzen zu suchen.

Den größten Schatz den ich unter dem Dach des Internats hob, war ein altes Buch, darin fand sich die Geschichte des britischen Abenteurers Percy Harrison Fawcett, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im undurchdringlichen brasilianischen Regenwald auf der Suche nach seinem El Dorado war. Im Kerzenschein und Zigarettendunst verschlang ich das Buch mehrfach. Das wollte ich eigentlich gern sein: Eine Abenteurerin mit Hut und Peitsche! Und obgleich ich schon immer viel Unsinn geschrieben hatte, war dieses Buch auch der Anstoß, endlich selbst ein Buch zu schreiben. Denn auch das wollte ich immer schon werden: Schriftstellerin. Genau genommen schrieb ich damals zwei Bücher. Und die beiden habe ich heute wieder auf einem USB-Stick entdeckt; und ich habe reichlich gelacht. Das erste Buch trug den Titel „Warum Einstein irrte“, das zweite Werk hieß „Sollt ihr doch ewig leben!“ und verstand sich als eine Art dritter Teil zu Goethes Faust. Auch wenn diese beiden Bücher nie veröffentlicht wurden, kann das wohl als die Geburtsstunde meiner Autorenschaft angesehen werden. Es begann also alles auf einem Dachboden vor 23 Jahren im Internat. Wahnsinn! … Und eigentlich begann es schon auf einem Dachboden vor etwa 35 Jahren in der alten Schule.

Neben meinen Abenteuer-Plänen beschäftigte mich als Neunzehnjährige vor allem die Physik und die Zahlentheorie. Im Speziellen die Teilchen- und Astrophysik … und Primzahlen und kryptographische Funktionen, das war meins! Ich schrieb Bücher, Programme und Simulationen, und stets war ich mir sicher, dass die Wissenschaft sich selbst erfindet und die Fundamente aller großen Theoriegebäude nur erdacht und in sich unbeweisbar sind. Schon alles Kind mit fünf Jahren saß ich auf der Schultreppe und zweifelte daran, dass die Welt wirklich so ist, wie sie scheint. Schon damals wähnte ich alles vielmehr als einen Traum, als Bewusstsein bestenfalls, und irgendwann würden wir erwachen. Und so finde ich es gerade heute wieder faszinierend, welchen Bogen mein Leben genommen hat. Da sitze ich nun mit 42 Jahren über uralten spirituellen Schriften und komme zu keinem anderen Schluss, als damals als fünfjähriges Kind: Die Welt ist nicht was sie scheint, ich bin nicht was ich scheine. Was für eine Ironie … 37 Jahre und ich bin kein Stück weiser als dieses kleine neunmalkluge blonde Kind. Und eigentlich würde ich mir auch jetzt am Liebsten einen Hut aufsetzen und in den Urwald verschwinden und Schätze suchen. Im Kern ändern sich die Menschen nie … diesen Satz hatte mir einmal eine Freundin gesteckt. Inzwischen glaube ich, sie hatte Recht, – auch wenn ich damals widersprach und meinte, jeder könne sich ändern! Sein Verhalten vielleicht, aber wohl niemals seinen Wesenskern. Ein Abenteurer bleibt ein Abenteurer, ein Künstler ein Künstler … doch als Bürofachangstellter oder Autoverkäufer wird keiner geboren, die werden gemacht.

Und warum schreibe ich das jetzt ? Nun, eigentlich nur, um wieder einen Text auf diesem USB-Stick speichern zu können. Neben hunderten anderen Texten aus all den Jahrzehnten. Neben dem Tagebuch über meine WIRKLICH erste große Liebe mit siebzehn oder der Situationsanalyse in meinem ersten Alkoholrausch als Teenager. Ich bin gespannt, was ich in 35 Jahren über diese Zeilen denken werde. Ihr findet mich dann sicher auf einem Dachboden, und wenn es im Altenheim ist. Und wenn ich dort nicht bin, dann hab ich vielleicht doch noch El Dorado gefunden!

Das Internat musste ich übrigens nach zwei Jahren wieder verlassen; wir hatten zu viel Marihuana geraucht und dem Internatsleiter auf dem untersten Balkon auf den Frühstückstisch geascht. An den Rest kann ich mich nur noch vage erinnern … nur noch daran, dass wir uns im Zimmer kaputtgelacht und eingeschlossen haben, während er wie wild an der Tür klopfte. Wir dachten, wir hätten nun ALLES verstanden, das ganze Leben wäre ein fantastischer Witz und wir würden jetzt gewiss vor Lachen sterben … ich glaube aber, die nächsten Tage waren dann wieder ziemlich ernst.